Alles und ganz viel Glück unter einen Hut bringen

Ich habe in der letzten Zeit immer wieder Situationen erlebt, in denen ich mir Gedanken gemacht habe darüber, was es bedeutet, im Leben erfolgreich zu sein. Es geschafft zu haben, wie man so schön sagt.
Aber was ist dieses „ES“ denn eigentlich? Das grosse Glück, die grosse Liebe, Attraktivität, Gesundheit, Arbeit, Heirat, Kind, Haus, Boot, Reisen, Golf spielen, Freunde haben, Geld haben oder was eigentlich?

Ich bin unterschiedlichen Menschen begegnet, die bei mir diese Fragen ausgelöst haben. Aus meiner Sicht aus betrachtet, so perfekt und sorglos, fast ein bisschen glitzernd. Aber ist das alles das, was sie sich gewünscht hatten oder wünschen sie sich noch mehr oder gar anderes?
Manchmal sieht so ein Menschenleben von aussen so perfekt, so schön aus, aber ob der Mensch selbst das auch so empfindet, weiss man nicht.

Jedenfalls habe ich über mein Leben nachgedacht.
Und ich glaube, dass dieses Erfolgreich Sein bei jedem wohl etwas anderes sein kann. Und dass Begriffe wie Glück, Zufriedenheit, Erfolg, Geborgenheit und Liebe von Person zu Person unterschiedlich definiert und noch unterschiedlicher gefüllt werden. Je nach Situation, je nach Charakter und Möglichkeiten und ich glaube auch, je nachdem, was diese Person in der Vergangenheit erlebt hat.
Aus dem was uns fehlt, formt sich das was wir suchen und anstreben, würde ich sagen. Vielleicht.
Ich glaube, das Glück – was auch immer es ist – ist für ganz viele Menschen etwas weit Entferntes und nie Erreichtes und nur die ganz besonders Glücklichen realisieren, dass sie bereits davon umgeben und mittendrin sind.

Ich weiss aber nicht, ob das Glück und das Glücklich Sein dasselbe ist wie im Leben etwas erreicht zu haben. Bestimmt nicht für alle. In unserer Gesellschaft hat „erfolgreich sein“ ja auch ganz viel mit materiellen Dingen zu tun. Damit, diese Dinge für sich zu geniessen, aber auch damit, andern zu zeigen, dass man diese Dinge hat. Das gibt einem ein gutes Gefühl. Aber auch damit, dass materieller Reichtum uns ganz, ganz viel Sicherheit und Unbeschwertheit vermitteln kann.
Und doch sagt man, Geld allein mache auch nicht glücklich.
Aber was denn noch? Liebe? Geborgenheit? Freiheit? Sorglosigkeit?
All diese Begriffe bedeuten für jede etwas anderes.
Für den einen bedeutet Glück, eine Familie zu haben, für den andern bedeutet es, gesund zu sein und für wieder einen andern ist es das grosse Glück, in der Welt herum zu reisen und ein anderer sieht sein grosses Glück im erfolgreich sein im Job.
Für die eine bedeutet Geborgenheit, sich in ihrer Wohnung sicher und wohl zu fühlen, für jemand anderer bedeutet es, zu jemandem zu gehören, sich geliebt zu fühlen.
Dasselbe mit Sicherheit. Wir können nahestehende Menschen als Sicherheit empfinden, Geld oder was auch immer. Wir hier haben bestimmt eine ganz andere Definition von Sicherheit, verglichen mit zB einer Frau in Afghanistan, die Angst haben muss, getötet zu werden, wenn sie ihr Haus verlässt oder auch wenn sie es nicht verlässt.
Und ich glaube, fast noch unterschiedlicher ist es mit der Liebe. Wir lieben aus unterschiedlichen Gründen und Bedürfnissen heraus genau die Person, die wir lieben. Und auch wenn wir nicht lieben, hat das seine Gründe. ZB kann Sicherheit ein Grund zum Lieben, aber auch zum Alleine bleiben sein, je nachdem welche Erfahrungen man gemacht hat. Liebe ist sehr vielschichtig.

So habe ich mich vor einiger Zeit mit einer alten Freundin seit langem wieder getroffen und unterhalten und das war sehr spannend. Sie führt seit ein paar Jahren ein Leben, das kann man sich als „normaler Mensch“ kaum vorstellen. Sie hat alles, was ich nicht habe, wenn man das so pauschal sagen kann und ich habe alles, was sie nicht hat. Ich hatte im Gespräch ganz unterschiedliche Gedanken und Gefühle und eines davon war, dass ich ihr ihr Glück (ich hoffe dass es das ist) von Herzen gönne. Zum andern habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr so mag von mir erzählen, weil neben ihren Erzählungen mein Leben sehr erbärmlich ausgesehen hat. Aber das ist okay, ich fand es interessant zuzuhören und zu staunen.

Nach diesem Nachmittag bin ich nach Hause gefahren und habe mir echt viele Gedanken gemacht. Ich hatte ganz fest das Gefühl, dass sie genau das gefunden hat, erreicht hat, was sie sich total gewünscht hat immer. Um ehrlich zu sein, habe ich mir auch überlegt, ob ich neidisch bin. Und gemerkt, dass ich es nicht bin. Das was sie hat, macht sie sehr happy. Mich würde es wohl entlasten und mir viele, viele Sorgen und Gedanken nehmen, aber MEIN Leben wäre das nicht.
Und so habe ich in diesen Gedanken realisiert, dass ich glücklich bin mit meinem Leben. Ja, wirklich. Glücklich. Dass ich andern ihr Glück und ihr Leben gönnen kann und ich meines mit allem drum und dran liebe. Ich glaube, das war meine persönliche Erkenntnis dieses Jahres. Ich finde es gut so wie es ist und ich liebe es.
Es ist zuweilen etwas anstrengend, zugegeben. Ich muss meine Energie immer wieder sehr gut einteilen und komme trotzdem immer mal wieder an meine Grenzen auf ganz verschiedenen Ebenen. Ich weiss, dass das noch ein paar Jahre so sein wird und in die Ferien fahren irgendwohin nicht in Frage kommen wird. Es ist wie es ist. Und man hat was man hat. Nicht mehr und auch nicht weniger. Auch zuhause kann ich mir kleine Oasen schaffen.
Und es gibt auch Momente, da fühle ich mich allein, obwohl ich so ziemlich gar nie allein bin. Diese Momente hatte ich früher öfter, jetzt nur noch ganz selten. Vermutlich dann, wenn ich nur noch wenig Kraft habe und mir wünschte, mir würde jemand beim Tragen helfen.

