Verschwunden. Hinter Schleiern, hinter Mauern, hinter Männern.

Shamsia Hassani, Afghanistan


Afghanistan… die Machtübernahme der Taliban und die überaus schlimme Situation dort hat das Augenmerk der Medien und auch unseres in den letzten Tagen auf sich gelenkt. Die Menschen in Afghanistan sind in Gefahr und ganz besonders die Frauen.
Es ist ja nicht so, dass die Lage in diesem arg gebeutelten Land in den letzten Jahren / Jahrzehnten jemals wirklich gut war. Wir haben nur nicht mehr hingeschaut. Laut Amnesty International führt Afghanistan seit ewig die traurige Rangliste der gefährlichsten Länder der Welt für Frauen an oder befindet sich zumindest in den ganz vordesten Rängen. Diese Gefahr hat sich mit der Machtübernahme der Taliban nochmals dramatisch verschärft.

Ich habe in den letzten Tagen viel gehört und gelesen und die Situation dieser Frauen interessiert mich. Und nicht nur das. Es berührt mich zutiefst. Ich möchte nicht, dass Mädchen und Frauen so leben müssen. Alles, was ich für sie aber tun kann, ist mich darüber zu informieren und vielleicht andere auch darauf aufmerksam zu machen und ob das überhaupt etwas bringt, das bezweifle ich sogar. Dennoch ist hinschauen besser als wegschauen, eigentlich immer. Es ist unsere Welt, von uns gestaltet. Schauen wir hin, auch dort wo es uns nicht gefällt. Auch dort, wo es uns nicht betrifft.
Natürlich ist es mir auch bewusst, dass sich auch Männer in unmittelbarer Gefahr befinden. Man hat in den letzten Tagen ja bereits von Verfolgungen und Tötungen gehört. Dennoch ist die Situation der Männer eine andere und ich würde mich hier gerne auf die Frauen konzentrieren.

Die Taliban ist eine terroristische Organisation, die 1994 gegründet wurde und von 1996 bis 2001 erstmals grosse Teile Afghanistans beherrschte. Dann wurde ihre Regierung in einer Zusammenarbeit von afghanischen, amerikanischen und britischen Truppen gestürzt. Das war kurz nach den Terroranschlägen von 9/11.
Die Taliban verübten in den darauf folgenden Jahren (und schon vorher) immer wieder grössere Terroranschläge, vor allem in westlichen Ländern bzw. das sind die, von denen wir gehört haben, von denen unsere Medien uns berichtet haben. In Afghanistan fanden aber auch jährlich unendlich viele Terroranschläge durch die Taliban statt. Im Jahr 2020 habe ich zB 28 gezählt. In diesem Jahr bis jetzt auch bereits 15, bis es in dieser Woche schlussendlich zur Machtübernahme kam.
Ausgeübt wurden die Attentate sehr oft durch Selbstmordattentäter, oder mit Schusswaffen, Raketen, Bomben, Giftgas…
In den letzten 20 Jahren lebte das afghanische Volk also immer in unmittelbarer Gefahr eines Terroranschlages. Egal wo sie sich aufhielten, es konnte jederzeit passieren:

Eine Bombe im Abfallkübel beim Spielplatz.
Eine Rakete, die in die örtliche Mädchenschule einschlägt.
45 Tote im Einkaufszentrum.
23 Tote und 80 Verletzte bei einer Hochzeit, die Bombe befand sich in einem Pflanzentopf.
Auf dem Arbeitsweg, es war eine Autobombe.
Eine Bombe im Regierungs- oder im Polizeigebäude.
Ein Selbstmordattentäter im Zug, im Bus, im Bahnhof oder im Kino.
Im Briefkasten, wo man eine Geburtstagskarte einwerfen wollte, explodiert eine Bombe.
Auf dem Wochenmarkt sprengte sich neben dir ein Selbstmordattentäter in die Luft und nimmt dich und 4 andere Passanten mit in den Tod. Zahlreiche sind verletzt, einige davon schwer.
Bei der Hunderunde um den Block, erschiesst dich jemand aus einem Versteck im Dachstock des Nachbarshaus
es.

Und so weiter, und so weiter.

