stark sein

Ich glaube, ich habe schon mehr als einmal über das Stark Sein geschrieben und mir liegt dieses Thema tatsächlich am Herzen.
Ich finde, dass der Begriff „stark sein“ ganz falsch verwendet wird in unserem Sprachgebrauch und dass da viel zu viele Dinge hinein interpretiert werden, die uns Menschen eigentlich gar nicht gut tun. Bzw “falsch verwendet“ kann man ja vermutlich nicht sagen, sondern wir füllen den Begriff mit unseren Erwartungen und Haltungen, die unserem oder vielleicht auch einem längst nicht mehr zeitgemässen Menschenbild entsprungen sind.
Finde ich zumindest. Auch da kann man natürlich unterschiedlicher Meinung sein, was ja zur Zeit wichtig ist zu erwähnen, so wie es scheint.

Stark sein verbinden wir wohl zuallererst vor allem mit körperlicher Kraft. Jemand, der sehr viele Gewichte stemmen kann ist stark. Muskeln! Oder jemand, der das Konfi-Glas öffnen kann, jemand der einen Marathon läuft oder jemand, die die Einkaufstaschen bis in den 5. Stock hinauf trägt. Jemand, die gesund ist, ist stark. Und jemand, der viel arbeitet ist auch stark, ebenso wie jemand, der einfach anpacken kann und keine Grenzen kennt.

Und dann ist da auch noch die psychische Stärke. Die ist weniger gut messbar als die körperliche. Oder vielleicht auch gar nicht. So im allgemeinen gilt jemand als stark, der erfolgreich ist, die gut funktioniert, gesund ist und viel leisten mag. Jemand, der nicht weint und sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen lässt. Auch da empfinden wir Menschen als stark, die nicht so schnell oder gar nicht an ihre Grenzen kommen psychisch. Und natürlich ebenfalls gesunde Menschen.

Stark sein bedeutet unbezwingbar zu sein, nicht aufzugeben, viel aushalten zu können bzw. alles aushalten zu können, allem und jedem gewachsen zu sein. Körperlich und psychisch.
Stark sein bedeutet eigentlich, möglichst viel Lebenserfahrung, Gelassenheit und Wissen zu haben, aber bitte sehr ohne jemals im Leben eine Krise, eine Unsicherheit oder eine Entwicklung zu durchlaufen. Zumindest nicht für andere sicht- und spürbar, wenn‘s geht, danke.

Ich finde nicht, dass diese Definition stimmt.
Ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der tatsächlich so funktioniert und ich glaube eigentlich auch gar nicht, dass sowas erstrebenswert ist.
Ich denke hingegen aber sehr wohl, dass ganz viele von uns nach diesem Credo leben oder es zumindest versuchen. Vordergründig. Denn so kommt man gut über die Runden, macht sich nicht angreifbar, weil sich das eh keiner trauen würde, wirkt souverän und halt eben diesem Bild von “stark“ entsprechend. Muss man ja! Und wer hätte nicht gern so einen Mitarbeiter, so eine Chefin oder so eine Freundin oder einen Ehemann? Jemand, der stark und zuverlässig ist, jemand der ein Fels in der Brandung darstellt und den kein Sturm umhauen kann. Jemand, der wirklich alles immer im Griff hat.
Und dann strebt man dieses Ideal halt an. Muss ja irgendwie, um nicht drunter zu kommen. Und wie gesagt, vordergründig ist das schon möglich. Dann überspielt man halt einiges, zeigt sein wahres Ich nicht, selten oder nur auserwählten, spielt eine Rolle. Und funktioniert genau so wie es von einem erwartet wird. Nur keine Schwäche zeigen. Der Schein zählt. Es ist nicht alles Gold, aber Hauptsache es glänzt.
Alles andere wäre Schwäche.

Und diejenige ist dann die andere Seite der Medaille, denn da wo ein Stark ist, muss es zweifelsohne auch ein Schwach geben. Und wenn man davon ausgeht, dass das Stark das Erstrebenswerte ist, dann ist das Schwach das, was man nicht sein sollte oder möchte. Es bedeutet ein Manko, ein Defizit, irgendetwas was gerade nicht funktioniert oder nicht zurecht kommt. Irgendetwas, das inkomplett ist, fehlerhaft, nicht genügend. Nicht genug.

Natürlich sind das verallgemeinernde Stereotypen und ich weiss schon, dass die nicht allgemein und von jedem so gesehen werden. Aber dennoch glaube ich, dass diese zwar leicht übertrieben, aber dennoch so in unseren Haltungen uns und andern gegenüber verankert sind und tagtäglich gelebt werden. Denn warum schäme ich mich beim Tierarzt, wenn ich heule wenn mein Meerschweinchen eingeschläfert werden muss? Warum ist es mir unangenehm, wenn ich eine Krise habe, wenn mein Mann und ich uns trennen? Warum spricht keiner über Eheprobleme oder über Erziehungszeugs, wo man gerade nicht so recht weiter weiss? Warum ist es immer noch schwierig, als Mutter zu sagen, dass man völlig KO ist und dass die Kinder einem manchmal nerven oder zuviel sind? Warum überschminkt man verweinte, rote Augen? usw…

Und für mich stimmt das so überhaupt nicht.
Ich bin zum Beispiel sehr davon überzeugt, dass gerade Menschen, denen etwas fehlt, bei denen gerade etwas nicht stimmt, die mit irgendwelchen Schwierigkeiten zu kämpfen haben, wahnsinnig stark sind. Und ganz besonders genau in diesem Moment, in dem sie sich so schwach fühlen oder von andern so angesehen werden, ganz besonders stark sind. Und auch mutig. Gerade, weil sie etwas aushalten müssen und es auch tun. Gerade, weil sie gegen etwas standhalten, dagegen ankämpfen oder einfach nur akzeptieren, dass es jetzt im Moment so ist wie es ist. Das ist stark und zwar mit allem drum und dran. Mit überfordert sein, mit weinen, mit zusammenbrechen und was auch immer dann passiert. Und auch vor allem damit, Hilfe zu organisieren, falls das notwendig wird.
All das könnte jemand, der schwach ist, gar nicht bewerkstelligen.

Ich kenne jemanden, dem geht es schon eine ganze Weile sehr schlecht und momentan jetzt ganz besonders. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich schwach fühlt. Und ich glaube auch, das kann sich auch wirklich genau so anfühlen. Schwach, antriebslos, keine Energie mehr, leer, kaputt, dunkel.
Depression.
Ich glaube, dass er extrem stark ist. Genau jetzt. Und es ist auch ganz besonders wichtig, dass er das jetzt ist, denn jetzt geht es um alles.
Das ist in Krisen so. Es geht ums Überleben, auch wenn das für Aussenstehende zu dramatisch klingen mag, nein, das ist wirklich so. Da muss jemand seine ganz Kraft zusammen raufen und sich ausschliesslich nur noch darauf konzentieren, wenn das geht. Einer solchen Person einen Knüppfel zwischen die Beine zu werden, das tut man nicht. Wenn, dann händigt man ihm den Knüppel aus, damit er sich daran festhhalten kann.

Ich bin davon überzeugt, dass funktionieren, oberflächlich sein und sich nie etwas anmerken lassen sehr oft einfacher ist und dass man diesen Schein wohl eine ganze Weile wahren kann. Aber warum würde man das denn müssen? Wir wissen doch alle, dass Ups and Downs zum Leben gehören und ich finde es erstrebenswert, beides als Teile des Menschen einfach zu akzeptieren und nicht zu werten. Ich bin ganz fest davon überzeugt, dass wir Menschen so viel weniger Stress hätten, viel weniger Druck und viel mehr Zeit und Energie, uns auf das Wesentliche zu konzentrieren. Dieses Funktionieren müssen, dieses sich nichts anmerken lassen, nicht schwach sein dürfen, das macht ganz viele Menschen innerlich kaputt, während sie äusserlich noch total unversehrt aussehen.
Ausserdem kann man sich ruhig bewusst sein, dass wenn wir andere abwerten, wir uns eigentlich damit aufwerten möchten. Funktioniert aber nicht, weil es scheisse ist.