Ich habe mich grad diese Woche mit einer Frau unterhalten, die vor Jahren ihre vier Kinder, eins davon mit einer Einschränkung, allein aufgezogen hat. Sie hat gesagt, dass sie dieses Allein-Gefühl sehr ausgeprägt hatte und das während der ganzen Zeit sehr schwer gefunden hat. Ich kann das gut nachvollziehen, obwohl es mir nicht ganz so geht. Aber den Gedanken „es gibt auf dieser Welt niemanden (ausser mein Kind natürlich, aber das ist etwas anderes), der mich liebt“, den kenne ich auch. Ich mag ihn nicht. Aus diesem Grund vermeide ich ihn so gut es geht. Klappt ganz gut.

Es wird immer wieder Momente geben, in denen ich mich in Gesellschaft irgendwie als Aussenseiterin fühle. Ich muss das nicht, ich weiss, aber manchmal ist es halt trotzdem so.
So habe ich vor ein paar Wochen in einem Gremium an einer Sitzung teilgenommen, wo jede und jeder sich zuerst mal vorgestellt hat. Dabei haben sie auch ihren Partner bzw. ihre Partnerin erwähnt und ich war da die einzige Alleinerziehende und Alleinstehende. Ich bin mir blöd vorgekommen und ich habe mich geschämt in diesem Moment. Weil ich in diesem Moment dachte, dass ich so ziemlich alles, was ich in meinem Leben erreicht hatte bisher, verloren habe. Die andern sind daran nicht schuld, diese Gedanken werden in mir selbst ausgelöst durch die Auseinandersetzung mit mir und meiner neuen Rolle zuhause und auch in der Gesellschaft. Mit der zuhause habe ich mich gut arrangiert. Mit der in der Gesellschaft noch nicht so ganz, denn das ist schon schwieriger. Man ist als Alleinerziehende wohl sehr damit beschäftigt zu funktionieren, zu arbeiten, zu haushalten, zu erziehen, Geld zu verdienen, möglichst flexibel zu sein, dass man keine Zeit dafür hat, sich für sich und andere Alleinerziehende stark zu machen. Deswegen ist man mit seinen Themen allein, obwohl es so viele Alleinerziehende gibt. Aber das sind wieder andere Themen.

Ich glaube jedenfalls, dass es notwendig ist, sich diese Gedanken zu machen Die Gedanken, was uns glücklich macht und was wir im Leben erreichen und leben möchten, denn die Zeit läuft und läuft und kommt nie mehr zurück. Es ist gut, auf dem Weg zu sein und ein Ziel im Auge zu haben…
Und das ganz persönliche kleine oder grosse Glück im Alltag zu sehen und zu geniessen. Ich probiere das auch. Es gelingt manchmal schon ganz gut.









Same procedure again…

Vielleicht gibt es nichts interessanteres als ein Menschenleben, denn wo Menschen leben passiert ganz schön vieles. Viel Alltägliches, viel Routine, viel Schönes, Neues und Wunderbares. Viel Trauriges, Schreckliches und grosse Schicksale.

Für jeden ist wohl das eigene (Er-)Leben der Massstab, an dem andere gemessen werden. Manchmal finden wir, dass unser Erlebtes das Tollste ist und manchmal das Schlimmste von allen. Manchmal denken wir, wir müssten am meisten tragen, am meisten erdulden und erleiden. Wir wünschen uns irgendwas (eine Freundin, ein Kind, ein Auto, heiraten, einen neuen Job, ein Erlebnis, Ferien, einen Hund….), erreichen (bekommen, kaufen…) es…
Und dann dauert es nicht lange und es wird zur Routine. Wir haben uns dran gewöhnt, kennen es in- und auswendig, sooooo interessant ist es gar nicht mehr, wir langweilen uns damit ein bisschen…
Wir wünschen uns, aus der Routine ausbrechen zu können, möchten etwas Neues, Anderes erleben, finden unseren Alltag öde und zu unspektakulär. Immer dieselben Abläufe, derselbe Trott…

Manche brechen dann tatsächlich aus, erleben Neues und Spannendes und fühlen sich damit auch selbst wieder begehrenswerter und interessanter… und auch das Neue wird irgendwann Alltag. Same procedure again…

Bei andern ist es andersrum. Sie werden aus dem Alltag rausgerissen, weil irgendwas passiert. Etwas, was unsere ganze Aufmerksamkeit fordert, unsere ganze Energie und uns in sich aufsaugt. Zum Beispiel, wenn man der Partner einer solchen Person ist, die etwas Neues erleben will bzw es tut. Oder halt andere Sorgen, es gibt davon ja genügend und für jeden seine ganz persönlichen kleineren oder grösseren Katastrophen.

2020 ist ja so ein Jahr. Das hat es wirklich in sich.
Es ist mein zweites Jahr seit der Trennung. Man sagt, das erste sei das schwierigste und das war es auch, in vielerlei Hinsicht bzw vermutlich vor allem, weil die persönliche Befindlichkeit noch krisenhaft und ansonsten alles neu und ungewohnt war.
Jedenfalls erinnere ich mich sehr gut an Ende 2019. Ich habe mich auf 2020 gefreut. Auf ein Jahr, das besser werden sollte und noch ein bisschen einfacher vielleicht. Wieder ruhiger werden, vielleicht sogar wieder ein bisschen glücklich manchmal… Nicht, dass ich das 2019 nie war, aber da war bzw ist noch viel Luft nach oben.

