2020 – Jenseits der Komfortzone

2020
Ein Jahr, das uns aus unserer Komfortzone gezerrt, ja geradezu katapultiert hat… Dass so eine Situation hier bei uns mal eintreffen könnte, das haben bestimmt die wenigsten erwartet. Auch wenn in vergangenen Jahren immer mal wieder irgendwo auf der Welt Krankheiten gewütet und Todesopfer gefordert haben, der Kelch ging an uns vorbei. Und wir fühlten uns sicher.
Aber dieses Mal ist alles anders. Auch wir sind betroffen. Und ich habe das Gefühl, es gibt immer noch viele, die das nicht wahrhaben wollen. Viele, die sich noch immer sicher fühlen. Viele, die den Berichten der Fachpersonen nicht glauben mögen. Oder anders vorgehen würden. Viele, die von den vielen Nachrichten von Medien und selbsternannten Experten verwirrt und verunsichert sind. Viele, die sich aufhetzen lassen.

2020
Ein Jahr, das anders ist.
Ein Jahr, das uns zwingt, auch selbst anders zu leben, uns anders zu verhalten. Anders als gewohnt, anders als es uns beliebt. Aus unseren Gewohnheiten gerissen. Ausgang ungewiss.
Der Grund dafür ist ein Virus. Man sollte meinen, das sei einfach eine Krankheit und das Ziel sei es, dass nicht zuviele daran sterben. Aber das wäre zu einfach. Es geht nicht (oder nicht allen) um Menschenleben, sondern ums Geld oder andere Dinge.
Es geht vielleicht schlussendlich allen darum, möglichst wenig von dem, was wir besitzen zu verlieren, so scheint es mir.

Es scheint mir, als hätten momentan fast alle Angst, ihr Liebstes oder Wichtigstes zu verlieren. Und über diese Angst wird weder gesprochen, noch wird sie vermutlich vor sich selbst zugegeben.
Nie war es leichter, die Werte und Haltungen anderer zu erkennen. Sie werden von jedem sozusagen auf der Zunge getragen.

Für die einen ist das, worum sie Angst haben, ihre eigene Gesundheit, ihr Leben und das nahestehender Personen. Ich könnte mir vorstellen, diesen Menschen fällt es leichter, sich an die Sicherheits-Bestimmungen des Bundes zu halten. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist alles, was die zuständigen Experten empfehlen oder verordnen zu wenig oder sowieso das Falsche.
Andere haben Angst, ihre finanzielle Grundlage, ihr Einkommen oder ihre Existenz zu verlieren. In dieser Situation findet man sich wohl in einem Gewissenskonflikt wieder, könnte ich mir vorstellen. Entweder hält man das Virus für gefährlich und die Schutzmassnahmen für richtig und gefährdet mit dieser Meinung seine eigene Existenz oder man verniedlicht das alles, macht sich lustig, um diese Existenz halt zu retten.
Genau so kommt es mir vor, wenn ich zB Videos von einigen Clubbesitzern, irgendwelchen Veranstaltern oder Künstlern, die nicht auftreten können, sehe. Statements und Meinungen, die viele Menschen hören und auf die viele Menschen viel geben und ganz vergessen, dass der Typ, der da im Video spricht, keine Ahnung hat von alldem, denn er ist ein Komiker oder ein Kneipenbesitzer.

Für viele ist das, was sie zu verlieren fürchten, ihre ganz persönliche Freiheit und darunter kann man sehr vieles verstehen. Die Freiheit, überall hin zu reisen oder fahren, wo man gerade hin möchte. Die Freiheit, in der Freizeit zu unternehmen, worauf man grad Bock hat… Konzerte, Sportanlässe, Kino, Parties, Clubs…. Die Freiheit, sich von niemandem etwas sagen lassen zu müssen. Die Freiheit, sich mit Menschen zu treffen, sich näher zu kommen, Körperkontakt. Die Freiheit, shoppen zu gehen, zu konsumieren. Die Freiheit, grenzenlos zu sein.
Die Freiheit, sich die Hände nicht dauernd zu waschen und die Freiheit, ohne Maske im Gesicht irgendwo hin zu gehen. Und schlussendlich wohl auch die Freiheit, selbst darüber entscheiden zu können, sein eigenes Leben und das anderer zu gefährden.
Das mit den Freiheitseinbussen betrifft schlussendlich ja alle. Nur können die einen die Gründe bzw. den Zweck davon verstehen und andere weniger, einige können besser damit umgehen als andere.

Ich empfinde Menschen seit Corona sehr zweigeteilt. Vermutlich ist es normal und immer so, in der momentanen Situation ist es einfach so deutlich sichtbar. Manchmal kommt es mir vor, als seien es verschiedene Fronten. Ohne gemeinsames Ziel.

Ich überlege mir schon, warum das so ist. Ich überlege mir auch, warum man so Angst hat, unterdrückt oder manipuliert zu werden. Warum man so Angst hat, dass einem jemand etwas Böses will. Warum man so Angst hat, den Fachleuten zu vertrauen. Oder sind diese Ängste eine Kompensation für etwas ganz anderes? Vielleicht damit, dass man Angst hat, sich mit der tatsächlichen Situation auseinander zu setzen?

Ich bin schon ein Schaf genannt worden, das ohne zu hinterfragen der Schar hinterher läuft. Aber das stimmt nicht. Ich hinterfrage sehr vieles. Myself included. Aber ich muss auch sagen, ich habe keine Zeit dafür, mir Gedanken darüber zu machen, wie und warum der Bund oder sonst irgendeine höhere Macht dem Volk und mir persönlich schaden möchte. Ich sehe auch keinen Grund darin. Ich bin mir einfach ganz sicher, dass dem nicht so ist. Ich bin mir sicher, dass die bestmöglichen Lösungen gefunden werden, um möglichst wenige Leben zu verlieren, was wohl an zweiter Stelle steht, und möglichst unserer Wirtschaft nicht zu sehr zu schaden. Wobei dies wohl unumgänglich ist. Ich habe das Gefühl, viele denken da nur in eine Richtung oder nicht weit genug. Es ist nicht damit gemacht, keine Lokale zu schliessen oder den Konsum der Menschen nicht einzuschränken, denn wenn irgendwann (bald) dann sehr, sehr viele Menschen krank sind, werden diese so oder so schliessen müssen, weil viel Personal krank ist und nicht arbeiten kann und die Kunden ebenfalls krank sind und nicht konsumieren können. Meiner Meinung nach gilt es, genau dies zu verhindern.
Ich glaube, die Regierung versucht momentan genau dies zu erreichen mit einem Mittelweg zwischen Menschenleben retten, Gesundheitssystem nicht zu überlasten und die Wirtschaft zu retten. Und dabei sind die Verantwortlichen sehr unter Druck. Und sie sind die Arschlöcher für einige, egal was sie entscheiden.

