Drei kleine Superhelden – Die Zeit, die stehen blieb


Es war eigentlich ein ganz normaler Morgen. Die Sonne war gerade dabei, über ihnen langsam über den Garten zu wandern. Ein Vogel setzte zum Flug an, irgendwo fiel ein Tropfen von einem Blatt, und ein leiser Wind strich durch das Gras.

Arja sass am Rand des Geheges und schaute hinaus. Tina war noch ein wenig verschlafen, Jimmy schon wach und voller Energie.

Und dann. passierte etwas sehr Eigenartiges, denn plötzlich war alles still. Nein, nicht einfach nur ruhig, geräuschlos. Wirklich still.

Der Tropfen, der eben noch am Runterfallen war, blieb einfach in der Luft hängen. Der Vogel bewegte sich nicht mehr, der hing einfach in der Luft. Und auch das Gras oder die Blätter im Baum bewegten sich nicht mehr.

Jimmy blieb stehen. „Habt ihr das gesehen?“
Tina blinzelte. „Warum ist alles so komisch?“
Arja sagte nichts. Sie stand langsam auf und trat näher an den Zaun. Sie sah ausserhalb des Gartens, wie die Autos und Fahrräder einfach stillstanden und auch Fussgänger waren in ihren Posen wie eingefroren. Nichts bewegte sich mehr. Sogar die Menschen-Mama, die gerade mit frischem Heu unterwegs zu ihnen war, stand auf dem Garten-Weg auf einem Bein…
Es war, als sei die Erde, das Leben zum Stillstand gekommen. Nur sie, die drei kleinen Meerschweinchen, waren offenbar davon nicht betroffen.

„Die Zeit ist stehengeblieben“ flüsterte sie.

Jimmy schaute sie gross an. „Aber… wir bewegen uns doch noch.“
Arja nickte und wusste auch nicht warum oder was da los war. Die drei sahen einander an.
Dann, ganz vorsichtig, trat Jimmy einen Schritt nach vorne. Und noch einen. Alles andere blieb stehen. Unverändert, als wäre die Welt zu einem Gemälde geworden.

„Das ist irgendwie ganz unheimlich“ sagte Tina ein bisschen erschrocken.
Arja nickte. „Und gleichzeitig spannend und besonders.“
Sie öffnete vorsichtig die kleine Tür ihres Geheges.
Normalerweise hätte sie gezögert, denn das durften sie ja auf gar keinen Fall tun. Aber heute war alles anders
Die drei gingen hinaus. Sie liefen unter dem Tautropfen hindurch, der immer noch in der Luft hing, als hätte ihn jemand dort vergessen.
Jimmy streckte die Nase danach aus und berührte ihn ganz leicht. Der Tropfen zitterte zwar, aber fiel nicht.
„Als würde alles warten“ murmelte Jimmy vor sich hin.

Sie gingen weiter zum Vogel, der mitten im Flug hing. Seine Flügel weit ausgebreitet, als würde er gleich weiterschweben.
Tina stellte sich ganz vorsichtig darunter. „Stell dir vor, er weiss gar nicht, dass er gerade nicht fliegt.“
Arja schaute nach oben. „Vielleicht fühlt es sich für ihn gar nicht so an. Vielleicht spürt er gar nichts von alldem.“

Sie gingen weiter durch den Garten, kamen an der Menschen-Mama vorbei und sie mussten ein wenig kichern, wie sie mitten im Gehen stehen geblieben war, ein Bein auf dem Boden und eines in der Luft. Den Mund hatte sie gespitzt, weil sie gerade den Meerschweinchen zugepfiffen hatte, so wie sie es jeden Morgen tat. Lustig sah das aus!

Im Garten war alles noch da, aber irgendwie nicht lebendig. Sie entdeckten noch andere Lebewesen, die wie versteinert waren. Verschiedene Insekten, eine kleine Maus und ein Eichhörnchen, das am Baumstand der grossen Tanne klebte.

Keine Bewegung.
Kein Geräusch.
Nur Jimmy, Tina und Arja, die am herumwuseln waren.

Jimmy wurde ruhiger. Ganz ungewöhnlich ruhig.

„Wenn die Zeit stehen bleibt…“, sagte er langsam „dann gibt es kein Vorher und kein Nachher mehr, oder?“
Arja sah ihn an. „Nein, dann gibt es nur noch das Jetzt.“

Tina setzte sich ins Gras. „Und das fühlt sich irgendwie gross an. Ich glaube, heute passiert hier etwas Bedeutendes.“
Die drei sassen zusammen im Gras und überlegten, was zu tun sei und zum ersten Mal merkten sie, wie still ein Moment wirklich sein kann. Wie viel Raum darin enthalten ist.

In diesem Moment wurde Tina, Jimmy und Arja bewusst, wieviel sie hier eigentlich haben und wie schön das Jetzt ist.

Plötzlich nahmen sie einen ganz zarten Wind oder vielleicht nur die Erinnerung daran wahr. Und dann, ganz langsam und magisch, begann sich etwas zu verändern.
Der Tropfen fiel platschend ins Gras.
Der Vogel krächzte und flog davon.
Das Gras bewegte sich wieder im Wind und alles war wieder voller Geräusche und Leben.

Es war, als würde die Welt nachdem sie den Atem angehalten hatte, tief aus- und wieder einatmen und die Zeit lief weiter, als wäre nichts gewesen…
Sie hörten einen lauten Pfiff und sahen, wie die Menschen-Mama mit Heu näher kam.

Die drei rannten zu ihr und alle drei waren soooo glücklich, dass alles wieder normal und beim alten war.
Genüsslich vergruben alle drei ihre Näschen im frischen Heu und alle drei wussten nicht so recht, ob sie gerade geträumt haben oder ob das tatsächlich passiert ist…

ENDE.

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.