Wir werden geboren…

Wir werden geboren, versuchen allen Erwartungen gerecht zu werden und…

Wir werden geboren, suchen jeden Tag dreimal unsere Autoschlüssel und…

Wir werden geboren, verschlafen ein Drittel unseres Lebens und…

Wir werden geboren, verlieren im Verlaufe des Lebens unser Lachen immer mehr und…

Wir werden geboren, gebären 1,75 Kinder und freuen oder ärgern uns über die und…

Wir werden geboren, möchten ewig jung bleiben, aber dann doch möglichst alt…

Wir werden geboren, posten 6548 Fotos auf Instagram und…

Wir werden geboren, erkranken an Krebs und sind viel zu jung, wenn wir…

Wir werden geboren, realisieren irgendwann, dass wir nun alt sind und…

Wir werden geboren, sagen „schlafen kann ich wenn ich tot bin“ und…

Wir werden geboren, verbringen durchschnittlich 2,5 Jahre unserer Lebenszeit im Auto und…

Wir werden geboren, bilden uns aus und weiter, um unwissend zu…

Wir werden geboren, denken zu oft „halt die Fresse“ und…

Wir werden geboren, sorgen uns um Nichtigkeiten, die nie eintreffen und…

Wir werden geboren, versuchen aktiver zu werden und gleichzeitig zur Ruhe zu kommen und…

Wir werden geboren, verbringen Jahre in unglücklichen Beziehungen und realisieren es, wenn wir…

Wir werden geboren, wollen alles erleben und die ganze Welt sehen, vergessen wie schön unser Zuhause ist und…

Wir werden geboren, sparen unser ganzes Leben lang, um dann zu…

Wir werden geboren, streiten uns, vergessen warum und bereuen alles, wenn wir…

Wir werden geboren, arbeiten zuviel, sind gestresst und verlieren die Nerven und…

Wir werden geboren, fühlen uns unfair behandelt und eingeschränkt und…

Wir werden geboren, wollen hoch hinaus und mit den Füssen auf dem Boden zu bleiben, bis wir sterben…

Wir werden geboren, finden die Liebe und Freunde, um sie irgendwann trauernd zurück zu lassen / zurück gelassen zu werden und…

Wir werden geboren, sammeln allerlei, entsorgen alles wieder und…

Wir werden geboren, trinken zuviel Kaffee und…

Wir werden geboren, verbringen unser Leben und Aufräumen und Putzen und…

Wir werden geboren, lassen andere im Stich, werden allein gelassen und sterben…

Wir werden geboren, schauen Netflix-Serien, könnten die allerletzte nicht zu Ende gucken und…

Wir werden geboren, leben forever back in the 80s und…

Wir werden geboren, suchen unser ganzes Leben lang, um gefunden zu werden und…

Wir werden geboren, klagen im Winter über die Kälte und im Sommer über die Hitze und…

Wir werden geboren, suchen überall WLAN und…

Wir werden geboren, machen Erinnerungen und bleiben so am Ende noch ein wenig hier, wenn wir…

Wir werden geboren, wundern uns und…

Wir werden geboren, sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht und…

Wir werden geboren, finden unser eigenes Schicksal das härteste und…

Wir werden geboren, sind mit uns unzufrieden und…

Wir werden geboren, nörgeln rum und…

Wir werden geboren, arbeiten zuviel und…

…sterben

Oder wir werden geboren,
gestalten unser Leben selbst,
sind so oft es geht, glücklich,
fokussieren uns auf das Schöne,
lösen Probleme und steigen über Steine,
bauen keine Mauern, sondern einander auf,
kreieren allerlei,
finden andere Ansichten interessant,
helfen einander,
hinterlassen leuchtende Spuren in andern Herzen

und sterben irgendwann.

Verschwunden. Hinter Schleiern, hinter Mauern, hinter Männern.

Shamsia Hassani, Afghanistan


Afghanistan… die Machtübernahme der Taliban und die überaus schlimme Situation dort hat das Augenmerk der Medien und auch unseres in den letzten Tagen auf sich gelenkt. Die Menschen in Afghanistan sind in Gefahr und ganz besonders die Frauen.
Es ist ja nicht so, dass die Lage in diesem arg gebeutelten Land in den letzten Jahren / Jahrzehnten jemals wirklich gut war. Wir haben nur nicht mehr hingeschaut. Laut Amnesty International führt Afghanistan seit ewig die traurige Rangliste der gefährlichsten Länder der Welt für Frauen an oder befindet sich zumindest in den ganz vordesten Rängen. Diese Gefahr hat sich mit der Machtübernahme der Taliban nochmals dramatisch verschärft.

Ich habe in den letzten Tagen viel gehört und gelesen und die Situation dieser Frauen interessiert mich. Und nicht nur das. Es berührt mich zutiefst. Ich möchte nicht, dass Mädchen und Frauen so leben müssen. Alles, was ich für sie aber tun kann, ist mich darüber zu informieren und vielleicht andere auch darauf aufmerksam zu machen und ob das überhaupt etwas bringt, das bezweifle ich sogar. Dennoch ist hinschauen besser als wegschauen, eigentlich immer. Es ist unsere Welt, von uns gestaltet. Schauen wir hin, auch dort wo es uns nicht gefällt. Auch dort, wo es uns nicht betrifft.
Natürlich ist es mir auch bewusst, dass sich auch Männer in unmittelbarer Gefahr befinden. Man hat in den letzten Tagen ja bereits von Verfolgungen und Tötungen gehört. Dennoch ist die Situation der Männer eine andere und ich würde mich hier gerne auf die Frauen konzentrieren.

Die Taliban ist eine terroristische Organisation, die 1994 gegründet wurde und von 1996 bis 2001 erstmals grosse Teile Afghanistans beherrschte. Dann wurde ihre Regierung in einer Zusammenarbeit von afghanischen, amerikanischen und britischen Truppen gestürzt. Das war kurz nach den Terroranschlägen von 9/11.
Die Taliban verübten in den darauf folgenden Jahren (und schon vorher) immer wieder grössere Terroranschläge, vor allem in westlichen Ländern bzw. das sind die, von denen wir gehört haben, von denen unsere Medien uns berichtet haben. In Afghanistan fanden aber auch jährlich unendlich viele Terroranschläge durch die Taliban statt. Im Jahr 2020 habe ich zB 28 gezählt. In diesem Jahr bis jetzt auch bereits 15, bis es in dieser Woche schlussendlich zur Machtübernahme kam.
Ausgeübt wurden die Attentate sehr oft durch Selbstmordattentäter, oder mit Schusswaffen, Raketen, Bomben, Giftgas…
In den letzten 20 Jahren lebte das afghanische Volk also immer in unmittelbarer Gefahr eines Terroranschlages. Egal wo sie sich aufhielten, es konnte jederzeit passieren:

Eine Bombe im Abfallkübel beim Spielplatz.
Eine Rakete, die in die örtliche Mädchenschule einschlägt.
45 Tote im Einkaufszentrum.
23 Tote und 80 Verletzte bei einer Hochzeit, die Bombe befand sich in einem Pflanzentopf.
Auf dem Arbeitsweg, es war eine Autobombe.
Eine Bombe im Regierungs- oder im Polizeigebäude.
Ein Selbstmordattentäter im Zug, im Bus, im Bahnhof oder im Kino.
Im Briefkasten, wo man eine Geburtstagskarte einwerfen wollte, explodiert eine Bombe.
Auf dem Wochenmarkt sprengte sich neben dir ein Selbstmordattentäter in die Luft und nimmt dich und 4 andere Passanten mit in den Tod. Zahlreiche sind verletzt, einige davon schwer.
Bei der Hunderunde um den Block, erschiesst dich jemand aus einem Versteck im Dachstock des Nachbarshaus
es.