Es wäre einfach, wenn man das mit Geld regeln könnte, wie wir es mit so vielen tun. Aber das geht nicht. Und immer dann, wenn wir Menschen etwas leisten müssen, wird es uns sehr schnell zuviel und wir verniedlichen das Problem, machen uns darüber lustig und suchen einen Schuldigen. Das beobachte ich nicht nur bei Corona, sondern zB auch beim Umweltschutz bzw. dem Klimawandel und in der Flüchtlingskrise.

Ich glaube, das Klima zwischen den Menschen wird kälter, es entstehen Fronten und Aggressionen. Eine andere Meinung zu haben, das ist schwierig… Es wird schnell emotional und persönlich. Wir sind empfindlich. Ich auch. Ich merke sogar, dass ich Angst habe, dass jemand sich angegriffen fühlen könnte, wenn ich hier über dieses Thema schreibe und mir fünfmal überlege, ob ich das veröffentlichen kann, weil ich niemanden verärgern oder verlieren will.
Viele kommen an ihre Grenzen oder bereits darüber hinaus. Psychisch. Das ist begreiflich. Und statt bei sich zu schauen, ist es immer einfacher, andere anzufeinden. Menschen, Methoden.

Und manchmal habe ich Angst, dass die Konflikte die daraus entstehen, viel schlimmer sein werden als Covid19.




Ende.

Dinge gehen zu Ende, es ist unweigerlich so. Immer. Unendlichkeit existiert in einem menschlichen Leben nicht und wenn doch, dann nur in unseren Wünschen und Träumen.

Enden sind manchmal ganz okay und manchmal überhaupt nicht.

Was bin ich jedes Mal traurig, wenn ich ein gutes Buch (eigentlich viel zu schnell) zu Ende gelesen habe und es irgendwie nicht genügend genossen habe? Verschlungen, Sätze überlesen, um möglichst schnell alles in mir aufzusaugen. Und am Ende bleibt immer ein kleines Bisschen Leere und es dauert eine kleine Weile, bis ein nächstes Buch diese wieder auszufüllen vermag.

Wir freuen uns auf einen besonderen Augenblick oder einen Tag, auf Weihnachten, Urlaub und Geburtstage und wenn wir ehrlich sind, ist vielleicht die Vorfreude viel ergiebiger als der Moment selbst, denn sie dauert unter Umständen viel länger und lässt uns erschaudern, glücklich sein und uns alles in den schönsten Farben ausmalen. Wenn der besondere Moment dann da ist, ist er auch schon wieder vorbei und was bleibt, sind Erinnerungen.

Gerade gestern habe ich darüber geschrieben, wie es ist wenn ein Leben endet. Ein Ende und ein Abschied für immer und auch für ewig, obwohl ich gerade eben geschrieben habe, dass es die Unendlichkeit gar nicht gibt. Und doch scheint es sie zu geben, nämlich im Tod. Im Nichts. Oder auch nicht. Niemand weiss es, einige glauben irgendetwas.

Freundschaften enden, Menschen leben sich auseinander, finden neue, interessantere Menschen, mit denen sie sich verbinden und Zeit verbringen möchten. Das ist der Lauf der Zeit. Normal. Und doch ist auch das manchmal mit loslassen verbunden und loslassen ist vielleicht mit losreissen verbunden und vielleicht tut das dann einem von beiden mehr weh als dem andern.
Und manchmal ist längst nicht alles ein Ende, was wie ein Ende aussieht. Manchmal ist es nur ein Warten, ein Zwischenraum und die Angst vor dem Ende, die uns etwas zusammenphantasieren lässt.

Ich glaube, wir füllen so manche innere Leere mit einem Menschen. Einem, der ganz genau das ist, was wir brauchen. Ganz genau das, was uns glauben macht, wir wären nicht leer, nicht zerbrochen. Es ist schön, dass es das gibt. Und aber auch unschön, wenn dieser Mensch dann nicht mehr da ist, denn dann werden wir auf unser inneres Leer-Sein zurück geworfen und das ist vielleicht das allerschlimmste Gefühl von allen.
Leere ist schwer auszuhalten. Für mich jedenfalls.
Und dennoch tu ich es, wenn sie mal da ist. Muss.

Ich glaube, wenn wir vermögen, alle diese leeren Stellen in unseren Herzen selbst auszufüllen und wir mit uns selbst zufrieden und glücklich sind, dann sind wir bereit für die Liebe. Denn dann brauchen wir nicht mehr, kompensieren wir nicht mehr, sind wir nicht mehr abhängig, sondern sind wirklich frei für jemanden.

Der Tag, an dem meine Mutter starb.

Mein Grossvater ist gestorben, als ich sechs war. Ich kann mich daran erinnern, dass er zuhause im Bett lag und sehr krank war und meine Patentante mit mir ins Zimmer ging, damit ich mich von ihm verabschieden sollte. Ich wollte nicht, auch daran erinnere ich mich, musste aber.
Das war der Vater meines Vaters. Der andere Grossvater ist vor meiner Geburt gestorben. Ich glaube, er war so um die 50 und hatte einen Herzinfarkt. Das war ein paar Tage vor der geplanten Hochzeit meiner Eltern und so kam es, dass an diesem Tag statt eine Hochzeit eine Beerdigung stattfand.
Meine Grossmütter wurden beide sehr alt und obwohl ich sie sehr geliebt habe und natürlich traurig war, war ihr Tod irgendwie okay für mich. Das klingt jetzt bestimmt falsch. Ich will damit sagen, dass wenn jemand über 90 ist, der Tod halt nicht mehr so unerwartet und plötzlich kommt wie dann, wenn jemand jünger ist. Wir kennen die Lebenserwartung des Menschen in ungefähr und müssen damit leben, dass keiner 150 oder 200 wird. Traurig ist das natürlich trotzdem, man versteht es aber vielleicht einfach besser.
In vielen meiner Kindheitserinnerungen kommen meine Grossmütter vor, besonders die eine, und ich denke auch Jahre nach ihrem Tod noch viel an sie. Nicht mehr so vermissend, aber liebevoll und dankbar. Das sind einfach super Erinnerungen.