Ich persönliche denke ja, dass ich der stärkste Mensch bin, den ich kenne. Damit wertschätze ich mich und all meine Herausforderungen, die ich in meinem bisherigen Leben gemeistert habe. Ich wertschätze es, dass ich Situationen akzeptiert, Überforderungen zugelassen und damit Entwicklung möglich gemacht habe.
Ich bin eher nicht so der Mensch, der ausweicht und sich Nebenschauplätze sucht, um das Eigentliche zu umgehen. Ich bin eher so der Mensch, der weinend zusammenbricht, dann aber schnell mal wieder aufsteht und mit der Lösung im Auge weiter geht. Es ist mir ein Anliegen, mir Zeit zu nehmen auf meinem Weg, aber auch nicht in einer schwierigen Situation ewig zu verharren. Ich finde immer schnell Lösungen und beginne, weiter zu gehen.
Und es ist mir auch wichtig, zurück blicken zu können, ohne Angst, Wut oder unbändiger Trauer. Ich trage meinen Rucksack, wie ihr alle auch und ich habe mich dazu entschlossen, darin nichts Unnötiges und schon gar keine Leichen mein ganzes Leben lang herum zu tragen.
Ich weine, wenn ich traurig bin, wenn ich total überfordert bin, wenn ich wütend bin, wenn ich gerührt bin und wenn ich wahnsinnig glücklich bin. Das ist nicht schwach. Das ist ganz normal. Dazu wäre noch zu sagen, dass ich viel öfter lache als weine. In normalen Zeiten jedenfalls. Es hat aber auch schon Zeiten in meinem Leben gegeben, in denen ich fast nur geweint habe. Gehört auch mal dazu. Wer das nie hatte, hat nicht alle Facetten des Lebens kennen gelernt.
Manchmal braucht es Mut, zu sich selbst zu stehen und zu den vermeintlichen Schwächen. Es braucht Mut, zu weinen. Es braucht Mut, eine Überforderung zuzugeben oder ein Ungleichgewicht, etwas was uns nicht gefällt oder wütend macht. Denn manchmal machen wir uns so angreifbar. Leider. Menschen, die dann aber genau solche Situationen ausnützen, die fühlen sich ja als die Stärkeren. Als die Überlegenen. Genau. Aber wenn man es sich ganz genau überlegt, sind sie erbärmlich und vermutlich voller Neid, Angst und Eifersucht, denn sonst würden sie verständnisvoll und hilfreich reagieren. (Bea, ich hoffe, du liest das.)

Ich hoffe, ihr alle wisst auch, dass ihr die stärkste Person sein, die ihr kennt, denn das ist ganz bestimmt so. Andere wissen nicht immer, welche Kämpfe wir innerlich ausfechten müssen und wieviel Energie und Kraft das alles immer braucht. Aber das macht nichts, es reicht wenn wir es tun und wenn wir wissen, dass nicht nur andere das von uns nicht wissen, sondern auch wir von ihnen nicht und so einander wertschätzend gegenüber treten.

Das mit dem Wertschätzend Sein habe ich mir sowieso in den letzten Tagen mal überlegt. Ich glaube ja, dass nicht Covid-19 unser grösstes Problem ist, sondern die fehlende Wertschätzung für einander.




Trauer.



Manchmal überlege ich mir, welches das schlimmste Gefühl von allen ist und ich glaube, es ist die Trauer.

Andere Gefühle können auch schlimm sein, ich weiss. Und ganz bestimmt hat jeder Mensch sein ganz persönliches Gefühl, welches ihn zu Tode triggert. Ich glaube, bei ganz vielen ist es die Angst bzw irgendeine Art von Angst, denn es gibt ja unzählige.
Bei mir ist es die Trauer. Und vielleicht ist auch sie mehr oder minder entfernt sogar mit der Angst verwandt.
Die Trauer ist so ein richtiges Scheiss-Gefühl. Wenn sie da ist, ist sie so hoffnungslos und so tief in uns drin. Ich würde behaupten, dass die Trauer das intensivste Gefühl ist, neben der Liebe vielleicht. Sie wird uns zugefügt und bleibt dann erstmal für eine ganze Weile. Eiskalt und schwer sitzt sie wie so’n Klumpen auf unserem Herzen. So dass unser Herz richtig weh tut und uns das Atmen schwer fällt.
Ich verstehe die Trauer nicht so gut. Ich weiss, warum sie da ist und ich weiss auch, was es benötigt, dass sie irgendwann weniger wird. Aber verstehen tu ich sie nicht. Sie ist doch eigentlich im Kopf, wie alles andere auch und doch fühle ich sie mehr im Herzen als im Kopf.


Trauer ist auch etwas anderes als Traurigkeit.
Ich glaube, Traurigkeit ist auch schlimm. Sie wird von Ereignissen ausgelöst und verschwindet dann aber auch zeitnah wieder, womit sich die Trauer hingegen ziemlich viel Zeit lässt.
Sie wird ausgelöst durch die Erfahrung von existenziellen Verlusten. Also von Verlusten, die unser Leben so sehr beeinflussen oder durcheinander werfen, dass es uns aus den Socken haut. Trauer kann ganz tiefe Traurigkeit auslösen, Ängste und Vermissen bzw. wohl meistens gleich alle drei zusammen. Und zwar in einer Intensivität, die kaum auszuhalten ist, besonders am Anfang.

Trauer verbinde ich vor allem mit Todesfällen. Mit einem Verlust, wie oben geschrieben. Damit, dass ein Mensch oder ein Wesen, das wir lieben oder zumindest mögen, mit dem wir auf irgendeine Art verbunden sind und das ein fester Bestandteil unseres Lebens ist, aus dem Leben gerissen wird. Aus seinem und damit auch aus unserem. Das hinterlässt eine Lücke, die sich mit Schmerz fühlt.

Es ist schwer auszuhalten, wenn jemand fehlt.
Ich habe manchmal das Gefühl, dass jedesmal, wenn ein nahestehendes Wesen stirbt, ein Teil der Trauer, die man in der Vergangenheit erlebt und eigentlich als bewältigt betrachtet hat, sich auch wieder ein wenig aufwölbt und zusammen mit den ganz frischen Gefühlen nochmals auflebt. Aufbebt.


Es gibt da eigentlich nicht so wirklich vieles, was hilft. Wenn man jemanden kennt, der trauert, dann würde man ihm am liebsten all den Schmerz abnehmen und ihn wieder glücklich sehen. So geht es mir zumindest. Ich finde auch das schwer auszuhalten. Zu sehen und in etwa zu wissen, welchen Schmerz der andere gerade fühlt… Aber es nützt ja nichts. Jeder muss da für sich selber einfach durch. Mit Hilfe oder ohne. Hilfe unterstützt, nimmt aber nichts weg, wie das halt immer so ist.

Ich habe diese Woche weinend zu der Tierärztin gesagt, die mein Meerschweinchen erlöst hat, dass ich damit einfach nicht so gut umgehen kann. Weil ich mich geschämt habe, dass ich weine.
Beim nach Hause fahren kam ich an einem Haus vorbei von dem ich wusste, dass da vor kurzem eine Frau gestorben ist, die ihren Mann und (erwachsene) Kinder hinterlassen hat. Und ich dachte an einen Bekannten, der vor nicht zu langer Zeit sehr schnell gestorben ist und noch relativ kleine Kinder hinterlassen hat. Und ich habe mich fast geschämt für meine Tränen um ein Tier, als ich an diese Menschen gedacht habe.
Aber ich weiss, das ist nicht vergleichbar. Einen Menschen zu verlieren ist total etwas anderes. Ich habe es auch erlebt.
Man muss es nicht miteinander vergleichen. Es sind unterschiedliche Situationen.


Und dennoch war ich am Dienstag sehr aufgelöst und bin auch heute noch traurig. Nur schon der Entscheid des Erlösens und dann mit dem Tierchen auf dem Arm zu warten, bis es gestorben ist… Ich finde das wirklich sehr schlimm. Und er fehlt. Uns und ganz offensichtlich auch der kleinen Meerschweinchen-Bande. Dass sie trauern, das finde ich auch nicht ganz einfach. Da kann man irgendwie nichts machen, die verstehen das alles doch gar nicht, das ist einfach so. Es braucht Zeit.

Später am Dienstagabend, als ich zuhause weiter weinte, habe ich mir weitere Gedanken darüber gemacht und ich bin zum Entschluss gekommen, dass ich damit total normal umgehe, denn trauern ist eine sehr persönliche Sache und jeder tut es auf seine Art und Weise. Da gibt es nichts zu werten oder zu beurteilen. Und weinen ist kein Zeichen, dass man damit nicht umgehen kann, sondern es ist einfach ein Zeichen dafür, dass man traurig ist. Dass das Herz so voll und so schwer ist.

Ein paar Tage später nun glaube ich, dass ich eigentlich sogar recht gut damit umgehen kann. Ich kann mich meiner Trauer stellen. Wie in jeder anderen Situation bin ich der Meinung, ich muss da einfach durch, ausweichen ist kontraproduktiv. Ich würde das auch jedem raten. In jeder Lebenslage.

Trauern ist ein Gefühl in unserer unendlich weiten Gefühlspalette und es gehört dazu wie jedes andere. Es ist nicht das Ziel, es irgendwann nicht mehr zu spüren, wenn jemand stirbt, um dann sagen zu können, man könne damit gut umgehen. Man kann damit nicht besser umgehen, wenn man nicht weint oder ausweicht und seine Trauer andern nicht zeigt.
Es ist das Ziel, es zulassen zu dürfen. Das finde ich zumindest.

Schlussendlich sind wir alle irgendwann in unserem Leben Trauernde. Und das nicht nur einmal im Leben.
Ich wünsche euch allen viel Kraft dabei, wenn sie bei euch ist, die Trauer. Es braucht viel Zeit, aber sie wird sich wieder zurück ziehen und schöne Erinnerungen und Licht hinterlassen, irgendwann. Sie hat gutes Sitzleder, es braucht Geduld.

Der Stärkere überlebt. Und die andern?

Heute ist der Tag vor Allerheiligen oder Halloween, wie man ihn auch nennt. Ein guter Tag, um über Leben und Tod nachzudenken, finde ich.