Und dann kam Corona mit all seinen Konsequenzen. Das wäre eigentlich schon genug, noch mehr Schwierigkeiten braucht echt keiner. Aber wir wissen es ja. Da wo ein Hund hin pisst, pissen dann all die andern auch hin.
(Ich hab gedacht, ich erfinde mal ein neues Sprichwort. 🙂 )

Ich kann sagen, Corona selbst hatte auf mich keine allzu grossen Auswirkungen. Während des Lockdowns natürlich schon, wie in verschiedenen Texten beschrieben. Ich fand das furchtbare zwei Monate und hätten die noch länger gedauert, ich hätte es nicht mehr geschafft, alles unter einen Hut zu bringen. Während einige die Ruhe und das Nichtstun sooo sehr genossen haben und dies sogar in Langeweile überschwappte, waren für mich bei Homeschooling und Arbeit 24 Stunden pro Tag zu wenig. Und ich sehr unentspannt. Gut, dass es dann mal vorbei war bzw. der Lockdown und ein paar Massnahmen gelockert wurden.
Seitdem fühle ich mich eigentlich nicht eingeschränkt, mein Leben verläuft ziemlich normal. Ausser dass ich mich auf Abstand achte und wirklich viel weniger soziale Kontakte habe, ist alles normal. Und wir sind gesund geblieben bisher, das ist gut.
Ich rege mich nicht darüber auf, dass ich weder auf Konzerte noch auf Parties kann, denn das tu ich aus andern Gründen sowieso schon länger nicht mehr. Also gehts mir eigentlich ganz gut, trotz den Massnahmen, die wir einhalten, um Corona möglichst nicht weiterzuverbreiten.

Aber es ist echt viel anderes dieses Jahr. Ich löse eine schwierige Situation und schwupps, die nächste ist schon da. Es ist tatsächlich momentan ziemlich energieraubend, sich die meiste Zeit über irgendwas grosse Sorgen zu machen. Und es ist schwierig, dies zu machen, ohne dass das Kind etwas davon mitbekommt. Ich versuche es, aber es ist nicht mehr immer möglich zur Zeit.

Natürlich schaffe ich es. Ich schaffe alles. Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Es gibt keine Alternative. Es sind immer Dinge, die ich im Moment zwar als dramatisch erlebe, wohl weil meine Energie schwindet, die aber lösbar sind.
Ich schaue in die Welt hinaus und sehe ganz andere Probleme. Die richtig grossen. Andere Menschen, die mit Situationen zu kämpfen haben, in denen es ihnen nicht möglich ist, selbst eine Lösung zu finden. Zum Beispiel all die Menschen, die aus ihrem Zuhause geflüchtet sind, in Moria eingepfercht waren und jetzt irgendwo sind. Viele wohlhabende Länder, viele wohlhabende Menschen rundherum wollen davon nichts wissen.
Rassismus nimmt zu. Rechtsradikales Denken. Und es wird geduldet, ja sogar unterstützt. In der Schweiz, in Deutschland, in den USA.
Menschen haben Angst. Die einen, dass sie eingeschränkt werden. Ihrer Rechte beraubt. Sie schreien es raus, sie wollen keine Diktatur, keine Massnahmen gegen Corona. Flüchtlinge sollen dort bleiben wo sie sind oder gleich zurück in ihr Land gebracht werden. Die SVP nennt die Flucht „eine Reise ins Traumland“. Es wird nicht weit gedacht, nicht in die Weite geschaut. Die Angst ums eigene Portemonnaie verhindert so manches, egal in welchem Bereich… Umweltschutz, Flüchtlingswesen, Corona und Gesundheitswesen…
Es geht ums Geld. Einige Musiker oder Künstler stellen sich gegen die Corona-Massnahmen, hetzen und motivieren auch andere sich aufzulehnen. Aber ist dieses Engagement ehrlich oder gehts da einfach nur um die eigenen Interessen? Natürlich verstehe ich, dass sie schon eine Weile wenig oder gar kein Geld verdienen können und das ist schlimm. Aber vielleicht sollte man da sein Beweggründe doch ein wenig mehr hinterfragen?

Jeder von uns hat ein einziges Leben, das er leben muss oder im besten Fall darf. Jeder hat ein Recht auf ein schönes Leben. Ich finde es nicht in Ordnung, dass zu meinen Gunsten andere leiden müssen oder der Planet kaputt gemacht wird. Ich bin fürs Miteinander und fürs Einander helfen, auch wenn sich das nicht immer so einfach gestaltet. Ich würde mich immer für die Schwächeren einsetzen. Leider ist es so, dass dies sehr oft auf der finanziellen Ebene statt findet und genau da sind mir momentan recht die Hände gebunden. Aber irgendwann wird dies anders aussehen. Und das Finanzielle ist nur ein Teil der Unterstützung, es gibt noch andere.
Typischerweise schweife ich wieder mal ziemlich ab…

Also. Zurück zum 2020.
Ich hatte mir für dieses Jahr ja vorgenommen, mich wieder mehr am sozialen Leben zu beteiligen. Mich wieder öfter mit andern treffen. Freundschaften pflegen. Vielleicht sogar im Leben neuer Menschen aufzutauchen bzw. sie bei mir. 2020 macht es mir nicht einfach, muss ich sagen. Aber es ist, wie es ist. Als alleinstehende Frau mit Kind fühle ich mich aber tatsächlich ziemlich isoliert manchmal. Ich habe voll Bock drauf, Menschen zu begegnen, hinter deren Fassade zu gucken und Lebensgeschichten zu hören. Ist dies nicht irgendwie das Salz in der Suppe des Lebens?
Mir ist in der letzten Zeit aufgefallen, dass es mir fehlt, meine Gedanken oder halt auch meine Sorgen mit jemandem besprechen zu können. Es ist nie jemand da, der zuhört, wenn ich krank vor Sorge bin oder mich in etwas hineinsteigere. Niemand, der sich wirklich interessiert. Niemand, der mit mir am gleichen Strick zieht. Mir fehlt kein Partner, ich wünsche mir auch keinen. Aber trotzdem vermisse ich diesen Teil. Ich kann das nicht alles in mir drin behalten, denn das macht mich krank. Aber teilen kann ich es auch nicht bzw ein paar Dinge erzähle ich schon, ich bin da ja eher offen. Aber das ist längst nicht alles und genau das, was man nicht erzählt, plagt einem doch irgendwie tief drinnen ganz besonders stark.
Das ist wohl der nächste Punkt, an dem ich arbeiten werde und dann kommt dann wieder ein neues Thema. Wir kennen es….