Eine ganz andere Erfahrung machte ich mit dem Tod, als er sich meine Mama holte. Sie war seit etwa einem Jahr krebsfrei. Ich glaube, wir gewöhnten uns langsam daran, uns keine Sorgen mehr zu machen und entspannter zu sein, als sie starke Rückenschmerzen unbekannter Herkunft bekam. Die gingen nicht mehr weg. Als es immer schlimmer wurde, half ich ihr viel im Haushalt, nahm ihr Arbeiten wie z.B. das Einkaufen und die Wäsche ab.
Ich glaube, ich hatte damals das Thema Krebs total ausgeblendet, was mir jetzt sehr schräg vorkommt. Es war doch irgendwie offensichtlich, dass er zurück war… Aber ich wusste es nicht oder wollte es nicht wissen. Oder vielleicht erinnere ich mich total falsch an all das, ich weiss es nicht. Leider kann ich niemanden mehr fragen, der das wüsste.
Irgendwann musste sie dann ins Krankenhaus, war etwa zwei Wochen dort und verliess es nicht mehr lebend. So schnell ging das. Dort erfuhr ich, dass sie wieder Krebs hat und zwar jetzt einfach überall, es war zu spät für alles. Es war ein Schock. Und alles ging viel zu schnell.

Die letzten drei Tage lag sie auf der Intensivstation. Am Abend bevor sie starb waren mein Vater, mein Bruder und ich noch bei ihr. Sie stand unter Morphium und war aber noch bei Bewusstsein. Sie sagte, dass sie noch nicht sterben will.
Am nächsten Morgen hätte ich eigentlich Schule gehabt. Ich hatte dieses komische, unruhige und ungute Gefühl schon beim Aufwachen, diese Vorahnung… und statt in die Schule fuhr ich früh morgens schon ins Krankenhaus. Dort wurde ich von einer Ärztin empfangen und in ein Zimmer geführt, wo sie mir erklärte, dass sich der Zustand meiner Mutter sehr verschlechtert habe und ich nun entscheiden müsse, ob man sie künstlich beatmen soll oder nicht. Sie empfahl es nicht, denn eine Chance aufs gesund werden gäbe es nicht und der Beatmungsschlauch könnte zusätzliche Infektionen hervor rufen.

Aber gestern Abend hat meine Mama ja noch gesagt, sie wolle nicht sterben….

Ich wollte zu ihr.
Sie war noch bei Bewusstsein, konnte aber nicht mehr sprechen. Ich fragte sie, ob die Ärzte es ihr erklärt hätten und sie nickte. Und dann fragte ich sie, ob sie einverstanden sei und sie nickte wieder…. Ich bin auch nach 22 Jahren noch wahnsinnig dankbar dafür, dass sie noch zustimmen konnte.
Ich rief meinen Vater an, der bei der Arbeit war und gleich los fuhr. Und dann fuhr ich nach Hause zu meinem Bruder, um ihm alles zu erklären und ihn abzuholen. Er hatte drei Jahre zuvor einen ganz schlimmen Motorradunfall mit bleibenden Schäden erlitten und war zu dieser Zeit noch in Rehabilitation.
Als wir im Krankenhaus ankamen, war meine Mutter nicht mehr bei Bewusstsein.

Ich hatte mal gelesen, dass Menschen manchmal ganz lange nicht sterben bzw. loslassen können, weil sie denken, es ginge nicht ohne sie. Meine Mutter hat wahnsinnig gelitten, als mein Bruder den Unfall hatte und an den Folgen fast gestorben war. Es war eine unerträglich schlimme Zeit für die ganze Familie und ganz besonders für meine Mutter.
Er hatte sich unterdessen einigermassen erholt, war aber noch in Rehabilitation. Viele Therapien usw. Und sie begleitete und unterstützte ihn bei allem, denn er konnte alleine nirgends hin und war noch sehr eingeschränkt in seinen Bewegungen und auch sonst. Ich wusste, dass sie sich grosse Sorgen um ihn machte.
Ich fragte meinen Bruder, ob ich ein paar Minuten allein mit ihr sein dürfe und sagte ihr in dieser Zeit, dass Papa und ich auf meinen Bruder aufpassen werden, dass sie sich keine Sorgen machen solle und dass sie gehen darf.
Danach dauerte es nur noch ein paar Minuten bis das Gerät, an dem sie hing, anfing zu piepen und den Herzstillstand anzeigte.
So tapfer wie das alles klingen mag, ich war nicht tapfer. Nur vernünftig und ich wollte sie nicht mehr leiden sehen, ich hielt das nicht aus. Ich wollte nicht, dass sie stirbt. Ich wollte, dass alles wieder gut wird, dass sie gesund wird und alles einfach vorbei ist. Aber ich wusste, das wird nicht geschehen, also sollte sie loslassen und in Frieden sterben können.

Mein Vater kam erst kurz nach ihrem Tod an und das war gut so. Ich glaube, meine Mutter hat gewusst, dass er das nur schlecht hätte ertragen können.

Nun war sie also tot, meine Mutter. Viel zu früh.
Irgendwie war das immer mein Alptraum und etwas, was ich mir nie vorstellen konnte. Ein Elternteil zu verlieren. Ich wurde mit dieser Situation relativ früh in meinem Leben konfrontiert und ich muss sagen, ich war nicht bereit dafür. Es hat wirklich sehr lange gedauert, bis ich da einigermassen drüber hinweg gekommen bin.

Ostern 1995 war der Unfall meines Bruders und im September 1998 ist meine Mutter gestorben. Mich hat das beides durchgeschüttelt und ich glaube, ich hatte nach dem ersten Ereignis gar nicht genug Zeit, wieder richtig Boden unter den Füssen zu bekommen, als er mir erneut weg gezogen wurde. Ich wusste es damals nicht, aber jetzt denke ich, dass ich traumatisiert war. Ich hatte Angstzustände. Verlustängste. ich erinnere mich gut daran, wie ich jedesmal Panik hatte, wenn ich die Sirene der Ambulanz durchfahren hörte. Diese Angst, es sei meinem Bruder oder meinem Vater etwas passiert und die ging erst weg, wenn ich anrief und fragte, ob alles okay ist. Natürlich war immer alles okay, nur ich nicht, ich war gestört. (Mit der Zeit ging das dann aber wieder weg, unterdessen bin ich wieder ziemlich normal.) Ich hatte auch jahrelang Schuldgefühle, weil ich sie damals nicht aufgefordert habe, zu kämpfen, zu überleben und nicht aufzugeben… Sehr, sehr lange. Unterdessen nicht mehr. Es war alles richtig, so wie es war.
Mein Bruder konnte damit viel besser umgehen als mein Vater und ich, ich glaube, das hat mit seiner Hirnverletzung zu tun. Papa hat nicht viel darüber geredet, aber ich weiss, dass er es schwierig fand.