Und so weiter, und so weiter.

Die Feindbilder der Taliban sind, so könnte es man wohl kurz fassen, die sogenannten westlichen, modernen Werte und Lebensweisen, ihr Gesetz ist die Scharia. Die Gesetze der Scharia richten sich nach den rechtlichen Grundzügen des 8. und 9. Jahrhunderts (man stelle sich DAS vor!!) und und folgen den sozialen und politischen Interessen genau dieser Zeit. Also ein biiiiisschen veraltet… Wenn euch das näher interessiert – und es ist tatsächlich recht interessant – könnt ihr das ja selber nachlesen. Näher darauf einzugehen würde hier irgendwie den Rahmen sprengen und mich nur unnötig aufregen.

Wir schreiben heute nun also den 21. August 2021 und in Afghanistan übernahmen diese Woche Männer die Regierung, die irgendwo vor mehr als 2000 Jahren stecken geblieben sind, betreffend Wertvorstellungen, Rollenbildern und Umgang miteinander.
Die Menschen in Afghanistan kennen ein Leben, wie wir es haben, nicht. Einfach einigermassen friedlich, ohne Angst zu haben, das nächste geparkte Auto könnte explodieren oder eine Rakete könnte im Supermarkt, in dem ich gerade einkaufe, einschlagen. Terror, Angst, Gewalt und Tod ist an der Tagesordnung. Für alle und vor allem für Menschen, die ein moderneres Leben führen (möchten) oder / und sich dafür einsetzen.

Darunter auch ganz besonders die Frauen.

Frauen, die gebildet oder in Ausbildung sind. Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Frauen die berufstätig sind. Frauen, die eine Meinung haben und diese auch mitteilen. Frauen, die am Leben teilnehmen. Frauen, die man überall sieht. Auf den Spielplätzen mit ihren Kindern, im Krankenhaus als Ärztin, in der Bäckerei als Verkäuferin, in der Schule als Lehrerin, als Hausfrau, Mutter, als Journalistin, als Reinigungsfachkraft, als Betreuerin, als Pilotin usw. Mädchen, beim Spielen auf dem Pausenplatz, am Lachen mit den Freundinnen. Mädchen in Sport- oder Musikvereinen. Mädchen in Jeans und Shirts. Mädchen mit geflochtenen Zöpfen und wehenden Haaren.
Normale Frauen und Mädchen, so wie wir es sind. Und ihre Familien, ihr Umfeld.

Diese Frauen und Mädchen werden verschwinden.
Hinter Schleiern, hinter Mauern, hinter Männern.

Seit 2001 und dem damaligen Ende des Taliban-Regimes haben sich die Frauen viele ihrer Rechte und Möglichkeiten zurück erkämpft, zurück erobert… UM. DIESE. NUN. WIEDER. ZU. VERLIEREN.

Ich habe gelesen, dass die Taliban das Volk auffordert, ihnen (unverheiratete) Mädchen und (ledige, verwitwete, geschiedene, alleinerziehende) Frauen ab 15 bis 40 Jahre sozusagen zur Verfügung zu stellen. Auszuliefern. Unter „auffordern“ versteht sich in diesem Fall ein Befehl und wer dem nicht Folge leistet, gefährdet sein Leben genauso wie es das dieser Mädchen eh ist, egal ob sie ausgeliefert werden oder nicht.

15… das erscheint uns sehr jung und das ist es auch, obwohl dieses „zur Verfügung stellen“ auch im Erwachsenenalter jeglichen ethischen und gesetzlichen Menschenrechten widerspricht, denn wehren kann sich da keine mehr wirklich. Ich denke auch nicht, dass es für diese Männer einen Unterschied macht, ob ein Mädchen 15, 11 , 13 oder 18 ist. Sie werden sich alles nehmen und zwar mit roher Gewalt.
Ich sage „werden“ und möchte aber sagen, dass das alles genau jetzt passiert. Es ist die Gegenwart.

Junge Mädchen und Frauen werden verschleppt, vergewaltigt und womöglich umgebracht. Sie sind Mittel zum Zweck (Kinder gebären vor allem, würde ich sagen) und total wertlos.
Und ganz ehrlich und ganz unzynisch denke ich, dass in dieser Situation der Tod womöglich nicht die schlechteste aller Situationen für diese Frauen ist. Ich hoffe, ihr wisst was ich meine…
Ich stelle mir unsäglich schlimme Szenen vor. Solche, wie ich sie mir gar nicht vorstellen möchte. Und ich glaube nicht mal, dass wir überhaupt in der Lage sind, uns auch nur ansatzweise vorzustellen, was dort alles passiert.

Frauen werden gebrochen und gefügig gemacht. Sie werden in ihre Schranken verwiesen. In Schranken, die wie oben erwähnt, vor mehr als 2000 Jahren errichtet wurden. Wer sich versteckt, weigert oder wehrt, wird vergewaltigt, wieder und wieder, von vielen, vielen Männern. Wird geschlagen, gefoltert und zwar solange, bis sie sich nicht mehr wehrt. Oder bis sie tot ist.

Sie werden ihre Berufe nicht mehr ausüben können, nicht mehr zur Schule gehen.
Frauen haben keine Rechte. Und ich spreche da von internationalen Menschenrechten. Von Dingen, die für uns ganz normal sind, wie zB so angezogen zu sein, wie man sich wohl fühlt, in der Bäckerei Brötchen zu kaufen, schreiben und lesen zu lernen, eigenes Geld zu verdienen und zu besitzen, „nein“ zu sagen, wenn man Sex oder sonst etwas nicht möchte, den Mann zu heiraten, den man liebt, ins Kino zu gehen, mit Freundinnen einen Kaffee trinken zu gehen oder sein Gesicht öffentlich zu zeigen.

Vielleicht male ich zu schwarz? Ich hoffe es.
Vermutlich aber ja leider nicht…

Ich habe in den letzten Tagen in den Medien auf den Bildern von all den flüchtenden Menschen in Kabul relativ wenig Frauen gesehen. Ich könnte mir vorstellen, dass es für Frauen seit der Machtübernahme schon zu riskant ist, sich in der Öffentlichkeit aufzuhalten.

Beim Stöbern und Lesen im Internet sind mir die Graffitis und Bilder der afghanischen Künstlerin Shamsia Hassani (siehe erstes Bild) aufgefallen. Shamsia Hassani ist die erste Graffiti-Künstlerin Afghanistans und doziert an der Universität Kabul Zeichnen und Anatomisches Zeichnen.
Auf ihren Bildern malt sie Frauen, die genauso stark und kraftvoll wie zerbrechlich und verletzlich auf mich wirken. Situationen voller Hoffnung und Schönheit und gleichzeitig voller Hoffnungslosigkeit, Angst und Traurigkeit. Irgendwie wunderbar bunt und sehr düster und beängstigend zugleich. Ich finde sie sehr ausdrucksstark und wunderwunderschön.
Und irgendwie so passend zu den Ereignissen im August 2021 in Afghanistan.

Wenn es dich interessiert, schaue unter https://www.shamsiahassani.net
Alle Bilder in diesem Beitrag stammen von ihr. Ich habe mir erlaubt, sie zu verwenden.