Über das Leben nachzudenken ist ja viel schöner, als über den Tod und doch kommen wir manchmal nicht drum herum. Aber nur, wenn man es zulässt. Denn obwohl auch der Tod ein Teil des Lebens ist, wird er gerne verdrängt und verschwiegen. Auch heute, wo er aber doch recht präsent ist seit einer Weile.

Ich höre immer mal wieder, dass wir mit unseren Massnahmen und Einschränkungen in einer Diktatur leben würden, Vergleiche mit dem Nazi-Deutschland werden gemacht und Sophie Scholl und Anne Frank zitiert.
Ich habe in den letzten Wochen sehr viel über all das gelesen, vor allem über die Weisse Rose und über die Geschwister Scholl, da ich an einem dieses Mal recht aufwändigen Text darüber arbeite. Das ist ein interessantes Thema, durchaus. Und ich fnde, dass Vergleiche mit den Ideologien der Nationalsozialisten durchaus gemacht werden könnten. Aber ich würde da die Frage in den Raum stellen, ob alle die das tun sich bewusst sind, auf welcher Seite sie da genau stehen.

Ein Zwiespalt oder sagen wir eine Uneinigkeit, die momentan ja besteht, betrifft all diese Todesfälle an oder mit Corona. Während dem wir vor allem anfangs darum bemüht waren, die Menschen der bekannt gewordenen Risikogruppen zu schützen, indem wir gewisse Schutzmassnahmen befolgt haben, sind diese nun entweder geimpft und damit etwas besser geschützt oder gestorben. Die eigentlichen Risikopatienten sind nun ungeimpfte Menschen, die nun aber grösstenteils nicht geschützt werden möchten, aber trotzdem geschützt werden, des Gesundheitssystems wegen und schlussendlich dann auch wieder für uns alle. Damit wir im Falle eines Notfalls davon ausgehen können, dass die Kapazität da ist, uns sorgfältig und professionell zu versorgen und wenn nötig, hoffentlich unser Leben zu retten. Das wird in jedem Fall versucht, denn das ist der Kodex, dem sich Ärztinnen und Gesundheitspersonal verpflichtet haben. Leben soll gerettet werden, solange die Patientin nichts anderes unterschrieben hat, egal wer da vor ihnen liegt.

Das ist eigentlich auch einer unserer moralischen Grundsätze, nach dem wir leben. Jedes Leben ist wertvoll und jedes Leben ist lebenswert und auch jedes Leben soll erhalten und gerettet werden.
Da geht es meiner Meinung nach nicht nur um Leben und Tod, sondern auch darum, wie ein Leben inhaltlich gefüllt wird und wie wir mit Menschen, die nicht der sogenannten Norm entsprechen umgehen. Da geht es um Rechte und Pflichten, um Wertschätzung, um Chancen und Möglichkeiten und um vieles mehr.
So setzen sich die einen für Integration und Inklusion ein, pflegen, heilen, verarzten und retten Leben. Eine Gruppe ist so stark wie ihr schwächstes Glied, jedes Leben ist wertvoll und es gibt ganz viele verschiedene Lebensformen, ganz viele verschiedene Menschen. Und sie alle sollen einen Platz – ihren Platz – in unserer Gesellschaft haben.

Und andere haben da eine andere Meinung, die ich seit der Pandemie schon noch recht oft höre. Ich weiss auch, dass wohl die meisten das nicht so wirklich auf die Realität runter brechen und es deswegen recht abstrakt und abgeklärt klingt. Mir kommt es fast ein wenig vor wie eine Gegenbewegung zur Inklusionsentwicklung, die angestrebt werden hätte sollen oder immer noch wird, ich weiss es nicht so genau.
Wenn man das in der Realität betrachtet, geht es darum, dass der Stärkere gewinnt. Und auch darum, dass wir andern uns nicht einschränken lassen sollen, um jemanden zu schützen, sondern einfach zu leben. Uns nicht bremsen lassen. Die sogenannt Schwächeren sollen sich selber schützen und zuhause bleiben oder was auch immer.

Das ist nun eigentlich genau das, worüber ich viel nachgedacht habe und ich bin mir sicher, wenn andere das auch tun würden, würde ihre Meinung mit dem was sie momentan vertreten, nicht ganz aufgehen. Ich glaube, verdrängen und es von sich selbst wegschieben, ist einfach einfacher als sich dem Thema richtig zu stellen.

Der Stärkere gewinnt, das ging mir nicht mehr aus dem Kopf und mir wurde klar, wo das ja auch sehr stark propagiert und gelebt wurde. Ich möchte darauf näher eingehen, weil das alles überhaupt nicht in mein Menschenbild, weder persönlich noch beruflich, passt:

Der Stärkere gewinnt
Der erinnert mich an den Darwinismus und der sagt, dass die natürliche Auslese die Evolution bestimmt. Es geht also darum, dass sozusagen das Weiterbestehen einer Rasse – zB von Pandas, von Löwen oder von uns Menschen – gesichert ist. Der Stärkere (der mit den besten Genen, der Gesündeste usw.) setzt sich durch und vermehrt sich.

Und dann gibt es noch den Sozialdarwinismus. Da wird der Rassenkampf zu einem Naturgesetz erklärt, basierend auf den Thesen von Charles Darwin. Diejenigen, die sich am besten an ihre Umwelt anpassen könnten, würden überleben und sich weiter und höher entwickeln, alle andern würden aussterben. Er nannte dieses Prinizip „natürliche Auslese“.
Die Sozialdarwinisten glaubten, dass auch Menschen in einem stetigen Kampf ums Dasein seien und nur die Stärksten könnten da mithalten. Daher sei es von der Natur so gewollt und vorher bestimmt, dass kranke, schwache und arme Menschen nicht (über)leben dürften, denn nur so könne sich die Menschheit zu etwas Höherem entwickeln.
Die erwähnten sogenannt schwächeren Menschen erfüllen also keinen Zweck in unserer Evolutionskette und haben damit auch keine Daseins-Berechtigung. Die ganze Energie wird fürs Weiterkommen verwendet und nicht dafür, die Schwächeren mitzutragen.

Auf die Theorie des Sozialdarwinismus baut eine noch krassere Theorie auf und zwar die der sogenannten Rassenhygiene. Sie entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts. Ihre Vertreter waren der Meinung, die natürliche Auslese würde durch die zunehmende Zivilisation behindert, dh kranke, schwache und arme Menschen würden sich ungehindert fortpflanzen und dadurch sei die Qualität der Menschheit gefährdet. Also fanden Rassenhygieniker es unumgänglich, in den natürlichen Selektionsprozess einzugreifen. Sie wollten die Fortpflanzung von Erbgesunden fördern und die von Erbkranken verhindern.1905 gründete der Mediziner Alfred Ploetz die Gesellschaft für Rassenhygiene und vier Jahre später wurde die Schrift „Die Freigabe der Vernichtung von lebensunwerten Lebens“ veröffentlicht. Laut dieser wurde die Tötung bestimmter Neugeborener gerechtfertigt: „Die unheilbar Blödsinnigen (…) haben weder den Willen zu leben noch zu sterben. So gibt es ihrerseits keine beachtliche Einwilligung in die Tötung, andererseits stösst diese auf keinen Lebenswillen, der gebrochen werden müsste. Ihr Leben ist absolut zwecklos (…). Für ihre Angehörigen wie für die Gesellschaft bilden sich eine furchtbar schwere Belastung. Ihr Tod hinterlässt nicht die geringste Lücke.“ (Quelle https://www.planet-wissen.de/geschichte/nationalsozialismus/nationalsozialistische_rassenlehre/pwievordenkerdernsrassenlehre100.html).
Die Akzeptanz der Rassenhygiene genoss in den darauffolgenden Jahren einen grossen Anstieg. In Deutschland, aber auch in ganz Europa und Amerika. 1923 entstand in München der erste Lehrstuhl für Rassenhygiene und darauf wurde es zum Pflichtfach für Medizinstudenten.

Die eben beschriebene Theorie wurde von der Rassenideologie des Nationalsozialismus übernommen, um die Überlegenheit der arischen Rasse zu sichern. „Rassenfremde“ hingegen sollten eliminiert werden.
So sahen die Nationalsozialisten zB die europäischen Juden und die Roma als Bedrohung und nichts wert an. Menschen mit Behinderung oder Krankheiten galten als biologische Bedrohung und auch als finanzielle Belastung für den Staat. Sie wurden also umgebracht, wenn immer möglich.
Aber nicht nur die, sondern natürlich auch politische Gegner, Homosexuelle, „Asoziale“ und die Zeugen Jehovas.
6 Millionen Juden wurden getötet.
250000 Sinti und Roma
250000 Behinderte
und weitere andere Menschen.