Neun Jahre später starb er ja dann auch an Krebs. Von dieser Begegnung mit dem Tod erzähle ich ein anderes Mal, es ist genug für heute. Als ich kurz nach seinem Tod die Wohnung räumte, waren all die Anziehsachen usw. von meiner Mama immer noch im Kleiderschrank und das tat mir damals so Leid. Ich glaube, er fand das alles viel schwieriger als ich wusste und ich hätte mehr für ihn da sein sollen, habe es aber nicht gemerkt und nicht gekonnt zu dieser Zeit.

Das alles ist 22 Jahre her und mir geht es sehr gut. Ich vermisse meine Mutter an manchen Tagen oder in manchen Situation noch, aber nicht mehr so oft und nicht mehr so schmerzlich wie am Anfang. Aber seit ich selber Mutter bin und halt seitdem ich alleinerziehend bin. Ich hätte es meinem Kind so gegönnt, Grosseltern zu haben und meinen Eltern, mein Kind zu kennen, weil es so ein tolles ist.
Aber im grossen und ganzen habe ich mich längst daran gewöhnt, dass sie nicht mehr da sind. Ich muss ehrlich gestehen, dass die Erinnerungen an meine Mutter langsam verblassen. Ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, wie sie jetzt wäre, 22 Jahre älter…

Und so heilt die Zeit vielleicht doch ein wenig die Wunden, wenn wir sie nur lassen…







Sie wären ja sowieso gestorben…

Zwei Monate Corona und es fällt schwer, weiterhin durchzuhalten. Es geht uns allen so, ich weiss. Ich tu’s trotzdem. Durchhalten. Ich bin froh, dass die Zahlen der Neuinfizierten momentan nicht mehr hoch sind und mir wäre es recht, wenn sie nicht nochmal drastisch ansteigen würden. Ich vermisse vieles, denn ich bin ein Mensch, der nicht soooo einfach auf soziale Kontakte verzichten will. Mach ich aber. Natürlich. Für alleinstehende bzw alleinlebende Menschen bedeutet dies, dass man jetzt seit mehr als 8 Wochen keinen so gut wie keinen direkten Kontakt zu andern erwachsenen Menschen hatte. Mir fehlt das sehr. Die Aktivitäten, auf die wir momentan ebenfalls alle verzichten, fehlen mir nicht.

Mich ärgern am ganzen Corona-Zeugs momentan eigentlich die Reaktionen bzw Aussagen von einigen, die ich null nachvollziehen kann. Und ich bin tatsächlich ein Mensch, der vieles versteht und vieles nachvollziehbar findet, auch wenn’s nicht meine Meinung ist.

Heute habe ich zB gelesen „Ich glaube nicht an Corona“. Also was? Was bedeutet das? Ich glaube nicht an Corona? Glaubt man da auch nicht an Ohrenschmerzen oder den Noro-Virus? Denkt man, Dinge an die man nicht glaubt, existieren nicht? Wie praktisch! Wenn man also nicht an Krebs glaubt, ist man safe. An all die psychischen Krankheiten muss man auch nicht zwangsläufig glauben, denn sie sind eh nicht immer klar ersichtlich.

Oder meinte diese Person, Corona werde nur vorgetäuscht? Da gibt es ja dann so einige zum Teil sehr interessante (bescheuerte, durchgedrehte, psychotische, gestörte, extrem fantasievolle) Geschichten und ich möchte behaupten, jemand mit einem gesunden Menschenverstand und ohne Wahnvorstellungen weiss, dass das alles Kacke ist.

Nach wie vor ist auch die Meinung, Corona sei nicht so schlimm und es würden daran viel weniger Menschen sterben als an einer Grippe, weit verbreitet.

Heute hat mir eine Frau in einer dieses Thema betreffende Facebook-Diskussion geschrieben, dass diese Menschen ja sowieso gestorben wären. Diese Aussage finde ich noch dümmer als andere. Und sehr pietätlos. Ich habe darauf geantwortet, dass man das dann ja auch bei Krebs- oder Unfalltoten sagen kann. Oder bei Suiziden, bei Totgeburten und eigentlich grad immer, wenn jemand stirbt. Denn jeder wird sterben. Irgendwann… Haupsache, es sterben andere. Fremde. Dann kann uns das getrost egal sein? Sie bejahte diese Aussage.

Ich finde auch, wenn jemand 95 ist, dann wird er vermutlich nicht noch weitere zehn Jahre leben. Und dennoch hat er ein Recht auf seine restliche Lebenszeit, es ist nicht egal, wenn er morgen an Corona stirbt. Es ist nie egal. Eigentlich war ich immer der Meinung, dass ein Menschenleben so ziemlich das wertvollste sei, das es gibt, oder? Mir hat jetzt eben noch eine geschrieben, dass dass die „natürliche Selektion“ sei. Die Schwachen nimmts. (Siehe Bild unten)

Da frage ich mich, in welcher Phase der moralischen Entwicklung solche Menschen stecken geblieben sind… Da gehört wohl dann auch die Meinung mit hinein, dass zB behinderte Menschen, die ja irgendwie zu unseren Schwächsten gehören, auch keine Berechtigung zum Leben haben? Und wir ist es mit Aborten? Und Kranken? Ist ja egal, wenn die jetzt an Corona erkranken und evtl sterben, natürliche Selektion. HAUPTSACHE, ES TRIFFT NICHT MICH. Gehts noch dümmer und taktloser? Was ist da falsch gelaufen in der Erziehung? In der Vermittlung von Werten? So ziemlich alles, oder?

Leute, ganz ehrlich. Personen mit einem solchen Menschenbild machen diese Welt zu einer schlechten. Das ist meine Meinung. Genau so ein Mensch hat vor 90 Jahren mal Deutschland angeführt. Ein menschenhassendes Arschloch, dem Menschenleben nichts wert waren. So einer regiert momentan die USA. Ich würde nicht sagen, dass er menschenhassend ist, aber ganz bestimmt ist er gleichgültig ihnen gegenüber. IHM gehts ja gut.

