Der Sturm

Jede und jeder von uns wohnt in einer Kugel aus Glas. Von Zeit zu Zeit wird sie geschüttelt und alles was darin nicht befestigt ist, fliegt in der Kugel herum. Wir stehen mitten drin und versuchen stehen zu bleiben, uns irgendwo festzuhalten, aber es ist schwer.
Manche Stürme sind nur klein, sie beruhigen sich schnell wieder, ohne dass ein grösserer Schaden entsteht. Er geht einfach vorüber und wir machen dort weiter, wo wir stehen geblieben sind.

Manchmal aber schüttelt und rüttelt es so stark, dass auch das Festhalten und auf beiden Füssen gut auf dem Boden stehen nichts mehr hilft.
Es ist das Schicksal, irgendwelche Gegebenheiten, Gedanken oder ein anderer Mensch, der das Glas dann in den Händen hält und dafür sorgt, dass ein heftiger Sturm aufkommt in unserem sonst so sicheren, kleinen Glas. Es kann sogar geschehen, dass das Glas umkippt oder gar runter fällt. Und wir mit ihm.

Und irgendwann wird es wieder stiller. Dann versuchen wir, uns zu beruhigen und unser Leben, das uns gerade um die Ohren fliegt, noch dazu. Versuchen, aufzustehen. Uns zu orientieren. Versuchen, zu retten, was zu retten ist. Versuchen, zu überleben.
Und alles andere verschwimmt in diesem Moment und wird unwichtig. Überleben braucht unsere gesamte Energie und noch viel mehr dazu.

Während wir in unserer kleinen Glaskugel im tobenden Sturm stehen oder liegen, sieht sie von aussen aus wie immer. Das ist das Gute daran und das ist das Schlechte daran.

Niemand weiss, was drinnen vor sich geht.
Niemand ahnt etwas.
Niemand hört etwas.

Das Leben in den andern Kugeln geht weiter wie immer.

Das Denken wir zumindest, denn auch wir sehen die andern Kugeln nur von aussen, scheinbar heil und perfekt…
Wir wissen nichts.
Wir hören nichts.
Und wir ahnen nichts. Nichts von andern Stürmen.

Das einzige, was dagegen hilft ist, dass wir uns gegenseitig davon erzählen.

Trauer.



Manchmal überlege ich mir, welches das schlimmste Gefühl von allen ist und ich glaube, es ist die Trauer.

Andere Gefühle können auch schlimm sein, ich weiss. Und ganz bestimmt hat jeder Mensch sein ganz persönliches Gefühl, welches ihn zu Tode triggert. Ich glaube, bei ganz vielen ist es die Angst bzw irgendeine Art von Angst, denn es gibt ja unzählige.
Bei mir ist es die Trauer. Und vielleicht ist auch sie mehr oder minder entfernt sogar mit der Angst verwandt.
Die Trauer ist so ein richtiges Scheiss-Gefühl. Wenn sie da ist, ist sie so hoffnungslos und so tief in uns drin. Ich würde behaupten, dass die Trauer das intensivste Gefühl ist, neben der Liebe vielleicht. Sie wird uns zugefügt und bleibt dann erstmal für eine ganze Weile. Eiskalt und schwer sitzt sie wie so’n Klumpen auf unserem Herzen. So dass unser Herz richtig weh tut und uns das Atmen schwer fällt.
Ich verstehe die Trauer nicht so gut. Ich weiss, warum sie da ist und ich weiss auch, was es benötigt, dass sie irgendwann weniger wird. Aber verstehen tu ich sie nicht. Sie ist doch eigentlich im Kopf, wie alles andere auch und doch fühle ich sie mehr im Herzen als im Kopf.


Trauer ist auch etwas anderes als Traurigkeit.
Ich glaube, Traurigkeit ist auch schlimm. Sie wird von Ereignissen ausgelöst und verschwindet dann aber auch zeitnah wieder, womit sich die Trauer hingegen ziemlich viel Zeit lässt.
Sie wird ausgelöst durch die Erfahrung von existenziellen Verlusten. Also von Verlusten, die unser Leben so sehr beeinflussen oder durcheinander werfen, dass es uns aus den Socken haut. Trauer kann ganz tiefe Traurigkeit auslösen, Ängste und Vermissen bzw. wohl meistens gleich alle drei zusammen. Und zwar in einer Intensivität, die kaum auszuhalten ist, besonders am Anfang.

Trauer verbinde ich vor allem mit Todesfällen. Mit einem Verlust, wie oben geschrieben. Damit, dass ein Mensch oder ein Wesen, das wir lieben oder zumindest mögen, mit dem wir auf irgendeine Art verbunden sind und das ein fester Bestandteil unseres Lebens ist, aus dem Leben gerissen wird. Aus seinem und damit auch aus unserem. Das hinterlässt eine Lücke, die sich mit Schmerz fühlt.

Es ist schwer auszuhalten, wenn jemand fehlt.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass jedesmal, wenn ein nahestehendes Wesen stirbt, ein Teil der Trauer, die man in der Vergangenheit erlebt und eigentlich als bewältigt betrachtet hat, sich auch wieder ein wenig aufwölbt und zusammen mit den ganz frischen Gefühlen nochmals auflebt. Aufbebt.


Es gibt da eigentlich nicht so wirklich vieles, was hilft. Wenn man jemanden kennt, der trauert, dann würde man ihm am liebsten all den Schmerz abnehmen und ihn wieder glücklich sehen. So geht es mir zumindest. Ich finde auch das schwer auszuhalten. Zu sehen und in etwa zu wissen, welchen Schmerz der andere gerade fühlt… Aber es nützt ja nichts. Jeder muss da für sich selber einfach durch. Mit Hilfe oder ohne. Hilfe unterstützt, nimmt aber nichts weg, wie das halt immer so ist.

Ich habe diese Woche weinend zu der Tierärztin gesagt, die mein Meerschweinchen erlöst hat, dass ich damit einfach nicht so gut umgehen kann. Weil ich mich geschämt habe, dass ich weine.
Beim nach Hause fahren kam ich an einem Haus vorbei von dem ich wusste, dass da vor kurzem eine Frau gestorben ist, die ihren Mann und (erwachsene) Kinder hinterlassen hat. Und ich dachte an einen Bekannten, der vor nicht zu langer Zeit sehr schnell gestorben ist und noch relativ kleine Kinder hinterlassen hat. Und ich habe mich fast geschämt für meine Tränen um ein Tier, als ich an diese Menschen gedacht habe.
Aber ich weiss, das ist nicht vergleichbar. Einen Menschen zu verlieren ist total etwas anderes. Ich habe es auch erlebt.
Man muss es nicht miteinander vergleichen. Es sind unterschiedliche Situationen.