Die Feindbilder der Taliban sind, so könnte es man wohl kurz fassen, die sogenannten westlichen, modernen Werte und Lebensweisen, ihr Gesetz ist die Scharia. Die Gesetze der Scharia richten sich nach den rechtlichen Grundzügen des 8. und 9. Jahrhunderts (man stelle sich DAS vor!!) und und folgen den sozialen und politischen Interessen genau dieser Zeit. Also ein biiiiisschen veraltet… Wenn euch das näher interessiert – und es ist tatsächlich recht interessant – könnt ihr das ja selber nachlesen. Näher darauf einzugehen würde hier irgendwie den Rahmen sprengen und mich nur unnötig aufregen.

Wir schreiben heute nun also den 21. August 2021 und in Afghanistan übernahmen diese Woche Männer die Regierung, die irgendwo vor mehr als 2000 Jahren stecken geblieben sind, betreffend Wertvorstellungen, Rollenbildern und Umgang miteinander.
Die Menschen in Afghanistan kennen ein Leben, wie wir es haben, nicht. Einfach einigermassen friedlich, ohne Angst zu haben, das nächste geparkte Auto könnte explodieren oder eine Rakete könnte im Supermarkt, in dem ich gerade einkaufe, einschlagen. Terror, Angst, Gewalt und Tod ist an der Tagesordnung. Für alle und vor allem für Menschen, die ein moderneres Leben führen (möchten) oder / und sich dafür einsetzen.

Darunter auch ganz besonders die Frauen.

Frauen, die gebildet oder in Ausbildung sind. Schriftstellerinnen, Künstlerinnen, Frauen die berufstätig sind. Frauen, die eine Meinung haben und diese auch mitteilen. Frauen, die am Leben teilnehmen. Frauen, die man überall sieht. Auf den Spielplätzen mit ihren Kindern, im Krankenhaus als Ärztin, in der Bäckerei als Verkäuferin, in der Schule als Lehrerin, als Hausfrau, Mutter, als Journalistin, als Reinigungsfachkraft, als Betreuerin, als Pilotin usw. Mädchen, beim Spielen auf dem Pausenplatz, am Lachen mit den Freundinnen. Mädchen in Sport- oder Musikvereinen. Mädchen in Jeans und Shirts. Mädchen mit geflochtenen Zöpfen und wehenden Haaren.
Normale Frauen und Mädchen, so wie wir es sind. Und ihre Familien, ihr Umfeld.

Diese Frauen und Mädchen werden verschwinden.
Hinter Schleiern, hinter Mauern, hinter Männern.

Seit 2001 und dem damaligen Ende des Taliban-Regimes haben sich die Frauen viele ihrer Rechte und Möglichkeiten zurück erkämpft, zurück erobert… UM. DIESE. NUN. WIEDER. ZU. VERLIEREN.

Ich habe gelesen, dass die Taliban das Volk auffordert, ihnen (unverheiratete) Mädchen und (ledige, verwitwete, geschiedene, alleinerziehende) Frauen ab 15 bis 40 Jahre sozusagen zur Verfügung zu stellen. Auszuliefern. Unter „auffordern“ versteht sich in diesem Fall ein Befehl und wer dem nicht Folge leistet, gefährdet sein Leben genauso wie es das dieser Mädchen eh ist, egal ob sie ausgeliefert werden oder nicht.

15… das erscheint uns sehr jung und das ist es auch, obwohl dieses „zur Verfügung stellen“ auch im Erwachsenenalter jeglichen ethischen und gesetzlichen Menschenrechten widerspricht, denn wehren kann sich da keine mehr wirklich. Ich denke auch nicht, dass es für diese Männer einen Unterschied macht, ob ein Mädchen 15, 11 , 13 oder 18 ist. Sie werden sich alles nehmen und zwar mit roher Gewalt.
Ich sage „werden“ und möchte aber sagen, dass das alles genau jetzt passiert. Es ist die Gegenwart.

Junge Mädchen und Frauen werden verschleppt, vergewaltigt und womöglich umgebracht. Sie sind Mittel zum Zweck (Kinder gebären vor allem, würde ich sagen) und total wertlos.
Und ganz ehrlich und ganz unzynisch denke ich, dass in dieser Situation der Tod womöglich nicht die schlechteste aller Situationen für diese Frauen ist. Ich hoffe, ihr wisst was ich meine…
Ich stelle mir unsäglich schlimme Szenen vor. Solche, wie ich sie mir gar nicht vorstellen möchte. Und ich glaube nicht mal, dass wir überhaupt in der Lage sind, uns auch nur ansatzweise vorzustellen, was dort alles passiert.