Diese Gleichgültigkeit und diese Abwertung von Menschen… Ich finde das nicht nur unschön, sondern auch erschreckend. Und dann wundert man sich, warum die Welt ist, wie sie ist!

In Clubs gehen, ausgehen, sich seiner Freiheiten nicht berauben lassen wollen, auf Kosten der „Schwächsten“… Ich rege mich über so etwas wirklich sehr auf. Vielleicht weil ich weiss, wie Verluste sich anfühlen, vielleicht aber auch einfach, weil ich kein Misanthrop bin.

  • Diese Facebook-Unterhaltung von heute… Ich habe betr. „natürliche Selektion“ dieser Dame geantwortet, dass also ihrer Meinung nach zB behinderte Menschen auch keine Daseins-Berechtigung hätten usw. Ihre Antwort, siehe Foto (ich werde es unten übersetzen). Danach habe ich nicht mehr zurück geschrieben…:
  • Übersetzung: Klar ist ein Menschenleben wertvoll, aber wenn eine Krankheit kursiert, nimmts halt immer zuerst die Schwachen. 🤷🏼‍♀️ Und nur, weil jemand behindert ist, heisst es nicht, dass er zu den Schwachen gehört oder zu denen, die sterben müssen, aber mit unserem Gesundheitssystem, wo die Leute immer älter werden, braucht es irgendwie auch einen natürlichen „Feind“, der die Population in Zaun (sie meint Zaum) hält… weil erschiessen wie bei den Tieren darf man sie ja nicht und auch wenn man dürfte, würde ich zuerst die Dummen holen. (Also sich selbst…)

    Ich weiss auch nicht, was ich da noch sagen soll… Aber mit dieser Einstellung wird das nichts mit einer besseren Welt und ich hoffe von Herzen, dass diese Frau zu einer winzig kleinen Minderheit gehört.

    wegwerf-beziehungen

    Wir leben in einer Wegwerf-Gesellschaft. Es ist kostengünstiger und unkomplizierter, defekte und kaputte Dinge zu ersetzen, statt sie zu reparieren.

    Dinge…
    Das sind Gegenstände, Fahrzeuge, Kleidung. Alles, was man halt so braucht im Leben, von den Socken bis zum Küchengerät, vom der Uhr bis zum Rasenmäher.
    Ersatzteile gibt’s keine mehr oder die Reparatur ist viiiiiiiel zu teuer, also weg damit und ein Neues kaufen.
    Wir werfen nicht nur Gegenstände weg, sondern auch sehr viele Lebensmittel.
    Es nennt sich Food Waste.
    Überfluss. Offensichtlich.

    Wir leben in einer Zeit, in der aber ein Umdenken statt findet. Es wird darüber geschrieben und gesprochen und es wird von vielen auch gehandelt. Veränderungen brauchen Zeit…

     

    Dinge…
    Wir leben in einer Wegwerf-Gesellschaft. Ich wiederhole mich… Wir entledigen uns schnell Dingen und ersetzen sie, während dem sich bei uns unendlich viele Dinge ansammeln. Wir haben, was wir benötigen und noch viel mehr. Wir haben nicht nur eins davon, sondern zwei oder drei oder vier. Wir besitzen unglaublich viele Dinge.

    Vielleicht verlieren sie für uns genau aus diesem Grund an Wert. An Besonderheit.
    Weil fast alles einfach zu ersetzen ist.

     

    Dinge…
    Ich wiederhole mich noch einmal… Wir leben in einer Wegwerf-Gesellschaft. Nicht nur was Dinge und Gegenstände betrifft, nein. Auch was unsere Beziehungen betrifft, was Menschen betrifft.

    Wer nicht mehr reinpasst, kann weg. Es ist so einfach.

    Jede dritte Ehe wird in der Schweiz geschieden (was zwar eine Verbesserung ist, denn in den letzten zwanzig Jahren war es sogar jede zweite). Es ist einfach, sich zu trennen oder scheiden zu lassen. Es geht schnell und man muss sich nicht unbedingt mehr damit auseinander setzen. Man kann sich sogar online scheiden lassen.
    Einfach weg damit. Vergessen und weit weg ist die Liebe, die man füreinander gefühlt hat und damit all die Wünsche, Hoffnungen und Pläne… Wo sind die Versprechen geblieben, die man einander gegeben hat? Die,  in denen man um die Liebe, um die Beziehung kämpfen wollte? Daran arbeiten? Weg und vergessen?
    Es ist auch einfach, einen fliegenden Wechsel von Partnern zu machen. Die „alte“ Beziehung muss dafür nicht zwangsläufig schon beendet sein.

    Die Liebe ist ja nur eine Art von Beziehungen, es gibt noch andere. Zum Beispiel Freundschaften. Mir kommt es manchmal so vor, als ob auch diese nicht mehr soooo viel zählen würden. Viele Freundschaften oder Bekanntschaften sind oberflächlicher geworden, sicher auch begünstigt durch „neuen“ Kommunikationsmittel. Es ist nicht nötig, alles zusammen zu besprechen oder jemandem persönlich etwas zu erzählen, man macht einfach eine Whatsapp-Text- oder Sprachnachricht. Man liest sich bei Facebook oder sieht sich den Whatsapp-Status an. Mehr Kontakt besteht oft nicht. Muss ja auch nicht zwangsläufig, denn es gibt ja verschiedene Arten von Bekanntschaften.
    Wir wissen vielleicht mehr voneinander und dennoch weniger.

    Freunde sind austauschbar geworden, viele Menschen haben es verlernt oder sind nicht bereit, sich mit jemandem auseinander zu setzen oder sich für jemanden einzusetzen. Es ist so unbequem, wenn es jemandem nicht gut geht, wenn jemand anderer Meinung ist oder wenn er etwas Falsches sagt.
    Keine Zeit und keine Lust auf sowas, der kann weg. Denn es hat andere, mit denen es einfacher ist. Im Moment jedenfalls.

    Bestimmt ist das überrissen dargestellt. Irgendwie. Oder vielleicht doch nicht?

     

     

    Alleinerziehend. Ein weiterer Text.

