Der Sturm

Jede und jeder von uns wohnt in einer Kugel aus Glas. Von Zeit zu Zeit wird sie geschüttelt und alles was darin nicht befestigt ist, fliegt in der Kugel herum. Wir stehen mitten drin und versuchen stehen zu bleiben, uns irgendwo festzuhalten, aber es ist schwer.
Manche Stürme sind nur klein, sie beruhigen sich schnell wieder, ohne dass ein grösserer Schaden entsteht. Er geht einfach vorüber und wir machen dort weiter, wo wir stehen geblieben sind.

Manchmal aber schüttelt und rüttelt es so stark, dass auch das Festhalten und auf beiden Füssen gut auf dem Boden stehen nichts mehr hilft.
Es ist das Schicksal, irgendwelche Gegebenheiten, Gedanken oder ein anderer Mensch, der das Glas dann in den Händen hält und dafür sorgt, dass ein heftiger Sturm aufkommt in unserem sonst so sicheren, kleinen Glas. Es kann sogar geschehen, dass das Glas umkippt oder gar runter fällt. Und wir mit ihm.

Und irgendwann wird es wieder stiller. Dann versuchen wir, uns zu beruhigen und unser Leben, das uns gerade um die Ohren fliegt, noch dazu. Versuchen, aufzustehen. Uns zu orientieren. Versuchen, zu retten, was zu retten ist. Versuchen, zu überleben.
Und alles andere verschwimmt in diesem Moment und wird unwichtig. Überleben braucht unsere gesamte Energie und noch viel mehr dazu.

Während wir in unserer kleinen Glaskugel im tobenden Sturm stehen oder liegen, sieht sie von aussen aus wie immer. Das ist das Gute daran und das ist das Schlechte daran.

Niemand weiss, was drinnen vor sich geht.
Niemand ahnt etwas.
Niemand hört etwas.

Das Leben in den andern Kugeln geht weiter wie immer.

Das Denken wir zumindest, denn auch wir sehen die andern Kugeln nur von aussen, scheinbar heil und perfekt…
Wir wissen nichts.
Wir hören nichts.
Und wir ahnen nichts. Nichts von andern Stürmen.

Das einzige, was dagegen hilft ist, dass wir uns gegenseitig davon erzählen.

6 Gedanken zu „Der Sturm“

  1. Das Bild vom Sturm im Glas gefällt mir gut. Nun wäre es interessant herauszufinden, wer denn da schüttelt. Ich weiß, manchmal bin ich es selbst……

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  2. Mir fällt dazu die freilich Fische und fischige Intelligenz abwertende Karikatur ein, bei der immer zwei in einem dieser unsäglichen Goldfischgläser herumschwimmen und sich jedes Mal, wenn sie sich treffen, umständlich begrüßen, da sie einander bereits wieder vergessen haben…
    Wir können unsere Gläser vielleicht nicht verlassen (zumindest nicht im größeren Maßstab, außerhalb der Erdatmosphäre ist’s ganz schnell rum.), aber doch hinaussehen. Verschwommen, wie das mit Gläsern so ist, aber immerhin!

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