Alles und ganz viel Glück unter einen Hut bringen

Ich habe in der letzten Zeit immer wieder Situationen erlebt, in denen ich mir Gedanken gemacht habe darüber, was es bedeutet, im Leben erfolgreich zu sein. Es geschafft zu haben, wie man so schön sagt.
Aber was ist dieses „ES“ denn eigentlich? Das grosse Glück, die grosse Liebe, Attraktivität, Gesundheit, Arbeit, Heirat, Kind, Haus, Boot, Reisen, Golf spielen, Freunde haben, Geld haben oder was eigentlich?

Ich bin unterschiedlichen Menschen begegnet, die bei mir diese Fragen ausgelöst haben. Aus meiner Sicht aus betrachtet, so perfekt und sorglos, fast ein bisschen glitzernd. Aber ist das alles das, was sie sich gewünscht hatten oder wünschen sie sich noch mehr oder gar anderes?
Manchmal sieht so ein Menschenleben von aussen so perfekt, so schön aus, aber ob der Mensch selbst das auch so empfindet, weiss man nicht.

Jedenfalls habe ich über mein Leben nachgedacht.
Und ich glaube, dass dieses Erfolgreich Sein bei jedem wohl etwas anderes sein kann. Und dass Begriffe wie Glück, Zufriedenheit, Erfolg, Geborgenheit und Liebe von Person zu Person unterschiedlich definiert und noch unterschiedlicher gefüllt werden. Je nach Situation, je nach Charakter und Möglichkeiten und ich glaube auch, je nachdem, was diese Person in der Vergangenheit erlebt hat.
Aus dem was uns fehlt, formt sich das was wir suchen und anstreben, würde ich sagen. Vielleicht.
Ich glaube, das Glück – was auch immer es ist – ist für ganz viele Menschen etwas weit Entferntes und nie Erreichtes und nur die ganz besonders Glücklichen realisieren, dass sie bereits davon umgeben und mittendrin sind.

Ich weiss aber nicht, ob das Glück und das Glücklich Sein dasselbe ist wie im Leben etwas erreicht zu haben. Bestimmt nicht für alle. In unserer Gesellschaft hat „erfolgreich sein“ ja auch ganz viel mit materiellen Dingen zu tun. Damit, diese Dinge für sich zu geniessen, aber auch damit, andern zu zeigen, dass man diese Dinge hat. Das gibt einem ein gutes Gefühl. Aber auch damit, dass materieller Reichtum uns ganz, ganz viel Sicherheit und Unbeschwertheit vermitteln kann.
Und doch sagt man, Geld allein mache auch nicht glücklich.
Aber was denn noch? Liebe? Geborgenheit? Freiheit? Sorglosigkeit?
All diese Begriffe bedeuten für jede etwas anderes.
Für den einen bedeutet Glück, eine Familie zu haben, für den andern bedeutet es, gesund zu sein und für wieder einen andern ist es das grosse Glück, in der Welt herum zu reisen und ein anderer sieht sein grosses Glück im erfolgreich sein im Job.
Für die eine bedeutet Geborgenheit, sich in ihrer Wohnung sicher und wohl zu fühlen, für jemand anderer bedeutet es, zu jemandem zu gehören, sich geliebt zu fühlen.
Dasselbe mit Sicherheit. Wir können nahestehende Menschen als Sicherheit empfinden, Geld oder was auch immer. Wir hier haben bestimmt eine ganz andere Definition von Sicherheit, verglichen mit zB einer Frau in Afghanistan, die Angst haben muss, getötet zu werden, wenn sie ihr Haus verlässt oder auch wenn sie es nicht verlässt.
Und ich glaube, fast noch unterschiedlicher ist es mit der Liebe. Wir lieben aus unterschiedlichen Gründen und Bedürfnissen heraus genau die Person, die wir lieben. Und auch wenn wir nicht lieben, hat das seine Gründe. ZB kann Sicherheit ein Grund zum Lieben, aber auch zum Alleine bleiben sein, je nachdem welche Erfahrungen man gemacht hat. Liebe ist sehr vielschichtig.

So habe ich mich vor einiger Zeit mit einer alten Freundin seit langem wieder getroffen und unterhalten und das war sehr spannend. Sie führt seit ein paar Jahren ein Leben, das kann man sich als „normaler Mensch“ kaum vorstellen. Sie hat alles, was ich nicht habe, wenn man das so pauschal sagen kann und ich habe alles, was sie nicht hat. Ich hatte im Gespräch ganz unterschiedliche Gedanken und Gefühle und eines davon war, dass ich ihr ihr Glück (ich hoffe dass es das ist) von Herzen gönne. Zum andern habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr so mag von mir erzählen, weil neben ihren Erzählungen mein Leben sehr erbärmlich ausgesehen hat. Aber das ist okay, ich fand es interessant zuzuhören und zu staunen.

Nach diesem Nachmittag bin ich nach Hause gefahren und habe mir echt viele Gedanken gemacht. Ich hatte ganz fest das Gefühl, dass sie genau das gefunden hat, erreicht hat, was sie sich total gewünscht hat immer. Um ehrlich zu sein, habe ich mir auch überlegt, ob ich neidisch bin. Und gemerkt, dass ich es nicht bin. Das was sie hat, macht sie sehr happy. Mich würde es wohl entlasten und mir viele, viele Sorgen und Gedanken nehmen, aber MEIN Leben wäre das nicht.
Und so habe ich in diesen Gedanken realisiert, dass ich glücklich bin mit meinem Leben. Ja, wirklich. Glücklich. Dass ich andern ihr Glück und ihr Leben gönnen kann und ich meines mit allem drum und dran liebe. Ich glaube, das war meine persönliche Erkenntnis dieses Jahres. Ich finde es gut so wie es ist und ich liebe es.
Es ist zuweilen etwas anstrengend, zugegeben. Ich muss meine Energie immer wieder sehr gut einteilen und komme trotzdem immer mal wieder an meine Grenzen auf ganz verschiedenen Ebenen. Ich weiss, dass das noch ein paar Jahre so sein wird und in die Ferien fahren irgendwohin nicht in Frage kommen wird. Es ist wie es ist. Und man hat was man hat. Nicht mehr und auch nicht weniger. Auch zuhause kann ich mir kleine Oasen schaffen.
Und es gibt auch Momente, da fühle ich mich allein, obwohl ich so ziemlich gar nie allein bin. Diese Momente hatte ich früher öfter, jetzt nur noch ganz selten. Vermutlich dann, wenn ich nur noch wenig Kraft habe und mir wünschte, mir würde jemand beim Tragen helfen.

Ich habe mich grad diese Woche mit einer Frau unterhalten, die vor Jahren ihre vier Kinder, eins davon mit einer Einschränkung, allein aufgezogen hat. Sie hat gesagt, dass sie dieses Allein-Gefühl sehr ausgeprägt hatte und das während der ganzen Zeit sehr schwer gefunden hat. Ich kann das gut nachvollziehen, obwohl es mir nicht ganz so geht. Aber den Gedanken „es gibt auf dieser Welt niemanden (ausser mein Kind natürlich, aber das ist etwas anderes), der mich liebt“, den kenne ich auch. Ich mag ihn nicht. Aus diesem Grund vermeide ich ihn so gut es geht. Klappt ganz gut.

Es wird immer wieder Momente geben, in denen ich mich in Gesellschaft irgendwie als Aussenseiterin fühle. Ich muss das nicht, ich weiss, aber manchmal ist es halt trotzdem so.
So habe ich vor ein paar Wochen in einem Gremium an einer Sitzung teilgenommen, wo jede und jeder sich zuerst mal vorgestellt hat. Dabei haben sie auch ihren Partner bzw. ihre Partnerin erwähnt und ich war da die einzige Alleinerziehende und Alleinstehende. Ich bin mir blöd vorgekommen und ich habe mich geschämt in diesem Moment. Weil ich in diesem Moment dachte, dass ich so ziemlich alles, was ich in meinem Leben erreicht hatte bisher, verloren habe. Die andern sind daran nicht schuld, diese Gedanken werden in mir selbst ausgelöst durch die Auseinandersetzung mit mir und meiner neuen Rolle zuhause und auch in der Gesellschaft. Mit der zuhause habe ich mich gut arrangiert. Mit der in der Gesellschaft noch nicht so ganz, denn das ist schon schwieriger. Man ist als Alleinerziehende wohl sehr damit beschäftigt zu funktionieren, zu arbeiten, zu haushalten, zu erziehen, Geld zu verdienen, möglichst flexibel zu sein, dass man keine Zeit dafür hat, sich für sich und andere Alleinerziehende stark zu machen. Deswegen ist man mit seinen Themen allein, obwohl es so viele Alleinerziehende gibt. Aber das sind wieder andere Themen.

