Zwischen den Jahren

Bald ist Weihnachten.
Und eine Woche später ist Silvester und Neujahr, also der Jahreswechsel.
Diese Zeit nennt man auch „zwischen den Jahren“. Bei uns in der Schweiz bzw. in der Gegend in der ich wohne, kennt man diesen Ausdruck zwar weniger, aber man hört in hin und wieder, zB im Fernsehen. Ich denke, in Deutschland wird diese Woche zwischen Weihnachten und Neujahr so genannt. Ich fand das immer schon ein bisschen komisch, habe mir aber nie Gedanken über die Herkunft oder den Grund für diese Bezeichnung gemacht.
Nun bin ich vor einiger Zeit mit den Rauhnächten in Kontakt gekommen und befasse mich dieses Jahr näher damit und ich habe das Gefühl, „zwischen den Jahren“ passt ganz gut mit den Rauhnächten zusammen bzw. ich denke, diese beiden Dinge könnten den selben Ursprung haben.

Es wird vermutet, dass die Rauhnächte ihren Ursprung im germanischen Mondkalender haben, in dem ein Jahr aus zwölf Mondmonaten und 354 Tagen bestand. Die zum heutigen Sonnenkalender fehlenden elf Tage und zwölf Nächte wurden als Tage ausserhalb der Zeit angesehen. Also ausserhalb der Jahre bzw zwischen den beiden Jahren. Dies ist nun aber nur meine Interpretation, ob das so ist, weiss ich nicht. Wir sprechen hier von der Zeit vom 25. Dezember bis zum 6. Januar. Mancherorts beginnen die Rauhnächte früher, wobei dann gewisse Tage dazwischen nicht dazu gezählt werden, damit man wieder auf die zwölf Nächte kommt.
Die zwölf Nächte stehen symbolisch für die zwölf Monate des neuen Jahres, also die erste Nacht für den Januar, die zweite für den Februar, die dritte für den März usw. Sie sagen jeweils die Ereignisse des entsprechenden Monats voraus, aus diesem Grund werden sie auch Losnächte (losen = voraussagen) genannt.

Der Begriff Rauhnächte kommt ursprünglich von rauh (wild), von Rauch und Räuchern (Rauchnächte) und von „ruch“, was aus dem mittelhochdeutschen kommt und haarig, pelzig bedeutet. Mit letzterem ist das Aussehen der Dämonen gemeint, die zu dieser Zeit ihr Unwesen treiben.

Laut altem Brauchtum wird geglaubt, dass in den Rauhnächten, den nicht-existenten Nächten, den Nächten zwischen den Jahren, die Gesetze der Natur ausser Kraft gesetzt sind und die Tore zur anderen Welt besonders weit offen stehen. Das ist also eine sehr mystische Zeit, in der die Geister unserer Ahnen und nicht nur die, in unsere Welt kommen.
In meiner Gegend gibt es die alte Sage von der „Sträggele“, einem hässlichen, alten, hexenartigen Wesen, das früher vor allem unartige Kinder mitgenommen hat und von denen man nie mehr etwas gesehen oder gehört hat danach. Ich kann mich daran erinnern, dass meine Grossmutter und auch meine Eltern manchmal solche Geschichten erzählt haben und auch die der „Sträggele“. Früher wurden ja sowieso viel mehr solche Geschichten erzählt und als Zuhörer wusste man nie so recht, was davon wahr war und was nicht. Von Geistern und Menschen, die ihren Tod verkünden (wenn zB genau zum Todeszeitpunkt des Grossonkels in der Küche seiner Tochter ein Bild zu Boden fiel oder die Wanduhr stehen blieb) oder von Toten, die herumgeisterten. Als Kind fanden wir diese Geschichten unheimlich, schaurig und auch sehr spannend. Ich habe es geliebt, sie zu hören und ich bin davon überzeugt, dass das nicht nur Geschichten waren.

Das mit der Sage der „Sträggele“ kam mir jetzt während des Schreibens in den Sinn und ich habe mich gefragt, ob diese eventuell einen Zusammenhang mit den Rauhnächten und deren unheimlichen Gestalten haben könnte. Ich musste ziemlich lange suchen, bis ich etwas genaues fand. In den meisten Berichten und Geschichten heisst es „in gewissen Nächten“ oder „in der Sträggelenacht“, aber siehe da, die Sträggelenacht ist drei Nächte vor Weihnachten, also in der Nacht vom 21. auf den 22. Dezember, was also je nach Handhabung ganz genau in die Rauhnächte passt.

Um finstere Wesen fern zu halten und um sich zu schützen, wurde früher unter anderen Haus und Hof mit Weihrauch oder Heilkräutern geräuchert (Rauchnächte). Geräuchert wurde vor allem in den vier wichtigsten Rauhnächten: in der Thomas-Nacht vom 21. Dezember, Heiligabend, Silvester und in der Dreikönigs-Nacht und vor allem mit Beifuss, Wacholder, Johanniskraut und Salbei.