    Ich schreibe immer wieder darüber. Weil es mein neues Leben ist und ich mich damit auseinander setze. Auseinander setzen muss. Etwas anderes bleibt mir ja nicht übrig. Und ich muss sagen, ich habe manchmal noch Mühe damit. Es ist genau das, was ich nie wollte. Ich wollte nie allein gelassen werden. So fühle ich mich tatsächlich oft. Allein gelassen.

    Ich habe es mir wirklich sehr gut überlegt damals, ob ich schwanger werden will. Ob ich ein Kind bekommen möchte, diese Verantwortung tragen kann. Nach dem Tod meiner Eltern sah ich mich auch ohne Kind bereits in einer Rolle, die viel Verantwortung tragen muss. Ich habe mich trotzdem dafür entschieden, zusammen mit meinem damaligen Ehemann. Im Glauben, dass wir diese Aufgabe zusammen meistern, das Kind in Liebe bei uns aufwachsen lassen.

    Tja. Glauben ist nicht wissen. So ist das Leben.

    Und jetzt ist das so. Es geht mir nicht ums Jammern. Nie. Es gibt nichts zum Jammern, es läuft ziemlich gut.

    Jemand hat mir gesagt, das was ich nun bezahle, ist der Preis, den Mütter bezahlen für die enge Bindung zwischen ihnen und dem Kind. Diesen Preis bezahlt man. Und es ist normal. Naja, ich finde das nicht. Als Frau bin ich nach der Trennung deutlich schlechter gestellt als der Mann, obwohl die Trennung nicht von mir aus kam. Das Finanzielle ist nur die eine Seite.

    Ich bin wahnsinnig froh, dass das Kind bei mir wohnt. Ich könnte ohne sie gar nicht leben, das würde mir das Herz brechen. Neben Familie, Organisation, Terminen, Haushalt und Arbeit habe ich meine Freiheit aber zB ziemlich verloren. Ich meine die Freiheit, mal weg zu gehen, abends oder so. Ich bin mir sicher, das klingt verbitterter als es soll. Ich will es aber nur beschreiben. Bei fehlender Familie, die mir mal unter die Arme greifen könnte, gehe ich praktisch nie aus. Ich habe sozusagen kein Sozialleben mehr. Und wenn jede zweite Woche das Kind eine Nacht nicht zuhause übernachtet, könnte ich zwar, möchte aber das Geld nicht unnötig ausgeben. Es würde anderswo fehlen. Und ich bin sowieso zu müde. Es sind lange Tage, ich schlafe während der Woche nie so richtig genug.

    Wie ich oben gesagt habe, ich bin nicht unzufrieden. Und doch finde ich es nicht immer einfach, ich gebe das auch zu. Ich bin extrem froh, dass wir dieses Jahr überstanden haben und es uns gut geht. Mir fehlt nichts. Ich finde, ich bin sogar wieder ziemlich glücklich. Aber ich bin müde. Und unentspannt. Ich habe die alleinige Verantwortung, loslassen geht da schlecht irgendwie.

    Ich schaue positiv eingestellt in die Zukunft. Aber in was für eine Zukunft? Irgendwie braucht das viel Energie. Ich habe die aber, ich weiss das. Das letzte Jahr hat’s bewiesen.

    Alleinerziehend und ohne Verwandtschaft zu sein, bedeutet irgendwie schon auch, allein zu sein. Zumindest in gewissen Momenten. Damit tu ich mich manchmal noch schwer. Nie irgendwelche Gedanken, Sorgen mit einer erwachsenen Person teilen, nie müde nach Hause kommen und jemand interessiert es, wie dein Tag war. Mal weinen und jemand nimmt dich in den Arm. Sich immer um Kontakte bemühen, es ist niemals jemand einfach da. Verabreden usw, oft mit dem Hintergedanken, ob wir wohl stören oder uns aufdrängen… Sowas halt. Vielleicht fehlt mir ein Partner. Mag sein. Aber das ist genau das, was ich mir nach all diesen Erfahrungen nun wirklich überhaupt nicht mehr vorstellen kann.

    Ich habe es gut. Ich verdiene mein eigenes Geld, ich habe alles gut auf die Reihe gekriegt, bin physisch und psychisch gesund. Andere müssen mit schlimmeren Situationen zurecht kommen, viel schlimmeren. Ich habe Lebensgeschichten und von Trennungssituationen gehört, die hält man nicht für möglich…

    Mich macht nicht mal nur mein Alltag müde, sondern auch Menschen, die in total anderen Lebensumständen leben und sich null hinein versetzen können. Oder wollen. Diese herablassende Haltung Frauen gegenüber. Durchaus auch von Frauen. Wenn Frauen gleichberechtigt und gleichwertig wären bei uns in der Schweiz, würden viele das im Alltag vielleicht nicht mal so deutlich merken, ich weiss. Aber jede kann in Situationen kommen, in denen es einen Unterschied machen würde. Es gibt Frauen, Familien, die fallen durch die Netze.

    Männer wären dadurch nicht benachteiligt oder weniger wichtig bzw weniger wert. Es ist kein Geschlechterkampf. Es geht um Zusammengehörigkeit.

    Es wäre einfach fair und manchmal ein bisschen einfacher und ich finde, dieser Zustand ist erstrebenswert. Lassen wir eine Entwicklung zu.

    Von Verlusten und Erkenntnissen

    Wir können vieles verlieren… Unsere Schlüssel, das Portemonnaie, die Stimme, die Unschuld, das Vertrauen. Ein Spiel, den Kontakt, die Hoffnung und den Verstand. Am Ende sogar unser Leben.

    Einiges davon finden wir irgendwann wieder, anderes ist für immer weg.

    Manche Verluste sind zwar im Moment ärgerlich, sind jedoch nicht weiter wichtig. Andere reissen uns in tiefe Krisen, sind bedrohlich und lebensverändernd. So zB der Verlust der Gesundheit, des Jobs und auch vor allem der Verlust eines geliebten Menschen. Dies muss nicht unbedingt nur durch den Tod geschehen, sondern sehr oft durch eine Veränderung der Beziehung, der Rolle, die man füreinander eingenommen hat. Also zB wenn eine Freundin irgendwann keine mehr ist oder wenn ein Ehepartner sich dafür entscheidet, andere Wege zu gehen.

    Ich habe manchmal den Eindruck, dass all unsere Ängste mit Verlusten zu tun haben bzw mit der Angst davor.