Ich glaube jedenfalls, dass es notwendig ist, sich diese Gedanken zu machen Die Gedanken, was uns glücklich macht und was wir im Leben erreichen und leben möchten, denn die Zeit läuft und läuft und kommt nie mehr zurück. Es ist gut, auf dem Weg zu sein und ein Ziel im Auge zu haben…
Und das ganz persönliche kleine oder grosse Glück im Alltag zu sehen und zu geniessen. Ich probiere das auch. Es gelingt manchmal schon ganz gut.









Wir werden geboren…

Wir werden geboren, versuchen allen Erwartungen gerecht zu werden und…

Wir werden geboren, suchen jeden Tag dreimal unsere Autoschlüssel und…

Wir werden geboren, verschlafen ein Drittel unseres Lebens und…

Wir werden geboren, verlieren im Verlaufe des Lebens unser Lachen immer mehr und…

Wir werden geboren, gebären 1,75 Kinder und freuen oder ärgern uns über die und…

Wir werden geboren, möchten ewig jung bleiben, aber dann doch möglichst alt…

Wir werden geboren, posten 6548 Fotos auf Instagram und…

Wir werden geboren, erkranken an Krebs und sind viel zu jung, wenn wir…

Wir werden geboren, realisieren irgendwann, dass wir nun alt sind und…

Wir werden geboren, sagen „schlafen kann ich wenn ich tot bin“ und…

Wir werden geboren, verbringen durchschnittlich 2,5 Jahre unserer Lebenszeit im Auto und…

Wir werden geboren, bilden uns aus und weiter, um unwissend zu…

Wir werden geboren, denken zu oft „halt die Fresse“ und…

Wir werden geboren, sorgen uns um Nichtigkeiten, die nie eintreffen und…

Wir werden geboren, versuchen aktiver zu werden und gleichzeitig zur Ruhe zu kommen und…

Wir werden geboren, verbringen Jahre in unglücklichen Beziehungen und realisieren es, wenn wir…

Wir werden geboren, wollen alles erleben und die ganze Welt sehen, vergessen wie schön unser Zuhause ist und…

Wir werden geboren, sparen unser ganzes Leben lang, um dann zu…

Wir werden geboren, streiten uns, vergessen warum und bereuen alles, wenn wir…

Wir werden geboren, arbeiten zuviel, sind gestresst und verlieren die Nerven und…

Wir werden geboren, fühlen uns unfair behandelt und eingeschränkt und…

Wir werden geboren, wollen hoch hinaus und mit den Füssen auf dem Boden zu bleiben, bis wir sterben…

Wir werden geboren, finden die Liebe und Freunde, um sie irgendwann trauernd zurück zu lassen / zurück gelassen zu werden und…

Wir werden geboren, sammeln allerlei, entsorgen alles wieder und…

Wir werden geboren, trinken zuviel Kaffee und…

Wir werden geboren, verbringen unser Leben und Aufräumen und Putzen und…

Wir werden geboren, lassen andere im Stich, werden allein gelassen und sterben…

Wir werden geboren, schauen Netflix-Serien, könnten die allerletzte nicht zu Ende gucken und…

Wir werden geboren, leben forever back in the 80s und…

Wir werden geboren, suchen unser ganzes Leben lang, um gefunden zu werden und…

Wir werden geboren, klagen im Winter über die Kälte und im Sommer über die Hitze und…

Wir werden geboren, suchen überall WLAN und…

Wir werden geboren, machen Erinnerungen und bleiben so am Ende noch ein wenig hier, wenn wir…

Wir werden geboren, wundern uns und…

Wir werden geboren, sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht und…

Wir werden geboren, finden unser eigenes Schicksal das härteste und…

Wir werden geboren, sind mit uns unzufrieden und…

Wir werden geboren, nörgeln rum und…

Wir werden geboren, arbeiten zuviel und…

…sterben

Oder wir werden geboren,
gestalten unser Leben selbst,
sind so oft es geht, glücklich,
fokussieren uns auf das Schöne,
lösen Probleme und steigen über Steine,
bauen keine Mauern, sondern einander auf,
kreieren allerlei,
finden andere Ansichten interessant,
helfen einander,
hinterlassen leuchtende Spuren in andern Herzen

und sterben irgendwann.

Verschwunden. Hinter Schleiern, hinter Mauern, hinter Männern.

Shamsia Hassani, Afghanistan


Afghanistan… die Machtübernahme der Taliban und die überaus schlimme Situation dort hat das Augenmerk der Medien und auch unseres in den letzten Tagen auf sich gelenkt. Die Menschen in Afghanistan sind in Gefahr und ganz besonders die Frauen.
Es ist ja nicht so, dass die Lage in diesem arg gebeutelten Land in den letzten Jahren / Jahrzehnten jemals wirklich gut war. Wir haben nur nicht mehr hingeschaut. Laut Amnesty International führt Afghanistan seit ewig die traurige Rangliste der gefährlichsten Länder der Welt für Frauen an oder befindet sich zumindest in den ganz vordesten Rängen. Diese Gefahr hat sich mit der Machtübernahme der Taliban nochmals dramatisch verschärft.

Ich habe in den letzten Tagen viel gehört und gelesen und die Situation dieser Frauen interessiert mich. Und nicht nur das. Es berührt mich zutiefst. Ich möchte nicht, dass Mädchen und Frauen so leben müssen. Alles, was ich für sie aber tun kann, ist mich darüber zu informieren und vielleicht andere auch darauf aufmerksam zu machen und ob das überhaupt etwas bringt, das bezweifle ich sogar. Dennoch ist hinschauen besser als wegschauen, eigentlich immer. Es ist unsere Welt, von uns gestaltet. Schauen wir hin, auch dort wo es uns nicht gefällt. Auch dort, wo es uns nicht betrifft.
Natürlich ist es mir auch bewusst, dass sich auch Männer in unmittelbarer Gefahr befinden. Man hat in den letzten Tagen ja bereits von Verfolgungen und Tötungen gehört. Dennoch ist die Situation der Männer eine andere und ich würde mich hier gerne auf die Frauen konzentrieren.

Die Taliban ist eine terroristische Organisation, die 1994 gegründet wurde und von 1996 bis 2001 erstmals grosse Teile Afghanistans beherrschte. Dann wurde ihre Regierung in einer Zusammenarbeit von afghanischen, amerikanischen und britischen Truppen gestürzt. Das war kurz nach den Terroranschlägen von 9/11.
Die Taliban verübten in den darauf folgenden Jahren (und schon vorher) immer wieder grössere Terroranschläge, vor allem in westlichen Ländern bzw. das sind die, von denen wir gehört haben, von denen unsere Medien uns berichtet haben. In Afghanistan fanden aber auch jährlich unendlich viele Terroranschläge durch die Taliban statt. Im Jahr 2020 habe ich zB 28 gezählt. In diesem Jahr bis jetzt auch bereits 15, bis es in dieser Woche schlussendlich zur Machtübernahme kam.
Ausgeübt wurden die Attentate sehr oft durch Selbstmordattentäter, oder mit Schusswaffen, Raketen, Bomben, Giftgas…
In den letzten 20 Jahren lebte das afghanische Volk also immer in unmittelbarer Gefahr eines Terroranschlages. Egal wo sie sich aufhielten, es konnte jederzeit passieren:

Eine Bombe im Abfallkübel beim Spielplatz.
Eine Rakete, die in die örtliche Mädchenschule einschlägt.
45 Tote im Einkaufszentrum.
23 Tote und 80 Verletzte bei einer Hochzeit, die Bombe befand sich in einem Pflanzentopf.
Auf dem Arbeitsweg, es war eine Autobombe.
Eine Bombe im Regierungs- oder im Polizeigebäude.
Ein Selbstmordattentäter im Zug, im Bus, im Bahnhof oder im Kino.
Im Briefkasten, wo man eine Geburtstagskarte einwerfen wollte, explodiert eine Bombe.
Auf dem Wochenmarkt sprengte sich neben dir ein Selbstmordattentäter in die Luft und nimmt dich und 4 andere Passanten mit in den Tod. Zahlreiche sind verletzt, einige davon schwer.
Bei der Hunderunde um den Block, erschiesst dich jemand aus einem Versteck im Dachstock des Nachbarshaus
es.