Sind da Parallelen zu jetzt oder nicht? Ansatzweise? Ich weiss es nicht, aber es scheint mir so, wenn ich zuviel darüber nachdenke.
Und falls es so ist, setzen sich nun ganz viele Menschen für Ideologien ein, die eigentlich nicht ihre sind und die ihnen nicht wirklich bewusst sind. Ideologien, die ihnen später einmal den Boden unter den Füssen wegziehen oder sie sogar das Leben kosten könnten. Denn wenn wir die Schwachen aufzählen, dann bitte nicht all die IV-Bezüger, Arbeitslosen, Sozialhilfebezüger, all diejenigen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen vergessen, die für Nationalsozialisten durchaus ein Klotz am Bein des Staates darstellen und als schwach gelten. Wenn nichts anders eintrifft, alt werden wir fast alle mal.
Und auch nicht vergessen, dass ziemlich alle dieser Zustände eigentlich jederzeit jeden von uns treffen könnte oder schon getroffen hat. Deswegen denke ich auch, dass es momentan ziemlich viele Menschen gibt, die gerade am Ast, auf dem sie sitzen, sägen. Oder einen, auf dem sie auch einmal sitzen könnten. Und eigentlich sägt man überhaupt keine Äste ab, auf denen jemand sitzt…

Mich persönlich betrifft das alles eigentlich weniger, denn ich bin auf keine der oben genannten Sozialhilfen angewiesen und bin meines Wissens gesund. Jetzt. Aber es betrifft eigentlich schon ein paar Menschen, die ich kenne und die mir etwas bedeuten, nicht zuletzt bei meiner Arbeit als Sozialpädagogin. Oh doch, mich würde es betreffen, weil ich als Sozialpädagogin nichts mehr zu tun hätte, weil all die Menschen die Betreuung oder Pflege brauchen, die gäbe es bei den Nationalsozialisten gar nicht… Ein schlimmer Gedanke.
Wie ich schon mal geschrieben habe vor einiger Zeit: Ich würde mich immer für die Schwächeren einsetzen: https://puremyself.blog/2020/05/19/ich-wuerde-mich-immer-fuer-die-schwaecheren-einsetzen/

Wenn ihr das nun liest…. überlegt euch doch mal, wer von euch würde von den Nationalsozialisten toleriert und wer würde getötet werden? Wer dürfte leben und wer nicht? Oder wer von denen, die ihr liebt? Und es wäre nicht nur das. Vermutlich würden sie von euch erwarten, andere Menschen zu verraten oder gar umzubringen und glaubt mir, das ist beides dasselbe.
Ist euch das zu krass?
Nationalsozialismus IST krass, da muss man auch nichts schön reden.

Schlusswort gibt es keines.
Macht euch eure eigenen Gedanken.

(Anmerkung: es geht mir nicht darum, Nazi-Vergleiche zu machen oder „Querdenker“ als Nazis zu bezeichnen. Es geht mir eher um unser Menschenbild und darum, eventuelle gefährliche Tendenzen zu hinterfragen bzw dazu anzuregen.)

Märchen in den Zeiten von Corona, Teil 3

Die böse, alte Hexe ist ein biiiiisschen gestresst. Sie sitzt auf dem Bänklein vor ihrem Häuschen und schaut einer Krähe zu, die vor ihr auf dem Boden herum hüpft und schimpft wie ein Rohrspatz. Und auch sie tut das. Sie ist s.t.i.n.k.s.a.u.e.r ! Seit 1,5 Jahren hat sich das Leben mitten im Wald einfach total verändert, vorbei ist es mit der Idylle und der Stille. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich hin und wieder ein Kind im Wald verlaufen und sich im Käfig der Hexe wiedergefunden hat. Was für ein leckerer Schmaus das jedesmal war!
Das ganze Dorf scheint den Wald plötzlich für sich entdeckt zu haben. Spaziergänger, Radfahrer, Wanderer, Nordic Walker, Jogger… es ist kaum einmal einen ganzen Tag lang still und ruhig rund ums Hexenhäuschen herum. Das kleine Gärtchen mit den Zauberpflanzen und Gewürzen ist zertrampelt und die Dorfkinder haben überall am Haus Lebkuchen stibitzt. Das halbe Haus ist aufgefressen! Überall Löcher und Ritzen, wo der kalte Oktoberwind reinpfeift.
Und bald würde der Winter kommen…

Frau Holle hat lange keine Praktikantin mehr genommen, sie fand es in ihrem Alter momentan einfach zu unsicher, engeren Kontakt zu jemandem zu haben. Und so war sie nun mehr als ein Jahr lang alleine in ihrem kleinen Haus. Sie hat gemacht, was sie konnte, aber die grossen Kissen und Decken auszuschütteln, dafür reichte ihre Kraft in den Armen schon längst nicht mehr.
Die Bäume draussen waren voller reifer, roter Äpfel, die niemand pflücken wollte und schon die vom letzten Jahr waren kümmerlich am Boden verfault. Käfer und Ungeziefer haben sich darüber gefreut. Und auch das Brot im Ofen war nur noch ein Stückchen Kohle, weil niemand es raus holte.
Food Waste par excellence! Dabei hatte sie extra die To Good To Go App runtergeladen und sich dort registriert. Doch niemand kam, um die guten Sachen zu holen. Der Weg durch den tiefen Brunnen war einfach zu umständlich und für einen Online Shop und Lieferservice fühlte Frau Holle sich einfach nicht mehr im Stande.

Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter. Eine war schöner als die andere. Alle schliefen zusammen in einem grossen Schlafsaal und immer spät abends, als jede in ihrem Bettlein war, schloss der König den Saal ab, damit keine nach draussen konnte, um sich mit Prinzen, Zauberern oder andern Halunken zu treffen.
Jeden Abend wartete der schöne Prinz Moldi vergeblich vor der hinaufgezogenen Zugbrücke der grossen Burg. Mit wallender Mähne schritt er auf und ab. Nacht für Nacht für Nacht für Nacht. Machte mit Kuhglocken und Plakaten auf sich aufmerksam und schaltete sogar die Medien ein, die eifrig darüber berichteten. Die Lichter im Schloss blieben jedoch aus, die Prinzessinnen schliefen tief und fest, nicht ahnend, was sie verpassten…

Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen, allgemein bekannt als Lügenbaron, erlebt im Jahre 2021 den Höhepunkt seiner Karriere als Geschichten-Erzähler. Hier erzählt er Geschichten übers Impfen, dort übers Nicht-Impfen, hier über den Notstand in den Spitälern und dort, dass das alles gar nicht stimmt. Erzählungen über Verschwörungen und geheime Allianzen, über mysteriöse Viren, die sich im Nullkommanichts verbreiten, irr und wirr,
alles erstunken und erlogen, keiner weiss mehr was wahr ist, was erfunden. Und Münchhausen geniiiiiiesst den Zwiespalt, den er sät und schweigt. Nicht.

Auch schon bessere Zeiten hat das Tischlein Deck Dich gesehen. Neustens gehört zu seinen Aufgabe nicht mehr nur das zauberhafte Auftischen von allerlei wunderbaren Speisen und Getränken, es muss nun auch noch jeden Gast nach seinem Zertifikat fragen und der an seinem Bein angebrachte Scanner zwickt und zwackt und das Tischtuch rutscht immer wieder darüber und stört.
Aber DAS ginge noch. Viel unangenehmer fand es, dass ihm unzufriedene Gäste hin und wieder ans Bein pissten.

König Christoph war schon alt und langsam wurde es Zeit, an seine Nachfolge zu denken. Er war gerade von Covid genesen und fühlte sich immer noch etwas schwach.
All seine drei Töchter waren gewillt, die nächste Königin zu werden, aber nur eine konnte es werden. So fragte er die drei jungen Frauen, was er ihnen wert sei.
Die Erste antwortete: „Vater, du bist mir so viel Wert wie alles Gold und Silber auf der ganzen Welt.“
Die Zweite sagte, er sei ihr mehr wert als die kostbarsten Diamanten und Edelsteine, die es gäbe.
„Vater, du bist mir so viel wert wie das Salz in meiner Suppe“, antwortete die dritte, jüngste Tochter und ihre Schwestern lauschten mit grossen Augen und lachten sie aus. Auch der König fand diese Antwort albern und seiner nicht würdig. Die jüngste Tochter erklärte, sie wolle es ihm zeigen und so ging sie in die Hofküche und bereitete dort eine Suppe ohne Salz zu, um sie ihrem Vater zum Abendbrot zu servieren. Er sollte so verstehen, was sie meinte.
Der König aber verstand nicht und verbannte sie wutentbrannt vom Hofe, ja gar vom Königreich.
(Sein Geschmackssinn kam erst ein paar Monate später wieder zurück, aber es war zu spät und die Tochter war nicht mehr auffindbar.)

Überresten

Taschen in allen Formen, Farben und Varianten… wir tragen sie mit uns herum. Manche sichtbar, manche in unserer Kleidung versteckt und wieder andere unsichtbar auf unseren Rücken geschnallt. Gefüllt mit allerlei Zeugs, manches selbst gewählt, manches aufgebrummt. Und es wird im Laufe der Jahre eher nicht weniger. Es sammelt sich an. Wir werden reicher an Jahren, reicher an Erfahrungen und auch reicher an Ballast, den wir mit uns herum tragen.

Ich verstehe ja immer nicht wie Frauen (Männer fühlen sich bitte bei Bedarf mitangesprochen, danke) mehrere Taschen besitzen können und je nach Outfit oder Lust und Laune jeden Tag eine andere mitnehmen, egal wohin sie auch gehen mögen. Mich würde es zu Tode stressen, dauern den ganzen Inhalt meiner Tasche hin und her zu bewegen und dabei trotzdem immer schön ALLES notwendige dabei zu haben. Und glaubt mit, IN MEINER TASCHE IST nur NOTWENDIGES ZEUGS. Schätze sozusagen.