Und dennoch war ich am Dienstag sehr aufgelöst und bin auch heute noch traurig. Nur schon der Entscheid des Erlösens und dann mit dem Tierchen auf dem Arm zu warten, bis es gestorben ist… Ich finde das wirklich sehr schlimm. Und er fehlt. Uns und ganz offensichtlich auch der kleinen Meerschweinchen-Bande. Dass sie trauern, das finde ich auch nicht ganz einfach. Da kann man irgendwie nichts machen, die verstehen das alles doch gar nicht, das ist einfach so. Es braucht Zeit.

Später am Dienstagabend, als ich zuhause weiter weinte, habe ich mir weitere Gedanken darüber gemacht und ich bin zum Entschluss gekommen, dass ich damit total normal umgehe, denn trauern ist eine sehr persönliche Sache und jeder tut es auf seine Art und Weise. Da gibt es nichts zu werten oder zu beurteilen. Und weinen ist kein Zeichen, dass man damit nicht umgehen kann, sondern es ist einfach ein Zeichen dafür, dass man traurig ist. Dass das Herz so voll und so schwer ist.

Ein paar Tage später nun glaube ich, dass ich eigentlich sogar recht gut damit umgehen kann. Ich kann mich meiner Trauer stellen. Wie in jeder anderen Situation bin ich der Meinung, ich muss da einfach durch, ausweichen ist kontraproduktiv. Ich würde das auch jedem raten. In jeder Lebenslage.

Trauern ist ein Gefühl in unserer unendlich weiten Gefühlspalette und es gehört dazu wie jedes andere. Es ist nicht das Ziel, es irgendwann nicht mehr zu spüren, wenn jemand stirbt, um dann sagen zu können, man könne damit gut umgehen. Man kann damit nicht besser umgehen, wenn man nicht weint oder ausweicht und seine Trauer andern nicht zeigt.
Es ist das Ziel, es zulassen zu dürfen. Das finde ich zumindest.

Schlussendlich sind wir alle irgendwann in unserem Leben Trauernde. Und das nicht nur einmal im Leben.
Ich wünsche euch allen viel Kraft dabei, wenn sie bei euch ist, die Trauer. Es braucht viel Zeit, aber sie wird sich wieder zurück ziehen und schöne Erinnerungen und Licht hinterlassen, irgendwann. Sie hat gutes Sitzleder, es braucht Geduld.

Wir werden geboren…

Wir werden geboren, versuchen allen Erwartungen gerecht zu werden und…

Wir werden geboren, suchen jeden Tag dreimal unsere Autoschlüssel und…

Wir werden geboren, verschlafen ein Drittel unseres Lebens und…

Wir werden geboren, verlieren im Verlaufe des Lebens unser Lachen immer mehr und…

Wir werden geboren, gebären 1,75 Kinder und freuen oder ärgern uns über die und…

Wir werden geboren, möchten ewig jung bleiben, aber dann doch möglichst alt…

Wir werden geboren, posten 6548 Fotos auf Instagram und…

Wir werden geboren, erkranken an Krebs und sind viel zu jung, wenn wir…

Wir werden geboren, realisieren irgendwann, dass wir nun alt sind und…

Wir werden geboren, sagen „schlafen kann ich wenn ich tot bin“ und…

Wir werden geboren, verbringen durchschnittlich 2,5 Jahre unserer Lebenszeit im Auto und…

Wir werden geboren, bilden uns aus und weiter, um unwissend zu…

Wir werden geboren, denken zu oft „halt die Fresse“ und…

Wir werden geboren, sorgen uns um Nichtigkeiten, die nie eintreffen und…

Wir werden geboren, versuchen aktiver zu werden und gleichzeitig zur Ruhe zu kommen und…

Wir werden geboren, verbringen Jahre in unglücklichen Beziehungen und realisieren es, wenn wir…

Wir werden geboren, wollen alles erleben und die ganze Welt sehen, vergessen wie schön unser Zuhause ist und…

Wir werden geboren, sparen unser ganzes Leben lang, um dann zu…

Wir werden geboren, streiten uns, vergessen warum und bereuen alles, wenn wir…

Wir werden geboren, arbeiten zuviel, sind gestresst und verlieren die Nerven und…

Wir werden geboren, fühlen uns unfair behandelt und eingeschränkt und…

Wir werden geboren, wollen hoch hinaus und mit den Füssen auf dem Boden zu bleiben, bis wir sterben…

Wir werden geboren, finden die Liebe und Freunde, um sie irgendwann trauernd zurück zu lassen / zurück gelassen zu werden und…

Wir werden geboren, sammeln allerlei, entsorgen alles wieder und…

Wir werden geboren, trinken zuviel Kaffee und…

Wir werden geboren, verbringen unser Leben und Aufräumen und Putzen und…

Wir werden geboren, lassen andere im Stich, werden allein gelassen und sterben…

Wir werden geboren, schauen Netflix-Serien, könnten die allerletzte nicht zu Ende gucken und…

Wir werden geboren, leben forever back in the 80s und…

Wir werden geboren, suchen unser ganzes Leben lang, um gefunden zu werden und…

Wir werden geboren, klagen im Winter über die Kälte und im Sommer über die Hitze und…

Wir werden geboren, suchen überall WLAN und…

Wir werden geboren, machen Erinnerungen und bleiben so am Ende noch ein wenig hier, wenn wir…

Wir werden geboren, wundern uns und…

Wir werden geboren, sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht und…

Wir werden geboren, finden unser eigenes Schicksal das härteste und…

Wir werden geboren, sind mit uns unzufrieden und…

Wir werden geboren, nörgeln rum und…

Wir werden geboren, arbeiten zuviel und…

…sterben

Oder wir werden geboren,
gestalten unser Leben selbst,
sind so oft es geht, glücklich,
fokussieren uns auf das Schöne,
lösen Probleme und steigen über Steine,
bauen keine Mauern, sondern einander auf,
kreieren allerlei,
finden andere Ansichten interessant,
helfen einander,
hinterlassen leuchtende Spuren in andern Herzen

und sterben irgendwann.