Und so weiter, und so weiter.

Die Feindbilder der Taliban sind, so könnte es man wohl kurz fassen, die sogenannten westlichen, modernen Werte und Lebensweisen, ihr Gesetz ist die Scharia. Die Gesetze der Scharia richten sich nach den rechtlichen Grundzügen des 8. und 9. Jahrhunderts (man stelle sich DAS vor!!) und und folgen den sozialen und politischen Interessen genau dieser Zeit. Also ein biiiiisschen veraltet… Wenn euch das näher interessiert – und es ist tatsächlich recht interessant – könnt ihr das ja selber nachlesen. Näher darauf einzugehen würde hier irgendwie den Rahmen sprengen und mich nur unnötig aufregen.

Wir schreiben heute nun also den 21. August 2021 und in Afghanistan übernahmen diese Woche Männer die Regierung, die irgendwo vor mehr als 2000 Jahren stecken geblieben sind, betreffend Wertvorstellungen, Rollenbildern und Umgang miteinander.
Die Menschen in Afghanistan kennen ein Leben, wie wir es haben, nicht. Einfach einigermassen friedlich, ohne Angst zu haben, das nächste geparkte Auto könnte explodieren oder eine Rakete könnte im Supermarkt, in dem ich gerade einkaufe, einschlagen. Terror, Angst, Gewalt und Tod ist an der Tagesordnung. Für alle und vor allem für Menschen, die ein moderneres Leben führen (möchten) oder / und sich dafür einsetzen.

Darunter auch ganz besonders die Frauen.

Frauen, die gebildet oder in Ausbildung sind. Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Frauen die berufstätig sind. Frauen, die eine Meinung haben und diese auch mitteilen. Frauen, die am Leben teilnehmen. Frauen, die man überall sieht. Auf den Spielplätzen mit ihren Kindern, im Krankenhaus als Ärztin, in der Bäckerei als Verkäuferin, in der Schule als Lehrerin, als Hausfrau, Mutter, als Journalistin, als Reinigungsfachkraft, als Betreuerin, als Pilotin usw. Mädchen, beim Spielen auf dem Pausenplatz, am Lachen mit den Freundinnen. Mädchen in Sport- oder Musikvereinen. Mädchen in Jeans und Shirts. Mädchen mit geflochtenen Zöpfen und wehenden Haaren.
Normale Frauen und Mädchen, so wie wir es sind. Und ihre Familien, ihr Umfeld.

Diese Frauen und Mädchen werden verschwinden.
Hinter Schleiern, hinter Mauern, hinter Männern.

Seit 2001 und dem damaligen Ende des Taliban-Regimes haben sich die Frauen viele ihrer Rechte und Möglichkeiten zurück erkämpft, zurück erobert… UM. DIESE. NUN. WIEDER. ZU. VERLIEREN.

Ich habe gelesen, dass die Taliban das Volk auffordert, ihnen (unverheiratete) Mädchen und (ledige, verwitwete, geschiedene, alleinerziehende) Frauen ab 15 bis 40 Jahre sozusagen zur Verfügung zu stellen. Auszuliefern. Unter „auffordern“ versteht sich in diesem Fall ein Befehl und wer dem nicht Folge leistet, gefährdet sein Leben genauso wie es das dieser Mädchen eh ist, egal ob sie ausgeliefert werden oder nicht.

15… das erscheint uns sehr jung und das ist es auch, obwohl dieses „zur Verfügung stellen“ auch im Erwachsenenalter jeglichen ethischen und gesetzlichen Menschenrechten widerspricht, denn wehren kann sich da keine mehr wirklich. Ich denke auch nicht, dass es für diese Männer einen Unterschied macht, ob ein Mädchen 15, 11 , 13 oder 18 ist. Sie werden sich alles nehmen und zwar mit roher Gewalt.
Ich sage „werden“ und möchte aber sagen, dass das alles genau jetzt passiert. Es ist die Gegenwart.

Junge Mädchen und Frauen werden verschleppt, vergewaltigt und womöglich umgebracht. Sie sind Mittel zum Zweck (Kinder gebären vor allem, würde ich sagen) und total wertlos.
Und ganz ehrlich und ganz unzynisch denke ich, dass in dieser Situation der Tod womöglich nicht die schlechteste aller Situationen für diese Frauen ist. Ich hoffe, ihr wisst was ich meine…
Ich stelle mir unsäglich schlimme Szenen vor. Solche, wie ich sie mir gar nicht vorstellen möchte. Und ich glaube nicht mal, dass wir überhaupt in der Lage sind, uns auch nur ansatzweise vorzustellen, was dort alles passiert.

Frauen werden gebrochen und gefügig gemacht. Sie werden in ihre Schranken verwiesen. In Schranken, die wie oben erwähnt, vor mehr als 2000 Jahren errichtet wurden. Wer sich versteckt, weigert oder wehrt, wird vergewaltigt, wieder und wieder, von vielen, vielen Männern. Wird geschlagen, gefoltert und zwar solange, bis sie sich nicht mehr wehrt. Oder bis sie tot ist.

Sie werden ihre Berufe nicht mehr ausüben können, nicht mehr zur Schule gehen.
Frauen haben keine Rechte. Und ich spreche da von internationalen Menschenrechten. Von Dingen, die für uns ganz normal sind, wie zB so angezogen zu sein, wie man sich wohl fühlt, in der Bäckerei Brötchen zu kaufen, schreiben und lesen zu lernen, eigenes Geld zu verdienen und zu besitzen, „nein“ zu sagen, wenn man Sex oder sonst etwas nicht möchte, den Mann zu heiraten, den man liebt, ins Kino zu gehen, mit Freundinnen einen Kaffee trinken zu gehen oder sein Gesicht öffentlich zu zeigen.

Vielleicht male ich zu schwarz? Ich hoffe es.
Vermutlich aber ja leider nicht…

Ich habe in den letzten Tagen in den Medien auf den Bildern von all den flüchtenden Menschen in Kabul relativ wenig Frauen gesehen. Ich könnte mir vorstellen, dass es für Frauen seit der Machtübernahme schon zu riskant ist, sich in der Öffentlichkeit aufzuhalten.

Beim Stöbern und Lesen im Internet sind mir die Graffitis und Bilder der afghanischen Künstlerin Shamsia Hassani (siehe erstes Bild) aufgefallen. Shamsia Hassani ist die erste Graffiti-Künstlerin Afghanistans und doziert an der Universität Kabul Zeichnen und Anatomisches Zeichnen.
Auf ihren Bildern malt sie Frauen, die genauso stark und kraftvoll wie zerbrechlich und verletzlich auf mich wirken. Situationen voller Hoffnung und Schönheit und gleichzeitig voller Hoffnungslosigkeit, Angst und Traurigkeit. Irgendwie wunderbar bunt und sehr düster und beängstigend zugleich. Ich finde sie sehr ausdrucksstark und wunderwunderschön.
Und irgendwie so passend zu den Ereignissen im August 2021 in Afghanistan.

Wenn es dich interessiert, schaue unter https://www.shamsiahassani.net
Alle Bilder in diesem Beitrag stammen von ihr. Ich habe mir erlaubt, sie zu verwenden.

Licht

Vielleicht wäre alles viel schöner, wenn unsere Urururururahnen das Licht nicht erfunden hätten.
Wenn es abends eindunkeln würde, gingen wir alle nach Hause, denn nachts wäre es zu dunkel, um noch irgendwo zu Fuss oder mit dem Auto unterwegs zu sein, geschweige denn mit dem Zug oder dem Flugzeug. Wenn wir trotzdem noch aus irgendwelchen Gründen draussen wären, hätten wir Fackeln und Laternen dabei.
Weil keine Lichter aus Häusern, Strassenlampen und Leuchtreklamen mehr die Dunkelheit stören würde, sähen wir den Mond und die Sterne bei klarem Himmel viel deutlicher. Es gibt auf dieser Welt Städte, die so gross und so hell sind, dass man dort die Sterne gar nie sehen kann. Es ist also nie dunkel genug wegen künstlich erzeugtem Licht.
Wir wären dann aber eigentlich ganz gern zuhause, würden dort eine oder viele Kerzen anzünden und miteinander reden oder so gut es geht im Kerzenlicht lesen oder eine andere Arbeit verrichten.
Oder einfach ins Bett gehen.

