Letzte Begegnungen

Es vergeht ja eigentlich kaum ein Tag ohne Begegnungen. Flüchtige, zufällige, vereinbarte, solche auf die wir uns freuen und solche, die uns unangenehm sind, neue, bekannte, gemochte und geliebte Menschen. Wir teilen mit ihnen Augenblicke. Manchmal nur ein Blick oder nicht mal das, manchmal ein paar Worte, manchmal tiefe Gespräche. Manchmal gemeinsame Erlebnisse, Ereignisse, Geschehnisse. Manchmal Berührungen. Körperliche, seelische.
Angenehme, schöne oder nicht, je nachdem.

Ich habe heute die Nachricht erhalten, dass jemand, den ich kenne, gestern gestorben ist. Viel, viel zu jung und viel, viel zu schnell. Er wurde von einer kurzen, aber ganz schlimmen Krankheit erlöst und auch von ganz grossem Leiden. Diese Erlösung gönne ich ihm sehr und um ehrlich zu sein, ich habe sie ihm tatsächlich auch gewünscht.
Ein Teil des Leidens ist nun vorüber. SEIN Teil.
Ich glaube, ein Teil des Leidens ist auch für die Angehörigen vorbei. Das Ungewisse, die Angst, das Hoffen, aber auch das schreckliche Wissen, dass es gar nichts zu hoffen gibt. Die Hilflosigkeit, zuschauen zu müssen, wie er sehr schnell sterbenskrank wurde. Das Leiden zu sehen und nichts tun zu können. Die Angst vor dem Moment, wenn dieses Leben zu Ende geht. Das ist jetzt vorbei.
Und ein anderer Teil des Leidens kommt jetzt. Die Trauer und auch das Vermissen. Kinder, die damit umgehen müssen, dass ihr Papi gestorben ist. Eltern, die ihren Sohn verloren haben. Eine Familie und Freunde, die den Verlust eines aufgestellten, fröhlichen Mannes, der viele Ideen und Visionen hatte, verzeichnen müssen.
Ich bin sehr mit den Gedanken bei dieser Familie und bei Menschen, von denen ich weiss, dass sie ihn besonders gern hatten und für ihn da waren in den letzten schweren Monaten.

Vor ein paar Tagen habe ich etwas Schönes gelesen:

Everyone in your life
will have a last day with you
and don’t even know when it will be.


(Ich habe nach der Quelle dieser Aussage gesucht und leider nicht gefunden.)

Eigentlich macht mich das auch nachdenklich. Wir haben mit jedem, den wir kennen, einen letzten Tag, einen letzten Moment.
Eine letzte Begegnung.
Ohne zu wissen, dass es die letzte ist. Nichts ahnend über die Besonderheit und über die versteckte Traurigkeit dieses Momentes.

Ich erinnere mich auch nach all den Jahren 1:1 an das Letzte, was ich zu meinen Eltern gesagt habe und auch an das, was sie zu mir gesagt haben.
Bei meiner Mutter wusste ich, dass sie gleich sterben wird und ich bin froh darüber, dass ich das gesagt habe, was ich gesagt habe, auch wenn es für mich die schlimmsten Worte meines Lebens waren.
Bei meinem Vater kam der Tod trotz Krebserkrankung dann doch plötzlich und unerwartet schnell, so dass ich das bei unserer letzten Begegnung nicht wusste. Ich ging für ihn einkaufen und war ein bisschen gestresst, jedenfalls wurde ich geblitzt und bekam eine Geschwindigkeitsbusse, die mein Papa dann für mich bezahlt hat. Ich habe diesen Bussenzettel immer noch, der hängt ziemlich verblichen an meiner Pinnwand. Das war das letzte Mal, dass ich ihn lebend gesehen habe. Am nächsten Morgen als ich kam, lag er tot im Bett.
Hätte ich es gewusst, wäre ich an diesem Tag etwas länger geblieben.
Und ich hätte Abschied genommen…

Als ich heute von meiner Freundin die traurige Nachricht erhalten habe, dass Bui gestorben ist, habe ich darüber nachgedacht, wann ich ihn zum letzten Mal gesehen habe. Er war mit einem gemeinsamen Freund vor zwei Jahren bei mir, um mit ihm zusammen mein neues Meerschweinchen-Gehege aufzubauen. Und ziemlich genau vor einem Jahr feierten wir zusammen die Erstkommunion unserer gleichaltrigen Kinder. Das war unsere letzte Begegnung.
Ich habe mich, nachdem ich von seiner Krankheit erfahren habe, noch hingesetzt und ihm eine Karte mit letzten Worten geschrieben, weil ich das Gefühl hatte, noch irgendwas sagen zu wollen. Ich weiss, dass ihm die noch vorgelesen wurde im Krankenhaus und ich bin sehr froh darüber. (Danke)

Begegnungen…
Wir wissen eigentlich nie, ob es noch weitere geben wird oder ob genau diese nun die letzte ist.
Vielleicht werde ich mir in der nächsten Zeit dessen etwas mehr bewusst sein.
Freundlich zueinander sein und einander auch mal sagen, dass man sich gern hat oder was man aneinander mag. Konflikte und Streitigkeiten aus dem Weg schaffen.
Wer weiss, ob wir die Gelegenheit dazu noch bekommen, wenn wir es nicht jetzt tun…

Ich habe versucht, diesen Text ganz ohne Namen zu schreiben, aber irgendwie ging das für mich nicht. Eine Umschreibung war mir zu unpersönlich und zu distanziert und hörte sich einfach nicht richtig an. Ich hoffe, dass es okay ist, dass ich seinen Spitznamen, den er schon seit seiner Kindheit hatte, hier erwähnt habe.
Mein Beileid.





3 Comments

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s