Wenn mir etwas Schlimmes passiert…

Wenn mir etwas Schlimmes passiert, hilft es mir, zu wissen, dass ich nicht allein und auch nicht die einzige bin, der sowas passiert. Deswegen finde ich es wichtig, einander davon zu erzählen. Ich würde behaupten, dass in 99% der Fälle der Erzähler vom Zuhörer nichts anderes erwartet, als dass er zuhört. Im besten Fall äussert er vielleicht sein Verständnis, sagt etwas Liebes, umarmt den Erzähler oder nickt, irgendwie sowas. Je nachdem in welcher Beziehung die beiden zueinander stehen. Und in 99% aller Fälle erwartet der Erzähler vom Zuhörer nicht das, worüber sich dieser tausend Gedanken macht und was ihn so sehr überfordert, nämlich dass er die Situation des Erzählers besser machen, sein Problem lösen soll.

Wenn mir etwas Schlimmes passiert, hilft es mir zu wissen, dass genau das zu meinem Leben gehört und dass ich es überstehen und im besten Fall daran reifen werde. Es hilft mir auch zu wissen, dass auch so mancher Kelch mit noch viel schlimmerem Inhalt an mir vorbei gegangen ist.
Ich sehe Menschen, die solche Kelche in den Händen halten oder gehalten haben und ich empfinde immer wieder sehr viel Mitgefühl und auch Respekt davor, dass und wie sie das meistern.

Wenn mir etwas Schlimmes passiert, hilft es mir zu wissen, dass mir viel mehr Gutes als Schlimmes passiert.




Es ist unnötig, ein Arschloch zu sein.

Das Leben ist nicht immer einfach. Für niemanden. Auch wenn wir positiv eingestellt sind und uns nicht so schnell unterkriegen lassen von irgendwelchen Dingen, kann es passieren, dass wir irgendwo anstehen und etwas schwierig oder gar problematisch finden. Das ist ganz normal. Ein Leben ohne so etwas, das gibt es nicht. Und wer das behauptet, dem glaube ich das echt nicht. Der macht sich etwas vor.

Nun gibt es aber Dinge, die wir weniger beeinflussen können, die das Leben und die Umstände – Schicksal, Zufall, Glück, Pech – uns einfach mit auf den Weg geben oder uns irgendwo auf dem Weg vor unsere Füsse legen. Dann macht man entweder einen Bogen drum herum, kraxelt drüber ohne es gross zu beachten oder man beseitigt dieses Ding step by step und das ist oft anstrengend. Auf einer Skala von „ein bisschen“ bis „wahnsinnig anstrengend“ kann das alles sein. Und dann geht man weiter, mehr oder weniger erschöpft, enttäuscht, geschwächt. Oder vielleicht stolz, gestärkt und freudig, je nachdem was der Brocken war, wie man ihn sieht und was man aus der Erfahrung macht.

Bis wir früher oder später über einen weiteren stolpern.

Und dann gibt es die Brocken, die einem nicht das Leben, sondern andere Menschen vor die Füsse werfen. Wenn wir uns vorstellen, dass wir alle an einem riesig grossen Mobile hängen. Alle irgendwie mit diesen Fäden miteinander verbunden sind, wenn auch nicht direkt. Dann bewegt sich einer in diesem Mobile. Der Ehemann. Die Freundin. Das Kind oder ein Elternteil. Eine Kollegin, ein Freund, ein Nachbar oder eine Bekannte. Zappelt wie wild herum, ist in einer Situation, in der er oder sie nicht gut zurecht kommt. Ein grosses Problem, Sorgen, eine Sucht, eine Krankheit, ein Verlust, was auch immer. Er zappelt und seine Bewegungen erzeugen eine Schwingung, die auch uns durchrüttelt, zusammen mit allen, die da aneinander hängen. Wenn diese Person weiter weg von uns an diesem Mobile ist, dann rüttelt seine Bewegung bei uns nicht so stark wie wenn sie in unserer unmittelbarer Nähe – uns emotional oder körperlich nah – ist.
Auch wenn bei uns selbst alles okay ist, kann uns so etwas doch auch ziemlich belasten. Nicht jeder findet die für ihn stimmige Balance zwischen Abgrenzung, Empathie und Hilfestellung zu leisten.

Das Leben ist wirklich nicht immer einfach. Jede und jeder hat mit irgendwas zu kämpfen. Nicht immer oder dauernd, aber doch immer mal wieder. Dass das so ist, das sieht man jemandem nicht oder nur selten an und darüber sprechen, das tut auch nicht jeder und sowieso nicht mit jedem. Probleme sind etwas sehr Privates und wir sind oft bemüht, gegen aussen den Anschein zu bewahren, dass alles super ist. Perfekt. Und Dinge, die perfekt scheinen, sind es oft nicht. Ich bin mir nicht mal sicher, ob Perfektionismus überhaupt existiert bzw ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass dem nicht so ist.
Ich glaube, eigentlich und auch uneigentlich ist Imperfektionismus so ziemlich das Schönste, was es gibt. Wenn wir nur dazu stehen würden… (und das würde so manches leichter machen).

Ich glaube, die meisten Sorgen hat man, weil eine andere Person einem das Leben schwer macht. Einem plagt oder einem etwas Böses tut. Hinterrücks oder direkt, egal wie. Es gibt so viele Arten, wie man das tun kann. Böse über jemanden sprechen, Gerüchte oder Lügen oder gar Wahrheiten, die niemanden etwas angehen verbreiten, Steine in den Weg legen…
Solche Dinge finde ich einfach nur schlimm. Schwierig zu verstehen, warum es Menschen gibt, die Energie, Zeit und nicht zuletzt ihren ganzen Ideenreichtum dafür aufwenden (verschwenden!), um jemandem zu schaden, bloss zu stellen oder zu kränken. Es mag Gründe dafür geben und die gewonnene Genugtuung gibt vielleicht für einen kleinen Moment ein gutes Gefühl. Es ist dennoch ein Scheiss-Verhalten. Total unnötig noch dazu, denn jeder hat doch auch ohne so etwas schon genug, mit dem er umgehen können muss. Brocken, die uns jemand mutwillig vor oder am Besten gleich noch auf die Füsse wirft, die braucht keiner.
Jemandem weh zu tun oder Kummer zu bereiten hat noch niemandes Leben schöner gemacht. Und irgendwann kommt alles auf einen zurück. Man kennt es Karma.