Tatsächlich gibt es den Ausdruck „Lichtverschmutzung“, wovon ich bis zum heutigen Tag noch nie bewusst gehört habe. Ich finde dieses Thema ziemlich interessant. Offenbar gibt es in der Schweiz seit 1996 keinen Ort mehr, der nicht lichtverschmutzt ist. Das hat mich erstaunt und weil ich es nicht recht glauben konnte, habe ich mich näher darüber informiert.
Ich habe gelesen, dass in einer weltweit angelegten Studie festgestellt werden konnte, dass Licht Auswirkungen an Orte bis zu 196 Kilometer vom Ursprung entfernt hat. Zürich beleuchtet Genf, Bern die Bündner Berge. Es gibt also kaum noch grössere unbelichtete Flächen (siehe auch https://advances.sciencemag.org/content/2/6/e1600377).

Nachts die Sterne nicht sehen zu können, ist zwar schade, aber tjanun, es gibt vermutlich schlimmeres. Wenn es nachts nicht dunkel wird, hat das Auswirkungen auf Mensch, Tier und Natur.
Beim Menschen beeiträchtigt das 24/7 helle Licht vor allem die Schlafqualität. Für einen tiefen, erholsamen Schlaf braucht der Körper die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin. Und der Körper wiederum benötigt eine gewisse Dunkelheit, um genug Melatonin ausschütten zu können.

In den grossen Schweizer Städten und Agglomerationen ist es nachts mindestens so hell, wie wenn acht Vollmonde gleichzeitig leuchten würden. Ohne lichtundurchlässige Vorhänge und Fensterläden oder Markisen hätten die Menschen dort keine Chance auf eine dunkle Nacht.

Für Tiere kann die Lichtverschmutzung gefährliche, gar tödliche Folgen haben. Zum Beispiel auf Zugvögel wird sich Kunstlicht sehr störend aus. Jährlich ziehen Milliarden von Vögel nachts von Europa nach Afrika und im Frühling dann wieder zurück. Sie orientieren sich unter anderem anhand der Sterne. Von den unendlich vielen Lichtquellen über den grossen Städten werden sie angezogen und von ihrem Weg abgelenkt. So kann es dazu führen, dass verwirrte Zugvögel nachts auf beleuchtete Gebäude prallen oder diese sinnlos umkreisen und sterben.

Auch nachtaktive Insekten werden vom künstlichen Licht angezogen und schwirren drumherum. Wir kennen das sehr gut von Mücken, die abends in unsere hellen Wohnungen fliegen, wenn wir die Fenster offen lassen.
Dadurch vernachlässigen sie lebensnotwendige Tätigkeiten wie die Futtersuche oder die Paarung und das Eier legen. Nicht selten verenden sie in der Lichtquelle, zB einer Strassenlaterne, die eine Falle für sie ist, verbrennen oder sterben an Erschöpfung.
Man geht davon aus, dass pro Sommernacht in der Schweiz etwa 10 Millionen Insekten sterben.

Interessantes Thema, finde ich. Für uns Menschen bedeutet dieses Licht in der Nacht wohl vor allem Sicherheit und dient als Orienterungshilfe. Wir bewegen uns eigentlich mit unserer Nachtaktivität aus unserem natürlichen Rhythmus hinaus, denn wir wurden von der Natur nicht mit Sinnen ausgestattet, die uns das ermöglichen. Mit künstlichem Licht machen wir die Nacht zum Tag und uns zu Nachtschwärmern. Natürlich ist es für viele auch Mittel zum Zweck, denn es ist ja nicht nur unnötig, nachts wach zu sein. Es gibt Menschen, die in der Nacht arbeiten und dafür Licht brauchen.
Und doch ist es ganz bestimmt too much.
Ich habe mir überlegt, ob Geschäfte und Leuchtreklamen wirklich auch die ganze Nacht hell leuchten müssen und eigentlich finde ich nein. Der zweite Gedanke war dann aber, dass zB Leuchtreklamen ja ganz genau zu diesem Zweck gemacht wurden und die Beleuchtung in Schaufenstern wohl auch, denn tagsüber braucht es sie ja gar nicht. Sie wollen nachts gesehen werden von den vielen Menschen, die noch unterwegs sind.

So komme ich zu meinem ersten Gedanken zurück und finde, dass ganz bestimmt ganz schön viele dieser Lichter eingespart werden könnten. Um die Tiere zu schützen, wäre ja eigentlich Grund genug.
Ich glaube aber auch, dass wir Menschen davon profitieren würden. Wir kämen viel mehr zur Ruhe und Besinnung, wenn es abends und nachts etwas stiller und dunkler wäre und wir nicht immer das Gefühl hätten, unterwegs sein zu müssen. Wir könnten besser abschalten, ruhiger schlafen.
Es ist die Rastlosigkeit, die uns antreibt. Der Wunsch, etwas erleben zu wollen, frei zu sein und zwar rund um die Uhr. Das Angebot ist da, es will genutzt werden und wir folgen ihm. Wir lassen uns ungern einschränken. Nicht von andern, und schon gar nicht von der Natur, der wir uns so sehr überlegen fühlen.
Wir fühlen uns schnell eingeschränkt und uns unseren Freiheiten beraubt, sind es uns nicht mehr gewohnt, auf uns und auf andere zu achten.
Wir hasten von Kontakt zu Kontakt, möchten nicht allein sein. Es ist einfach, sich selbst und andern auszuweichen. Bei sich ist man nur ungern,
Und doch wäre das so wichtig. Wieviele Achtsamkeitsseminare und Therapien so wohl eingespart werden könnten?


Herzen bauen keine Mauern

Ich möchte behaupten, es lebt sich entspannter und viel glücklicher, wenn man sich vom Negativen so gut es geht fern hält und das Leben mit Blick auf das Positive geht. Einfacher scheint es im ersten Moment nicht immer, aber ich glaube, das ist zum Teil auch Übungssache, wie so manches andere auch.

Wir Menschen machen unsere Erfahrungen, positive wie negative oder um es weniger wertend zu sagen, solche und solche. Die positiven nehmen wir so gern als gegeben und selbstverständlich an, wir vergessen schnell und gehen weiter im Glauben, dass das normal ist so. Die Erfahrungen, die uns jedoch traurig machen, erschüttern, die Angst machen oder enttäuschen, die bleiben in unseren Köpfen für eine sehr lang Zeit stecken, versinken in unser Gedankengut und verfestigen sich. Als Folge davon werden wir im Umgang mit andern vielleicht vorsichtiger, wir vertrauen weniger schnell, wir sind voreingenommen und dadurch schränken wir uns und auch andere ein. Das ist ja auch ganz normal, denn man lernt ja aus seinen Erfahrungen. Gut so, denn das ist schlussendlich nichts anderes als Selbstschutz.

Schlussendlich ist es aber tatsächlich so, dass eine oder zwei oder vielleicht auch fünf oder sechs schlechte Erfahrungen zB mit Männern zwar sehr verletzend sind und einem in seinen Grundsätzen und -mauern bis ins Tiefste erschüttern können, aber trotzdem nicht auf alle bezogen werden können.
Kennt man einen, kennt man alle. So ist das nämlich nicht. Kennt man einen, kennt man eben halt nur den einen. Dasselbe ist auf sämtliche andere Erfahrungen, die man macht, übertragbar.
Ich habe mit diesem Text schon vor ein paar Tagen begonnen und lustigerweise hat mich gestern Morgen jemand im Gespräch gefragt, was meine Trennungs-Erfahrung mit mir gemacht habe betr. Männerbild. Ob ich zur Männerhasserin geworden bin, wie man es manchmal von Frauen hört (und umgekehrt von Männern vielleicht genauso). Und nein, das bin ich tatsächlich nicht. Aber schon zurückhaltend(er), kritischer und nicht mehr so begeisterungsfähig wie vielleicht vor 20 Jahren. Das muss aber nicht unbedingt die Erfahrung sein, vielleicht liegt es auch an meinem Alter. Und wenn ich komische Erfahrungen mit komischen Männern mache, ist es mir auch immer bewusst, dass das nur dieser eine Mann ist und dass andere nicht in diese Schublade passen. Ich tendiere in keinem meiner Denk- und Meinungsbereiche zur Verallgemeinerung oder Radikalisierung.