Zwischen den Jahren

Bald ist Weihnachten.
Und eine Woche später ist Silvester und Neujahr, also der Jahreswechsel.
Diese Zeit nennt man auch „zwischen den Jahren“. Bei uns in der Schweiz bzw. in der Gegend in der ich wohne, kennt man diesen Ausdruck zwar weniger, aber man hört in hin und wieder, zB im Fernsehen. Ich denke, in Deutschland wird diese Woche zwischen Weihnachten und Neujahr so genannt. Ich fand das immer schon ein bisschen komisch, habe mir aber nie Gedanken über die Herkunft oder den Grund für diese Bezeichnung gemacht.
Nun bin ich vor einiger Zeit mit den Rauhnächten in Kontakt gekommen und befasse mich dieses Jahr näher damit und ich habe das Gefühl, „zwischen den Jahren“ passt ganz gut mit den Rauhnächten zusammen bzw. ich denke, diese beiden Dinge könnten den selben Ursprung haben.

Es wird vermutet, dass die Rauhnächte ihren Ursprung im germanischen Mondkalender haben, in dem ein Jahr aus zwölf Mondmonaten und 354 Tagen bestand. Die zum heutigen Sonnenkalender fehlenden elf Tage und zwölf Nächte wurden als Tage ausserhalb der Zeit angesehen. Also ausserhalb der Jahre bzw zwischen den beiden Jahren. Dies ist nun aber nur meine Interpretation, ob das so ist, weiss ich nicht. Wir sprechen hier von der Zeit vom 25. Dezember bis zum 6. Januar. Mancherorts beginnen die Rauhnächte früher, wobei dann gewisse Tage dazwischen nicht dazu gezählt werden, damit man wieder auf die zwölf Nächte kommt.
Die zwölf Nächte stehen symbolisch für die zwölf Monate des neuen Jahres, also die erste Nacht für den Januar, die zweite für den Februar, die dritte für den März usw. Sie sagen jeweils die Ereignisse des entsprechenden Monats voraus, aus diesem Grund werden sie auch Losnächte (losen = voraussagen) genannt.

Der Begriff Rauhnächte kommt ursprünglich von rauh (wild), von Rauch und Räuchern (Rauchnächte) und von „ruch“, was aus dem mittelhochdeutschen kommt und haarig, pelzig bedeutet. Mit letzterem ist das Aussehen der Dämonen gemeint, die zu dieser Zeit ihr Unwesen treiben.

Laut altem Brauchtum wird geglaubt, dass in den Rauhnächten, den nicht-existenten Nächten, den Nächten zwischen den Jahren, die Gesetze der Natur ausser Kraft gesetzt sind und die Tore zur anderen Welt besonders weit offen stehen. Das ist also eine sehr mystische Zeit, in der die Geister unserer Ahnen und nicht nur die, in unsere Welt kommen.
In meiner Gegend gibt es die alte Sage von der „Sträggele“, einem hässlichen, alten, hexenartigen Wesen, das früher vor allem unartige Kinder mitgenommen hat und von denen man nie mehr etwas gesehen oder gehört hat danach. Ich kann mich daran erinnern, dass meine Grossmutter und auch meine Eltern manchmal solche Geschichten erzählt haben und auch die der „Sträggele“. Früher wurden ja sowieso viel mehr solche Geschichten erzählt und als Zuhörer wusste man nie so recht, was davon wahr war und was nicht. Von Geistern und Menschen, die ihren Tod verkünden (wenn zB genau zum Todeszeitpunkt des Grossonkels in der Küche seiner Tochter ein Bild zu Boden fiel oder die Wanduhr stehen blieb) oder von Toten, die herumgeisterten. Als Kind fanden wir diese Geschichten unheimlich, schaurig und auch sehr spannend. Ich habe es geliebt, sie zu hören und ich bin davon überzeugt, dass das nicht nur Geschichten waren.

Das mit der Sage der „Sträggele“ kam mir jetzt während des Schreibens in den Sinn und ich habe mich gefragt, ob diese eventuell einen Zusammenhang mit den Rauhnächten und deren unheimlichen Gestalten haben könnte. Ich musste ziemlich lange suchen, bis ich etwas genaues fand. In den meisten Berichten und Geschichten heisst es „in gewissen Nächten“ oder „in der Sträggelenacht“, aber siehe da, die Sträggelenacht ist drei Nächte vor Weihnachten, also in der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember, was also je nach Handhabung ganz genau in die Rauhnächte passt.

Um finstere Wesen fern zu halten und um sich zu schützen, wurde früher unter anderen Haus und Hof mit Weihrauch oder Heilkräutern geräuchert (Rauchnächte). Geräuchert wurde vor allem in den vier wichtigsten Rauhnächten: in der Thomas-Nacht vom 21. Dezember, Heiligabend, Silvester und in der Dreikönigs-Nacht und vor allem mit Beifuss, Wacholder, Johanniskraut und Salbei.

Man vermied in dieser Zeit das Wäsche waschen, denn man befürchtete, dass sich in der aufgehängten Wäsche böse Seelen verheddern könnten.
Es war nicht unüblich, vor den Stall- und Haustüren zu urinieren und Heilkräuter aufzuhängen, um bösen Geistern dein Einlass zu verwehren.
Die Menschen sorgten im und ums Haus herum vor den Rauhnächten für Ordnung, denn es hiess, dass Unordnung das Böse magisch anzieht. Dass vorher alles in Ordnung gebracht wurde bedeutete aber auch, dass man sich während den Rauhnächten nicht darum kümmern musste und man die Zeit bewusst für sich selbst nutzen konnte.
Es war weit verbreitet, Opfergaben für Naturgeister und Götter auf die Fensterbank zu legen, zB Nüsse, Äpfel und Gebäck.

In den Rauhnächten standen alle Räder still, so zB die Spinnräder oder das Mühlerad. Alle Räder wurden in dieser Zeit abgestellt, weil sich in dieser Zeit das Schicksalsrad drehte.
Kinder, die an einem Samstag oder Sonntag während der Rauhnächte geboren wurden, sagte man magische Fähigkeiten zu, zB Hellsichtigkeit oder das Verbreiten von besonderem Glück.
In den Rauhnächten war es verboten, mit Karten oder um Geld zu spielen und es existieren viele grausige Geschichten von Menschen, die dieses Spielverbot missachtet und daraufhin ganz furchtbare Begegnungen mit Geisterwesen hatten.
Wer in diesen zwölf Nächten die Türe zuknallt, wird im neuen Jahr mit Blitz und Unfrieden zu rechnen haben.
Haare und Nägel schneiden in dieser Zeit bringt ebenfalls Unglück und Krankheit über den Menschen.
Geliehenes soll vor den Rauhnächten wieder an ihrem Ort sein, ansonsten muss man im neuen Jahr mit Krankheit und Energieverlust rechnen.
Fehlende Knöpfe deuten auf einen kommenden Geldverlust hin, falls sie nicht vor der ersten Rauhnacht ersetzt werden.
Stirbt jemand in den Rauhnächten, wird es im folgenden Jahr weitere Todesfälle im engeren Umkreis geben.
Bellt ein Hund um Mitternacht, so wird jemand sterben.
Wenn Dinge in dieser Zeit hinunter fallen, bringt dies grosses Pech im neuen Jahr. Man kann dieses jedoch abwenden, indem man am 28.12. und am 5.1. besondere Speisen und Milch vor die Türe stellt, um die Naturgestalten friedlich zu stimmen.

Die Träume, die man in dieser Zeit hat, gehen in Erfüllung, sofern sie vor Mitternacht geträumt werden. Sie erfüllen sich in der ersten Monatshälfte des jeweiligen Monats. (1. Nacht = Januar, 2. Nacht = Februar, 3. Nacht = März usw).
Genau so vehält es sich mit Wünschen, die man sich im voraus aufschreiben und pro Nacht dann je einen verbrennen kann. Auch heute noch sind diese ganz besonderen Wunsch-Rituale in den Rauhnächten weit verbreitet.