Es ist total unnötig, ein Arschloch zu sein.
Leben und leben lassen. Vielleicht ist dies einer der wichtigsten Leitsätze überhaupt.

Same procedure again…

Vielleicht gibt es nichts interessanteres als ein Menschenleben, denn wo Menschen leben passiert ganz schön vieles. Viel Alltägliches, viel Routine, viel Schönes, Neues und Wunderbares. Viel Trauriges, Schreckliches und grosse Schicksale.

Für jeden ist wohl das eigene (Er-)Leben der Massstab, an dem andere gemessen werden. Manchmal finden wir, dass unser Erlebtes das Tollste ist und manchmal das Schlimmste von allen. Manchmal denken wir, wir müssten am meisten tragen, am meisten erdulden und erleiden. Wir wünschen uns irgendwas (eine Freundin, ein Kind, ein Auto, heiraten, einen neuen Job, ein Erlebnis, Ferien, einen Hund….), erreichen (bekommen, kaufen…) es…
Und dann dauert es nicht lange und es wird zur Routine. Wir haben uns dran gewöhnt, kennen es in- und auswendig, sooooo interessant ist es gar nicht mehr, wir langweilen uns damit ein bisschen…
Wir wünschen uns, aus der Routine ausbrechen zu können, möchten etwas Neues, Anderes erleben, finden unseren Alltag öde und zu unspektakulär. Immer dieselben Abläufe, derselbe Trott…

Manche brechen dann tatsächlich aus, erleben Neues und Spannendes und fühlen sich damit auch selbst wieder begehrenswerter und interessanter… und auch das Neue wird irgendwann Alltag. Same procedure again…

Bei andern ist es andersrum. Sie werden aus dem Alltag rausgerissen, weil irgendwas passiert. Etwas, was unsere ganze Aufmerksamkeit fordert, unsere ganze Energie und uns in sich aufsaugt. Zum Beispiel, wenn man der Partner einer solchen Person ist, die etwas Neues erleben will bzw es tut. Oder halt andere Sorgen, es gibt davon ja genügend und für jeden seine ganz persönlichen kleineren oder grösseren Katastrophen.

2020 ist ja so ein Jahr. Das hat es wirklich in sich.
Es ist mein zweites Jahr seit der Trennung. Man sagt, das erste sei das schwierigste und das war es auch, in vielerlei Hinsicht bzw vermutlich vor allem, weil die persönliche Befindlichkeit noch krisenhaft und ansonsten alles neu und ungewohnt war.
Jedenfalls erinnere ich mich sehr gut an Ende 2019. Ich habe mich auf 2020 gefreut. Auf ein Jahr, das besser werden sollte und noch ein bisschen einfacher vielleicht. Wieder ruhiger werden, vielleicht sogar wieder ein bisschen glücklich manchmal… Nicht, dass ich das 2019 nie war, aber da war bzw ist noch viel Luft nach oben.

Und dann kam Corona mit all seinen Konsequenzen. Das wäre eigentlich schon genug, noch mehr Schwierigkeiten braucht echt keiner. Aber wir wissen es ja. Da wo ein Hund hin pisst, pissen dann all die andern auch hin.
(Ich hab gedacht, ich erfinde mal ein neues Sprichwort. 🙂 )

Ich kann sagen, Corona selbst hatte auf mich keine allzu grossen Auswirkungen. Während des Lockdowns natürlich schon, wie in verschiedenen Texten beschrieben. Ich fand das furchtbare zwei Monate und hätten die noch länger gedauert, ich hätte es nicht mehr geschafft, alles unter einen Hut zu bringen. Während einige die Ruhe und das Nichtstun sooo sehr genossen haben und dies sogar in Langeweile überschwappte, waren für mich bei Homeschooling und Arbeit 24 Stunden pro Tag zu wenig. Und ich sehr unentspannt. Gut, dass es dann mal vorbei war bzw. der Lockdown und ein paar Massnahmen gelockert wurden.
Seitdem fühle ich mich eigentlich nicht eingeschränkt, mein Leben verläuft ziemlich normal. Ausser dass ich mich auf Abstand achte und wirklich viel weniger soziale Kontakte habe, ist alles normal. Und wir sind gesund geblieben bisher, das ist gut.
Ich rege mich nicht darüber auf, dass ich weder auf Konzerte noch auf Parties kann, denn das tu ich aus andern Gründen sowieso schon länger nicht mehr. Also gehts mir eigentlich ganz gut, trotz den Massnahmen, die wir einhalten, um Corona möglichst nicht weiterzuverbreiten.

Aber es ist echt viel anderes dieses Jahr. Ich löse eine schwierige Situation und schwupps, die nächste ist schon da. Es ist tatsächlich momentan ziemlich energieraubend, sich die meiste Zeit über irgendwas grosse Sorgen zu machen. Und es ist schwierig, dies zu machen, ohne dass das Kind etwas davon mitbekommt. Ich versuche es, aber es ist nicht mehr immer möglich zur Zeit.