    Solch grosse Verluste stürzen uns unter Umständen in tiefe Krisen, aus denen man manchmal lange nicht mehr rauskommt. Sie verändern unser Leben. Und das ist nun weder positiv, noch negativ zu werten. Wenn man irgendwann etwas Positives darin sehen kann, ist das wohl der bestmögliche Fall. Ich glaube aber schon auch, dass viele von uns traumatisiert wurden durch grosse Verluste und ihre Umstände.

    Für mich haben Verluste auch mit Erkenntnissen zu tun, bzw ziehen solche mit sich. Und Erkenntnisse sind etwas Gutes. Immer. Manchmal zwar im Moment ernüchternd und schmerzhaft, aber dennoch klärend und wegweisend. (Ich möchte aber betonen, dass ich damit nie den Verlust durch den Tod meine, wirklich nie.)

    Zum Beispiel die Erkenntnis, dass man etwas verloren hat, das schon lange nicht mehr funktioniert hat. Die Erkenntnis, nun noch die Chance zu haben, glücklich zu sein. Die Chance auf einen Neuanfang. Die Erkenntnis, dass überall so viel Schönes passiert und tolle Menschen um einen herum sind. Die Erkenntnis, dass es weh tut, aber richtig ist, was passiert. Und die Erkenntnis, dass alles gut wird.

    Vom Gehen, Kommen und Bleiben. Vom Loslassen und Festhalten.

    Ich habe neulich gelesen, dass wenn man an Krebs erkrankt, einen während der Phase der Chemo und / oder Bestrahlung die Hälfte seiner Freunde verlässt. Wenn man das so liest, kommt es einem unglaublich vor. Jedenfalls mir ist es so ergangen. Ich kann es mir nicht vorstellen, jemanden den ich wirklich lieb habe, in seiner schwersten Zeit loszulassen. Genau dann, wenn er auf Menschen angewiesen ist, die ihn festhalten, weil die Erkrankung und Therapie all seine Kraft braucht. Und oft mehr Kraft als so ein Mensch hat, viel mehr.

    Ich versuche mich gerade zu erinnern, wie es damals war, als meine Eltern an Krebs erkrankt und gestorben sind. Ich glaube, in diesen Krisen bekommt man viel Mitgefühl und ich kann mich nicht erinnern, dass sich jemand von mir abgewandt hätte. Aber es ist lange her, ich erinnere mich nicht wirklich.

    Menschen, die sich in schwierigen Situationen abwenden. Ich verstehe es irgendwie und irgendwie auch wieder nicht. Oder soll ich sagen, ich verstehe warum, kann es aber nicht befürworten? Man hinterfragt sich selbst ja so oft und so sehr. Manchmal hat es, wenn jemand geht aber nicht unbedingt nur etwas mit uns zu tun, sondern auch mit der anderen Person und ihrer Belastbarkeit. Damit, was sie aushalten kann und will. Es geht auch um Selbstschutz und ich finde das okay.

    Ich erlebe im Moment etwas ähnliches. Eine Trennung nach vielen gemeinsamen Jahren. Ich habe in der letzten Zeit immer wieder über Themen geschrieben, die für mich daraus entstanden sind. Ich glaube, die allerschlimmste Phase ist nun vorbei. Der Trennungsschmerz sog. Liebeskummer, der mich fast umgebracht hat, wird schwächer. Er nimmt mich nicht mehr so sehr ein, all die anderen Gefühle haben auch wieder Platz. Den riesigen Zukunfts- und Existenzängsten konnte ich entgegenwirken, indem ich geplant und organisiert habe. Dafür musste viel geklärt werden, das braucht ein bisschen Zeit. Und wenn ein oder mehrere Kinder da sind, werden auch sie reagieren. Logischerweise. Und es ist das allerwichtigste überhaupt, die Kinder aufzufangen. Und das tut man dann, mit Energie von der man nicht weiss, woher sie kommt.

    Ich habe mir Unterstützung geholt – für das Kind und auch für mich. Auch da muss man suchen, welches Angebot für einen stimmt und passt. Auch da sucht man, obwohl man nicht mehr kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, plötzlich für eine Weile die hilfesuchende Person statt die helfende zu sein und bin zum Teil erschrocken, wie von „professionellen“ Leuten mit mir umgegangen wurde. Schlussendlich bin ich aber doch an den richtigen Stellen gelandet und fühle mich gut unterstützt.

    Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass nicht alle Freunde / Bekannte mit mir, meiner in dieser Zeit vorhandener Überforderung und Befindlichkeit umgehen konnten. Ich habe nach ein paar Wochen die Erwartung gespürt, dass es mir nun besser bzw wieder gut gehen müsste, dass die Krise nun langsam vorüber sein sollte. Dass ich mit all dem ganz anders umgehen müsste und das und das und das falsch mache. Das war eigentlich, als ich gerade so mittendrin steckte. Und ich habe widerstandslos losgelassen. Wenn man einen dermassen grossen Verlust erlebt, kommts darauf auch nicht mehr drauf an. Mir war und ist es wichtig, Menschen in meinem Leben zu haben, die mich gern haben und ich sie. Und die habe ich. Sogar solche, von denen ich es nicht erwartet hätte.

    Ich denke, man kann sich so viel Hilfe holen wie man will (und das sollte man auch), niemand wird und kann uns den Schmerz, die Überforderung, die Angst und halt die Situation und die Krise wegnehmen. Und das sollen sie auch gar nicht. Sie sollen zuhören und (unter-)stützen, denn durchleben müssen wir diese Situation selbst. Immer. Hoffentlich nicht allein, aber dennoch selbst. Und es dauert seine Zeit. Da gehts einem nicht nach drei Wochen wieder super. Das ist im Moment wahnsinnig hart.

    Unterdessen denke ich, das verstehen nur Menschen, die es so ähnlich schon erlebt haben. Aber wenn man dann wieder mehr Licht sieht, wenn man ganz vieles schon geschafft hat und es bergauf geht, dann ist das auch ein schönes Gefühl. Ich freue mich auf mein neues Leben, zusammen mit dem Kind. Und ich freue mich darüber, dass ich wieder viel mehr lache als weine, dass ich viel geschafft habe in den letzten Wochen. Und dass mir das Leben nach einer Schwarz-Grau-Phase nun wieder bunter und heller erscheint. Und darüber, dass ich so stark bin.