Von Zeit zu Zeit kehre ich meine Tasche von innen nach aussen und leere alles mal auf den Tisch, um auszumisten. Da hats immer einiges drin, was weg kann. Papierchen, ein leeres Bonbon-Schächteli, 1-18 kaputte Kugelschreiber, 37 alte Einkaufszettel, Krümel, ein ausgelaufenes Parfum-Fläschchen usw.
Und als mein Kind noch ganz klein war, habe ich mal etwas Undefinierbares, Matschiges, Schwarzes zuunterst in meiner Tasche gefunden. Zum Glück in einem Plastiksäckli. Es stellte sich heraus, dass es die Überresten einer sehr, seeeehr alten Banane war… Seitdem mach ich solche Aufräum-Aktionen etwas öfter.

Ausmisten ist nichts schlechtes. Ich finde, übertreiben muss man es auch nicht, aber von Zeit zu Zeit mal durchzuwischen, das schadet auch nichts. Besonders in den hintersten, dunkeln Ecken. Nicht, dass da noch etwas vor sich hin modert und fault.
Nicht nur in unseren Handtaschen, sondern auch im unsichtbaren Rucksack auf unserem Rücken, denn wenn der zu schwer wird, drückt er überall. Uns runter, auf den Magen und aufs Gemüt.
Schlussendlich tragen wir alle vermutlich zuviel mit uns herum, machen uns zuviele Gedanken, halten uns an Dingen, Gedanken und Menschen fest, die uns belasten oder längst losgelassen haben. Das bringt nichts. Denkt an die Banane.
Es ist so befreiend, Altlasten zu entsorgen und Platz für Neues zu machen. Und auch Leere kann etwas Schönes sein.

Am Liebsten wäre mir ein Rucksack voller schöner Erinnerungen, Erfahrungen, vorwiegend positiver Gedanken und ganz viel Platz für neue, gute Erfahrungen… Dafür können wir selbst. sorgen, all der andere Ballast kommt irgendwie von ganz allein noch dazu. Auch das gehört zum Leben.


Die Rückseite des Lächelns

Ich habe heute ein sehr schönes Foto von einer hübschen Frau angeschaut und die Kommentare darunter gelesen. Da waren ganz viele Komplimente und einige haben geschrieben „tolles Foto, aber du guckst so nachdenklich“ oder „hübsche Frau, aber lächle doch mal“ usw.

Das kommt uns allen bekannt vor oder nicht? Bitte lächeln! Aber warum eigentlich? Natürlich ist es schön, in ein vor Glück strahlendes Gesicht zu gucken. Natürlich ist es schön, zu wissen, der Person, die einen da anlächelt, geht es gerade richtig gut.
Aber ist so ein Lächeln auch tatsächlich ein sicheres Zeichen für Glück? Und muss diese Person auch lächeln, wenn ihr gar nicht danach ist und sei es nur deswegen, dass es UNS dabei gut geht? Damit wir uns keine Gedanken machen müssen? Damit dieses Lächeln bei uns gute Gefühle auslöst? Damit wir nicht in die Situation kommen, nachfragen zu müssen, was denn los sei?

Ich finde nicht. Ich finde, wir sollten ganz dringend Fortschritte darin machen, alle Gefühle, die wir als Menschen so haben, als zu uns gehörig zu akzeptieren und sie weniger zu werten. Vermutlich würde es unserer psychischen Gesundheit wahnsinnig gut tun, wenn man wüsste, dass man nicht immer strahlen muss und dass das ganz normal ist. Wie viel Kraft kostet es Menschen wohl manchmal, zu lächeln, obwohl sie innerlich eine ganz andere Stimmung haben, nur damit andere kein Problem damit haben? Nur damit andere mit ihnen dann besser umgehen können? Nur um nicht negativ aufzufallen? Nur um zu gefallen?
Und wie schlimm ist das bitte??

Wenn wir nachdenklich sind, sehen wir Menschen manchmal traurig aus oder ernst. Nachdenklichkeit ist etwas Wunderbares, finde ich. Kommt wohl auf die Art der Gedanken an und wie bei allem auch aufs Mass. Was wären wir Menschen, wenn wir nicht mehr über Dinge, über einander und über uns selbst nachdenken würden?

Wir verehren komische Ideale, finde ich manchmal, nicht nur betreffend Schönheit. Ich persönlich finde Menschen eigentlich immer dann am Schönsten, wenn sie nicht mehr nur ihre Hülle sind, sondern wenn Gefühle sie überwältigen und ihr ganzes Inneres nach aussen stülpen, sei es Glück oder Trauer. Denn es ist Echtheit.

Gesundheit.

Gesundheit.
Vermutlich ist sie neben der Erde auf der wir wohnen, das höchste Gut, das wir besitzen. Und vermutlich ist sie ebenfalls neben der Erde, auf der wir wohnen, das was wir am meisten für selbstverständlich nehmen.
Bis wir es nicht mehr haben.

Das ist nicht abnormal. Es ist menschlich. Wir neigen dazu, das was wir haben, nicht mehr zu sehen bzw ganz schnell als selbstverständlich anzunehmen UND es dann nicht mehr zu sehen.

Um die Gesundheit dreht sich schon seit einer Weile irgendwie alles. Und irgendwie aber auch nicht. Denn die Gesundheit scheint mir da an zweiter oder dritter Stelle zu stehen, denn es geht um allerlei anderes. Vielleicht vor allen Dingen um Macht. Um Frustration. Um Gemeinschaft und Zusammenhalt. Um Freiheit. Um Geld. Manchmal um Leben und Tod. Und überhaupt.

Es geht ums Impfen oder ums Nicht-Impfen und um jeden selbst, aber auch um einander. Klar ist da jeder für sich selbst verantwortlich. Menschen, die sich nicht impfen lassen möchten wissen ja, dass sie möglicherweise an Corona erkranken und nicht viel davon spüren. Es besteht aber auch die Möglichkeit, an Corona zu erkranken und wenn es ganz schlimm kommt auf der Intensivstation behandelt werden zu müssen. Das wäre dann ein sogenannt schwerer Verlauf. Es besteht auch die Möglichkeit, selber einen leichten Verlauf zu haben, aber jemanden anzustecken, der dann leider schwer krank wird. Das ist das Risiko, das jeder selber trägt. Und ich hoffe, ich schreibe das hier neutral, denn ich habe nicht vor, da etwas zu werten. (Bei Geimpften minimiert sich dieses Risiko um ein Vielfaches, sie können aber auch erkranken.)
Wenn es vielen Menschen so ergeht, dass sie auf die Intensivstation müssen, besteht irgendwann die „Gefahr“, dass diesen nicht mehr genügend Kapazität (=Personal, Apparaturen, Räume, Betten) zur Verfügung stehen für alle Patient*innen, die diese benötigen würden. Das sind nicht nur Corona-Patienten, sondern zB Unfallopfer, Menschen, die medizinische Notfälle erleiden und auch nach Operationen kann es vorkommen, dass man auf die Intensiv muss zur Beobachtung oder für länger. Ich würde sagen, das ist dann auch der Grund, dass Operationen verschoben werden, denn bei Komplikationen würde das lebensgefährlich enden.

Meinem Bruder erging es ja vor vielen Jahren nach einem schweren Motorradunfall so. Er musste unter anderem am Gehirn operiert werden, um nicht zu sterben und lag danach für mehrere Wochen auf der Intensivstation im Inselspital Bern. Die Zeit vor der Operation war kritisch, die Operation war es ebenfalls und auch noch eine ganze Weile danach ging es noch um Leben und Tod. Er hat überlebt. Dank OP und der Versorgung auf der Intensivstation.
Als Angehörige habe ich es damals übrigens auch sehr geschätzt, dass das Personal dort nicht nur genügend Zeit für ihn, sondern auch für uns hatte, denn das war für uns alle eine aussergewöhnlich schreckliche Situation.

Ich glaube, wir Menschen blenden solche Sachen gerne aus. Wir denken, das könne einem selbst nicht passieren. Das passiert nur immer andern.
Die Möglichkeit, einen Autounfall zu haben und dabei schwer verletzt zu werden ist klein und doch passieren solche Unfälle jeden Tag und es trifft immer jemanden.
Die Möglichkeit, einen Hirnschlag zu haben, ist auch klein. Und doch passiert auch das täglich.
Die Möglichkeit, dass bei einer Operation Komplikationen entstehen, sind ebenfalls wohl eher klein und doch passiert es.
Es trifft immer jemanden, der wohl auch immer gedacht hat, ihm könne das nicht passieren.
In all diesen Fällen sind Menschen darauf angewiesen, dass ihnen schnell und professionell geholfen wird. Das bedeutet vieles, nicht nur dass ein leeres Spitalbett für ihn da ist. Ich glaube, es bedeutet ganz fest, dass das zuständige Personal zurechnungsfähig ist, nicht total übermüdet und dass es Zeit für ihn hat neben den andern Patienten, die auch versorgt werden müssen.

Uns Menschen interessiert sowas mehrheitlich erst, wenn es UNS oder uns nahestehende Personen betrifft. Erst dann ist Krebs ein Arschloch. Erst dann ist es wahnsinnig, wie diese Raser fahren. Erst dann ist diese Kreuzung zu gefährlich. Erst dann braucht es einen Radweg. Erst dann wird darüber geredet, ob es einen Zebrastreifen braucht. Erst dann schätzen wir die Arbeit des Gesundheitspersonals. Erst dann.