Natürlich schaffe ich es. Ich schaffe alles. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Es gibt keine Alternative. Es sind immer Dinge, die ich im Moment zwar als dramatisch erlebe, wohl weil meine Energie schwindet, die aber lösbar sind.
Ich schaue in die Welt hinaus und sehe ganz andere Probleme. Die richtig grossen. Andere Menschen, die mit Situationen zu kämpfen haben, in denen es ihnen nicht möglich ist, selbst eine Lösung zu finden. Zum Beispiel all die Menschen, die aus ihrem Zuhause geflüchtet sind, in Moria eingepfercht waren und jetzt irgendwo sind. Viele wohlhabende Länder, viele wohlhabende Menschen rundherum wollen davon nichts wissen.
Rassismus nimmt zu. Rechtsradikales Denken. Und es wird geduldet, ja sogar unterstützt. In der Schweiz, in Deutschland, in den USA.
Menschen haben Angst. Die einen, dass sie eingeschränkt werden. Ihrer Rechte beraubt. Sie schreien es raus, sie wollen keine Diktatur, keine Massnahmen gegen Corona. Flüchtlinge sollen dort bleiben wo sie sind oder gleich zurück in ihr Land gebracht werden. Die SVP nennt die Flucht „eine Reise ins Traumland“. Es wird nicht weit gedacht, nicht in die Weite geschaut. Die Angst ums eigene Portemonnaie verhindert so manches, egal in welchem Bereich… Umweltschutz, Flüchtlingswesen, Corona und Gesundheitswesen…
Es geht ums Geld. Einige Musiker oder Künstler stellen sich gegen die Corona-Massnahmen, hetzen und motivieren auch andere sich aufzulehnen. Aber ist dieses Engagement ehrlich oder gehts da einfach nur um die eigenen Interessen? Natürlich verstehe ich, dass sie schon eine Weile wenig oder gar kein Geld verdienen können und das ist schlimm. Aber vielleicht sollte man da sein Beweggründe doch ein wenig mehr hinterfragen?

Jeder von uns hat ein einziges Leben, das er leben muss oder im besten Fall darf. Jeder hat ein Recht auf ein schönes Leben. Ich finde es nicht in Ordnung, dass zu meinen Gunsten andere leiden müssen oder der Planet kaputt gemacht wird. Ich bin fürs Miteinander und fürs Einander helfen, auch wenn sich das nicht immer so einfach gestaltet. Ich würde mich immer für die Schwächeren einsetzen. Leider ist es so, dass dies sehr oft auf der finanziellen Ebene statt findet und genau da sind mir momentan recht die Hände gebunden. Aber irgendwann wird dies anders aussehen. Und das Finanzielle ist nur ein Teil der Unterstützung, es gibt noch andere.
Typischerweise schweife ich wieder mal ziemlich ab…

Also. Zurück zum 2020.
Ich hatte mir für dieses Jahr ja vorgenommen, mich wieder mehr am sozialen Leben zu beteiligen. Mich wieder öfter mit andern treffen. Freundschaften pflegen. Vielleicht sogar im Leben neuer Menschen aufzutauchen bzw. sie bei mir. 2020 macht es mir nicht einfach, muss ich sagen. Aber es ist, wie es ist. Als alleinstehende Frau mit Kind fühle ich mich aber tatsächlich ziemlich isoliert manchmal. Ich habe voll Bock drauf, Menschen zu begegnen, hinter deren Fassade zu gucken und Lebensgeschichten zu hören. Ist dies nicht irgendwie das Salz in der Suppe des Lebens?
Mir ist in der letzten Zeit aufgefallen, dass es mir fehlt, meine Gedanken oder halt auch meine Sorgen mit jemandem besprechen zu können. Es ist nie jemand da, der zuhört, wenn ich krank vor Sorge bin oder mich in etwas hineinsteigere. Niemand, der sich wirklich interessiert. Niemand, der mit mir am gleichen Strick zieht. Mir fehlt kein Partner, ich wünsche mir auch keinen. Aber trotzdem vermisse ich diesen Teil. Ich kann das nicht alles in mir drin behalten, denn das macht mich krank. Aber teilen kann ich es auch nicht bzw ein paar Dinge erzähle ich schon, ich bin da ja eher offen. Aber das ist längst nicht alles und genau das, was man nicht erzählt, plagt einem doch irgendwie tief drinnen ganz besonders stark.
Das ist wohl der nächste Punkt, an dem ich arbeiten werde und dann kommt dann wieder ein neues Thema. Wir kennen es….

Das Reifen und Entwickeln hört nie auf und irgendwie ist es wohl gut so.
Und ich wünsche mir ein kleines bisschen mehr Routine und Alltag und gleichzeitig auch ein kleines bisschen mehr Abwechslung, spannende Menschen, mehr Kommunikation.

Der Tag, an dem meine Mutter starb.

Mein Grossvater ist gestorben, als ich sechs war. Ich kann mich daran erinnern, dass er zuhause im Bett lag und sehr krank war und meine Patentante mit mir ins Zimmer ging, damit ich mich von ihm verabschieden sollte. Ich wollte nicht, auch daran erinnere ich mich, musste aber.
Das war der Vater meines Vaters. Der andere Grossvater ist vor meiner Geburt gestorben. Ich glaube, er war so um die 50 und hatte einen Herzinfarkt. Das war ein paar Tage vor der geplanten Hochzeit meiner Eltern und so kam es, dass an diesem Tag statt eine Hochzeit eine Beerdigung stattfand.
Meine Grossmütter wurden beide sehr alt und obwohl ich sie sehr geliebt habe und natürlich traurig war, war ihr Tod irgendwie okay für mich. Das klingt jetzt bestimmt falsch. Ich will damit sagen, dass wenn jemand über 90 ist, der Tod halt nicht mehr so unerwartet und plötzlich kommt wie dann, wenn jemand jünger ist. Wir kennen die Lebenserwartung des Menschen in ungefähr und müssen damit leben, dass keiner 150 oder 200 wird. Traurig ist das natürlich trotzdem, man versteht es aber vielleicht einfach besser.
In vielen meiner Kindheitserinnerungen kommen meine Grossmütter vor, besonders die eine, und ich denke auch Jahre nach ihrem Tod noch viel an sie. Nicht mehr so vermissend, aber liebevoll und dankbar. Das sind einfach super Erinnerungen.

Eine ganz andere Erfahrung machte ich mit dem Tod, als er sich meine Mama holte. Sie war seit etwa einem Jahr krebsfrei. Ich glaube, wir gewöhnten uns langsam daran, uns keine Sorgen mehr zu machen und entspannter zu sein, als sie starke Rückenschmerzen unbekannter Herkunft bekam. Die gingen nicht mehr weg. Als es immer schlimmer wurde, half ich ihr viel im Haushalt, nahm ihr Arbeiten wie z.B. das Einkaufen und die Wäsche ab.
Ich glaube, ich hatte damals das Thema Krebs total ausgeblendet, was mir jetzt sehr schräg vorkommt. Es war doch irgendwie offensichtlich, dass er zurück war… Aber ich wusste es nicht oder wollte es nicht wissen. Oder vielleicht erinnere ich mich total falsch an all das, ich weiss es nicht. Leider kann ich niemanden mehr fragen, der das wüsste.
Irgendwann musste sie dann ins Krankenhaus, war etwa zwei Wochen dort und verliess es nicht mehr lebend. So schnell ging das. Dort erfuhr ich, dass sie wieder Krebs hat und zwar jetzt einfach überall, es war zu spät für alles. Es war ein Schock. Und alles ging viel zu schnell.