Frauen werden gebrochen und gefügig gemacht. Sie werden in ihre Schranken verwiesen. In Schranken, die wie oben erwähnt, vor mehr als 2000 Jahren errichtet wurden. Wer sich versteckt, weigert oder wehrt, wird vergewaltigt, wieder und wieder, von vielen, vielen Männern. Wird geschlagen, gefoltert und zwar solange, bis sie sich nicht mehr wehrt. Oder bis sie tot ist.

Sie werden ihre Berufe nicht mehr ausüben können, nicht mehr zur Schule gehen.
Frauen haben keine Rechte. Und ich spreche da von internationalen Menschenrechten. Von Dingen, die für uns ganz normal sind, wie zB so angezogen zu sein, wie man sich wohl fühlt, in der Bäckerei Brötchen zu kaufen, schreiben und lesen zu lernen, eigenes Geld zu verdienen und zu besitzen, „nein“ zu sagen, wenn man Sex oder sonst etwas nicht möchte, den Mann zu heiraten, den man liebt, ins Kino zu gehen, mit Freundinnen einen Kaffee trinken zu gehen oder sein Gesicht öffentlich zu zeigen.

Vielleicht male ich zu schwarz? Ich hoffe es.
Vermutlich aber ja leider nicht…

Ich habe in den letzten Tagen in den Medien auf den Bildern von all den flüchtenden Menschen in Kabul relativ wenig Frauen gesehen. Ich könnte mir vorstellen, dass es für Frauen seit der Machtübernahme schon zu riskant ist, sich in der Öffentlichkeit aufzuhalten.

Beim Stöbern und Lesen im Internet sind mir die Graffitis und Bilder der afghanischen Künstlerin Shamsia Hassani (siehe erstes Bild) aufgefallen. Shamsia Hassani ist die erste Graffiti-Künstlerin Afghanistans und doziert an der Universität Kabul Zeichnen und Anatomisches Zeichnen.
Auf ihren Bildern malt sie Frauen, die genauso stark und kraftvoll wie zerbrechlich und verletzlich auf mich wirken. Situationen voller Hoffnung und Schönheit und gleichzeitig voller Hoffnungslosigkeit, Angst und Traurigkeit. Irgendwie wunderbar bunt und sehr düster und beängstigend zugleich. Ich finde sie sehr ausdrucksstark und wunderwunderschön.
Und irgendwie so passend zu den Ereignissen im August 2021 in Afghanistan.

Wenn es dich interessiert, schaue unter https://www.shamsiahassani.net
Alle Bilder in diesem Beitrag stammen von ihr. Ich habe mir erlaubt, sie zu verwenden.

10 Comments

  1. Es ist wirklich erschreckend, was dort geschieht. Wir Menschen können die Dämonen zwar eine Weile lang austreiben, doch wenn wir ihr Land eingerichtet haben, kehren sie vermehrt zurück. Diese Sorte kann nur Gott vertreiben, nicht der Mensch.
    Letztens hörte ich jemanden sagen: „DIE will ich aber nicht hier haben!“ Damit meinte sie die Flüchtlinge. Derartige Aussagen sind ebenso erschreckend.

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  2. Es ist echt erstaunlich, wie sehr die Frauen in diesen Ländern – und jetzt speziell in Afghanistan – leiden…

    Und hier im Westen sind die größten Probleme z. B. das „Gendern“… eigentlich zum Fremdschämen, oder?

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  3. Das glaube ich auch. Da stecken viele tragische Schicksale hinter.
    Ich habe mich auch sehr unklar ausgedrückt. Die härtesten Ideologen unter den Talibankämpfern werden ja sicher auch Kinder haben. An die musste ich denken.

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  4. Danke. Beim Lesen fragte ich mich unwillkürlich, ob diese Frauen, wenn sie noch die Kinder eines Mannes sind, als geliebte Kinder oder als zukünftige Ware gesehen werden. Es ist gruselig.

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