Und trotzdem prägen uns Erfahrungen natürlich. Schlussendlich alle. Ich wäre eigentlich dafür, wenn es um Erfahrungen geht, die Wertung „positiv“ oder „negativ“ wegzulassen, denn es sind ja einfach nur Erfahrungen, aus denen unser ganzes Leben besteht. Da gibt es sooo vieles, was zwischen gut und schlecht liegt.
Erfahrungen können noch so schlecht und niederschmetternd sein, am Ende kommts drauf an, was man daraus macht. So eine Erfahrung ist ja meist auch nur eine Momentaufnahme, den weiteren Verlauf bestimmen sehr oft wir selbst. Eine äusserst positive Erfahrung, ein grosses Glück kann sich unter Umständen ganz schnell in Luft auflösen und eine sehr schlechte Erfahrung kann uns eventuell auf einen Weg führen, auf dem wir schöne Erfahrungen machen, die wir ohne diese nicht gemacht hätten.
Ich würde behaupten, meine Erfahrungen waren wirklich nicht alle willkommen und auch nicht alle notwendig. Schlussendlich haben sie mich reich (an Erfahrung) und irgendwie reifer gemacht. Und halt zu dem, was oder wer ich bin. Das kann man gut oder schlecht finden, aber für mich ist das ganz okay so. Dass nicht alle Erfahrungen so wunderbar waren wie man es sich wünschen würde, hat mich mental stärken lassen.
Ich glaube, das geht nicht allen so, ich weiss nicht woran es liegt. Es gibt Menschen, die zerbrechen an Erfahrungen, werden mürbe oder verbittert, verschliessen sich oder werden krank. Ich weiss nicht, ob man diesen Vorgang selbst steuern kann oder ob die Fähigkeit des „Vorwärts schauens und das Beste draus machens“ einem im die Wiege gelegt wird oder geübt werden kann. Fakt ist, dass nicht alle dieselben Voraussetzungen mitbekommen und zwar auf verschiedenen Ebenen, zB kognitiv, psychisch, physisch, familiär. Das ist nicht zu werten. Das was man mitbekommt ist sozusagen die Starthilfe und dann kommt man selbst zum Zug, auch wieder jeder mit unterschiedlichen Möglichkeiten und auch unterschiedlichen Auslegungen von Eigenverantwortung.

Egal für welchen Weg man sich entscheidet – und das ist schlussendlich jedem selbst überlassen – ich finde es schade, wenn sich jemand für den lebenslangen Tunnel entscheidet. (Und ich bin mir durchaus bewusst, dass diese Entscheidung nicht jedem zur freien Verfügung steht.) Es ist viel schöner, wenn auch anstrengend, sich immer wieder einen Ausgang zu suchen, sich aus Krisen zu erheben und dran zu wachsen. Ich glaube, das ist eine Art von Freiheit.
Es ist viel schöner, die Mauern, die das Gehirn baut, gleich selbst wieder abzureissen, bevor sie zu hoch und zu dick werden und offen zu bleiben. Denn nur so ermöglicht man sich ganz viele weitere Erfahrungen – wiederum jeglicher Art, aber auch ganz bestimmt mit dieser Grundeinstellung auch viele, viele schöne.

Man sagt so oft, dass man sich eine Mauer ums Herz herum aufbaut, um sich zu schützen.
Aber ich glaube, Mauern baut man sich im Kopf, aber nie im Herzen.



Wenn mir etwas Schlimmes passiert…

Wenn mir etwas Schlimmes passiert, hilft es mir, zu wissen, dass ich nicht allein und auch nicht die einzige bin, der sowas passiert. Deswegen finde ich es wichtig, einander davon zu erzählen. Ich würde behaupten, dass in 99% der Fälle der Erzähler vom Zuhörer nichts anderes erwartet, als dass er zuhört. Im besten Fall äussert er vielleicht sein Verständnis, sagt etwas Liebes, umarmt den Erzähler oder nickt, irgendwie sowas. Je nachdem in welcher Beziehung die beiden zueinander stehen. Und in 99% aller Fälle erwartet der Erzähler vom Zuhörer nicht das, worüber sich dieser tausend Gedanken macht und was ihn so sehr überfordert, nämlich dass er die Situation des Erzählers besser machen, sein Problem lösen soll.

Wenn mir etwas Schlimmes passiert, hilft es mir zu wissen, dass genau das zu meinem Leben gehört und dass ich es überstehen und im besten Fall daran reifen werde. Es hilft mir auch zu wissen, dass auch so mancher Kelch mit noch viel schlimmerem Inhalt an mir vorbei gegangen ist.
Ich sehe Menschen, die solche Kelche in den Händen halten oder gehalten haben und ich empfinde immer wieder sehr viel Mitgefühl und auch Respekt davor, dass und wie sie das meistern.

Wenn mir etwas Schlimmes passiert, hilft es mir zu wissen, dass mir viel mehr Gutes als Schlimmes passiert.




Es ist unnötig, ein Arschloch zu sein.

Das Leben ist nicht immer einfach. Für niemanden. Auch wenn wir positiv eingestellt sind und uns nicht so schnell unterkriegen lassen von irgendwelchen Dingen, kann es passieren, dass wir irgendwo anstehen und etwas schwierig oder gar problematisch finden. Das ist ganz normal. Ein Leben ohne so etwas, das gibt es nicht. Und wer das behauptet, dem glaube ich das echt nicht. Der macht sich etwas vor.

Nun gibt es aber Dinge, die wir weniger beeinflussen können, die das Leben und die Umstände – Schicksal, Zufall, Glück, Pech – uns einfach mit auf den Weg geben oder uns irgendwo auf dem Weg vor unsere Füsse legen. Dann macht man entweder einen Bogen drum herum, kraxelt drüber ohne es gross zu beachten oder man beseitigt dieses Ding step by step und das ist oft anstrengend. Auf einer Skala von „ein bisschen“ bis „wahnsinnig anstrengend“ kann das alles sein. Und dann geht man weiter, mehr oder weniger erschöpft, enttäuscht, geschwächt. Oder vielleicht stolz, gestärkt und freudig, je nachdem was der Brocken war, wie man ihn sieht und was man aus der Erfahrung macht.

Bis wir früher oder später über einen weiteren stolpern.

Und dann gibt es die Brocken, die einem nicht das Leben, sondern andere Menschen vor die Füsse werfen. Wenn wir uns vorstellen, dass wir alle an einem riesig grossen Mobile hängen. Alle irgendwie mit diesen Fäden miteinander verbunden sind, wenn auch nicht direkt. Dann bewegt sich einer in diesem Mobile. Der Ehemann. Die Freundin. Das Kind oder ein Elternteil. Eine Kollegin, ein Freund, ein Nachbar oder eine Bekannte. Zappelt wie wild herum, ist in einer Situation, in der er oder sie nicht gut zurecht kommt. Ein grosses Problem, Sorgen, eine Sucht, eine Krankheit, ein Verlust, was auch immer. Er zappelt und seine Bewegungen erzeugen eine Schwingung, die auch uns durchrüttelt, zusammen mit allen, die da aneinander hängen. Wenn diese Person weiter weg von uns an diesem Mobile ist, dann rüttelt seine Bewegung bei uns nicht so stark wie wenn sie in unserer unmittelbarer Nähe – uns emotional oder körperlich nah – ist.
Auch wenn bei uns selbst alles okay ist, kann uns so etwas doch auch ziemlich belasten. Nicht jeder findet die für ihn stimmige Balance zwischen Abgrenzung, Empathie und Hilfestellung zu leisten.

Das Leben ist wirklich nicht immer einfach. Jede und jeder hat mit irgendwas zu kämpfen. Nicht immer oder dauernd, aber doch immer mal wieder. Dass das so ist, das sieht man jemandem nicht oder nur selten an und darüber sprechen, das tut auch nicht jeder und sowieso nicht mit jedem. Probleme sind etwas sehr Privates und wir sind oft bemüht, gegen aussen den Anschein zu bewahren, dass alles super ist. Perfekt. Und Dinge, die perfekt scheinen, sind es oft nicht. Ich bin mir nicht mal sicher, ob Perfektionismus überhaupt existiert bzw ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass dem nicht so ist.
Ich glaube, eigentlich und auch uneigentlich ist Imperfektionismus so ziemlich das Schönste, was es gibt. Wenn wir nur dazu stehen würden… (und das würde so manches leichter machen).