Die letzten drei Tage lag sie auf der Intensivstation. Am Abend bevor sie starb waren mein Vater, mein Bruder und ich noch bei ihr. Sie stand unter Morphium und war aber noch bei Bewusstsein. Sie sagte, dass sie noch nicht sterben will.
Am nächsten Morgen hätte ich eigentlich Schule gehabt. Ich hatte dieses komische, unruhige und ungute Gefühl schon beim Aufwachen, diese Vorahnung… und statt in die Schule fuhr ich früh morgens schon ins Krankenhaus. Dort wurde ich von einer Ärztin empfangen und in ein Zimmer geführt, wo sie mir erklärte, dass sich der Zustand meiner Mutter sehr verschlechtert habe und ich nun entscheiden müsse, ob man sie künstlich beatmen soll oder nicht. Sie empfahl es nicht, denn eine Chance aufs gesund werden gäbe es nicht und der Beatmungsschlauch könnte zusätzliche Infektionen hervor rufen.

Aber gestern Abend hat meine Mama ja noch gesagt, sie wolle nicht sterben….

Ich wollte zu ihr.
Sie war noch bei Bewusstsein, konnte aber nicht mehr sprechen. Ich fragte sie, ob die Ärzte es ihr erklärt hätten und sie nickte. Und dann fragte ich sie, ob sie einverstanden sei und sie nickte wieder…. Ich bin auch nach 22 Jahren noch wahnsinnig dankbar dafür, dass sie noch zustimmen konnte.
Ich rief meinen Vater an, der bei der Arbeit war und gleich los fuhr. Und dann fuhr ich nach Hause zu meinem Bruder, um ihm alles zu erklären und ihn abzuholen. Er hatte drei Jahre zuvor einen ganz schlimmen Motorradunfall mit bleibenden Schäden erlitten und war zu dieser Zeit noch in Rehabilitation.
Als wir im Krankenhaus ankamen, war meine Mutter nicht mehr bei Bewusstsein.

Ich hatte mal gelesen, dass Menschen manchmal ganz lange nicht sterben bzw. loslassen können, weil sie denken, es ginge nicht ohne sie. Meine Mutter hat wahnsinnig gelitten, als mein Bruder den Unfall hatte und an den Folgen fast gestorben war. Es war eine unerträglich schlimme Zeit für die ganze Familie und ganz besonders für meine Mutter.
Er hatte sich unterdessen einigermassen erholt, war aber noch in Rehabilitation. Viele Therapien usw. Und sie begleitete und unterstützte ihn bei allem, denn er konnte alleine nirgends hin und war noch sehr eingeschränkt in seinen Bewegungen und auch sonst. Ich wusste, dass sie sich grosse Sorgen um ihn machte.
Ich fragte meinen Bruder, ob ich ein paar Minuten allein mit ihr sein dürfe und sagte ihr in dieser Zeit, dass Papa und ich auf meinen Bruder aufpassen werden, dass sie sich keine Sorgen machen solle und dass sie gehen darf.
Danach dauerte es nur noch ein paar Minuten bis das Gerät, an dem sie hing, anfing zu piepen und den Herzstillstand anzeigte.
So tapfer wie das alles klingen mag, ich war nicht tapfer. Nur vernünftig und ich wollte sie nicht mehr leiden sehen, ich hielt das nicht aus. Ich wollte nicht, dass sie stirbt. Ich wollte, dass alles wieder gut wird, dass sie gesund wird und alles einfach vorbei ist. Aber ich wusste, das wird nicht geschehen, also sollte sie loslassen und in Frieden sterben können.

Mein Vater kam erst kurz nach ihrem Tod an und das war gut so. Ich glaube, meine Mutter hat gewusst, dass er das nur schlecht hätte ertragen können.

Nun war sie also tot, meine Mutter. Viel zu früh.
Irgendwie war das immer mein Alptraum und etwas, was ich mir nie vorstellen konnte. Ein Elternteil zu verlieren. Ich wurde mit dieser Situation relativ früh in meinem Leben konfrontiert und ich muss sagen, ich war nicht bereit dafür. Es hat wirklich sehr lange gedauert, bis ich da einigermassen drüber hinweg gekommen bin.

Ostern 1995 war der Unfall meines Bruders und im September 1998 ist meine Mutter gestorben. Mich hat das beides durchgeschüttelt und ich glaube, ich hatte nach dem ersten Ereignis gar nicht genug Zeit, wieder richtig Boden unter den Füssen zu bekommen, als er mir erneut weg gezogen wurde. Ich wusste es damals nicht, aber jetzt denke ich, dass ich traumatisiert war. Ich hatte Angstzustände. Verlustängste. ich erinnere mich gut daran, wie ich jedesmal Panik hatte, wenn ich die Sirene der Ambulanz durchfahren hörte. Diese Angst, es sei meinem Bruder oder meinem Vater etwas passiert und die ging erst weg, wenn ich anrief und fragte, ob alles okay ist. Natürlich war immer alles okay, nur ich nicht, ich war gestört. (Mit der Zeit ging das dann aber wieder weg, unterdessen bin ich wieder ziemlich normal.) Ich hatte auch jahrelang Schuldgefühle, weil ich sie damals nicht aufgefordert habe, zu kämpfen, zu überleben und nicht aufzugeben… Sehr, sehr lange. Unterdessen nicht mehr. Es war alles richtig, so wie es war.
Mein Bruder konnte damit viel besser umgehen als mein Vater und ich, ich glaube, das hat mit seiner Hirnverletzung zu tun. Papa hat nicht viel darüber geredet, aber ich weiss, dass er es schwierig fand.

Neun Jahre später starb er ja dann auch an Krebs. Von dieser Begegnung mit dem Tod erzähle ich ein anderes Mal, es ist genug für heute. Als ich kurz nach seinem Tod die Wohnung räumte, waren all die Anziehsachen usw. von meiner Mama immer noch im Kleiderschrank und das tat mir damals so Leid. Ich glaube, er fand das alles viel schwieriger als ich wusste und ich hätte mehr für ihn da sein sollen, habe es aber nicht gemerkt und nicht gekonnt zu dieser Zeit.