Früher wurden Besen gerne in den Rauhnächten gebunden, denn mit ihnen wurden besonders wirksam Krankheitsdämonen und böse Geister aus dem Haus gefegt.
Und da sehe ich wieder einen Zusammenhang mit der oben erwähnten „Sträggele“ und andern ähnlichen Wesen. Bei uns sieht man diese oft an Fasnachts-Umzügen und ich glaube, ich liege nicht falsch, wenn ich sage, dass diese wirklich immer eine Art Besen mit sich tragen, zB in Form von Tannästen und halben Bäumen.

Auch dem Wetter während der Rauhnächte und -tage kam eine besondere Bedeutung zu. Viel Wind kündigte ein unruhiges Jahr an. Viel Nebel stand für alte Dinge, die man bereinigen sollte und ein nasses Jahr war zu erwarten. Helles und klares Wetter bedeutete warme und gute Zeiten.

Es geht in den Rauhnächten ganz fest ums neue Jahr und darum, Böses abzuwenden, sich zu schützen und aber auch darum, Gutes anzuziehen.

Diese Bräuche wurden bis etwa vor hundert Jahren in verschiedenen Gegenden unterschiedlich durchgeführt. Ich würde gerne meine Grossmutter dazu befragen, denn ich bin mir ganz sicher, dass sie den einen oder andern Brauch kannte oder gar anwendete. Das würde mich sehr interessieren. Leider lebt sie nicht mehr.

Ich glaube, die Rauhnächte sind auch heute noch ganz genau dieselbe sensible und mystische Zeit wie vor hundert oder zweihundert Jahren, nur haben wir in unserer hektischen und lauten Welt aufgehört, solche Dinge wahrzunehmen und dementsprechend auch aufgehört, daran zu glauben, denn was wir nicht sehen, das existiert nicht…

Ich werde dieses Jahr an einem Rauhnächte-Online-Kurs teilnehmen, um mehr darüber zu erfahren und mir jeden Tag ein paar Minuten ganz bewusst Zeit für mich und meine Wünsche zu nehmen. Ich freue mich sehr darauf und bin gespannt…
Mögen sie in Erfüllung gehen, so wie eure auch.



2020 – Jenseits der Komfortzone

2020
Ein Jahr, das uns aus unserer Komfortzone gezerrt, ja geradezu katapultiert hat… Dass so eine Situation hier bei uns mal eintreffen könnte, das haben bestimmt die wenigsten erwartet. Auch wenn in vergangenen Jahren immer mal wieder irgendwo auf der Welt Krankheiten gewütet und Todesopfer gefordert haben, der Kelch ging an uns vorbei. Und wir fühlten uns sicher.
Aber dieses Mal ist alles anders. Auch wir sind betroffen. Und ich habe das Gefühl, es gibt immer noch viele, die das nicht wahrhaben wollen. Viele, die sich noch immer sicher fühlen. Viele, die den Berichten der Fachpersonen nicht glauben mögen. Oder anders vorgehen würden. Viele, die von den vielen Nachrichten von Medien und selbsternannten Experten verwirrt und verunsichert sind. Viele, die sich aufhetzen lassen.

2020
Ein Jahr, das anders ist.
Ein Jahr, das uns zwingt, auch selbst anders zu leben, uns anders zu verhalten. Anders als gewohnt, anders als es uns beliebt. Aus unseren Gewohnheiten gerissen. Ausgang ungewiss.
Der Grund dafür ist ein Virus. Man sollte meinen, das sei einfach eine Krankheit und das Ziel sei es, dass nicht zuviele daran sterben. Aber das wäre zu einfach. Es geht nicht (oder nicht allen) um Menschenleben, sondern ums Geld oder andere Dinge.
Es geht vielleicht schlussendlich allen darum, möglichst wenig von dem, was wir besitzen zu verlieren, so scheint es mir.

Es scheint mir, als hätten momentan fast alle Angst, ihr Liebstes oder Wichtigstes zu verlieren. Und über diese Angst wird weder gesprochen, noch wird sie vermutlich vor sich selbst zugegeben.
Nie war es leichter, die Werte und Haltungen anderer zu erkennen. Sie werden von jedem sozusagen auf der Zunge getragen.

Für die einen ist das, worum sie Angst haben, ihre eigene Gesundheit, ihr Leben und das nahestehender Personen. Ich könnte mir vorstellen, diesen Menschen fällt es leichter, sich an die Sicherheits-Bestimmungen des Bundes zu halten. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht ist alles, was die zuständigen Experten empfehlen oder verordnen zu wenig oder sowieso das Falsche.
Andere haben Angst, ihre finanzielle Grundlage, ihr Einkommen oder ihre Existenz zu verlieren. In dieser Situation findet man sich wohl in einem Gewissenskonflikt wieder, könnte ich mir vorstellen. Entweder hält man das Virus für gefährlich und die Schutzmassnahmen für richtig und gefährdet mit dieser Meinung seine eigene Existenz oder man verniedlicht das alles, macht sich lustig, um diese Existenz halt zu retten.
Genau so kommt es mir vor, wenn ich zB Videos von einigen Clubbesitzern, irgendwelchen Veranstaltern oder Künstlern, die nicht auftreten können, sehe. Statements und Meinungen, die viele Menschen hören und auf die viele Menschen viel geben und ganz vergessen, dass der Typ, der da im Video spricht, keine Ahnung hat von alldem, denn er ist ein Komiker oder ein Kneipenbesitzer.

Für viele ist das, was sie zu verlieren fürchten, ihre ganz persönliche Freiheit und darunter kann man sehr vieles verstehen. Die Freiheit, überall hin zu reisen oder fahren, wo man gerade hin möchte. Die Freiheit, in der Freizeit zu unternehmen, worauf man grad Bock hat… Konzerte, Sportanlässe, Kino, Parties, Clubs…. Die Freiheit, sich von niemandem etwas sagen lassen zu müssen. Die Freiheit, sich mit Menschen zu treffen, sich näher zu kommen, Körperkontakt. Die Freiheit, shoppen zu gehen, zu konsumieren. Die Freiheit, grenzenlos zu sein.
Die Freiheit, sich die Hände nicht dauernd zu waschen und die Freiheit, ohne Maske im Gesicht irgendwo hin zu gehen. Und schlussendlich wohl auch die Freiheit, selbst darüber entscheiden zu können, sein eigenes Leben und das anderer zu gefährden.
Das mit den Freiheitseinbussen betrifft schlussendlich ja alle. Nur können die einen die Gründe bzw. den Zweck davon verstehen und andere weniger, einige können besser damit umgehen als andere.

Ich empfinde Menschen seit Corona sehr zweigeteilt. Vermutlich ist es normal und immer so, in der momentanen Situation ist es einfach so deutlich sichtbar. Manchmal kommt es mir vor, als seien es verschiedene Fronten. Ohne gemeinsames Ziel.

Ich überlege mir schon, warum das so ist. Ich überlege mir auch, warum man so Angst hat, unterdrückt oder manipuliert zu werden. Warum man so Angst hat, dass einem jemand etwas Böses will. Warum man so Angst hat, den Fachleuten zu vertrauen. Oder sind diese Ängste eine Kompensation für etwas ganz anderes? Vielleicht damit, dass man Angst hat, sich mit der tatsächlichen Situation auseinander zu setzen?