Ich glaube, die meisten Sorgen hat man, weil eine andere Person einem das Leben schwer macht. Einem plagt oder einem etwas Böses tut. Hinterrücks oder direkt, egal wie. Es gibt so viele Arten, wie man das tun kann. Böse über jemanden sprechen, Gerüchte oder Lügen oder gar Wahrheiten, die niemanden etwas angehen verbreiten, Steine in den Weg legen…
Solche Dinge finde ich einfach nur schlimm. Schwierig zu verstehen, warum es Menschen gibt, die Energie, Zeit und nicht zuletzt ihren ganzen Ideenreichtum dafür aufwenden (verschwenden!), um jemandem zu schaden, bloss zu stellen oder zu kränken. Es mag Gründe dafür geben und die gewonnene Genugtuung gibt vielleicht für einen kleinen Moment ein gutes Gefühl. Es ist dennoch ein Scheiss-Verhalten. Total unnötig noch dazu, denn jeder hat doch auch ohne so etwas schon genug, mit dem er umgehen können muss. Brocken, die uns jemand mutwillig vor oder am Besten gleich noch auf die Füsse wirft, die braucht keiner.
Jemandem weh zu tun oder Kummer zu bereiten hat noch niemandes Leben schöner gemacht. Und irgendwann kommt alles auf einen zurück. Man kennt es Karma.

Es ist total unnötig, ein Arschloch zu sein.
Leben und leben lassen. Vielleicht ist dies einer der wichtigsten Leitsätze überhaupt.

Klarheit

Klarheit ist ein Zustand, den ich persönlich sehr schätze. Ich geh zum Beispiel lieber ins Wasser, wenn ich weiss, wo der Boden ist, auch wenn ich ihn nicht mehr erreichen kann mit meinen Füssen, und einigermassen sehe, was sich unter mir noch so befindet. Ich mag Nebel, aber zB keineswegs beim Autofahren. Ich mag es, wenn die Sicht klar ist und ich genau sehe, was in den nächsten Metern auf mich zukommt.
Und nicht nur im Wasser oder im Strassenverkehr, sondern auch in andern Situationen des Lebens schätze ich Klarheit. Es ist einfacher, heraus zu finden, wie vorzugehen ist, wenn man eine Situation möglichst genau kennt. Und es ist einfacher, sich mit etwas abzufinden, wenn man ganz genau weiss, was es ist. Alles, was konfus, schwammig und unklar ist, das ist verwirrend und kann verunsichernd auf uns wirken und Angst machen. Da reagiert ja dann jeder auch wieder unterschiedlich.

Leider liegt es manchmal in der Natur der Dinge, dass die Sache für eine Weile nicht durchschaubar oder ganz genau analysierbar ist. Den Hauptgrund dafür sehe ich darin, dass wir und alles um uns herum ständig in Bewegung ist. Dinge benötigen ihre Zeit und zwar beim Geschehen, sowie danach beim wieder beruhigen oder lösen.
So kann man zum Beispiel das Ausmass einer Katastrophe erst evaluieren, wenn der Sturm, die Überschwemmung oder der Brand vorbei ist. Oder auch bei einem Attentat, einem Überfall oder Unfall. Es passiert und erst am Ende sieht man den Schaden ganz genau. Genauso verhält es sich in einer persönlichen Krise. Wenn jemand zB an irgendetwas erkrankt, weiss man nicht gleich sofort, was genau los ist. Es braucht unter Umständen mehrere Untersuchungen. Und Zeit.
Das ist auch in jeder anderen Krise so, egal wie gross sie ist oder wieviele Menschen beteiligt sind oder was für ein Ausmass sie einnimmt. Ein Geschehnis nimmt sich seine Zeit. Manche bauen sich langsam auf, werden schlimmer, andere passieren ganz plötzlich, wie eine Explosion – was aber nicht heisst, dass sie tatsächlich unerwartet passiert sind, sondern vielleicht nur für uns unerwartet.

Von unseren Medien werden wir gerne laufend informiert. Das sind Momentaufnahmen, Zwischenberichte, aber bis ganz am Ende oder noch weit darüber hinaus nie objektive, klare Nachrichten. Ich finde diese Art von Journalismus fragwürdig, mein Ding ist es nicht. Journalismus ist für mich etwas anderes. Damals als ich als Typografin bei einer kleinen Zeitung gearbeitet habe… Aber wen interessiert das schon? Lange her… Alles unterliegt dem Wandel der Zeit, alles entwickelt sich in irgendeine Richtung. Und alles hat seine positiven sowie seine negativen Seiten. Seine Berechtigung.
Deswegen liegt es mir fern, hier irgendwas zu verurteilen, denn offensichtlich liefert diese Art von Journalismus durchaus das, was wir wollen. Es wird ja schliesslich ausgiebig konsumiert.
Dennoch ist es dann eigentlich immer für eine ganze Weile die Verbreitung von Unklarheiten, von Eventualitäten, Mutmassungen und Vermutungen und nicht selten auch von Unwahrheiten, weil alles andere ganz einfach viel mehr Zeit benötigen würde. Zeit, die wir offensichtlich nicht mehr haben oder zu haben gewillt sind.
Einfach mal abwarten und dann informieren…
Als ich ein Kind war, haben meine Eltern jeden Tag nach dem Mittag um 12.30 Uhr das Radio eingeschaltet, um die Nachrichten zu hören. Und abends um 19.30 Uhr lief im Fernsehen die Tagesschau. Dazu hatten sie eine Tageszeitung abonniert. Manchmal wünsche ich mir diese Zeit zurück. Nicht mehr den ganzen Tag berieselt werden von News…

Wenn ich nun wieder zur Klarheit zurück komme, muss ich sagen, dass ich diesmal ja nicht wirklich vom Thema abgekommen bin. Nur ein bisschen ausgeholt. Meiner Meinung nach ist Information etwas sehr wichtiges und um Verwirrung zu verhindern, wäre es von Vorteil, wenn diese von einer verlässlichen Quelle käme und alle dann dasselbe hören würden.
In der heutigen Zeit ist dies nicht der Fall. Wir hören und lesen viel und längst nicht alles ist wahr oder von Experten, die auch tatsächlich welche sind. Das sind die Tücken des Internet bzw. das ist eine der Tücken des Internet. Jeder kann sehr einfach irgendwas verbreiten und zwar unter Umständen mit einer sehr grossen Reichweite. Dafür muss er kein Experte sein oder wissen, wovon er redet. Wenn es dann im Internet ist, bei Facebook, Youtube oder Twitter, glauben es die Leute und verbreiten es weiter.
Und das stiftet Verwirrung und nicht selten auch Unmut.

Dazu habe ich eine wirklich süsse kleine Geschichte.
Als der Sohn meiner Freundin noch ganz klein war, war er ein totaler Fan von Spongebob. Welches Kind schon nicht? Jedenfalls hat mein Ex-Mann damals ein Foto, auf dem ich mit ihm Arm in Arm war, leicht abgeändert für dieses Kind. Auf dem Foto waren danach Spongobob und ich Arm in Arm zu sehen. Der kleine Junge war B.E.G.E.I.S.T.E.R.T. und absolut geflasht, dass ICH Spongebob Schwammkopf sooo gut kenne.
Es war dann danach auch tatsächlich gar nicht so einfach, ihm zu erklären, dass das eine Fotomontage war usw., denn er wollte das dann gar nicht glauben. Er hat das geglaubt, was er auf Papier gedruckt gesehen hat.
Schwarz auf weiss oder in Farbe. Was man sieht, das glaubt man. Das ist wahr. Und das was man sogar noch in einem Video sieht und hört, erst recht. Ich denke, das passiert auch heute immer noch oft, obwohl man ja eigentlich weiss, dass dem nicht immer so ist.


Um Klarheit zu vermitteln, braucht es neben einer seriösen Berichterstattung auch Einheit und Transparenz vom Vermittler dieser Nachricht. Eine klare Botschaft.
Wenn dies mehrere Personen sind, die sich eventuell nicht einig sind, wird das unter Umständen schwierig. Entweder entscheidet die Mehrheit oder ein Kompromiss wird gefunden. Was dann auch immer entschieden wird, muss oder müsste dann von allen mitgetragen werden. Als Einheit. Es wird gegen aussen nicht unbedingt kommuniziert, wer welche Meinung hatte oder wer mit was nicht einverstanden war, denn damit würde man dem eigenen Team in den Rücken fallen, den Entscheid schwächen und beim Zuhörer Unsicherheit auslösen. Und zur Unsicherheit können sich bekanntlicherweise noch allerlei andere Gefühle gesellen, wie zB die Angst, belogen zu werden. Vertrauen geht verloren.