Das Reifen und Entwickeln hört nie auf und irgendwie ist es wohl gut so.
Und ich wünsche mir ein kleines bisschen mehr Routine und Alltag und gleichzeitig auch ein kleines bisschen mehr Abwechslung, spannende Menschen, mehr Kommunikation.

Ende.

Dinge gehen zu Ende, es ist unweigerlich so. Immer. Unendlichkeit existiert in einem menschlichen Leben nicht und wenn doch, dann nur in unseren Wünschen und Träumen.

Enden sind manchmal ganz okay und manchmal überhaupt nicht.

Was bin ich jedes Mal traurig, wenn ich ein gutes Buch (eigentlich viel zu schnell) zu Ende gelesen habe und es irgendwie nicht genügend genossen habe? Verschlungen, Sätze überlesen, um möglichst schnell alles in mir aufzusaugen. Und am Ende bleibt immer ein kleines Bisschen Leere und es dauert eine kleine Weile, bis ein nächstes Buch diese wieder auszufüllen vermag.

Wir freuen uns auf einen besonderen Augenblick oder einen Tag, auf Weihnachten, Urlaub und Geburtstage und wenn wir ehrlich sind, ist vielleicht die Vorfreude viel ergiebiger als der Moment selbst, denn sie dauert unter Umständen viel länger und lässt uns erschaudern, glücklich sein und uns alles in den schönsten Farben ausmalen. Wenn der besondere Moment dann da ist, ist er auch schon wieder vorbei und was bleibt, sind Erinnerungen.

Gerade gestern habe ich darüber geschrieben, wie es ist wenn ein Leben endet. Ein Ende und ein Abschied für immer und auch für ewig, obwohl ich gerade eben geschrieben habe, dass es die Unendlichkeit gar nicht gibt. Und doch scheint es sie zu geben, nämlich im Tod. Im Nichts. Oder auch nicht. Niemand weiss es, einige glauben irgendetwas.

Freundschaften enden, Menschen leben sich auseinander, finden neue, interessantere Menschen, mit denen sie sich verbinden und Zeit verbringen möchten. Das ist der Lauf der Zeit. Normal. Und doch ist auch das manchmal mit loslassen verbunden und loslassen ist vielleicht mit losreissen verbunden und vielleicht tut das dann einem von beiden mehr weh als dem andern.
Und manchmal ist längst nicht alles ein Ende, was wie ein Ende aussieht. Manchmal ist es nur ein Warten, ein Zwischenraum und die Angst vor dem Ende, die uns etwas zusammenphantasieren lässt.

Ich glaube, wir füllen so manche innere Leere mit einem Menschen. Einem, der ganz genau das ist, was wir brauchen. Ganz genau das, was uns glauben macht, wir wären nicht leer, nicht zerbrochen. Es ist schön, dass es das gibt. Und aber auch unschön, wenn dieser Mensch dann nicht mehr da ist, denn dann werden wir auf unser inneres Leer-Sein zurück geworfen und das ist vielleicht das allerschlimmste Gefühl von allen.
Leere ist schwer auszuhalten. Für mich jedenfalls.
Und dennoch tu ich es, wenn sie mal da ist. Muss.

Ich glaube, wenn wir vermögen, alle diese leeren Stellen in unseren Herzen selbst auszufüllen und wir mit uns selbst zufrieden und glücklich sind, dann sind wir bereit für die Liebe. Denn dann brauchen wir nicht mehr, kompensieren wir nicht mehr, sind wir nicht mehr abhängig, sondern sind wirklich frei für jemanden.

wegwerf-beziehungen

Wir leben in einer Wegwerf-Gesellschaft. Es ist kostengünstiger und unkomplizierter, defekte und kaputte Dinge zu ersetzen, statt sie zu reparieren.

Dinge…
Das sind Gegenstände, Fahrzeuge, Kleidung. Alles, was man halt so braucht im Leben, von den Socken bis zum Küchengerät, vom der Uhr bis zum Rasenmäher.
Ersatzteile gibt’s keine mehr oder die Reparatur ist viiiiiiiel zu teuer, also weg damit und ein Neues kaufen.
Wir werfen nicht nur Gegenstände weg, sondern auch sehr viele Lebensmittel.
Es nennt sich Food Waste.
Überfluss. Offensichtlich.

Wir leben in einer Zeit, in der aber ein Umdenken statt findet. Es wird darüber geschrieben und gesprochen und es wird von vielen auch gehandelt. Veränderungen brauchen Zeit…

 

Dinge…
Wir leben in einer Wegwerf-Gesellschaft. Ich wiederhole mich… Wir entledigen uns schnell Dingen und ersetzen sie, während dem sich bei uns unendlich viele Dinge ansammeln. Wir haben, was wir benötigen und noch viel mehr. Wir haben nicht nur eins davon, sondern zwei oder drei oder vier. Wir besitzen unglaublich viele Dinge.

Vielleicht verlieren sie für uns genau aus diesem Grund an Wert. An Besonderheit.
Weil fast alles einfach zu ersetzen ist.

 

Dinge…
Ich wiederhole mich noch einmal… Wir leben in einer Wegwerf-Gesellschaft. Nicht nur was Dinge und Gegenstände betrifft, nein. Auch was unsere Beziehungen betrifft, was Menschen betrifft.

Wer nicht mehr reinpasst, kann weg. Es ist so einfach.

Jede dritte Ehe wird in der Schweiz geschieden (was zwar eine Verbesserung ist, denn in den letzten zwanzig Jahren war es sogar jede zweite). Es ist einfach, sich zu trennen oder scheiden zu lassen. Es geht schnell und man muss sich nicht unbedingt mehr damit auseinander setzen. Man kann sich sogar online scheiden lassen.
Einfach weg damit. Vergessen und weit weg ist die Liebe, die man füreinander gefühlt hat und damit all die Wünsche, Hoffnungen und Pläne… Wo sind die Versprechen geblieben, die man einander gegeben hat? Die,  in denen man um die Liebe, um die Beziehung kämpfen wollte? Daran arbeiten? Weg und vergessen?
Es ist auch einfach, einen fliegenden Wechsel von Partnern zu machen. Die „alte“ Beziehung muss dafür nicht zwangsläufig schon beendet sein.

