
Es hatte die ganze Nacht geregnet. Ganz ruhig und gleichmässig, als würde der Himmel Geschichten erzählen.
Am Morgen, als die drei Meerschweinchen aus ihrem Häuschen kamen, war der Garten anders als gestern. Überall lagen kleine Pfützen. Das Gras war schwer von Wasser und die Luft roch frisch und neu.
Tina war die Erste, die es entdeckte und sie rief ihre Freund zu sich.
Direkt vor dem Gehege lag eine Pfütze. Aber nicht einfach irgendeine, das war eine ganz besondere. Sie war ganz still. Sooo still, dass sie fast wie ein Spiegel wirkte. Jimmy beugte sich vor.
„Ich sehe mich!“
Tina auch.
Arja trat einen Schritt näher und dann hielt sie inne.
„Seht ihr das?“
Die Oberfläche der Pfütze bewegte sich ganz leicht. Aber nicht so wie Wasser, sondern eher so wie ATEM! Und tief darin glitzerte etwas.
„Das ist keine normale Pfütze, das sag ich euch!“ flüsterte Arja.
Jimmy grinste sofort und sah vor seinem inneren Auge bereits ein Abenteuer auf sich zukommen. Dafür war er bekanntlich immer zu haben.
Tina zögerte noch ein wenig, doch dann lächelte sie. „Dann brauchen wir aber die richtige Ausrüstung!“ und alle drei verschwanden im Häuschen, um sich umzuziehen.
Ein paar Minuten später standen sie wieder da.
Jimmy trug ein kleines, dunkelgrünes Regenmäntelchen. Sein goldener Stern glänzte darunter hervor.
Tina hatte ein zartes, gelbes Mäntelchen an und natürlich ihr Krönchen auf dem Kopf.
Arja trug ein helles, fast durchsichtiges Regenmäntelchen, das im Licht schimmerte.
„Und jetzt?“ fragte Jimmy.
Arja schaute in die Pfütze. Sie war ganz ruhig, als wüsste sie ganz genau, was jetzt zu tun ist. „Jetzt gehen wir.“
„IN die Pfütze?“ Tina blinzelte.
Arja nickte und ging voraus. Sie setzte vorsichtig eine Pfote hinein.
Und schwupps, war sie verschwunden…
„ARJA?!“ Jimmy sprang hinterher.
Tina schnappte kurz nach Luft – und folgte den beiden.
Für einen Moment war alles nur Wasser. Ein bisschen kühl und ganz still. Und dann standen sie da. Aber nicht mehr im Garten.
Vor ihnen lag etwas, das unmöglich sein konnte: Ein Meer. Ein weites, glitzerndes Meer aus tausend kleinen Tropfen. Jeder einzelne funkelte, als würde er ein eigenes Licht in sich tragen.
„Das ist das Tropfenmeer“. flüsterte Arja.
Tina drehte sich langsam im Kreis. „Wie kann das sein? Das passt doch gar nicht in eine Pfütze…“
Jimmy lachte und staunte.
Sie gingen los. Der Boden fühlte sich weich an, fast wie Wasser, aber er trug sie. Überall um sie herum schwebten kleine Tropfen in der Luft. Manche berührten sie sanft und wenn sie das taten, spürten sie etwas.
Eine Erinnerung.
Ein Gefühl.
Ein Lachen.
Ein leiser Moment.
Ein kleines Stück von etwas, das einmal gewesen war.
Es war schön…
Tina blieb stehen. Ein Tropfen berührte ihre Wange. Sie lächelte plötzlich. „Ich glaube, das ist ein Regentropfen von gestern. Als die Sonne noch geschienen hat.“
Jimmy blieb auch stehen. „Dann sind das Erinnerungen?“
Arja nickte langsam. „Vielleicht sammelt der Regen alles ein, was wir fühlen und trägt es mit sich in dieses Tropfen-Meer. So geht gar nichts in diesem Leben verloren, alles ist noch da.“
Sie gingen weiter.
Und je tiefer sie ins Tropfenmeer kamen, desto ruhiger wurde alles. Sie verloren ihr Gefühl für Zeit, da war keine Eile, kein Ziel, nur das Hier und Jetzt, dieses sanfte Glitzern und das Gefühl, dass alles miteinander verbunden war.
„Ich glaube, wir müssen bald zurück“ sagte Arja leise.
Tina nickte.
Jimmy schaute noch einmal wehmütig über das weite Meer. „Können wir wiederkommen?“
Arja lächelte. „Vielleicht ist es immer da.“
Sie fanden den Weg zurück und das war erstaunlich. Sie wussten nicht, wo sie sind, kannten den Weg zurück nicht, aber sie fühlten ihn.
Ein Schritt nach dem anderen, bis sie wieder im ihrem Garten standen. Die Pfütze lag ruhig vor ihnen. Ganz gewöhnlich sah sie von hier aus aus.
Jimmy stupste sie vorsichtig an.
„Sieht jetzt von hier aus gar nicht mehr so gross aus.“
Tina lächelte.
„Aber wir wissen jetzt, was darin ist. Ein ganzes Universum.“
Arja schaute nachdenklich ins stille Wasser und sagte leise zu den andern: „Manchmal sind die grössten Welten die, die man fast übersieht.“
Die drei kleinen Superhelden setzten sich nebeneinander. Die Sonne kam langsam durch die Wolken und irgendwo glitzerte ein Tropfen ein kleines bisschen heller als die anderen…
ENDE.


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