Ich denke bei meinen Ausführungen zB an den Bundesrat, der momentan in dieser Situation ist. Es ist gerade in einer Krisensituation unglaublich wichtig, dass alle am gleichen Strick ziehen. Dass alle teamfähig und loyal sind. Zusammenhalt. Ansonsten schadet es der erwünschten Klarheit, was meiner Meinung nach momentan genau passiert.
Natürlich kommen noch andere Faktoren dazu. Zum Beispiel die, dass wir gerade in einer Situation stecken, die sich noch am entwickeln und verändern ist. Und trotzdem muss irgendwie laufend gehandelt werden. Das ist eine grosse Herausforderung.

Ich glaube sowieso, die absolute Klarheit ist etwas, was vermutlich überhaupt nicht erreicht werden kann. Das hat einen grossen Zusammenhang mit Wahrnehmung und auch mit unseren kognitiven Fähigkeiten, die ja bekanntlich von Mensch zu Mensch verschieden sind. So kann es recht unterschiedlich sein, wer was wahrnimmt und wer was wie versteht.

Und doch kann man davon ausgehen, dass die grosse Mehrheit der Menschen einigermassen dasselbe hören, sehen und schlussendlich verstehen wird. Hoffentlich.

Nur so ein paar Gedanken

Warum sind eigentlich all die Tausende Menschen, die sich so gut auskennen mit Viren und Krankheiten, nicht Ärzte oder Virologen geworden?

Warum nehmen eigentlich Angehörige, die finden, dass alte Menschen in Pflegeheimen furchtbar behandelt werden, weil zu ihrem Schutz momentan leider auf Besuche und allerlei andere Dinge verzichtet wird und weil sie ja alle zum Impfen gezwungen werden, ihre betagten Angehörigen nicht einfach nach Hause und machen es dort viel, viel besser?

Warum finden einige die vom Bund angeordneten Massnahmen unnötig? Ist es, weil es tatsächlich so ist? Ist es, weil sie genau wissen, welche andern Massnahmen mehr Nutzen bringen würden? Oder ist es, weil es unglücklicherweise SIE trifft und ihnen das natürlich nicht gefällt? Und wenn ja, macht das die Massnahmen tatsächlich sinnlos?

Warum sind eigentlich Weihnachtsbäume immer männlich? Nächstes Jahr werde ich mir jedenfalls eine schöne Tannenbäumin ins Wohnzimmer stellen. Es soll ja immer fair sein.

Warum stellen sich Corona-Skeptiker nachdem sie selbst ernsthaft erkrankt sind, in die Medien? Zeigt das nicht erst recht, dass es erst ernst genommen wird, wenn es sie selbst betrifft?

Wie findet es wohl der Mond so, dass wir allerlei Leute immer gerne zu ihm rauf schiessen würden?

Warum gibt es eigentlich solche Packungen, die wir an den Füssen anwenden und dann nach ein paar Tagen schält sich all die unnötige Haut ab, nicht für Sorgen?

Warum melden sich Socken eigentlich nicht bei Parship an?

Wofür gibt es eigentlich Umfragen, wo Menschen befragt werden, die die thematisierte Situation gar nicht beurteilen können wie zB wie wirksam und sinnvoll die Corona-Massnahmen sind?

Warum haben Menschen Angst vor einer neuen Impfung, essen aber Fleisch aus irgendwo, das voller Antibiotika ist? Und wissen die ganz genau, was in andern Medikamenten ist, die sie zu sich nehmen, zB der Antibaby-Pille, Hustensaft, Blutdrucktabletten usw und hinterfragen dies genau so?

Warum geht eigentlich ein Teil der Menschheit zuerst ins Misstrauen statt ins Vertrauen?

Warum fühlen sich so viele durch Regeln eingeschränkt statt geschützt?

Warum sprechen wir so oft von offenen Ohren und meinen eigentlich offene Herzen?

Warum sind eigentlich Gedanken nachts viel lauter als tagsüber? Und warum sind negative so laut und positive so leise?

Warum begreifen wir so vieles nicht und vor allem nicht, dass wir nichts begreifen?

Warum beginnen Diäten eigentlich immer morgen?

Warum meinen wir so oft, es liege an andern oder anderem, ob wir glücklich oder unglücklich sind und merken nicht, dass es vor allem an uns liegt?

Warum gibt es Menschen, die nicht an Schicksal glauben und denken, es sei Zufall, obwohl das Wort ja schon sagt, dass es einem zufällt?

Warum denken wir, Trauer sei etwas schlechtes, wo es doch einfach Liebe ist, die nirgendwo mehr hin kann?

Warum gibt es so viele Menschen, die sich besser fühlen, wenn sie andere runter machen können? Und warum lehren diese Eltern dieses Verhalten auch ihre Kinder?

Warum streiten und kämpfen Menschen eigentlich, um Frieden zu erreichen?

Was ist mit dem Schicksal los? Warum schlägt das immer zu und streichelt nie?

Ist uns eigentlich bewusst, dass wir bei jedem Weg, den wir einschlagen, eigentlich auch Möglichkeiten ausschlagen?

Warum denkt man, wenn man wartet oder zögert mit einer Entscheidung, das sei keine?

Warum steht die Zuneigung eigentlich immer im Schatten der Liebe, obwohl sie so oft viel beständiger und ausdauernder als sie ist?

Warum üben wir uns so oft im Vergessen statt im Erinnern?

Ist eigentlich ein Penis manchmal auch ein Krisenstab?

Warum wird Schnee eigentlich sofort unangenehm, wenn er am Boden angekommen ist?

Warum lesen eigentlich viele Menschen zwischen den Zeilen Dinge, die da gar nicht stehen?

Warum finden einige, dass man keine lebensverlängernden Massnahmen machen sollte zB bei Covid19, finden aber Herzschrittmacher, Bluttransfusionen, Krebstherapien und all das okay?

Warum denken einige Menschen, in einer Krise gäbe es eine Abkürzung oder einen Notausgang, weil es ihnen nicht gefällt?

Warum heisst es, im Krieg und in der Liebe sei alles erlaubt, wo das doch gar nicht stimmt?

Wie geht eigentlich das neue Jahr damit um, dass wir all unsere Hoffungen in es stecken?

Wie oft denkt wohl ein Hund „good boy“ oder „good girl“, wenn er ein Hunde-Guetzli vom Herrchen oder Frauchen bekommt?

Warum leben wir Menschen auf so engem Raum so nah zusammen, wo doch in allen Berührungspunkten immer wieder Schwierigkeiten auftauchen?

Warum definiert sich Zusammehalt so oft besonders stark, wenn man einen gemeinsamen Gegner hat?

Warum möchten wir kriminelle Ausländer abschieben, die kriminellen SchweizerInnen aber aus dem Ausland nicht zurück haben?

Warum gibt es Menschen, die Ananas mögen?

Warum betrachten wir unser Umfeld eigentlich nicht lieber wohlwollend und liebevoll, wo das doch für alle viel schöner wäre?











Ciao 2020. Auf Nimmerwiedersehen.


Langsam wird es Zeit, das Jahr 2020 zu verabschieden und ich glaube ich liege nicht falsch, wenn ich sage, dass wohl die allermeisten Menschen dieser Welt unglaublich froh sind, dass dieses Jahr nun ENDLICH vorbei ist…

Aber was ist eigentlich dieses Jahr so passiert?
Eigentlich hatte ich vor, nun einen etwas anderen Jahresrückblick zu machen. Einen ganz ohne Corona und einen mit ausschliesslich schönen, positiven Ereignissen. Aber, das ist ganz schön schwierig. Ich bin schon beim Januar gescheitert…. Wald- und Buschbrände in Australien, in denen weissnichtwieviele Tiere ihr Leben oder ihren Lebensraum verloren haben, erste Meldungen über Corona in China, in Krefeld D ist das Affenhaus des örtlichen Zoos abgebrannt und mit ihm auch viele Tiere… Etwas Positives habe ich nicht gefunden.

