
Das englische Wort Ultracrepidarian klingt fast ein bisschen wie aus einem alten Roman. Ziemlich elegant und fremd, vielleicht sogar leicht übertrieben. Und genau das passt irgendwie auch zu seiner Bedeutung.
Ein Ultracrepidarian ist eine Person, die zu allem eine starke Meinung hat. Auch zu Dingen, von denen sie eigentlich keine Ahnung hat. Oder vielleicht gerade deswegen.
Der Begriff geht auf eine alte Geschichte zurück. Der antike Maler Apelles soll einmal einen Schuster gebeten haben, ein gemaltes Schuhdetail zu beurteilen. Der Schuster kritisierte den Schuh, zu Recht. Danach begann er aber plötzlich auch andere Teile des Bildes zu beurteilen, von denen er ja als Schuster eigentlich gar nichts verstand.
Daraufhin soll Apelles gesagt haben:
„Schuster, bleib bei deinem Leisten.“
Im Lateinischen: Ne supra crepidam sutor iudicaret.
Daraus entstand später das Wort Ultracrepidarian — jemand, der weit über das hinaus urteilt, was er eigentlich versteht.
Irgendwie leben wir heute in einer Zeit voller Ultracrepidarians. Menschen, die nach einem kurzen Video (einige schaffen das sogar ohne Video) plötzlich Experten für Medizin sind. Für Psychologie. Für Politik. Für Erziehung. Für das Leben anderer Menschen überhaupt.
Ich finde ja, dass es bei tiktok oder Instagram, aber sicher auch auf anderen Sozialen Medien nur so wimmelt von Ultracrepidarians. Von Influencern und Content Creators, die sich sehr weit aus dem Fenster lehnen, wenn sie ihren Followern Dinge erklären oder / und ihre Meinung kundtun. Und das ist ja das eine. Dass viele ihrer Follower ihnen das aber auch noch glauben, ist das andere…
Manchmal habe ich das Gefühl, viele haben verlernt zu sagen: „Das weiss ich nicht.“
Oder:
„Darüber müsste ich zuerst mehr lesen, lernen, mich informieren.“
Dabei steckt genau darin ja meistens viel mehr Weisheit als in den lautesten Meinungen.
Ich glaube, echte kluge Menschen erkennt man nicht daran, dass sie zu allem sofort etwas sagen. Sondern daran, dass sie neugierig bleiben. Dass sie zuhören können. Dass sie Fragen stellen.
Und sicher auch daran, dass sie verstehen, wie wenig man manchmal wirklich weiss.
Das Schwierige ist ja: Je weniger manche Menschen wissen, desto sicherer und auch aufdringlicher wirken sie oft. Und je mehr jemand wirklich versteht, desto vorsichtiger werden die Worte.
Vielleicht, weil Wissen Demut mit sich bringt.
Ich finde das Wort Ultracrepidarian deshalb gleichzeitig amüsant und traurig. Sicher auch, wir wahrscheinlich alle manchmal ein bisschen so sind. Weil wir urteilen, obwohl wir nur einen kleinen Ausschnitt kennen. Falls überhaupt.
Und vielleicht wäre die Welt ein ruhigerer Ort und wir Menschen klüger, wenn wir öfter den Mut hätten zu sagen: „Erzähl mir mehr darüber“ statt sofort zu behaupten, wir hätten die Wahrheit längst verstanden…


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