Die Liebe ist ja nur eine Art von Beziehungen, es gibt noch andere. Zum Beispiel Freundschaften. Mir kommt es manchmal so vor, als ob auch diese nicht mehr soooo viel zählen würden. Viele Freundschaften oder Bekanntschaften sind oberflächlicher geworden, sicher auch begünstigt durch „neuen“ Kommunikationsmittel. Es ist nicht nötig, alles zusammen zu besprechen oder jemandem persönlich etwas zu erzählen, man macht einfach eine Whatsapp-Text- oder Sprachnachricht. Man liest sich bei Facebook oder sieht sich den Whatsapp-Status an. Mehr Kontakt besteht oft nicht. Muss ja auch nicht zwangsläufig, denn es gibt ja verschiedene Arten von Bekanntschaften.
Wir wissen vielleicht mehr voneinander und dennoch weniger.

Freunde sind austauschbar geworden, viele Menschen haben es verlernt oder sind nicht bereit, sich mit jemandem auseinander zu setzen oder sich für jemanden einzusetzen. Es ist so unbequem, wenn es jemandem nicht gut geht, wenn jemand anderer Meinung ist oder wenn er etwas Falsches sagt.
Keine Zeit und keine Lust auf sowas, der kann weg. Denn es hat andere, mit denen es einfacher ist. Im Moment jedenfalls.

Bestimmt ist das überrissen dargestellt. Irgendwie. Oder vielleicht doch nicht?

 

 

Alleinerziehend. Ein weiterer Text.

Ich schreibe immer wieder darüber. Weil es mein neues Leben ist und ich mich damit auseinander setze. Auseinander setzen muss. Etwas anderes bleibt mir ja nicht übrig. Und ich muss sagen, ich habe manchmal noch Mühe damit. Es ist genau das, was ich nie wollte. Ich wollte nie allein gelassen werden. So fühle ich mich tatsächlich oft. Allein gelassen.

Ich habe es mir wirklich sehr gut überlegt damals, ob ich schwanger werden will. Ob ich ein Kind bekommen möchte, diese Verantwortung tragen kann. Nach dem Tod meiner Eltern sah ich mich auch ohne Kind bereits in einer Rolle, die viel Verantwortung tragen muss. Ich habe mich trotzdem dafür entschieden, zusammen mit meinem damaligen Ehemann. Im Glauben, dass wir diese Aufgabe zusammen meistern, das Kind in Liebe bei uns aufwachsen lassen.

Tja. Glauben ist nicht wissen. So ist das Leben.

Und jetzt ist das so. Es geht mir nicht ums Jammern. Nie. Es gibt nichts zum Jammern, es läuft ziemlich gut.

Jemand hat mir gesagt, das was ich nun bezahle, ist der Preis, den Mütter bezahlen für die enge Bindung zwischen ihnen und dem Kind. Diesen Preis bezahlt man. Und es ist normal. Naja, ich finde das nicht. Als Frau bin ich nach der Trennung deutlich schlechter gestellt als der Mann, obwohl die Trennung nicht von mir aus kam. Das Finanzielle ist nur die eine Seite.

Ich bin wahnsinnig froh, dass das Kind bei mir wohnt. Ich könnte ohne sie gar nicht leben, das würde mir das Herz brechen. Neben Familie, Organisation, Terminen, Haushalt und Arbeit habe ich meine Freiheit aber zB ziemlich verloren. Ich meine die Freiheit, mal weg zu gehen, abends oder so. Ich bin mir sicher, das klingt verbitterter als es soll. Ich will es aber nur beschreiben. Bei fehlender Familie, die mir mal unter die Arme greifen könnte, gehe ich praktisch nie aus. Ich habe sozusagen kein Sozialleben mehr. Und wenn jede zweite Woche das Kind eine Nacht nicht zuhause übernachtet, könnte ich zwar, möchte aber das Geld nicht unnötig ausgeben. Es würde anderswo fehlen. Und ich bin sowieso zu müde. Es sind lange Tage, ich schlafe während der Woche nie so richtig genug.

Wie ich oben gesagt habe, ich bin nicht unzufrieden. Und doch finde ich es nicht immer einfach, ich gebe das auch zu. Ich bin extrem froh, dass wir dieses Jahr überstanden haben und es uns gut geht. Mir fehlt nichts. Ich finde, ich bin sogar wieder ziemlich glücklich. Aber ich bin müde. Und unentspannt. Ich habe die alleinige Verantwortung, loslassen geht da schlecht irgendwie.

Ich schaue positiv eingestellt in die Zukunft. Aber in was für eine Zukunft? Irgendwie braucht das viel Energie. Ich habe die aber, ich weiss das. Das letzte Jahr hat’s bewiesen.

Alleinerziehend und ohne Verwandtschaft zu sein, bedeutet irgendwie schon auch, allein zu sein. Zumindest in gewissen Momenten. Damit tu ich mich manchmal noch schwer. Nie irgendwelche Gedanken, Sorgen mit einer erwachsenen Person teilen, nie müde nach Hause kommen und jemand interessiert es, wie dein Tag war. Mal weinen und jemand nimmt dich in den Arm. Sich immer um Kontakte bemühen, es ist niemals jemand einfach da. Verabreden usw, oft mit dem Hintergedanken, ob wir wohl stören oder uns aufdrängen… Sowas halt. Vielleicht fehlt mir ein Partner. Mag sein. Aber das ist genau das, was ich mir nach all diesen Erfahrungen nun wirklich überhaupt nicht mehr vorstellen kann.

