Vom Gehen, Kommen und Bleiben. Vom Loslassen und Festhalten.

Ich habe neulich gelesen, dass wenn man an Krebs erkrankt, einen während der Phase der Chemo und / oder Bestrahlung die Hälfte seiner Freunde verlässt. Wenn man das so liest, kommt es einem unglaublich vor. Jedenfalls mir ist es so ergangen. Ich kann es mir nicht vorstellen, jemanden den ich wirklich lieb habe, in seiner schwersten Zeit loszulassen. Genau dann, wenn er auf Menschen angewiesen ist, die ihn festhalten, weil die Erkrankung und Therapie all seine Kraft braucht. Und oft mehr Kraft als so ein Mensch hat, viel mehr.

Ich versuche mich gerade zu erinnern, wie es damals war, als meine Eltern an Krebs erkrankt und gestorben sind. Ich glaube, in diesen Krisen bekommt man viel Mitgefühl und ich kann mich nicht erinnern, dass sich jemand von mir abgewandt hätte. Aber es ist lange her, ich erinnere mich nicht wirklich.

Menschen, die sich in schwierigen Situationen abwenden. Ich verstehe es irgendwie und irgendwie auch wieder nicht. Oder soll ich sagen, ich verstehe warum, kann es aber nicht befürworten? Man hinterfragt sich selbst ja so oft und so sehr. Manchmal hat es, wenn jemand geht aber nicht unbedingt nur etwas mit uns zu tun, sondern auch mit der anderen Person und ihrer Belastbarkeit. Damit, was sie aushalten kann und will. Es geht auch um Selbstschutz und ich finde das okay.

Ich erlebe im Moment etwas ähnliches. Eine Trennung nach vielen gemeinsamen Jahren. Ich habe in der letzten Zeit immer wieder über Themen geschrieben, die für mich daraus entstanden sind. Ich glaube, die allerschlimmste Phase ist nun vorbei. Der Trennungsschmerz sog. Liebeskummer, der mich fast umgebracht hat, wird schwächer. Er nimmt mich nicht mehr so sehr ein, all die anderen Gefühle haben auch wieder Platz. Den riesigen Zukunfts- und Existenzängsten konnte ich entgegenwirken, indem ich geplant und organisiert habe. Dafür musste viel geklärt werden, das braucht ein bisschen Zeit. Und wenn ein oder mehrere Kinder da sind, werden auch sie reagieren. Logischerweise. Und es ist das allerwichtigste überhaupt, die Kinder aufzufangen. Und das tut man dann, mit Energie von der man nicht weiss, woher sie kommt.

Ich habe mir Unterstützung geholt – für das Kind und auch für mich. Auch da muss man suchen, welches Angebot für einen stimmt und passt. Auch da sucht man, obwohl man nicht mehr kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, plötzlich für eine Weile die hilfesuchende Person statt die helfende zu sein und bin zum Teil erschrocken, wie von „professionellen“ Leuten mit mir umgegangen wurde. Schlussendlich bin ich aber doch an den richtigen Stellen gelandet und fühle mich gut unterstützt.

Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass nicht alle Freunde / Bekannte mit mir, meiner in dieser Zeit vorhandener Überforderung und Befindlichkeit umgehen konnten. Ich habe nach ein paar Wochen die Erwartung gespürt, dass es mir nun besser bzw wieder gut gehen müsste, dass die Krise nun langsam vorüber sein sollte. Dass ich mit all dem ganz anders umgehen müsste und das und das und das falsch mache. Das war eigentlich, als ich gerade so mittendrin steckte. Und ich habe widerstandslos losgelassen. Wenn man einen dermassen grossen Verlust erlebt, kommts darauf auch nicht mehr drauf an. Mir war und ist es wichtig, Menschen in meinem Leben zu haben, die mich gern haben und ich sie. Und die habe ich. Sogar solche, von denen ich es nicht erwartet hätte.

Ich denke, man kann sich so viel Hilfe holen wie man will (und das sollte man auch), niemand wird und kann uns den Schmerz, die Überforderung, die Angst und halt die Situation und die Krise wegnehmen. Und das sollen sie auch gar nicht. Sie sollen zuhören und (unter-)stützen, denn durchleben müssen wir diese Situation selbst. Immer. Hoffentlich nicht allein, aber dennoch selbst. Und es dauert seine Zeit. Da gehts einem nicht nach drei Wochen wieder super. Das ist im Moment wahnsinnig hart.

Unterdessen denke ich, das verstehen nur Menschen, die es so ähnlich schon erlebt haben. Aber wenn man dann wieder mehr Licht sieht, wenn man ganz vieles schon geschafft hat und es bergauf geht, dann ist das auch ein schönes Gefühl. Ich freue mich auf mein neues Leben, zusammen mit dem Kind. Und ich freue mich darüber, dass ich wieder viel mehr lache als weine, dass ich viel geschafft habe in den letzten Wochen. Und dass mir das Leben nach einer Schwarz-Grau-Phase nun wieder bunter und heller erscheint. Und darüber, dass ich so stark bin.

Ein Gedanke zu “Vom Gehen, Kommen und Bleiben. Vom Loslassen und Festhalten.

  1. socopuk schreibt:

    Danke das du deine Erfahrungen teilst! Ich habe auch den Eindruck, dass Menschen ohne große Krisenerfahrung nicht so richtig wissen was man meint…
    Eine große Rolle spielt mE auch Unsicherheit – vor allem darüber wie man mit einer solchen unangenehmen Situation selber umgehen soll. Ich hab mich am meisten gefreut wenn Leute gefragt haben ob sie was für mich tun können, und ich dass Gefühl hatte, ich kann sie tatsächlich um einen kleinen oder großen Gefallen bitten.
    Und das Foto mit den zwei Papageien-Popos nah ich am liebsten, die Formen nämlich ein Herz 🙂

    Gefällt 1 Person

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