Ich habe bis jetzt nur über die körperliche Gesundheit gesprochen. Es gibt auch noch die psychische. Genau wie wir jederzeit körperlich an etwas erkranken können oder uns in einem Unfall oder Unglück verletzen können, können wir jederzeit psychisch erkranken. Viele denken, dass es dafür äussere Einwirkungen bräuchte, zB ein schlimmes Ereignis, ein Trauma oder eine schwierige Situation, aber das stimmt nicht. So wie wir alle Knochen haben, die brechen können, ein Herz, das einen Infarkt erleiden kann oder ein Gehirn, das krank werden kann, haben wir auch eine Psyche, die einfach so krank werden kann.

Es ist ein Glück, körperlich gesund zu sein. Und es ist noch das viel grössere Glück, psychisch gesund zu sein.
Ich habe jahrelang mit Menschen gearbeitet, die mit einer psychischen Erkrankung leben lernen müssen. Das ist schwierig. Psychisch kranke Menschen werden in unserer Gesellschaft sehr stigmatisiert. Anders als bei vielen körperlichen Erkrankungen ist eine psychische nicht sichtbar. Nicht fassbar. Schwierig zu verstehen.
Für psychisch kranke Menschen ist es schwierig, in unserer Gesellschaft zu funktionieren. Sie nehmen Dinge anders wahr als wir, haben Ängste, Zwänge, sind zT weniger belastbar (unserem Wertesytstem entsprechend meine ich). Sie benehmen sich manchmal anders, manchmal irritierend, manchmal auffällig, viele aber eigentlich so unauffällig, dass sie verschwinden.

Hat bisher auch niemanden interessiert, wenn man ehrlich ist.

Jetzt aber, in der letzten Zeit, wird die psychische Gesundheit aber zum Thema und das ist ja gut so. Ich finde es auch sehr verständlich, dass die Pandemie an vielen nicht spurlos vorbei gegangen ist. Psychisch. Es gibt Menschen, denen die Einschränkungen seelisch auf den Magen schlagen. Auch begreiflich, denn es ist eine Krise. Eine Situation, die wir nicht so gut einschätzen können, auch wenn wir das möchten. Viele Nachrichten, viele Meinungen, Einschränkungen, offenbar sehr viel Misstrauen und in der Zwischenzeit auch viel Aggression und Frustration.

Ich möchte darauf hinweisen, dass es aber auch sehr viele bereits psychisch kranke Menschen gibt. Schon vor der Pandemie gegeben hat. Das sind Menschen, die immer psychisch krank sind. Das ist nicht dasselbe wie wenn man eine Krise hat, denn diese geht vorüber.
Für viele von ihnen bedeutet die Bewältigung des Alltags bereits eine riesige Herausforderung, die Pandemie macht es noch schwieriger.

Nun interessieren sich ja Menschen für die psychische Gesundheit, denen das ganze Thema bis vor kurzem noch egal war. Und eigentlich sind die Gründe dafür ja egal, Hauptsache es wird zum Thema.
Aber ist es tatsächlich echtes Interesse, ehrliches Engagement? Oder sind es einfach Argumente gegen die Massnahmen? Parolen? Oder weil es sie nun plötzlich selber betrifft?
Ich weiss, dass die Massnahmen unschön sind. Wir möchten sie alle nicht haben und dennoch werden sie von einem Teil der Bevölkerung als möglichen Weg zum Ziel als sinnvoll angesehen. Andere fühlen sich eingeschränkt und es tut ihnen nicht so gut. Ich möchte aber dazu sagen, wenn es um psychische Gesundheit geht, höre ich von vielen Menschen mit einer psychischen Erkrankung, dass die Massnahmen für sie zwar schwierig sind, aber dass sie ihnen auch Sicherheit vermitteln.
Es gibt also auch da immer beide Seiten und wer auch immer sich für etwas einsetzt, tut es immer nur aus eigener Sicht und oft aus eigenem Interesse.

Sich um die psychische Gesundheit zu kümmern ist ja Prävention und ich steh ja total auf Prävention, egal wo. Also Probleme wenn möglich gar nicht entstehen zu lassen, statt sie danach mühsam lösen zu müssen. Das ist oft möglich.

Also finde ich es gut, dass wir im Strassenverkehr gewisse Regeln einhalten müssen, denn das vermindert die Anzahl der Verkehrsunfälle.
Ich verstehe es, dass wir beim Motorrad- und Fahrradfahren oder auch beim Reiten und Skifahren einen Helm anziehen sollen. Das vermindert die Gefahr von schweren Kopfverletzungen bei allfälligen Unfällen.
Ich reibe mich im Sommer mit Sonnencreme ein, damit ich keinen Sonnenbrand bekomme. Das verhindert Schmerzen und die Gefahr einer Hauterkrankungen.
Ich finde es gut, Kinder und Jugendliche ausreichend aufzuklären, um Übergriffe, Krankheiten und ungewollte Schwangerschaften zu vermeiden.
Ich finde es auch gut, Jugendliche aufzuklären betreffend Drogen und Rauschmittel, in der Hoffnung sie würden es lassen.
Ich finde es total sinnvoll, mir Gutes zu tun, mich auszuruhen, Freude zu erhöhen und Stress möglichst zu vermindern, das fördert meine Gesundheit, physisch wie auch psychisch.
Ich weiss, dass ich nicht gut schlafe, wenn ich abends noch Kaffee trinke, deswegen mach ich es nicht.
Ich kontrolliere bei meinem Auto regelmässig den Ölstand und tanke, wenn das Lämpchen leuchtet, sofort, weil ich nicht scharf auf eine Panne bin.
Ich gehe nur Mammographie, obwohl ich gesund bin, um Brustkrebs früh zu erkennen, würde er denn auftreten.
Ich kaufe dem Kind Winterschuhe, bevor der erste Schnee fällt.
Ich gehe mit den Meerschweinchen zum Arzt, wenn eines krank ist, bevor es plötzlich tot im Gehege liegt.
Ich nehme im Winter Vitamin-D-Tropfen, weil ich weiss, dass ich sonst zu einem Mangel neige und mich dann ganz furchtbar fühle.
Ich habe das Kind und mich gegen einige Krankheiten impfen lassen, um nicht daran zu erkranken.
Ich schaue auf dem Fahrplan, wann der Bus fährt, wenn ich eine Reise machen möchte.
Ich rufe vorher an, wenn ich jemanden besuchen möchte, damit der auch tatsächlich Zeit hat.
Ich schreibe vor dem Einkaufen eine Liste, damit ich nichts vergesse.

Prävention ist für mich Vorausdenken und erspart mir oft viel Ärger und Situationen, auf die ich keine Lust und Nerven habe.

Sorge zu sich selbst und aber auch zu einander zu tragen ist für mich auch Prävention, denn grad eine gute psychische Gesundheit ist ein guter Boden für alles andere, was darauf wachsen soll.
Lohnt sich.

Alles und ganz viel Glück unter einen Hut bringen

Ich habe in der letzten Zeit immer wieder Situationen erlebt, in denen ich mir Gedanken gemacht habe darüber, was es bedeutet, im Leben erfolgreich zu sein. Es geschafft zu haben, wie man so schön sagt.
Aber was ist dieses „ES“ denn eigentlich? Das grosse Glück, die grosse Liebe, Attraktivität, Gesundheit, Arbeit, Heirat, Kind, Haus, Boot, Reisen, Golf spielen, Freunde haben, Geld haben oder was eigentlich?

Ich bin unterschiedlichen Menschen begegnet, die bei mir diese Fragen ausgelöst haben. Aus meiner Sicht aus betrachtet, so perfekt und sorglos, fast ein bisschen glitzernd. Aber ist das alles das, was sie sich gewünscht hatten oder wünschen sie sich noch mehr oder gar anderes?
Manchmal sieht so ein Menschenleben von aussen so perfekt, so schön aus, aber ob der Mensch selbst das auch so empfindet, weiss man nicht.

Jedenfalls habe ich über mein Leben nachgedacht.
Und ich glaube, dass dieses Erfolgreich Sein bei jedem wohl etwas anderes sein kann. Und dass Begriffe wie Glück, Zufriedenheit, Erfolg, Geborgenheit und Liebe von Person zu Person unterschiedlich definiert und noch unterschiedlicher gefüllt werden. Je nach Situation, je nach Charakter und Möglichkeiten und ich glaube auch, je nachdem, was diese Person in der Vergangenheit erlebt hat.
Aus dem was uns fehlt, formt sich das was wir suchen und anstreben, würde ich sagen. Vielleicht.
Ich glaube, das Glück – was auch immer es ist – ist für ganz viele Menschen etwas weit Entferntes und nie Erreichtes und nur die ganz besonders Glücklichen realisieren, dass sie bereits davon umgeben und mittendrin sind.