Ich habe es gut. Ich verdiene mein eigenes Geld, ich habe alles gut auf die Reihe gekriegt, bin physisch und psychisch gesund. Andere müssen mit schlimmeren Situationen zurecht kommen, viel schlimmeren. Ich habe Lebensgeschichten und von Trennungssituationen gehört, die hält man nicht für möglich…

Mich macht nicht mal nur mein Alltag müde, sondern auch Menschen, die in total anderen Lebensumständen leben und sich null hinein versetzen können. Oder wollen. Diese herablassende Haltung Frauen gegenüber. Durchaus auch von Frauen. Wenn Frauen gleichberechtigt und gleichwertig wären bei uns in der Schweiz, würden viele das im Alltag vielleicht nicht mal so deutlich merken, ich weiss. Aber jede kann in Situationen kommen, in denen es einen Unterschied machen würde. Es gibt Frauen, Familien, die fallen durch die Netze.

Männer wären dadurch nicht benachteiligt oder weniger wichtig bzw weniger wert. Es ist kein Geschlechterkampf. Es geht um Zusammengehörigkeit.

Es wäre einfach fair und manchmal ein bisschen einfacher und ich finde, dieser Zustand ist erstrebenswert. Lassen wir eine Entwicklung zu.

Mittendrin fühlt sich anders an

Ob es wohl allen so geht? Ob das Leben wohl uns allen alle paar Jahre wieder mal einen grossen Brocken vor die Füsse wirft? Oder sehr gerne auch mal auf die Füsse? Wenn man sich so umschaut, denkt man manchmal, es gäbe Leute, denen passiere das nicht. Bei denen läuft alles einigermassen. Keine Schicksalsschläge oder Probleme. Jedenfalls keine, die von aussen sichtbar wären. Wie es hinter den Mauern aussieht, wissen wir aber nicht… Auch nicht, was schon war und was noch sein wird.

Ich kenne Menschen, die immer Steine auf ihrem Weg vorfinden, die sogar mit Steinen in den Schuhen unterwegs sind. Wären es tatsächlich nur Steinchen, könnte man sie ausleeren. Aber es sind zB Krankheiten oder Lebensumstände, die sich nicht mal so einfach ändern lassen. Sie gehen ihren Weg auch, obwohl manchmal schon die alltäglichen Dinge grosse Herausforderungen sind. Wenn dann noch etwas dazu kommt, wird das sehr schwierig. So wie bei uns auch, wobei wir – bzw ich rede ja jetzt von mir – also ich die einfacheren Voraussetzungen habe. Ein Fallschirm, auf den ich mich verlassen kann. https://puremyself.blog/2017/09/27/mein-fallschirm/

Und dann ist man in einer schwierigen Situation. Man hat immer zwei Möglichkeiten. Entweder geht nun gar nichts mehr, was auch immer das bedeuten mag oder man geht mittendurch, jeder so wie er kann, auf seine eigene Art. Von aussen betrachtet gäbe es bestimmt bessere Wege oder andere. Die kann man ja dann selbst gehen, wenn man in einer ähnlichen Situation ist. Und vielleicht merkt man dann auch, dass alles ganz anders ist, wenn man mittendrin ist.

Es gibt so viel „ich würde“ und „du musst“ und manchmal wünsche ich gewissen Leuten, dass sie die Chance bekommen, etwas ähnliches zu erleben, um zu verstehen, um zu sehen dass mittendrin anders ist als am Rand. Aber sowas soll man ja niemandem wünschen…. Muss man auch gar nicht, wenn man an Karma glaubt.

Mir erzählen immer wieder Menschen, dass sie nach einer Trennung ganz allein waren. Ich finde das schrecklich. Ich muss sagen, ich fühle mich manchmal auch allein, aber ich weiss dass ich es nicht bin. Ich habe von meinem Umfeld guten Zusammenhalt erfahren. Die, die sich nicht melden, mit denen hatte ich schon vorher nicht mehr viel Kontakt. Konkret abgewandt hat sich nur eine Person.

Ich habe nie so getan als wäre alles okay, als ginge es mir gut. Das ging irgendwie nicht. Ich glaube, ich hatte die Kraft dafür nicht, die benötigte ich für andere Dinge. Ich hatte auch immer das Gefühl, dass ich mich den Umständen entsprechend“normal“ fühle und mich nicht dafür schämen muss. Mein Umfeld musste damit umgehen, dass ich viel erzählt und noch viel mehr geweint habe. Ich glaube nicht, dass es für sie immer einfach war. Auch sie hielten es aus. Mich. ❤️ Unterdessen haben wir das alle weitgehend geschafft. Vorbei ist es noch nicht, aber es brennt nicht mehr überall.

Was ich mir immer wieder wünsche, ist eine Familie. Eine die zusammenhält. Was nicht ist, ist nicht… Es ist, wie es ist. Der Gedanke bleibt aber.

Schicksal? Zufall?

Lebenswege…

Jeder hat seinen eigenen und doch ähneln sie sich. Es gibt Stationen im Leben, die erlebt jeder. Und doch anders. Teile unseres Lebensweges bestimmen wir selbst. Andere meinen wir, selbst zu bestimmen und wieder andere geschehen einfach. Wir wissen nicht, warum und auch nicht wofür. Die Dinge nehmen ihren Lauf, der Mensch nennt es Schicksal oder Zufall.

Es gibt ja Dinge, die wiederholen sich in Familien über Generationen hinweg. Meine Mutter ist zB sehr jung gestorben sowie ihr Vater, also mein Grossvater. Man mag denken, solche Dinge seien Zufälle. Vielleicht haben sie aber auch einen anderen Ursprung. Einen spirituellen. Seelen, die sich viel länger kennen als wir alle uns. Unsere Verbundenheit, unsere Liebe und all die anderen Gefühle und was unser Unterbewusstsein daraus macht.

Nach dem Tod meiner Mutter hatte ich jahrelang Angst, auch früh zu sterben. Und Angst vor Krebs. Und ich habe jahrelang daran gearbeitet. An mir gearbeitet. Um diese Angst hinter mir zu lassen. Erfolgreich.

Meine Mutter und ihre Vorfahren sind die eine Hälfte meiner Wurzeln, die andere Hälfte ist die Familie meines Vaters. In einer systemischen Therapie habe ich vor vielen Jahren einen Stammbaum aufgezeichnet. Alle lebenden und verstorbenen Familienmitglieder, Verbindungen und Beziehungen gekennzeichnet und Familienmuster und Ereignisse genauer angeschaut. Meine Sorge galt immer nur dem Thema „früher Tod“, Vaters Stammbaumseite mass ich nicht sooooo viel Bedeutung zu.

