1899 — Josefina


Josefina wurde im Frühling 1879 geboren, irgendwo zwischen grünen Hügeln und Bergen auf einem kleinen Bauernhof in der Zentralschweiz.

Ihre Mutter sagte später oft, sie sei während eines Gewitters zur Welt gekommen. Draussen habe der Regen gegen die Fenster geschlagen, während drinnen das Feuer im Ofen knisterte und eine Hebamme mit roten Händen und müden Augen half, das Kind auf die Welt zu bringen. Josefina war das erste Kind, ihr sollten noch elf Schwestern und Brüder folgen.

Jetzt schreiben wir das Jahr 1899. Josefina ist 20 Jahre alt, ihr Leben besteht aus Arbeit. Josefina wohnt noch bei ihrer Familie auf dem Bauernhof und hilft im Haus und auf dem Hof mit.
Die Tage beginnen frühmorgens. Sehr früh, oft noch bevor der Himmel hell wurde. Im Winter ist die Küche um diese Zeit noch dunkel und kalt, wenn sie aufsteht und gleich als erstes Holz nachlegt. Sie zieht sich hastig an, bindet die Haare hoch und geht zuerst in den Stall.

Der Atem der Kühe steigt warm in die kalte Morgenluft. Manchmal bleibt sie einen kleinen Moment stehen und lauscht einfach der Ruhe dort drin. Dem Scharren von Hufen, dem Rascheln von Stroh.

Dies sind für sie oft die einzigen stillen Minuten des Tages. Denn jeden Tag wartet viel Arbeit auf die junge Frau.
Wasser holen. Milch sieben. Brot schneiden. Waschen. Kochen. Nähen. Gemüse rüsten. Helfen auf dem Feld. Im Sommer Heu wenden, bis die Arme schmerzen. Im Herbst Kartoffeln ernten. Im Winter flicken und stopfen bei schwachem Licht.

Ihre Hände sehen viel älter aus als sie selbst. Rau. Rissig. Rot vom kalten Wasser.
Aber Josefina beklagt sich selten. Die meisten Frauen tun das nicht. Arbeit gehört zum Leben wie der Regen oder die Jahreszeiten und sie kennen es nicht anders.

Manchmal geht Josefina sonntags mit ihrer Familie in die Kirche. Dann trägt sie ihr einziges schönes Kleid, dunkelblau mit kleinen Knöpfen vorne. Danach stehen die Leute vor der Kirche zusammen, reden über das Wetter, Tiere, Krankheiten und Todesfälle und Hochzeiten.
Währenddem steht Josefina mit ihren Schwestern und andern Mädchen aus dem Dorf zusammen, sie kichern und flüstern leise über die jungen Männer, die ein Stück weiter weg auch im Kreis stehen und auch in ihre Richtung schielen. Albert, der Sohn des Totengräbers gefällt ihr schon seit sie Kindern waren und sie glaubt, ihm gehe es genau gleich. Aber was weiss man schon…

Mit zwanzig gilt Josefina tatsächlich langsam als „im heiratsfähigen Alter“ und ihre Eltern machen sich Gedanken um ihre Zukunft. Ihre Mutter erwähnt manchmal Namen von jungen Männern aus den Nachbardörfern. Söhne von Familien, mit denen ihre Familie seit Jahren bekannt ist. Bauernsöhne, ein Wagner, der Sohn des Schmiedes.

Josefina nickt dann meistens nur. Nicht weil sie trotzig ist, das würde sie nicht wagen, sondern weil es da etwas in ihr gibt, das sie selbst nicht ganz erklären kann. Eine Sehnsucht, die weniger diese jungen Männer betrifft…
Manchmal sitzt sie abends am kleinen Fenster unter dem Dach, stopft die Socken ihrer zahlreichen Geschwister oder strickt und schaut hinaus in die Dunkelheit. Weit hinten sieht man einzelne Lichter von anderen Höfen, die in die Nacht hinaus leuchten.