Das alles ist 22 Jahre her und mir geht es sehr gut. Ich vermisse meine Mutter an manchen Tagen oder in manchen Situation noch, aber nicht mehr so oft und nicht mehr so schmerzlich wie am Anfang. Aber seit ich selber Mutter bin und halt seitdem ich alleinerziehend bin. Ich hätte es meinem Kind so gegönnt, Grosseltern zu haben und meinen Eltern, mein Kind zu kennen, weil es so ein tolles ist.
Aber im grossen und ganzen habe ich mich längst daran gewöhnt, dass sie nicht mehr da sind. Ich muss ehrlich gestehen, dass die Erinnerungen an meine Mutter langsam verblassen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie sie jetzt wäre, 22 Jahre älter…

Und so heilt die Zeit vielleicht doch ein wenig die Wunden, wenn wir sie nur lassen…







Zurückschauen

Zurückschauen soll man nicht, das hört man ja manchmal. Weil wir uns auf das Weitergehen konzentrieren müssen. Auf das, was noch kommt. Und weil das, was hinter uns liegt, manchmal zu sehr weh tut. Weil es uns beim Zurückschauen nochmal durchschütteln und traurig machen könnte. Kann man so machen, ja. Ich finde, jeder soll das handhaben, wie es für ihn am besten ist. Wie es für ihn geht.
Ich schaue zurück. Immer wieder mal. Und manchmal tut das weh, das stimmt. Ich finde das nicht schlimm. Ich merke nur, dass ich nicht alles immer gleich gut ertrage. An gewisse Ereignisse zu denken, geht sehr tief. Bestimmt tiefer als ich es zulassen möchte. Aber das mit den Gefühlen kann man ja immer so schlecht steuern. Was man aber steuern kann ist die Dosis bzw. die Dauer, wieviel man daran denkt. Wenn die Gedanken zuviel werden kann ich mich auch gut dann wieder ablenken und der Alltag trägt das seinige dazu bei. Das mit dem Ablenken klappt aber erst nach einer Weile. Wenn man schon eine gewisse Distanz aufgebaut hat, wenn man schon ein bisschen über alles hinweg ist.

Eigentlich finde ich, dass ich so leben möchte, dass ich zurückschauen kann. Und auch möchte. Ohne schlechte Gefühle.
Soweit ich das halt selbst steuern kann. Das heisst, ich versuche mich so zu verhalten, dass ich dazu stehen kann. Gegenüber meinem Umfeld und auch gegenüber mir.
Was das Leben oder halt auch mein Umfeld dazu beiträgt, ist dann etwas anderes, das ich nicht oder wenn, dann nur eingeschränkt beeinflussen kann. Und dann kommt es darauf an, was ich daraus mache. Es gibt ja Situationen, da möchte man am liebsten den Kopf in den Boden stecken. Unter die Bettdecke schlüpfen und zwar für immer. Aber das ändert dann ja auch nichts. Also… dann muss man halt durch, mit allem was dazugehört. Trauern, Angst haben, verzweifeln, Wut… und dann halt vorwärts schauen, Lösungen suchen, planen, weitergehen. Und das aller wichtigste, so finde ich, VERARBEITEN.

Ich weiss, es gibt auch andere Wege. Vielleicht sind sie einfacher, ich weiss es nicht. Ich glaube nicht, dass man sie vergleichen kann. Wie man so einen Weg geht kommt ja auch sehr auf die Ausrüstung an, die man dabei hat. Und auf die Situation. Und auf den Weg. Wie soll man sich oder den Weg dann mit dem anderer vergleichen? Wir tun es ja trotzdem. Oder andere tun es für uns. Obwohl es total unnötig ist, wenn nicht sogar kontraproduktiv.

Ich denke manchmal, dass ich so leben oder verarbeiten will, dass ich zurückschauen kann, ohne dort Steine liegen zu sehen, über die ich dann beim Weitergehen wieder stolpere. Ich will Schritt für Schritt Berge abbauen und weitergehen. Dafür vielleicht ein bisschen langsamer, aber das macht nichts, dafür geht das Weitergehen dann besser. Und die Gedanken werden auf Dauer so auch leichter.

Wer ohne Angst zurückschauen kann, kann unbelasteter weitergehen. Das glaube ich zumindest.

Und dann kann man weiterschauen… voraus. Voller Spannung und Vorfreude und auch mit ein bisschen Angst vor der Ungewissheit vielleicht. Aber weiter…

Mittendrin fühlt sich anders an

Ob es wohl allen so geht? Ob das Leben wohl uns allen alle paar Jahre wieder mal einen grossen Brocken vor die Füsse wirft? Oder sehr gerne auch mal auf die Füsse? Wenn man sich so umschaut, denkt man manchmal, es gäbe Leute, denen passiere das nicht. Bei denen läuft alles einigermassen. Keine Schicksalsschläge oder Probleme. Jedenfalls keine, die von aussen sichtbar wären. Wie es hinter den Mauern aussieht, wissen wir aber nicht… Auch nicht, was schon war und was noch sein wird.

Ich kenne Menschen, die immer Steine auf ihrem Weg vorfinden, die sogar mit Steinen in den Schuhen unterwegs sind. Wären es tatsächlich nur Steinchen, könnte man sie ausleeren. Aber es sind zB Krankheiten oder Lebensumstände, die sich nicht mal so einfach ändern lassen. Sie gehen ihren Weg auch, obwohl manchmal schon die alltäglichen Dinge grosse Herausforderungen sind. Wenn dann noch etwas dazu kommt, wird das sehr schwierig. So wie bei uns auch, wobei wir – bzw ich rede ja jetzt von mir – also ich die einfacheren Voraussetzungen habe. Ein Fallschirm, auf den ich mich verlassen kann. https://puremyself.blog/2017/09/27/mein-fallschirm/

Und dann ist man in einer schwierigen Situation. Man hat immer zwei Möglichkeiten. Entweder geht nun gar nichts mehr, was auch immer das bedeuten mag oder man geht mittendurch, jeder so wie er kann, auf seine eigene Art. Von aussen betrachtet gäbe es bestimmt bessere Wege oder andere. Die kann man ja dann selbst gehen, wenn man in einer ähnlichen Situation ist. Und vielleicht merkt man dann auch, dass alles ganz anders ist, wenn man mittendrin ist.