Jetzt, viele Jahre später, stelle ich fest, dass ich den selben Weg gehe wie die Mehrheit der Frauen meiner Verwandtschaft väterlicherseits. Und den der Männer irgendwie auch, wenn ich mir das jetzt gerade genau überlege. Obwohl ich das nie für möglich gehalten hätte. Obwohl mir Familie so unglaublich wichtig ist. Obwohl es das ist, was ich nie, NIE wollte. Und trotzdem führt mein Leben mich nun auf diesen Weg.

Mein Vater hatte vier Schwestern. Er war der Zweitjüngste von mehr als zehn Kindern. Tante J. war geschieden und zog ihr Kind allein auf. Tante M. wurde von ihrem Mann verlassen, als die Kinder gross waren. Er hat noch ein Kind mit einer anderen Frau. Tante H. und Tante A. waren beide alleinerziehend, beide haben ein Kind.

Diese Kinder sind unterdessen alle über 50. Ich glaube, damals war es selten und bestimmt sehr schwierig, Kinder allein gross zu ziehen. Und gesellschaftlich ja bestimmt auch nicht wirklich anerkannt.

Mein Vater hatte fünf Brüder. Soviel ich weiss, sind zwei bereits als Kinder gestorben. Onkel A. ist früh gestorben, ich glaube seine Kinder waren damals noch klein. Onkel F. wurde von seiner Frau verlassen, ebenso Onkel H. Und mein Vater verlor seine Frau relativ früh, wir waren aber erwachsen.

Das war die Generation meines Vaters. Die Generation danach – also meine Cousins und Cousinen – sind zu einem grossen Teil auch alleinerziehend. Ich kenne sie nicht alle, sie sind auf der ganzen Welt verstreut. Zu Cousins habe ich wenig Kontakt, deswegen weiss ich da nichts oder nicht viel über ihre familiären Verhältnisse. Meine Cousinen sind oder waren aber alle früher oder später alleinerziehend, soviel ich weiss.

Und nun ich. Ich werde jetzt auch mit meinem Kind allein sein.

Zufall? Oder Schicksal? Lebenswege, die sich wiederholen? Familienmuster?

Ich weiss es nicht… Und es ist auch irgendwie egal. Der Gedanke, dass sie alle das geschafft haben und schaffen – und meine Tanten vor so vielen Jahren vermutlich unter sehr viel schwierigeren Voraussetzungen als ich – löst in mir sehr viel Respekt und Achtung für sie aus. Und Zuversicht.

Hier werden Sie geholfen. Nicht.

Es kann jedem passieren, in eine Notsituation zu kommen, was auch immer wir darunter verstehen. Dieses Risiko bringt das Leben so mit sich, sozusagen als Nebenwirkung. Es gibt Notsituationen, die gehen schnell vorbei, die können wir selbst oder mit Hilfe unseres Umfeldes meistern. Und dann gibts Momente im Leben, da findet man etwas so schwierig – und dafür gibt es verschiedene Gründe – dass man mehr Zeit und / oder externe Unterstützung benötigt. Und diese gibts bekanntlich in verschiedenen Formen, an verschiedenen Orten. Jeder muss für sich selbst herausfinden, welches Angebot er in Anspruch nehmen möchte, welches ihm helfen könnte.

Egal wohin eine hilfesuchende Person sich wendet, ich finde es wichtig, dass sie dort freundlich empfangen wird. Freundlich, wertschätzend, verständnisvoll und respektvoll. Nie wertend, gar abwertend. Ich finde auch, dass eine unterstützende Haltung Voraussetzung ist. Das Problem soll seinen Raum einnehmen dürfen, darin stecken zu bleiben hilft jedoch niemandem weiter. Nein, es müssen Schritte gemacht werden, Ressourcen gefunden und Perspektive geschaffen. Ich finde es ermunternder, wenn das Problem zwar angehört und ernst genommen wird, wenn dann aber die Lösung und auch das, was schon gut läuft im Fokus stehen. So gehe ich Situationen an, in meiner Arbeit und auch in meinem Privatleben.

In meiner Erfahrung als unterstützungssuchende Person hatte ich nicht nur positive Erlebnisse. Zum Teil war (bin) ich schockiert, wie ausgebildetes (Beratungs-)personal mit mir umgegangen ist.

Und ich möchte dazu sagen, meine Krise ist eine vorübergehende. Ich bin ein physisch und psychisch gesunder Mensch. Man kann bzw könnte ganz normal mit mir sprechen, ich verstehe alles, bin normal-intelligent. Was nicht heisst, dass man mit Menschen, die nicht gesund sind oder die eine Behinderung oder Krankheit haben, nicht normal reden könnte. Man muss! Das finde ich.

Ich habe mich an eine Beratungsstelle gewendet, hatte viele Fragen, machte mir viele Sorgen. Mir wurden keine Fragen so beantwortet, dass ich damit etwas anfangen konnte. Da wurden Aussagen gemacht, die mich total verunsicherten im Moment, die sich dann aber als falsch herausgestellt haben. Mir hat das mehr geschadet als geholfen.

An einem Ort, bei der ich um Rat bzw Unterstützung für mich und meine Tochter anfragte, weil diese Krisensituation sich auch auf das Kind auswirkt, stiess ich statt auf Verständnis und eine unterstützende Haltung auf eine Wand, die meine Anfrage total missverstanden und meine Situation total missinterpretierte. Statt mit Rat und Tat wurde ich mit Druck und eigentlich recht wenig Anstand konfrontiert. Ich finde das sehr, sehr schlimm.

Ich bin aber auch bei Menschen gelandet, die mich, wie auch mein Kind durch diesen Umbruch hindurch begleiten. Menschen, die tolle Jobs machen. Menschen, die uns sehr helfen.

So macht man seine Erfahrungen. Die einen sind gut und andere weniger. Ich mache mit denen, die sich positiv auf uns auswirken gerne weiter. Und lasse die andern soweit wie möglich weg.