Ich weiss aber nicht, ob das Glück und das Glücklich Sein dasselbe ist wie im Leben etwas erreicht zu haben. Bestimmt nicht für alle. In unserer Gesellschaft hat „erfolgreich sein“ ja auch ganz viel mit materiellen Dingen zu tun. Damit, diese Dinge für sich zu geniessen, aber auch damit, andern zu zeigen, dass man diese Dinge hat. Das gibt einem ein gutes Gefühl. Aber auch damit, dass materieller Reichtum uns ganz, ganz viel Sicherheit und Unbeschwertheit vermitteln kann.
Und doch sagt man, Geld allein mache auch nicht glücklich.
Aber was denn noch? Liebe? Geborgenheit? Freiheit? Sorglosigkeit?
All diese Begriffe bedeuten für jede etwas anderes.
Für den einen bedeutet Glück, eine Familie zu haben, für den andern bedeutet es, gesund zu sein und für wieder einen andern ist es das grosse Glück, in der Welt herum zu reisen und ein anderer sieht sein grosses Glück im erfolgreich sein im Job.
Für die eine bedeutet Geborgenheit, sich in ihrer Wohnung sicher und wohl zu fühlen, für jemand anderer bedeutet es, zu jemandem zu gehören, sich geliebt zu fühlen.
Dasselbe mit Sicherheit. Wir können nahestehende Menschen als Sicherheit empfinden, Geld oder was auch immer. Wir hier haben bestimmt eine ganz andere Definition von Sicherheit, verglichen mit zB einer Frau in Afghanistan, die Angst haben muss, getötet zu werden, wenn sie ihr Haus verlässt oder auch wenn sie es nicht verlässt.
Und ich glaube, fast noch unterschiedlicher ist es mit der Liebe. Wir lieben aus unterschiedlichen Gründen und Bedürfnissen heraus genau die Person, die wir lieben. Und auch wenn wir nicht lieben, hat das seine Gründe. ZB kann Sicherheit ein Grund zum Lieben, aber auch zum Alleine bleiben sein, je nachdem welche Erfahrungen man gemacht hat. Liebe ist sehr vielschichtig.

So habe ich mich vor einiger Zeit mit einer alten Freundin seit langem wieder getroffen und unterhalten und das war sehr spannend. Sie führt seit ein paar Jahren ein Leben, das kann man sich als „normaler Mensch“ kaum vorstellen. Sie hat alles, was ich nicht habe, wenn man das so pauschal sagen kann und ich habe alles, was sie nicht hat. Ich hatte im Gespräch ganz unterschiedliche Gedanken und Gefühle und eines davon war, dass ich ihr ihr Glück (ich hoffe dass es das ist) von Herzen gönne. Zum andern habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr so mag von mir erzählen, weil neben ihren Erzählungen mein Leben sehr erbärmlich ausgesehen hat. Aber das ist okay, ich fand es interessant zuzuhören und zu staunen.

Nach diesem Nachmittag bin ich nach Hause gefahren und habe mir echt viele Gedanken gemacht. Ich hatte ganz fest das Gefühl, dass sie genau das gefunden hat, erreicht hat, was sie sich total gewünscht hat immer. Um ehrlich zu sein, habe ich mir auch überlegt, ob ich neidisch bin. Und gemerkt, dass ich es nicht bin. Das was sie hat, macht sie sehr happy. Mich würde es wohl entlasten und mir viele, viele Sorgen und Gedanken nehmen, aber MEIN Leben wäre das nicht.
Und so habe ich in diesen Gedanken realisiert, dass ich glücklich bin mit meinem Leben. Ja, wirklich. Glücklich. Dass ich andern ihr Glück und ihr Leben gönnen kann und ich meines mit allem drum und dran liebe. Ich glaube, das war meine persönliche Erkenntnis dieses Jahres. Ich finde es gut so wie es ist und ich liebe es.
Es ist zuweilen etwas anstrengend, zugegeben. Ich muss meine Energie immer wieder sehr gut einteilen und komme trotzdem immer mal wieder an meine Grenzen auf ganz verschiedenen Ebenen. Ich weiss, dass das noch ein paar Jahre so sein wird und in die Ferien fahren irgendwohin nicht in Frage kommen wird. Es ist wie es ist. Und man hat was man hat. Nicht mehr und auch nicht weniger. Auch zuhause kann ich mir kleine Oasen schaffen.
Und es gibt auch Momente, da fühle ich mich allein, obwohl ich so ziemlich gar nie allein bin. Diese Momente hatte ich früher öfter, jetzt nur noch ganz selten. Vermutlich dann, wenn ich nur noch wenig Kraft habe und mir wünschte, mir würde jemand beim Tragen helfen.

Ich habe mich grad diese Woche mit einer Frau unterhalten, die vor Jahren ihre vier Kinder, eins davon mit einer Einschränkung, allein aufgezogen hat. Sie hat gesagt, dass sie dieses Allein-Gefühl sehr ausgeprägt hatte und das während der ganzen Zeit sehr schwer gefunden hat. Ich kann das gut nachvollziehen, obwohl es mir nicht ganz so geht. Aber den Gedanken „es gibt auf dieser Welt niemanden (ausser mein Kind natürlich, aber das ist etwas anderes), der mich liebt“, den kenne ich auch. Ich mag ihn nicht. Aus diesem Grund vermeide ich ihn so gut es geht. Klappt ganz gut.

Es wird immer wieder Momente geben, in denen ich mich in Gesellschaft irgendwie als Aussenseiterin fühle. Ich muss das nicht, ich weiss, aber manchmal ist es halt trotzdem so.
So habe ich vor ein paar Wochen in einem Gremium an einer Sitzung teilgenommen, wo jede und jeder sich zuerst mal vorgestellt hat. Dabei haben sie auch ihren Partner bzw. ihre Partnerin erwähnt und ich war da die einzige Alleinerziehende und Alleinstehende. Ich bin mir blöd vorgekommen und ich habe mich geschämt in diesem Moment. Weil ich in diesem Moment dachte, dass ich so ziemlich alles, was ich in meinem Leben erreicht hatte bisher, verloren habe. Die andern sind daran nicht schuld, diese Gedanken werden in mir selbst ausgelöst durch die Auseinandersetzung mit mir und meiner neuen Rolle zuhause und auch in der Gesellschaft. Mit der zuhause habe ich mich gut arrangiert. Mit der in der Gesellschaft noch nicht so ganz, denn das ist schon schwieriger. Man ist als Alleinerziehende wohl sehr damit beschäftigt zu funktionieren, zu arbeiten, zu haushalten, zu erziehen, Geld zu verdienen, möglichst flexibel zu sein, dass man keine Zeit dafür hat, sich für sich und andere Alleinerziehende stark zu machen. Deswegen ist man mit seinen Themen allein, obwohl es so viele Alleinerziehende gibt. Aber das sind wieder andere Themen.

Ich glaube jedenfalls, dass es notwendig ist, sich diese Gedanken zu machen Die Gedanken, was uns glücklich macht und was wir im Leben erreichen und leben möchten, denn die Zeit läuft und läuft und kommt nie mehr zurück. Es ist gut, auf dem Weg zu sein und ein Ziel im Auge zu haben…
Und das ganz persönliche kleine oder grosse Glück im Alltag zu sehen und zu geniessen. Ich probiere das auch. Es gelingt manchmal schon ganz gut.









Die 10 Gebote

1. Coffee first.

2. Lass das Glück hinein, wenn es dir begegnet.

3. See the heart in everything.

4. Es dreht sich nicht alles nur um dich. Es gibt noch mehr als 7,7 Milliarden andere Menschen auf der Erde.

5. Immer den Ball flach halten.

6. Geniess deine Zeit hier.

7. Be gentle.

8. Fokussiere dich auf das Positive, auf Ressourcen und Fähigkeiten und auf das, was gut klappt.

9. Wer auch immer du sein möchtest oder könntest, bleibe einfach dich selbst.

10. Sei dir bewusst, dass du vieles glaubst und vieles meinst, aber doch recht wenig wirklich weisst.

An wen wir geraten, wenn wir in Not sind

Seit vielen Jahren bin ich in der Betreuung tätig. In der Betreuung von Menschen, die darauf angewiesen sind, dass jemand diese Aufgabe sorgfältig und kompetent ausübt, sie in ihren Anliegen und Bedürfnissen ernst nimmt und sie wenn nötig gegen aussen vertritt, begleitet und gegebenenfalls Dinge für sie übernimmt. Es gibt da ja ganz unterschiedliche Tätigkeitsfelder, unterschiedliches Klientel und auch da unterscheidet sich jeder und jede wieder vom andern. Aus diesem Grund (unter anderem) ist mein Beruf aus meiner Sicht besonders interessant, abwechslungsreich und spannend und manchmal auch besonders anstrengend, wenn ich ehrlich bin.
Egal, wo man arbeitet als Sozialpädagogin, sei es mit Kindern oder Jugendlichen, Menschen mit Suchtproblemen, im Strafvollzug, mit unterschiedlichen und unterschiedlich starken Einschränkungen, mit Frauen, mit Männern, mit Asylanten und Asylantinnen, mit Menschen mit psychischen oder körperlichen Erkrankungen, mit Opfern, mit Täterinnen oder Tätern usw und egal ob in Schulen, Beratungsstellen, Institutionen, man hat immer mit Menschen zu tun, die diese Unterstützung brauchen, um zurecht zu kommen. Mit Menschen, die, wenn man es so sagen kann, nicht nur auf diese Dienstleistung angewiesen, sondern sogar auch abhängig davon sind. Nicht selten für eine längere Zeit oder für immer.