Aber man hat ja Hoffnung, schauen wir mal im Februar…
Und siehe da! Bei uns in der Schweiz wurde die Diskriminierung gegen Homosexuelle und Rassismus gesetzlich verboten. Wenn das keine Schlagzeile wert ist!
Der erste Covid-Fall in der Schweiz. In Norditalien spitzt sich die Lage zu, mehrere Orte werden abgeriegelt. WC-Papier wird knapp. In Hanau D erschiesst ein Rechtsextremer mehrere Menschen.

Der März ist Corona-durchzogen. Lockdowns, Grenzen werden geschlossen, Einreise-Verbote ausgesprochen… Die Welt dreht sich vor allem um das eine.

April: dasselbe. „Abgesagt wegen Corona“-Plakate hängen überall. Wir hoffen auf den Sommer oder auf den Herbst, wissen noch nicht, dass da alles noch viel länger dauern wird.

Mai: Corona. Ende des Lockdowns.

Im Juni werden die Grenzen zu unsern Nachbarländern werden wieder geöffnet. Ich weiss jetzt auch nicht, ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht ist. Vermutlich eine gute, da es bedeutet, dass die Situation sich verbessert hat.
Ich habe Geburtstag. 🙂
Überschwemmungen… #blacklivesmatter…

Juli
Nichts anderes.
Die meisten verbringen die Sommerferien zuhause oder in ihren Ländern und entdecken, wie schön das auch sein kann.

August
Nichts anderes.

September
Nichts anderes.

Oktober
Nichts anderes.

November
Nichts anderes. Viele Kranke, viele Tote. Nicht mal die Abstimmungen kommen so heraus wie ich es mir gewünscht habe. Kann das Jahr schon weg?

Nein, jetzt kommt noch der Dezember und die Hoffnung stirbt zuletzt… Zuviele Kranke, zuviele Tote. Ein Corona-Impfstoff wird zugelassen und es werden bereits erste Menschen geimpft. Für einige wird das eine positive Nachricht sein, für andere nicht.

Hmmmm…..

2020…. das langweiligste Jahr ever? Corona hat sehr vieles verhindert und verunmöglicht, das ist einfach so. Ich persönliche finde dies schade, aber leider halt auch vernünftig. Natürlich gibt es da, wie überall, ganz verschiedene Sichtweisen und irgendwie sieht wohl jeder die Situation aus der eigenen Perspektive, aus der eigenen Situation heraus.
Obwohl ja sozusagen nichts los war dieses Jahr…. kulturell, sportlich, Urlaub, Freizeit, Konsum… war es irgendwie doch alles andere als langweilig, finde ich. Dieses allgegenwärtige Thema, ohne das dieses Jahr nichts ging, hat viel Energie verbraucht. Es war nicht nur das Thema, sondern die Auseinandersetzung damit. Es war wichtig, einen Umgang damit zu finden. Mit den hunderttausend Medienmitteilungen, Eventualitäten, Thesen und Theorien und Fakten. Es war und ist schwierig als Laie, all diese Dinge voneinander zu unterscheiden. Es war und ist schwierig, all diese Verschwörungstheorien zu lesen und zu hören, einige davon sehr, sehr strange und zu wissen, dass es Menschen gibt, die das glauben. Das hat nun nichts mit hinterfragen zu tun, ich spreche von QAnon und solchen Dingen.

Ich bin eigentlich dieses Jahr wenig zur Ruhe gekommen, obwohl gefühlt wenig los war. Ich empfand das Jahr als sehr anstrengend, zB bei der Arbeit, aber auch privat, vor allem während der Lockdown-Zeit. Ich glaube, ich habe mich von diesem Homeschooling-und-Arbeit-zur-gleichen-Zeit-und-der-Tag-hat-viel-zu-wenig-Stunden-Wahnsinn bis heute nicht richtig erholt. Mich hat selten ein Jahr so müde gemacht wie dieses.

Natürlich erleben wir positive Dinge vor allem in der Freizeit. Sie passieren in sportlichen Ereignissen, in kulturellen usw. Ich bin jetzt nicht überrascht, dass ich nichts finde, denn es gab nichts. Und die, die es vielleicht doch gab, die gingen unter, da wir auf ein Thema fokussiert waren und sind. Wurde überhaupt über etwas anderes berichtet oder habe nur ich das alles verpasst?

Macht nichts. Ich finde schon noch etwas. Ich finde ja, dass aus Katastrophen auch sehr oft etwas Schönes entsteht. Nicht immer. Und es bedeutet nicht, dass die Katastrophen selbst damit zu etwas Gutem werden. Aber wozu Menschen dadurch bewegt werden, das ist schon schön.
Ich habe zB die Buschbrände in Australien sehr schlimm empfunden. Die Vorstellung davon, wie gross diese waren, das hat mein Vorstellungsvermögen total überschritten und ich weiss, das das nun ein Scheiss-Satz ist, aber mir kommt kein anderes Wort für „Vorstellung“ in den Sinn und deswegen habe ich es jetzt sogar zum dritten Mal in einem einzigen Satz geschrieben… Aber egal. Habt ihr auch Videos gesehen von Rettungsaktionen? Wie Menschen Kängurus, Wombats und Koalas aus wirklich gefährlichen Situationen gerettet und sie verarztet und aufgepäppelt haben? Wie viel Geld gespendet wurde?

Oder die #metoo- oder #blacklivesmatter-Bewegungen. Traurige und unfassbare Ereignisse und Auslöser, ohne Zweifel. Sinnlose Dinge. Dinge, die nie hätten passieren dürfen. Und dann haben plötzlich Frauen (und auch Männer) angefangen, von ihren Übergriffen zu erzählen. Dinge, die sie vielleicht noch niemandem erzählt haben. Dinge, die Tabu gewesen sind. Dinge, von denen man wusste, dass sie passieren, aber nicht, in welchem Ausmass, in welcher Häufigkeit. Dinge, die aufhören müssen. Ähnliches geschah betr. Rassismus. Schreckliche, unsinnige Geschehnisse, Auslöser. Seit Jahren, Jahrzehnten. Wir Weissen fanden es nie erwähnenswert. Wir fanden es nie wichtig. Wir fanden, dass ein Mensch mit brauner Hautfarbe sich nicht durch Ausdrücke wie „Mohrenkopf“ diskriminiert zu fühlen hat. Die schlimmen Ereignisse in den USA haben dort und auch bei uns ein paar Diskussionen, eine grosse Solidarität und das Verlangen nach Veränderung, nach Verbesserung ausgelöst. Das finde ich gut. Endlich.

Ich finde aber ja sowieso, dass die richtig guten Dinge im Kleinen stattfinden. Und da kann sich jeder selbst einen Jahresrückblick der ganz persönlichen Highlights zusammenstellen. Das ist in einem Jahr wie diesem wichtiger denn je.

Ich möchte euch nicht mit meinem langweilen und um ehrlich (und wohl etwas zu direkt) zu sein, das geht euch sowieso einen feuchten an… Aber aus meiner ganz persönlichen Sicht war 2020 – abgesehen von Corona – ein wunderbares Jahr. Dem Kind und mir wurde von ein paar Menschen immer wieder ganz viel Glitzer und Sternenstaub auf unseren Weg gestreut und ich könnte nicht dankbarer dafür sein.

Ich hoffe, auch ihr erinnert euch an viele schöne Momente, Begegnungen (auch wenn diese dieses Jahr nicht immer persönlich stattfinden konnten, sondern per Telefon oder online) und Ereignisse und könnt daraus Kraft und Hoffnung schöpfen.
Damit wünsche ich euch einen guten Jahresabschluss, physische und psychische Gesundheit und dass ihr den Blick für das Schöne nie verliert, sei es auch noch so verborgen.

Ich weiss, dass ganz viele hier regelmässig, wenn nicht sogar jeden Text lesen. Ich freue mich, wenn ihr euch interessiert, auch wenn ich vielleicht nicht immer gleicher Meinung bin wie ihr. Mir ist immer bewusst, dass es verschiedene gibt und ich finde das auch immer gut so. Ich kann halt aber immer nur aus meiner eigenen Perspektive schreiben, alles andere würde ja den Rahmen sprengen.
Danke fürs Lesen und fürs Interesse, es bedeutet mir wirklich viel.

Ciao 2020.
Auf Nimmerwiedersehen.