In solchen Momenten stellt sie sich manchmal vor, wie die Welt wohl ausserhalb ihres Dorfes aussieht.
In Luzern ist sie schon einmal gewesen. Das ist eine beschwerliche Reise, aber doch machbar. In ihrem Dorf gibt es keine Eisenbahn, also reiste sie mit ihren Eltern zusammen mit dem Pferdewagen zuerst 10 km zum nächstgelegenen Bahnhof. Schon allein diese Fahrt dauerte etwa zwei Stunden.
Dort angekommen, mussten sie zuerst das Pferd mitsamt Wagen in eines der Gasthäuser am Bahnhof bringen, wo beides zeitweise untergebracht werden kann. Dort wurde das brave Pferd abgespannt und in einen Stall gebracht, bekam Wasser und Heu und blieb dort, bis Josefina und ihre Eltern abends zurückkehren werden.
Die Fahrt mit der Eisenbahn dauerte je nach Wetter etwa 45-60 Minuten. Die Reisenden sassen auf einfachen Holzbänken in den Wagons, zwischen Tieren, Milchkannen, Körben mit Waren und natürlich ganz vielen anderen Passagieren.
In Luzern, wenn man aus dem prächtigen Bahnhofs-Tor kam, das wie ein riesiger Bogen aussieht, hatte man eine wunderbare Sicht auf den Vierwaldstättersee und den Pilatus. Über die Kapellbrücke gelangte man über die Reuss, in die Altstadt.
Josefina staunte über all das… eine komplett neue Welt! Viele Menschen. Viele davon vornehm gekleidet, die Damen in teuern Kleidern und schönen, bunten Hüten, die Männer in dunklen Gehröcken aus edlen Stoffen.
Viele Pferdekutschen, viele Velocipeds, die man bei ihnen auf dem Land noch kaum sah und tatsächlich vereinzelte Automobile.
So ein Ausflug ist für junge Menschen wie Josefina ein Abenteuer, aber auch für die Eltern eine Abwechslung, für die sich nicht so oft Gelegenheit bietet!

In ihrem stillen Dachzimmer denkt Josefina an Orte, von denen sie zwar gehört hatte, an denen sie jedoch noch nie war.
Zürich zum Beispiel, eine Stadt, viel grösser und vornehmer als Luzern.
Sie hat von Paris gehört, dem Eiffelturm, der vor etwa 10 Jahren gebaut worden war. Wie gerne sie ihn sehen würde und vielleicht sogar das Meer.

Josefina hat ein paar Jahre lang die Schule besucht. Einfach immer dann, wenn sie nicht beim Heuen, bei der Ernte, im Stall oder im Haus mithelfen musste. Sie ist gern zur Schule gegangen und war und ist sehr wissbegierig.
Einmal hatte ein Lehrer im Dorf erzählt, dass Frauen in manchen Ländern und Städten Bücher schrieben oder sogar studierten. Josefina hatte tagelang daran denken müssen und auch heute noch manchmal. Nicht, weil sie unbedingt berühmt werden will, sondern weil sie wissen will, wie gross die Welt wirklich ist und welche Möglichkeiten es für sie noch geben könnte.

Aber sie wusste auch, solche Gedanken behält man besser für sich, denn die Eltern würden mit ihr schimpfen, wüssten sie von diesen – wie sie es nannten – Hirngespinsten. Es ist klar, dass Josefina schon in zwei, drei Jahren heiraten und Kinder bekommen würde.

Also steht sie am nächsten Morgen wieder, wie gewohnt, früh auf, zieht die Schürze an und macht weiter.

Trotzdem bleibt tief in ihr dieses kleine, leise Gefühl, dass irgendwo noch ein anderes Leben existieren könnte. Eines, in dem Frauen nicht nur funktionieren mussten, sondern auch träumen durften und vieles erreichen und leisten konnten.

Davon träumt Josefina ein Leben lang und später in ihrem Leben las sie Bücher darüber und freute sich über aussergewöhnliche Frauengschichten. Über Frauen, die genau das gemacht haben, wovon SIE immer nur geträumt hat – und noch viel, viel mehr…

Josefina hatte ein gutes Leben. Sie hat übrigens nicht Albert geheiratet, sondern Heiri, ein Bauernsohn aus dem benachbarten Dorf. Sie war glücklich mit ihm, bewirtschaftete einen grossen Garten und ein auch einen grossen Haushalt. Sie hat 10 Kinder geboren, zwei davon tot. Sie bekam 17 Grosskinder und hatte sogar das Glück, noch vier Urgrosskinder zu erleben.
Sie reiste mit zwei ihrer Töchter tatsächlich nach Paris, um den Eiffelturm und die Mona Lisa zu sehen.
1970 ist Josefina im Alter von 91 Jahren gestorben…

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.