Ich bin schon ein Schaf genannt worden, das ohne zu hinterfragen der Schar hinterher läuft. Aber das stimmt nicht. Ich hinterfrage sehr vieles. Myself included. Aber ich muss auch sagen, ich habe keine Zeit dafür, mir Gedanken darüber zu machen, wie und warum der Bund oder sonst irgendeine höhere Macht dem Volk und mir persönlich schaden möchte. Ich sehe auch keinen Grund darin. Ich bin mir einfach ganz sicher, dass dem nicht so ist. Ich bin mir sicher, dass die bestmöglichen Lösungen gefunden werden, um möglichst wenige Leben zu verlieren, was wohl an zweiter Stelle steht, und möglichst unserer Wirtschaft nicht zu sehr zu schaden. Wobei dies wohl unumgänglich ist. Ich habe das Gefühl, viele denken da nur in eine Richtung oder nicht weit genug. Es ist nicht damit gemacht, keine Lokale zu schliessen oder den Konsum der Menschen nicht einzuschränken, denn wenn irgendwann (bald) dann sehr, sehr viele Menschen krank sind, werden diese so oder so schliessen müssen, weil viel Personal krank ist und nicht arbeiten kann und die Kunden ebenfalls krank sind und nicht konsumieren können. Meiner Meinung nach gilt es, genau dies zu verhindern.
Ich glaube, die Regierung versucht momentan genau dies zu erreichen mit einem Mittelweg zwischen Menschenleben retten, Gesundheitssystem nicht zu überlasten und die Wirtschaft zu retten. Und dabei sind die Verantwortlichen sehr unter Druck. Und sie sind die Arschlöcher für einige, egal was sie entscheiden.

Es wäre einfach, wenn man das mit Geld regeln könnte, wie wir es mit so vielen tun. Aber das geht nicht. Und immer dann, wenn wir Menschen etwas leisten müssen, wird es uns sehr schnell zuviel und wir verniedlichen das Problem, machen uns darüber lustig und suchen einen Schuldigen. Das beobachte ich nicht nur bei Corona, sondern zB auch beim Umweltschutz bzw. dem Klimawandel und in der Flüchtlingskrise.

Ich glaube, das Klima zwischen den Menschen wird kälter, es entstehen Fronten und Aggressionen. Eine andere Meinung zu haben, das ist schwierig… Es wird schnell emotional und persönlich. Wir sind empfindlich. Ich auch. Ich merke sogar, dass ich Angst habe, dass jemand sich angegriffen fühlen könnte, wenn ich hier über dieses Thema schreibe und mir fünfmal überlege, ob ich das veröffentlichen kann, weil ich niemanden verärgern oder verlieren will.
Viele kommen an ihre Grenzen oder bereits darüber hinaus. Psychisch. Das ist begreiflich. Und statt bei sich zu schauen, ist es immer einfacher, andere anzufeinden. Menschen, Methoden.

Und manchmal habe ich Angst, dass die Konflikte die daraus entstehen, viel schlimmer sein werden als Covid19.




2120

Wir schreiben das Jahr 2120.

Ich bin eine alleinerziehende Mutter. Das ist nichts aussergewöhnliches, Eltern bzw Elternteile sind mehrheitlich alleinerziehend. Ich weiss, dass das vor hundert und mehr Jahren noch anders war. Damals waren Alleinerziehende noch eher eine Minderheit. Das hat sich verändert.

Ich kann nur Teilzeit arbeiten, weil mir die Erziehung,  die Betreuung und die Zeit mit meinem Kind sehr wichtig sind. Ich bekomme für die Arbeit, die ich damit für die Gesellschaft leiste, einen finanziellen Ausgleich. Aus gut erzogenen Kindern werden Erwachsene, die gut auf ihren eigenen Füssen stehen und zurecht kommen. Der Vater des Kindes macht es genau so. Das Kind verbringt drei Tage pro Woche bei ihm und auch er bekommt für diese Zeit einen finanziellen Ausgleich, damit er zuhause bleiben und sich die notwendige Zeit nehmen kann. In den Firmen ist es normal, dass fast alle Teilzeit arbeiten. Es ist sogar sehr erwünscht, da man damit die psychische Gesundheit zum einen der Angestellten und zum andern der Kinder fördern kann. Es gibt nur noch wenige Menschen, die an Depressionen leiden und die Krankheit Burnout, die vor hundert Jahren sehr verbreitet war, ist sogar ganz verschwunden.

Es ist Dienstagmorgen. Mein Kind sitzt in seinem Zimmer und hat Schule. Es ist mit dem Lehrer und der ganzen Klasse vernetzt. Jedes Kind stellt seinen Stundenplan mit Hilfe des Lehrers und der Eltern selbst zusammen. Individuell nach Interessen und Fähigkeiten.
Es wird sehr grossen Wert auf die psychische Entwicklung und auch das seelische Wohl gelegt. Ethik steht über jedem andern Fach. Kinder sollen in ihrer Eigenartigkeit gefördert werden, sie sollen zu starken, selbstbewussten und empathischen Personen hinwachsen.
Massgebend für die beruflichen und privaten Ziele ist der EQ, der Emotionale Intelligenzquotient. Vom allgegenwärtigen IQ und dem damit verbundenen Druck ist man schon vor langer Zeit weg gekommen. Grund dafür war vor allem die Einsicht, dass diese Prioritätensetzung die Menschen und damit auch die Gesellschaft krank gemacht hat.
In den höchsten Rängen der Gesellschaft, in Führungspositionen, befinden sich Frauen und Männer mit hohem EQ. Empathie, Führungsqualitäten und Sorgfalt werden neben einem aussergewöhnlichen guten Fachwissen natürlich, gross geschrieben.

Apropos Frauen und Männer… Auf das Geschlecht eines Menschen wird nicht mehr so viel Wert gelegt wie noch vor ein paar Jahrzehnten. Es gibt Menschen, die sind ganz klar männlich oder ganz klar weiblich. Es gibt aber auch andere sogenannte Geschlechter, die jedoch nicht besonders auffallen oder eine andere Rolle in der Gesellschaft einnehmen. Dies gilt auch für die sexuelle Vorliebe von Menschen. Nachdem diese Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte lang sehr viel Gewicht einnahmen und auch für Verurteilungen führten, kümmert sich heute niemand mehr darum. Man ist der Meinung, dass die sexuelle Orientierung eines Menschen die andern nichts angeht und so wird das auch gelebt. Gleichgeschlechtliche Paare sind heterosexuellen Paaren gleichgestellt. Es ist für mich eine unverständliche Vorstellung, dass das mal nicht so war.
*dies gilt natürlich nicht für illegale Vorlieben. Dazu möchte ich sagen, dass uns die Gewaltverbrechen sexueller Art der Vergangenheit zB an Kindern bekannt ist. Diese sind sozusagen auf null gesunken, dank einer neuartigen Therapieform – einer Mischung aus Psychotherapie, Hypnosetherapie und dem Medikament PädExomin -, dessen sich pädophile Menschen mit Erfolg unterziehen.