    Muttertag

    9 Monate Schwangerschaft und dann die Geburt, schwupps (mehr oder weniger schwupps) ist das Kind geboren. Und dazu eine frischgebackene Mama.
    Klingt relativ einfach und unkompliziert… Aber das ist es irgendwie nicht.
    Eine einigermassen normal denkende Frau ist sich wohl schon vor der Schwangerschaft oder Geburt bewusst, was es bedeutet, eine Mutter zu sein. Was es dann aber tatsächlich bedeutet und mit sich zieht, merkt man vermutlich dann erst, wenn das Kind da ist. Ich meine, das volle Ausmass. Jedenfalls mir ging es so.

    Soooooo viel Schönes, aber auch Schwieriges, immer wieder Neues, Überforderung und Ängste.

    Und die LIEBE. Wenn es eine bedingungslose Liebe gibt, würde ich meine Liebe zum Kind so nennen. Die grosse Liebe meines Lebens. Also da ist sie nun, die riesengrosse Liebe zu diesem kleinen Wesen. Grösser als es man sich vielleicht je hätte vorstellen können. Ein kleiner Mensch, für den man alles tun würde. Und tut.
    Und die Müdigkeit, die war am Anfang wirklich schlimm. All diese schlaflosen Nächte. Ich habe damals oft die Sozialleistungen der Schweiz verflucht, als ich drei Monate nach der Geburt zwar noch für eine lange Zeit schlaflose Nächte hatte und aber auch wieder arbeiten gehen musste. Und irgendwie schleppe ich diese Schlaflosig- und Müdigkeit auch nach Jahren noch immer mit mir herum.
    Und der Stolz. Was freut man sich über jeden Pups, der das Kind produziert, nä? Ich glaube, all diese Freude ist der Ausgleich für die Strapazen, die mit dem Mutter-Sein durchaus auch auf einen zukommt. Ich finde es bis heute etwas vom Schönsten zu sehen, wie unser Kind sich entwickelt. Wie sie wächst und gedeiht, selbständiger wird und Fortschritte in vielen verschiedenen Bereichen macht. Da schaue ich sie manchmal an, erinnere mich, wie winzig sie war und frage mich, wie sie so schnell gross werden konnte…
    Die Verantwortung! Ich weiss nicht, ob sich alle werdenden Eltern ihrer bewusst sind. Also ich persönlich finde, dass man nur Eltern werden sollte, wenn man die Verantwortung für ein oder mehrere Kinder übernehmen kann und zwar auf jeder Ebene. Das ist nicht ohne, finde ich.
    Die Nerven… Definitiv habe ich diesen Aspekt unterschätzt… Trotzalter von 0-12, danach Pubertät. Irgendwie sowas? 🙂
    Veränderungen. Ich habe es erlebt, dass mit Kind sich vieles verändert. Das Umfeld, die Interessen, die Zeit- und Finanzressourcen… Und nicht zuletzt ich mich selbst.

    Ich schreibe ja immer spontan und veröffentliche das alles dann gleich und bestimmt habe ich noch weitere Aspekte vergessen. Das hier sind aber die, die mir auf Anhieb in den Sinn kommen. Ich möchte sie alle auch gar nicht werten. Für mich war das Mutter-Werden und -Sein eine sehr positive Erfahrung bzw ist. Ich komme immer wieder an meine Grenzen und darüber hinaus. Und ich erlebe so viel Schönes und Unvergessliches. Es ist genau richtig, so wie es ist. Es ist mein Leben.

    Muttertag.
    Viele Jahre lang war dies einer der traurigeren Tage ihm Jahr. Ohne Mutter. Seitdem ich aber eine Mama bin, kann ich auch versöhnlicher zurück denken. Dankbar und mit dem Tod versöhnt. So einigermassen jedenfalls.
    Die Wurzeln, die ich habe, habe ich meinen Eltern zu verdanken und sie sind im Boden verwachsen und geben Halt, auch ohne dass die beiden noch da sind. Das ist schon etwas Wertvolles und nichts Selbstverständliches, finde ich. Ich hoffe, ich kann genau das auch meinem Kind mitgeben und länger für sie da sein als es meine Eltern für mich sein konnten.

    Vom Leben, er-leben, über-leben, weiter-leben. Einfach vom Leben.

    Ich finde, man kann sich auch schmerzlich an Dinge erinnern, wenn man diese einigermassen gut verarbeitet hat. Wenn Jahre später ein bisschen Gras darüber gewachsen ist, die Gefühle verebbt sind und das Leben weiter gegangen ist… Und trotzdem gibt es Ereignisse, die man nicht vergisst. Nicht kann, nicht will und vielleicht auch nicht soll.

    Ich finde das nicht dramatisch. Ich finde es auch nicht dramatisch, wenn diese Erinnerungen manchmal immer noch schmerzhaft sind, denn dieser Schmerz ist nicht mehr vergleichbar mit dem von damals. Ein Bruchteil davon. Und es ist normal, dass so etwas nicht in der Gleichgültigkeit versinkt. Kann es auch irgendwie nicht, denn all das hat seine Spuren hinterlassen in unseren Leben, oder? Wir mussten ohne Menschen, die wir liebten, weiter leben, wir haben viel Leiden gesehen oder selbst gelitten, einen Schock erlebt, was auch immer…

    Ich glaube, es hat uns verändert. Stark – stärker – gemacht. Oder zum Teil auch geschwächt. Vielleicht sind wir danach Wege gegangen, die wir uns ohne die schwierigen Ereignisse nicht zugetraut hätten. Oder vielleicht sind uns dadurch Menschen begegnet, die uns bereichern. Und wir ihnen (begegnet) bzw sie (bereichert). Wir haben weiter gelebt, uns verändert, uns entwickelt.

    Und in meinem Fall kann ich sagen, dass es mir gut geht und alles in Ordnung ist. Ich glaube, das kommt manchmal anders rüber, wenn ich von einiger meiner Erlebnisse schreibe. Ich bekomme manchmal Reaktionen und merke, dass es LeserInnen gibt die denken, ich sei tief zerbrochen und nur traurig. Das ist aber zum Glück nicht so. Aber es gibt Menschen, bei denen ist das so. Menschen mit anderen oder ähnlichen Geschichten, andern Voraussetzungen und andern Möglichkeiten. Ich habe Glück, ich hatte die Möglichkeit, auf einem gesunden Boden zu wachsen, meine Wurzeln in den Boden zu schlagen und an all den Erlebnissen zu wachsen, Lebenserfahrung zu bekommen und mich zu werden. Nicht alle konnten / können das…