Man vermied in dieser Zeit das Wäsche waschen, denn man befürchtete, dass sich in der aufgehängten Wäsche böse Seelen verheddern könnten.
Es war nicht unüblich, vor den Stall- und Haustüren zu urinieren und Heilkräuter aufzuhängen, um bösen Geistern dein Einlass zu verwehren.
Die Menschen sorgten im und ums Haus herum vor den Rauhnächten für Ordnung, denn es hiess, dass Unordnung das Böse magisch anzieht. Dass vorher alles in Ordnung gebracht wurde bedeutete aber auch, dass man sich während den Rauhnächten nicht darum kümmern musste und man die Zeit bewusst für sich selbst nutzen konnte.
Es war weit verbreitet, Opfergaben für Naturgeister und Götter auf die Fensterbank zu legen, zB Nüsse, Äpfel und Gebäck.

In den Rauhnächten standen alle Räder still, so zB die Spinnräder oder das Mühlerad. Alle Räder wurden in dieser Zeit abgestellt, weil sich in dieser Zeit das Schicksalsrad drehte.
Kinder, die an einem Samstag oder Sonntag während der Rauhnächte geboren wurden, sagte man magische Fähigkeiten zu, zB Hellsichtigkeit oder das Verbreiten von besonderem Glück.
In den Rauhnächten war es verboten, mit Karten oder um Geld zu spielen und es existieren viele grausige Geschichten von Menschen, die dieses Spielverbot missachtet und daraufhin ganz furchtbare Begegnungen mit Geisterwesen hatten.
Wer in diesen zwölf Nächten die Türe zuknallt, wird im neuen Jahr mit Blitz und Unfrieden zu rechnen haben.
Haare und Nägel schneiden in dieser Zeit bringt ebenfalls Unglück und Krankheit über den Menschen.
Geliehenes soll vor den Rauhnächten wieder an ihrem Ort sein, ansonsten muss man im neuen Jahr mit Krankheit und Energieverlust rechnen.
Fehlende Knöpfe deuten auf einen kommenden Geldverlust hin, falls sie nicht vor der ersten Rauhnacht ersetzt werden.
Stirbt jemand in den Rauhnächten, wird es im folgenden Jahr weitere Todesfälle im engeren Umkreis geben.
Bellt ein Hund um Mitternacht, so wird jemand sterben.
Wenn Dinge in dieser Zeit hinunter fallen, bringt dies grosses Pech im neuen Jahr. Man kann dieses jedoch abwenden, indem man am 28.12. und am 5.1. besondere Speisen und Milch vor die Türe stellt, um die Naturgestalten friedlich zu stimmen.

Die Träume, die man in dieser Zeit hat, gehen in Erfüllung, sofern sie vor Mitternacht geträumt werden. Sie erfüllen sich in der ersten Monatshälfte des jeweiligen Monats. (1. Nacht = Januar, 2. Nacht = Februar, 3. Nacht = März usw).
Genau so vehält es sich mit Wünschen, die man sich im voraus aufschreiben und pro Nacht dann je einen verbrennen kann. Auch heute noch sind diese ganz besonderen Wunsch-Rituale in den Rauhnächten weit verbreitet.

Früher wurden Besen gerne in den Rauhnächten gebunden, denn mit ihnen wurden besonders wirksam Krankheitsdämonen und böse Geister aus dem Haus gefegt.
Und da sehe ich wieder einen Zusammenhang mit der oben erwähnten „Sträggele“ und andern ähnlichen Wesen. Bei uns sieht man diese oft an Fasnachts-Umzügen und ich glaube, ich liege nicht falsch, wenn ich sage, dass diese wirklich immer eine Art Besen mit sich tragen, zB in Form von Tannästen und halben Bäumen.

Auch dem Wetter während der Rauhnächte und -tage kam eine besondere Bedeutung zu. Viel Wind kündigte ein unruhiges Jahr an. Viel Nebel stand für alte Dinge, die man bereinigen sollte und ein nasses Jahr war zu erwarten. Helles und klares Wetter bedeutete warme und gute Zeiten.

Es geht in den Rauhnächten ganz fest ums neue Jahr und darum, Böses abzuwenden, sich zu schützen und aber auch darum, Gutes anzuziehen.

Diese Bräuche wurden bis etwa vor hundert Jahren in verschiedenen Gegenden unterschiedlich durchgeführt. Ich würde gerne meine Grossmutter dazu befragen, denn ich bin mir ganz sicher, dass sie den einen oder andern Brauch kannte oder gar anwendete. Das würde mich sehr interessieren. Leider lebt sie nicht mehr.

Ich glaube, die Rauhnächte sind auch heute noch ganz genau dieselbe sensible und mystische Zeit wie vor hundert oder zweihundert Jahren, nur haben wir in unserer hektischen und lauten Welt aufgehört, solche Dinge wahrzunehmen und dementsprechend auch aufgehört, daran zu glauben, denn was wir nicht sehen, das existiert nicht…

Ich werde dieses Jahr an einem Rauhnächte-Online-Kurs teilnehmen, um mehr darüber zu erfahren und mir jeden Tag ein paar Minuten ganz bewusst Zeit für mich und meine Wünsche zu nehmen. Ich freue mich sehr darauf und bin gespannt…
Mögen sie in Erfüllung gehen, so wie eure auch.