Vielleicht hast du davon gehört, dass ein schlimmer Virus vor hundert Jahren so einiges verändert hat in unserer Gesellschaft. Vor allem das gesellschaftliche und zwischenmenschliche Leben. Wir wissen nur noch aus überlieferten Berichten und von Bildern, wie das Leben damals war und finden alles sehr befremdlich. Kaum vorstellbar ist uns die grosse Distanzlosigkeit, mit der die Menschen damals zusammengelebt haben. Körperkontakt haben wir nur zu sehr nahestehenden Menschen, also vor allem in der Familie. Zu andern Menschen finden diese nie statt. Es gilt als sehr unfreundlich und respektlos andern gegenüber,  wenn man sich körperlich zu sehr nähert oder jemanden sogar berührt. Grössere Menschenansammlungen finden schon lange nicht mehr statt, es ist einfach zu gefährlich. Menschen arbeiten wenn möglich von zuhause aus oder in kleineren Gruppen. So auch in den Schulen zB. Kinder werden zum grössten Teil per Fernunterricht ausgebildet und halten sich nur wenige Stunden pro Woche in den Schulgebäuden auf. Es ist wichtig, dass sie den Umgang mit andern Menschen lernen und dafür ist dann doch die Schule ein gutes Übungsfeld.

Viele Menschen gehen nie ohne Gesichtsmaske aus dem Haus, sie zu tragen ist jedoch freiwillig. Masken sind unterdessen zu einem stylischen Statement geworden, es gibt sie in allen Farben und Mustern und es gibt viele Menschen, die sich ohne sehr nackt fühlen. Dazu möchte ich sagen, dass unter dieser Entwicklung die Kosmetikindustrie gelitten hat. Kosmetikartikel wie Lippenstift werden nur noch spärlich verkauft.

Der Virus, von dem ich oben gesprochen habe, hiess Covid-19. Er hat damals die ganze Welt aus den Rudern laufen lassen und dies hat sich nie mehr wieder ganz eingependelt. Die Menschheit hat versucht, zur Normalität zurück zu kehren, der Virus hat sie aber immer wieder zum Reagieren gezwungen. Er konnte trotz Impfungen und Medikamenten nicht ausgerottet werden, denn er veränderte sich stetig und griff immer wieder an. Jährlich starben und sterben viele tausend Menschen wegen ihm und wir haben gelernt, damit zu leben. Unterdessen sind wir bei Covid-120 angelangt.

Das alles ging nicht spurlos an uns vorbei, wie du aus meinem Bericht entnehmen kannst. Wir finden es nicht (mehr) schlimm, ich glaube es ist, wie man damals Krebstote oder Suizidtote hatte. Diese haben wir übrigens nicht mehr. Krebs ist unterdessen gut heilbar und Suizide gibt es kaum noch aus oben genannten Gründen (psychische Gesundheit). Die Mehrheit der Todesfälle sind aufgrund von Covid, aber auch Verkehrstote haben wir sehr viele.
Das mit dem Krebs war ja damals übrigens eine brisante Geschichte. Irgendwann während oder nach der ganzen Covid-19-Sache ist ausgekommen, dass wirksame Krebsmedikamente längst entwickelt worden sind, dass aber die Pharmaindustrie diese im Versteckten hielt. Aus Gründen des Profits. Diese Enthüllung war wahnsinnig. Die damals die Welt beherrschenden Pharmaunternehmen gibt es unterdessen nicht mehr.

Ich denke, wenn jemand aus dem Jahr 2020 dies alles nun lesen würde, klänge dieser Bericht für ihn schlimm und auch recht anti-sozial wegen der Distanz usw. Aber das ist es nicht, im Gegenteil. Togetherness wird grösser geschrieben als je zuvor. Es gibt immer wieder Phasen der Quarantäne oder der Isolation, Lockdowns finden in regelmässigen Abständen statt, also immer wenn wieder ein neuer Virus auf uns einbricht.
In dieser Zeit ist es unumgänglich, einander zu helfen, füreinander da zu sein. Nachbarn, Bekannte und Freunde oder Familien. Und dieses Zusammen-schaffen-wir-es-Gefühl zieht sich durch alles durch, nicht nur in Krisenzeiten. Ich finde das sehr schön.

Probleme des 20. Jahrhunderts wie z.B. Armut oder auch Hungersnot gibt es nicht mehr. Es gibt Teile der Erde, die unterdessen unbewohnt sind, z.B. grosse Teile des Kontinents Afrika.
Die Erde kann sich in Zeiten des Lockdowns immer wieder von den Strapazen, die wir ihr zusetzen, erholen. Wir sind aber auch sorgfältiger geworden, wir produzieren weniger Abfall und zB Plastik, wie es ihn damals gab, kennen wir gar nicht mehr.

 

 

 

 

 

 

 

Das kleine Glück ist gross

Ich glaube, manche von uns warten darauf, das irgendetwas geschieht in ihrem Leben. Darauf, dass alles besser wird und darauf, dass das Glück endlich Einzug hält und für immer bleibt. Sie warten und warten und warten. Und suchen den Fehler woanders. Es ist einfach, jemandem die Schuld für sein eigenes Unglück zu geben. Verantwortung abgeben, Verantwortung nicht übernehmen, es ist beides dasselbe.

Vielleicht schreibe ich gerade von mir. Oder von dir. Ich weiss es nicht…

Ich glaube jedenfalls, wir lassen sehr vieles unbeachtet. Hoffen auf das ganz, ganz grosse Glück und merken nicht, dass das kleine Glück eigentlich das grosse ist und dass es schon hier ist.
Es leuchtet oder glitzert nicht, es ist oft klein und unscheinbar.

All die vielen kleinen Dinge, die glücklich machen (können). Aber halt nur dann, wenn wir sie sehen. Wenn nicht, gehen sie an uns vorbei, lösen sich in Nichts auf. Vielleicht wissen wir ganz oft nicht mal, dass sie da waren und vielleicht denken wir aber irgendwann an solche Momente zurück, ein bisschen wehmütig, uns bewusst, dass wir etwas verpasst haben.

Es gibt so ein schönes Lied von der wunderbaren Band AnnenMayKantereit und ich werde im Anschluss versuchen, es einzufügen. Falls es nicht klappen sollte, es heisst „Schlagschatten“. Bitte, hört es euch an. Vielleicht ist es im Moment mein Lieblingslied, denn es spricht mir so sehr aus der Seele. Sie singen „… ich glaub das kleine Glück ist gross“ und ICH  glaub, die haben recht.

So möchte ich durchs Leben gehen und die kleinen Dinge sehen und mich daran erfreuen. Ich glaube, schlussendlich sind das viele kleine Tankstellen, an denen wir Energie und Glück abzapfen. Ganz umsonst. Schade, wenn wir das ungenutzt lassen, oder?

Es lohnt sich ganz bestimmt, wieder mutiger zu werden, wieder offener. Und JA zu sagen, wenn das Leben mir etwas anbietet. Das ist ein Vorsatz.

 https://m.youtube.com/watch?v=XOP–GeLXZk

 

Alleinerziehend. Ein weiterer Text.

Ich schreibe immer wieder darüber. Weil es mein neues Leben ist und ich mich damit auseinander setze. Auseinander setzen muss. Etwas anderes bleibt mir ja nicht übrig. Und ich muss sagen, ich habe manchmal noch Mühe damit. Es ist genau das, was ich nie wollte. Ich wollte nie allein gelassen werden. So fühle ich mich tatsächlich oft. Allein gelassen.

Ich habe es mir wirklich sehr gut überlegt damals, ob ich schwanger werden will. Ob ich ein Kind bekommen möchte, diese Verantwortung tragen kann. Nach dem Tod meiner Eltern sah ich mich auch ohne Kind bereits in einer Rolle, die viel Verantwortung tragen muss. Ich habe mich trotzdem dafür entschieden, zusammen mit meinem damaligen Ehemann. Im Glauben, dass wir diese Aufgabe zusammen meistern, das Kind in Liebe bei uns aufwachsen lassen.

Tja. Glauben ist nicht wissen. So ist das Leben.