Etwas, was ich dazu sagen möchte ist, dass es absolut jedem passieren kann, in eine hilfesuchende oder hilfebrauchende Situation zu kommen. Das kann ebenfalls für eine Phase sein, das kann aber auch für länger oder immer sein. Etwas, das unser Leben nachhaltig verändert, kann so schnell passieren. Manchmal von einer Sekunde auf die andere.
Vielleicht kann sich das nicht jeder und jede vorstellen, aber es ist tatsächlich so. ZB ist es uns allen jederzeit möglich an Körper, Psyche oder gar beiden zu erkranken. Dabei gibt es unendlich viele Möglichkeiten, einige wie bereits geschrieben, vorübergehend und heilbar, andere leider nicht. Jeder von uns kann jederzeit einen Unfall erleiden mit schwerwiegenderen Folgen. Eine Gewalttat, ein Übergriff, ein Schicksalsschlag. Jeder von uns kann in eine persönliche Krise kommen, sei es durch eine Veränderung bei der Arbeit oder durch deren Verlust oder durch eine andere schwierige private Situation, ein Todesfall, eine Trennung, irgendwas. Oder in eine Situation, die wir einfach momentan schwierig finden, zB in der Erziehung, ein Suchtproblem, in der Beziehung, finanziell usw. Es gibt viele Szenarien und längst nicht alle betreffen uns direkt und können uns und unser Wohlbefinden dennoch stark tangieren.
Meistens sind solche Situationen vorübergehend und wir haben die persönlichen Fähigkeiten und Ressourcen, uns selbst wieder aufzufangen. Das sind sogenannte Krisen. Sie gehen vorüber, je nach Situation und auch je nach persönlichen Ressourcen schneller oder langsamer. Mit oder ohne Unterstützung von aussen. Und da hat man zB die Möglichkeit aus einem sehr vielfältigen Spektrum an unterstützenden Massnahmen, von Beratungen und unterschiedlichen Therapie- und Betreuungsmöglichkeiten zu wählen. Jede mit dem Ziel, möglichst 100%iges Wohl, Gesundheit und Selbständigkeit wieder zu erlangen.

Vor drei Jahren habe ich es erlebt, dass ich eine für mich recht schwierige persönliche Phase durchlebt habe, in der sich mein gesamtes Leben auf den Kopf gestellt hat. Es war nur eine Phase und ich habe mich in dieser während einer kurzen Zeit in der hilfesuchenden Position erlebt. Ich habe dabei unterschiedliche Erfahrungen gemacht und ganz viele davon sind sehr positiv und ich finde, so sollte es sein.
Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass es gar nicht so einfach ist, für eine Beratung an die richtige Stelle bzw an die richtige Person zu geraten, was ich als sehr schwierig empfunden habe in dieser Situation. Ich habe in dieser Hinsicht Gutes, aber auch Grottenschlechtes erlebt von Institutionen, die sich soziale Institutionen nennen.
Jedenfalls ist es doch so, wenn man sich ein Bein bricht, dann braucht man einen Gehstock, der uns stützt und hält oder zumindest mal einen Holzstock, einen Stuhl zum hinsetzen, einen Verband oder irgendwas, was uns für den Moment grad weiterhilft. Eine Beratungsperson, die einem sagt, dass die Schmerzen im gebrochenen Bein nicht so schlimm seien oder uns droht, wenn man nicht normal weiter geht, das Bein zu amputieren und das andere auch noch dazu, das ist kontraproduktiv und weder hilfreich noch die passende Lösung.
Es ist bei andern, nicht für jeden sichtbaren Problemen nicht anders.

Aber ich weiss, auch die, die da in beratenden Positionen sind, sind Menschen, mit ihren eigenen Rucksäcken auf dem Rücken und Launen, Situationen und mehr oder weniger Lust auf diesen Job. Und auch mehr oder weniger geeignet vermutlich. Normal. Nur dürfte das der Klient oder die Klientin nicht mal merken, sondern sie sollte jederzeit kompetent und wertfrei beraten werden.
Offenbar ist das nicht selbstverständlich. Ich war da kein Einzelfall. Im Gespräch mit so einigen Menschen in ähnlichen und ganz andern Situationen habe ich erfahren, dass auch sie es nicht anders erlebt haben.

Das möchte ich nicht.
Ich möchte nicht, dass Menschen in Not so behandelt werden!

Ich möchte gerne, dass hilfesuchende Menschen an Menschen geraten, die auch tatsächlich hilfreich sind. Ich meine da eigentlich auch jetzt nicht einfach andere Mitmenschen, Nachbarn, Freunde oder irgendwen, sondern Personen in sogenannt helfenden Berufen. Also, dass wenn man sich an eine Beratungsstelle wendet, egal welche und wo, dass einem weitergeholfen wird und wenn das nicht möglich ist, dass einem gesagt wird, an wen man sich wenden kann und vor allen Dingen, dass man dort einfach ernst genommen und wertschätzend behandelt wird.

Es ist ja irgendwie mein inneres Ziel, dass ich etwas verändern kann irgendwann und irgendwo. Das war es schon vorher, aber nun auf diese Erfahrung zurückblickend, erst recht. Mir ist es wirklich ein Anliegen, dass Menschen ernst genommen werden und dass niemand ausgeschlossen wird oder Angst hat, ausgeschlossen zu werden, egal warum. Und halt wie gesagt, dass hilfesuchende Menschen oder auch Menschen, denen es nicht mal mehr möglich ist, überhaupt Hilfe anzufordern, nicht an andere Menschen geraten, die mit ihrem Verhalten da etwas schlimmer machen als es eh schon ist. Es ist nämlich dabei nicht zu vergessen, dass es Mut und ganz schön viel Überwindung kostet, über sowas zu sprechen, zu weinen, sich zu öffnen. In diesen Situationen ist man manchmal nicht mehr ganz sich selbst, ist sehr emotional, durcheinander, besorgt oder / und geschwächt.
Statt Krisen als zum Leben gehörend zu akzeptieren, werden sie auch heute noch als Schwäche, „etwas stimmt mit dir nicht“ und „MIR könnte das ja nie passieren“ angesehen.

Ich habe vor kurzem in einer Gruppe von Menschen von einem Anliegen erzählt, das von andern an mich herangetragen wurde. Jemand in der Gruppe hat darauf geantwortet, SIE habe das nie so erlebt und damit war das Thema dann auch von Tisch. Ich habe mich später über mich selbst geärgert, dass ich nicht reagieren konnte, denn wenn auch mich etwas kein Thema ist, heisst es noch lange nicht, dass es das für andere nicht ist.
Mir geht es immer wieder so auf den Sack, dass es Menschen gibt, die etwas selbst erlebt haben müssen und zwar genau 1:1 (was ja sowieso gar nicht möglich ist), um zu verstehen, um empathisch zu sein. Ich finde es einfach schwierig, das zu verstehen und ich sehe bei mir, dass ich nicht alles erlebt haben muss, um mir vorstellen zu können, dass das schlimm ist. Oder halt zumindest dass ich die Haltung habe, wenn die andere Person das als schwierig empfindet, dann ist es das, wenn auch nur für sie.
Ich finde, die Haltung „es betrifft mich nicht, also ist es nicht“ widerspiegelt sooooo die Zeit in der wir leben, die Situation, in der wir leben.

Man kann sich ja nicht um alle und um alles kümmern und auch nicht für alles interessieren. Mich interessiert vieles und ganz besonders interessieren mich Frauen (Männer auch), die in der Situation der Trennung sind.
Meine Erfahrungen in der Auflösung meiner Ehe waren betr. Hilfestellungen und Perspektiven-Schaffung bzw in der Unterstützung darin wirklich etwas durchzogen und das ist genau das, was jemand in dieser Situation nicht braucht. Neben all den Gefühlen, der Trauer, der Enttäuschung, dem Liebeskummer ist man meistens dann als Frau noch in einer existentiell sehr schwierigen Situation. Und nicht nur das. Man hat ja noch Kinder an der Hand, die ebenfalls unterschiedlich reagieren. Man hat also kein Boden mehr unter den Füsse für einige Zeit und gibt trotzdem den Kindern Boden und Halt. Im besten Fall hält man seine Gefühle, seine Tränen und Wut in sich gefangen oder lässt sie nur raus, wenn die Kinder nicht da sind. Was für eine grosse Leistung ist das denn bitte?

Es ist meine Vision, Frauen in dieser Situation zu unterstützen. Mit meinem beruflichen Wissen und meiner persönlichen Erfahrung. Ihnen den oben genannten Gehstock oder einen Schemel zum sich mal ausruhen zu reichen, ihnen zu sagen, an wen sie sich wenden können für die verschiedenen Dinge, die geklärt werden müssen und an wen, um eine hilfreiche Beratung zu bekommen. Einfach zu unterstützen, damit diese Situation nicht aussichtslos wird, dass das Ende des Tunnels näher und heller wird und nicht wie es leider manchmal ist, entfernter und zugenagelt.

Vielleicht mach ich das irgendwann. Ich weiss nicht wo, ich weiss nicht wie und auch nicht wann.