Es gibt so viel „ich würde“ und „du musst“ und manchmal wünsche ich gewissen Leuten, dass sie die Chance bekommen, etwas ähnliches zu erleben, um zu verstehen, um zu sehen dass mittendrin anders ist als am Rand. Aber sowas soll man ja niemandem wünschen…. Muss man auch gar nicht, wenn man an Karma glaubt.

Mir erzählen immer wieder Menschen, dass sie nach einer Trennung ganz allein waren. Ich finde das schrecklich. Ich muss sagen, ich fühle mich manchmal auch allein, aber ich weiss dass ich es nicht bin. Ich habe von meinem Umfeld guten Zusammenhalt erfahren. Die, die sich nicht melden, mit denen hatte ich schon vorher nicht mehr viel Kontakt. Konkret abgewandt hat sich nur eine Person.

Ich habe nie so getan als wäre alles okay, als ginge es mir gut. Das ging irgendwie nicht. Ich glaube, ich hatte die Kraft dafür nicht, die benötigte ich für andere Dinge. Ich hatte auch immer das Gefühl, dass ich mich den Umständen entsprechend“normal“ fühle und mich nicht dafür schämen muss. Mein Umfeld musste damit umgehen, dass ich viel erzählt und noch viel mehr geweint habe. Ich glaube nicht, dass es für sie immer einfach war. Auch sie hielten es aus. Mich. ❤️ Unterdessen haben wir das alle weitgehend geschafft. Vorbei ist es noch nicht, aber es brennt nicht mehr überall.

Was ich mir immer wieder wünsche, ist eine Familie. Eine die zusammenhält. Was nicht ist, ist nicht… Es ist, wie es ist. Der Gedanke bleibt aber.

Schicksal? Zufall?

Lebenswege…

Jeder hat seinen eigenen und doch ähneln sie sich. Es gibt Stationen im Leben, die erlebt jeder. Und doch anders. Teile unseres Lebensweges bestimmen wir selbst. Andere meinen wir, selbst zu bestimmen und wieder andere geschehen einfach. Wir wissen nicht, warum und auch nicht wofür. Die Dinge nehmen ihren Lauf, der Mensch nennt es Schicksal oder Zufall.

Es gibt ja Dinge, die wiederholen sich in Familien über Generationen hinweg. Meine Mutter ist zB sehr jung gestorben sowie ihr Vater, also mein Grossvater. Man mag denken, solche Dinge seien Zufälle. Vielleicht haben sie aber auch einen anderen Ursprung. Einen spirituellen. Seelen, die sich viel länger kennen als wir alle uns. Unsere Verbundenheit, unsere Liebe und all die anderen Gefühle und was unser Unterbewusstsein daraus macht.

Nach dem Tod meiner Mutter hatte ich jahrelang Angst, auch früh zu sterben. Und Angst vor Krebs. Und ich habe jahrelang daran gearbeitet. An mir gearbeitet. Um diese Angst hinter mir zu lassen. Erfolgreich.

Meine Mutter und ihre Vorfahren sind die eine Hälfte meiner Wurzeln, die andere Hälfte ist die Familie meines Vaters. In einer systemischen Therapie habe ich vor vielen Jahren einen Stammbaum aufgezeichnet. Alle lebenden und verstorbenen Familienmitglieder, Verbindungen und Beziehungen gekennzeichnet und Familienmuster und Ereignisse genauer angeschaut. Meine Sorge galt immer nur dem Thema „früher Tod“, Vaters Stammbaumseite mass ich nicht sooooo viel Bedeutung zu.

Jetzt, viele Jahre später, stelle ich fest, dass ich den selben Weg gehe wie die Mehrheit der Frauen meiner Verwandtschaft väterlicherseits. Und den der Männer irgendwie auch, wenn ich mir das jetzt gerade genau überlege. Obwohl ich das nie für möglich gehalten hätte. Obwohl mir Familie so unglaublich wichtig ist. Obwohl es das ist, was ich nie, NIE wollte. Und trotzdem führt mein Leben mich nun auf diesen Weg.

Mein Vater hatte vier Schwestern. Er war der Zweitjüngste von mehr als zehn Kindern. Tante J. war geschieden und zog ihr Kind allein auf. Tante M. wurde von ihrem Mann verlassen, als die Kinder gross waren. Er hat noch ein Kind mit einer anderen Frau. Tante H. und Tante A. waren beide alleinerziehend, beide haben ein Kind.

Diese Kinder sind unterdessen alle über 50. Ich glaube, damals war es selten und bestimmt sehr schwierig, Kinder allein gross zu ziehen. Und gesellschaftlich ja bestimmt auch nicht wirklich anerkannt.

Mein Vater hatte fünf Brüder. Soviel ich weiss, sind zwei bereits als Kinder gestorben. Onkel A. ist früh gestorben, ich glaube seine Kinder waren damals noch klein. Onkel F. wurde von seiner Frau verlassen, ebenso Onkel H. Und mein Vater verlor seine Frau relativ früh, wir waren aber erwachsen.

Das war die Generation meines Vaters. Die Generation danach – also meine Cousins und Cousinen – sind zu einem grossen Teil auch alleinerziehend. Ich kenne sie nicht alle, sie sind auf der ganzen Welt verstreut. Zu Cousins habe ich wenig Kontakt, deswegen weiss ich da nichts oder nicht viel über ihre familiären Verhältnisse. Meine Cousinen sind oder waren aber alle früher oder später alleinerziehend, soviel ich weiss.

Und nun ich. Ich werde jetzt auch mit meinem Kind allein sein.

Zufall? Oder Schicksal? Lebenswege, die sich wiederholen? Familienmuster?

Ich weiss es nicht… Und es ist auch irgendwie egal. Der Gedanke, dass sie alle das geschafft haben und schaffen – und meine Tanten vor so vielen Jahren vermutlich unter sehr viel schwierigeren Voraussetzungen als ich – löst in mir sehr viel Respekt und Achtung für sie aus. Und Zuversicht.