Und jetzt ist das so. Es geht mir nicht ums Jammern. Nie. Es gibt nichts zum Jammern, es läuft ziemlich gut.

Jemand hat mir gesagt, das was ich nun bezahle, ist der Preis, den Mütter bezahlen für die enge Bindung zwischen ihnen und dem Kind. Diesen Preis bezahlt man. Und es ist normal. Naja, ich finde das nicht. Als Frau bin ich nach der Trennung deutlich schlechter gestellt als der Mann, obwohl die Trennung nicht von mir aus kam. Das Finanzielle ist nur die eine Seite.

Ich bin wahnsinnig froh, dass das Kind bei mir wohnt. Ich könnte ohne sie gar nicht leben, das würde mir das Herz brechen. Neben Familie, Organisation, Terminen, Haushalt und Arbeit habe ich meine Freiheit aber zB ziemlich verloren. Ich meine die Freiheit, mal weg zu gehen, abends oder so. Ich bin mir sicher, das klingt verbitterter als es soll. Ich will es aber nur beschreiben. Bei fehlender Familie, die mir mal unter die Arme greifen könnte, gehe ich praktisch nie aus. Ich habe sozusagen kein Sozialleben mehr. Und wenn jede zweite Woche das Kind eine Nacht nicht zuhause übernachtet, könnte ich zwar, möchte aber das Geld nicht unnötig ausgeben. Es würde anderswo fehlen. Und ich bin sowieso zu müde. Es sind lange Tage, ich schlafe während der Woche nie so richtig genug.

Wie ich oben gesagt habe, ich bin nicht unzufrieden. Und doch finde ich es nicht immer einfach, ich gebe das auch zu. Ich bin extrem froh, dass wir dieses Jahr überstanden haben und es uns gut geht. Mir fehlt nichts. Ich finde, ich bin sogar wieder ziemlich glücklich. Aber ich bin müde. Und unentspannt. Ich habe die alleinige Verantwortung, loslassen geht da schlecht irgendwie.

Ich schaue positiv eingestellt in die Zukunft. Aber in was für eine Zukunft? Irgendwie braucht das viel Energie. Ich habe die aber, ich weiss das. Das letzte Jahr hat’s bewiesen.

Alleinerziehend und ohne Verwandtschaft zu sein, bedeutet irgendwie schon auch, allein zu sein. Zumindest in gewissen Momenten. Damit tu ich mich manchmal noch schwer. Nie irgendwelche Gedanken, Sorgen mit einer erwachsenen Person teilen, nie müde nach Hause kommen und jemand interessiert es, wie dein Tag war. Mal weinen und jemand nimmt dich in den Arm. Sich immer um Kontakte bemühen, es ist niemals jemand einfach da. Verabreden usw, oft mit dem Hintergedanken, ob wir wohl stören oder uns aufdrängen… Sowas halt. Vielleicht fehlt mir ein Partner. Mag sein. Aber das ist genau das, was ich mir nach all diesen Erfahrungen nun wirklich überhaupt nicht mehr vorstellen kann.

Ich habe es gut. Ich verdiene mein eigenes Geld, ich habe alles gut auf die Reihe gekriegt, bin physisch und psychisch gesund. Andere müssen mit schlimmeren Situationen zurecht kommen, viel schlimmeren. Ich habe Lebensgeschichten und von Trennungssituationen gehört, die hält man nicht für möglich…

Mich macht nicht mal nur mein Alltag müde, sondern auch Menschen, die in total anderen Lebensumständen leben und sich null hinein versetzen können. Oder wollen. Diese herablassende Haltung Frauen gegenüber. Durchaus auch von Frauen. Wenn Frauen gleichberechtigt und gleichwertig wären bei uns in der Schweiz, würden viele das im Alltag vielleicht nicht mal so deutlich merken, ich weiss. Aber jede kann in Situationen kommen, in denen es einen Unterschied machen würde. Es gibt Frauen, Familien, die fallen durch die Netze.

Männer wären dadurch nicht benachteiligt oder weniger wichtig bzw weniger wert. Es ist kein Geschlechterkampf. Es geht um Zusammengehörigkeit.

Es wäre einfach fair und manchmal ein bisschen einfacher und ich finde, dieser Zustand ist erstrebenswert. Lassen wir eine Entwicklung zu.

Zurückschauen

Zurückschauen soll man nicht, das hört man ja manchmal. Weil wir uns auf das Weitergehen konzentrieren müssen. Auf das, was noch kommt. Und weil das, was hinter uns liegt, manchmal zu sehr weh tut. Weil es uns beim Zurückschauen nochmal durchschütteln und traurig machen könnte. Kann man so machen, ja. Ich finde, jeder soll das handhaben, wie es für ihn am besten ist. Wie es für ihn geht.
Ich schaue zurück. Immer wieder mal. Und manchmal tut das weh, das stimmt. Ich finde das nicht schlimm. Ich merke nur, dass ich nicht alles immer gleich gut ertrage. An gewisse Ereignisse zu denken, geht sehr tief. Bestimmt tiefer als ich es zulassen möchte. Aber das mit den Gefühlen kann man ja immer so schlecht steuern. Was man aber steuern kann ist die Dosis bzw. die Dauer, wieviel man daran denkt. Wenn die Gedanken zuviel werden kann ich mich auch gut dann wieder ablenken und der Alltag trägt das seinige dazu bei. Das mit dem Ablenken klappt aber erst nach einer Weile. Wenn man schon eine gewisse Distanz aufgebaut hat, wenn man schon ein bisschen über alles hinweg ist.

Eigentlich finde ich, dass ich so leben möchte, dass ich zurückschauen kann. Und auch möchte. Ohne schlechte Gefühle.
Soweit ich das halt selbst steuern kann. Das heisst, ich versuche mich so zu verhalten, dass ich dazu stehen kann. Gegenüber meinem Umfeld und auch gegenüber mir.
Was das Leben oder halt auch mein Umfeld dazu beiträgt, ist dann etwas anderes, das ich nicht oder wenn, dann nur eingeschränkt beeinflussen kann. Und dann kommt es darauf an, was ich daraus mache. Es gibt ja Situationen, da möchte man am liebsten den Kopf in den Boden stecken. Unter die Bettdecke schlüpfen und zwar für immer. Aber das ändert dann ja auch nichts. Also… dann muss man halt durch, mit allem was dazugehört. Trauern, Angst haben, verzweifeln, Wut… und dann halt vorwärts schauen, Lösungen suchen, planen, weitergehen. Und das aller wichtigste, so finde ich, VERARBEITEN.

Ich weiss, es gibt auch andere Wege. Vielleicht sind sie einfacher, ich weiss es nicht. Ich glaube nicht, dass man sie vergleichen kann. Wie man so einen Weg geht kommt ja auch sehr auf die Ausrüstung an, die man dabei hat. Und auf die Situation. Und auf den Weg. Wie soll man sich oder den Weg dann mit dem anderer vergleichen? Wir tun es ja trotzdem. Oder andere tun es für uns. Obwohl es total unnötig ist, wenn nicht sogar kontraproduktiv.

Ich denke manchmal, dass ich so leben oder verarbeiten will, dass ich zurückschauen kann, ohne dort Steine liegen zu sehen, über die ich dann beim Weitergehen wieder stolpere. Ich will Schritt für Schritt Berge abbauen und weitergehen. Dafür vielleicht ein bisschen langsamer, aber das macht nichts, dafür geht das Weitergehen dann besser. Und die Gedanken werden auf Dauer so auch leichter.

Wer ohne Angst zurückschauen kann, kann unbelasteter weitergehen. Das glaube ich zumindest.

