
Manchmal finde ich Namen, die mich gwunderig machen und dann fange ich an zu lesen. Ganz oft führen sie mich in eine andere Zeit und ich erfahren mega spannende Lebensgeschichten. Berührend gerade auch oft deswegen, weil diese Lebensgeschichten zu der Zeit, in der sie spielten, total fortschrittlich, aussergewöhnlich und sehr beeindruckend waren.
Und diese Geschichten teile ich dann hier gerne mit euch, in der Hoffnung, dass ihr sie auch spannend findet. So ging es mir definitiv auch mit Angélique Marguerite Le Boursier du Coudray.
Geboren wurde sie um das Jahr 1712 in Frankreich. Eine Zeit, in der das Leben von Frauen oft eng begrenzt war und gerade in der Geburt gleichzeitig etwas Alltägliches und etwas Gefährliches war. Viele Frauen starben bei der Geburt, viele Kinder überlebten ihre ersten Tage nicht. Wissen darüber, wie man eine Geburt sicher begleitet, war rar, oft mündlich überliefert und oft von Unsicherheit geprägt.
Die Frau, über die wir hier lesen, hat dies verändert.
Angélique Marguerite Le Boursier du Coudray wurde Hebamme. Aber nicht einfach nur eine von vielen. Sie wurde eine, der die Missstände und Schwierigkeiten bewusst waren und die etwas daran ändern wollte.
Ich stelle mir vor, wie sie die damaligen Gegebenheiten beobachtet und analysiert hat und wie sie gesehen hat, was schiefging. Wie sie gespürt und auch gesehen hat, dass es nicht nur um einzelne Schicksale geht, sondern um viele. Und auch um fehlendes Wissen und Sicherheit, die nicht vorhanden war.
Sie hat es sich zum Ziel gesetzt, genau daran etwas zu ändern.
Im 18. Jahrhundert begann sie, durch Frankreich zu reisen. Ihr Ziel war es, Frauen und auch Männer auszubilden, um Geburten sicher zu begleiten und dadurch auch das Leben von Müttern und ihren Säuglingen zu retten.
Sie entwickelte dafür etwas ganz Besonderes: ein Lehrmodell, eine Art Übungspuppe aus Stoff, mit der man Geburten üben konnte. Heute wirkt das vielleicht selbstverständlich. Aber damals war das revolutionär! Etwas total Neues.

Ein Modell, das man anfassen konnte, verstehen konnte und an dem man üben konnte.
Schon toll, oder? Da war eine Frau, die nicht nur Wissen hatte, sondern einen Weg suchte, es auch für andere zugänglich zu machen. Greifbar und verständlich und das für Menschen, die vielleicht nie lesen gelernt hatten und die sehr angewiesen waren auf praktische Erfahrung.
Angélique hat Tausende ausgebildet. Wirklich Tausende, das ist nicht übertrieben.
Und irgendwo in all diesen Momenten – in kleinen Dörfern, in einfachen Räumen, vielleicht bei Kerzenlicht – wurde das Leben von gebärenden Frauen und ihren Kindern ein sicherer.
Was ich besonders bewundernswert finde, ist nicht nur das, was sie getan hat, sondern auch wie. Mit einer Selbstverständlichkeit und Klarheit, die zu dieser Zeit alles andere als „normal“ war.
Sie hat nicht darauf gewartet, dass sich das System verändert oder bis jemand anderer etwas in Bewegung setzen würde. Sie ist selbst losgegangen und hat das in ihre Hände genommen und das war durchaus wichtig, auch bis heute.
Dass Veränderung nicht immer gross beginnen muss, das wissen wir ja. Oftmals beginnt sie damit, dass jemand hinschaut und den Mut hat, Mängel zu benennen, Verbesserungsvorschläge zu machen und es dann auch anzupacken.
Wenn ich an Angélique Marguerite Le Boursier du Coudray denke, sehe ich keine historische Figur, die vor langer, langer Zeit gelebt hat.Ich sehe auch eine Frau, die verstanden hat, dass Wissen Leben verändern kann. Und dass das Teilen dieses Wissens vielleicht damals das Mutigste war, was man tun konnte… Ich bin mir nicht sicher, ob alle dieses Wissen so notwendig gefunden haben, in einer Welt, in der Frauen nicht so viel Raum und Wichtigkeit zugestanden wurde.
Wo in unserem Leben tragen wir Wissen in uns, das jemand anderes brauchen könnte?
Vielleicht ist genau dort ein Anfang.
Ich habe ja mal gelesen, dass jede:r etwas weiss, was andere nicht wissen…


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