Und dann kann man weiterschauen… voraus. Voller Spannung und Vorfreude und auch mit ein bisschen Angst vor der Ungewissheit vielleicht. Aber weiter…

Von Verlusten und Erkenntnissen

Wir können vieles verlieren… Unsere Schlüssel, das Portemonnaie, die Stimme, die Unschuld, das Vertrauen. Ein Spiel, den Kontakt, die Hoffnung und den Verstand. Am Ende sogar unser Leben.

Einiges davon finden wir irgendwann wieder, anderes ist für immer weg.

Manche Verluste sind zwar im Moment ärgerlich, sind jedoch nicht weiter wichtig. Andere reissen uns in tiefe Krisen, sind bedrohlich und lebensverändernd. So zB der Verlust der Gesundheit, des Jobs und auch vor allem der Verlust eines geliebten Menschen. Dies muss nicht unbedingt nur durch den Tod geschehen, sondern sehr oft durch eine Veränderung der Beziehung, der Rolle, die man füreinander eingenommen hat. Also zB wenn eine Freundin irgendwann keine mehr ist oder wenn ein Ehepartner sich dafür entscheidet, andere Wege zu gehen.

Ich habe manchmal den Eindruck, dass all unsere Ängste mit Verlusten zu tun haben bzw mit der Angst davor.

Solch grosse Verluste stürzen uns unter Umständen in tiefe Krisen, aus denen man manchmal lange nicht mehr rauskommt. Sie verändern unser Leben. Und das ist nun weder positiv, noch negativ zu werten. Wenn man irgendwann etwas Positives darin sehen kann, ist das wohl der bestmögliche Fall. Ich glaube aber schon auch, dass viele von uns traumatisiert wurden durch grosse Verluste und ihre Umstände.

Für mich haben Verluste auch mit Erkenntnissen zu tun, bzw ziehen solche mit sich. Und Erkenntnisse sind etwas Gutes. Immer. Manchmal zwar im Moment ernüchternd und schmerzhaft, aber dennoch klärend und wegweisend. (Ich möchte aber betonen, dass ich damit nie den Verlust durch den Tod meine, wirklich nie.)

Zum Beispiel die Erkenntnis, dass man etwas verloren hat, das schon lange nicht mehr funktioniert hat. Die Erkenntnis, nun noch die Chance zu haben, glücklich zu sein. Die Chance auf einen Neuanfang. Die Erkenntnis, dass überall so viel Schönes passiert und tolle Menschen um einen herum sind. Die Erkenntnis, dass es weh tut, aber richtig ist, was passiert. Und die Erkenntnis, dass alles gut wird.

Vom Gehen, Kommen und Bleiben. Vom Loslassen und Festhalten.

Ich habe neulich gelesen, dass wenn man an Krebs erkrankt, einen während der Phase der Chemo und / oder Bestrahlung die Hälfte seiner Freunde verlässt. Wenn man das so liest, kommt es einem unglaublich vor. Jedenfalls mir ist es so ergangen. Ich kann es mir nicht vorstellen, jemanden den ich wirklich lieb habe, in seiner schwersten Zeit loszulassen. Genau dann, wenn er auf Menschen angewiesen ist, die ihn festhalten, weil die Erkrankung und Therapie all seine Kraft braucht. Und oft mehr Kraft als so ein Mensch hat, viel mehr.

Ich versuche mich gerade zu erinnern, wie es damals war, als meine Eltern an Krebs erkrankt und gestorben sind. Ich glaube, in diesen Krisen bekommt man viel Mitgefühl und ich kann mich nicht erinnern, dass sich jemand von mir abgewandt hätte. Aber es ist lange her, ich erinnere mich nicht wirklich.

Menschen, die sich in schwierigen Situationen abwenden. Ich verstehe es irgendwie und irgendwie auch wieder nicht. Oder soll ich sagen, ich verstehe warum, kann es aber nicht befürworten? Man hinterfragt sich selbst ja so oft und so sehr. Manchmal hat es, wenn jemand geht aber nicht unbedingt nur etwas mit uns zu tun, sondern auch mit der anderen Person und ihrer Belastbarkeit. Damit, was sie aushalten kann und will. Es geht auch um Selbstschutz und ich finde das okay.

Ich erlebe im Moment etwas ähnliches. Eine Trennung nach vielen gemeinsamen Jahren. Ich habe in der letzten Zeit immer wieder über Themen geschrieben, die für mich daraus entstanden sind. Ich glaube, die allerschlimmste Phase ist nun vorbei. Der Trennungsschmerz sog. Liebeskummer, der mich fast umgebracht hat, wird schwächer. Er nimmt mich nicht mehr so sehr ein, all die anderen Gefühle haben auch wieder Platz. Den riesigen Zukunfts- und Existenzängsten konnte ich entgegenwirken, indem ich geplant und organisiert habe. Dafür musste viel geklärt werden, das braucht ein bisschen Zeit. Und wenn ein oder mehrere Kinder da sind, werden auch sie reagieren. Logischerweise. Und es ist das allerwichtigste überhaupt, die Kinder aufzufangen. Und das tut man dann, mit Energie von der man nicht weiss, woher sie kommt.

Ich habe mir Unterstützung geholt – für das Kind und auch für mich. Auch da muss man suchen, welches Angebot für einen stimmt und passt. Auch da sucht man, obwohl man nicht mehr kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, plötzlich für eine Weile die hilfesuchende Person statt die helfende zu sein und bin zum Teil erschrocken, wie von „professionellen“ Leuten mit mir umgegangen wurde. Schlussendlich bin ich aber doch an den richtigen Stellen gelandet und fühle mich gut unterstützt.

Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass nicht alle Freunde / Bekannte mit mir, meiner in dieser Zeit vorhandener Überforderung und Befindlichkeit umgehen konnten. Ich habe nach ein paar Wochen die Erwartung gespürt, dass es mir nun besser bzw wieder gut gehen müsste, dass die Krise nun langsam vorüber sein sollte. Dass ich mit all dem ganz anders umgehen müsste und das und das und das falsch mache. Das war eigentlich, als ich gerade so mittendrin steckte. Und ich habe widerstandslos losgelassen. Wenn man einen dermassen grossen Verlust erlebt, kommts darauf auch nicht mehr drauf an. Mir war und ist es wichtig, Menschen in meinem Leben zu haben, die mich gern haben und ich sie. Und die habe ich. Sogar solche, von denen ich es nicht erwartet hätte.

Ich denke, man kann sich so viel Hilfe holen wie man will (und das sollte man auch), niemand wird und kann uns den Schmerz, die Überforderung, die Angst und halt die Situation und die Krise wegnehmen. Und das sollen sie auch gar nicht. Sie sollen zuhören und (unter-)stützen, denn durchleben müssen wir diese Situation selbst. Immer. Hoffentlich nicht allein, aber dennoch selbst. Und es dauert seine Zeit. Da gehts einem nicht nach drei Wochen wieder super. Das ist im Moment wahnsinnig hart.

Unterdessen denke ich, das verstehen nur Menschen, die es so ähnlich schon erlebt haben. Aber wenn man dann wieder mehr Licht sieht, wenn man ganz vieles schon geschafft hat und es bergauf geht, dann ist das auch ein schönes Gefühl. Ich freue mich auf mein neues Leben, zusammen mit dem Kind. Und ich freue mich darüber, dass ich wieder viel mehr lache als weine, dass ich viel geschafft habe in den letzten Wochen. Und dass mir das Leben nach einer Schwarz-Grau-Phase nun wieder bunter und heller erscheint. Und darüber, dass ich so stark bin.