Was ich an den geschilderten Erfahrungen wirklich besonders schlimm finde ist, dass da draussen zum Teil sehr inkompetente Leute in sozialen Berufen arbeiten. Ich bin dort so behandelt worden, wie ich NIE mit Menschen umgehen würde. Weder im Beruf noch privat. Und schon gar nicht mit jemandem, der sich in einer Notsituation an mich wendet.

Ich werde diese Rückmeldung dort nächstens noch plazieren.

Vom Gehen, Kommen und Bleiben. Vom Loslassen und Festhalten.

Ich habe neulich gelesen, dass wenn man an Krebs erkrankt, einen während der Phase der Chemo und / oder Bestrahlung die Hälfte seiner Freunde verlässt. Wenn man das so liest, kommt es einem unglaublich vor. Jedenfalls mir ist es so ergangen. Ich kann es mir nicht vorstellen, jemanden den ich wirklich lieb habe, in seiner schwersten Zeit loszulassen. Genau dann, wenn er auf Menschen angewiesen ist, die ihn festhalten, weil die Erkrankung und Therapie all seine Kraft braucht. Und oft mehr Kraft als so ein Mensch hat, viel mehr.

Ich versuche mich gerade zu erinnern, wie es damals war, als meine Eltern an Krebs erkrankt und gestorben sind. Ich glaube, in diesen Krisen bekommt man viel Mitgefühl und ich kann mich nicht erinnern, dass sich jemand von mir abgewandt hätte. Aber es ist lange her, ich erinnere mich nicht wirklich.

Menschen, die sich in schwierigen Situationen abwenden. Ich verstehe es irgendwie und irgendwie auch wieder nicht. Oder soll ich sagen, ich verstehe warum, kann es aber nicht befürworten? Man hinterfragt sich selbst ja so oft und so sehr. Manchmal hat es, wenn jemand geht aber nicht unbedingt nur etwas mit uns zu tun, sondern auch mit der anderen Person und ihrer Belastbarkeit. Damit, was sie aushalten kann und will. Es geht auch um Selbstschutz und ich finde das okay.

Ich erlebe im Moment etwas ähnliches. Eine Trennung nach vielen gemeinsamen Jahren. Ich habe in der letzten Zeit immer wieder über Themen geschrieben, die für mich daraus entstanden sind. Ich glaube, die allerschlimmste Phase ist nun vorbei. Der Trennungsschmerz sog. Liebeskummer, der mich fast umgebracht hat, wird schwächer. Er nimmt mich nicht mehr so sehr ein, all die anderen Gefühle haben auch wieder Platz. Den riesigen Zukunfts- und Existenzängsten konnte ich entgegenwirken, indem ich geplant und organisiert habe. Dafür musste viel geklärt werden, das braucht ein bisschen Zeit. Und wenn ein oder mehrere Kinder da sind, werden auch sie reagieren. Logischerweise. Und es ist das allerwichtigste überhaupt, die Kinder aufzufangen. Und das tut man dann, mit Energie von der man nicht weiss, woher sie kommt.

Ich habe mir Unterstützung geholt – für das Kind und auch für mich. Auch da muss man suchen, welches Angebot für einen stimmt und passt. Auch da sucht man, obwohl man nicht mehr kann. Ich habe die Erfahrung gemacht, plötzlich für eine Weile die hilfesuchende Person statt die helfende zu sein und bin zum Teil erschrocken, wie von „professionellen“ Leuten mit mir umgegangen wurde. Schlussendlich bin ich aber doch an den richtigen Stellen gelandet und fühle mich gut unterstützt.

Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass nicht alle Freunde / Bekannte mit mir, meiner in dieser Zeit vorhandener Überforderung und Befindlichkeit umgehen konnten. Ich habe nach ein paar Wochen die Erwartung gespürt, dass es mir nun besser bzw wieder gut gehen müsste, dass die Krise nun langsam vorüber sein sollte. Dass ich mit all dem ganz anders umgehen müsste und das und das und das falsch mache. Das war eigentlich, als ich gerade so mittendrin steckte. Und ich habe widerstandslos losgelassen. Wenn man einen dermassen grossen Verlust erlebt, kommts darauf auch nicht mehr drauf an. Mir war und ist es wichtig, Menschen in meinem Leben zu haben, die mich gern haben und ich sie. Und die habe ich. Sogar solche, von denen ich es nicht erwartet hätte.

Ich denke, man kann sich so viel Hilfe holen wie man will (und das sollte man auch), niemand wird und kann uns den Schmerz, die Überforderung, die Angst und halt die Situation und die Krise wegnehmen. Und das sollen sie auch gar nicht. Sie sollen zuhören und (unter-)stützen, denn durchleben müssen wir diese Situation selbst. Immer. Hoffentlich nicht allein, aber dennoch selbst. Und es dauert seine Zeit. Da gehts einem nicht nach drei Wochen wieder super. Das ist im Moment wahnsinnig hart.

Unterdessen denke ich, das verstehen nur Menschen, die es so ähnlich schon erlebt haben. Aber wenn man dann wieder mehr Licht sieht, wenn man ganz vieles schon geschafft hat und es bergauf geht, dann ist das auch ein schönes Gefühl. Ich freue mich auf mein neues Leben, zusammen mit dem Kind. Und ich freue mich darüber, dass ich wieder viel mehr lache als weine, dass ich viel geschafft habe in den letzten Wochen. Und dass mir das Leben nach einer Schwarz-Grau-Phase nun wieder bunter und heller erscheint. Und darüber, dass ich so stark bin.

Der schwerste Schritt…

Ich glaube, der schwerste Schritt ist in den meisten Fällen wohl der vor dem ersten. Ich stehe am Ende eines vertrauten Weges und muss mich entscheiden, wohin ich als nächstes gehen möchte. Und egal, ob mein Weg bisher einfach oder schwer war, manchmal fällt es mir schwer, ihn zu verlassen. Vieles zurück zu lassen, viel Vertrautes, viel Schönes, Schwieriges, auch Menschen. Träume, Zukunftspläne und Sicherheiten.
Und weiter zu gehen mit nur den Erinnerungen und Erfahrungen im Gepäck, weiter in eine ungewisse Richtung, eine ungewisse Zukunft…
Und irgendwie allein.

Wenn man am Ende eines Weges angekommen ist, steht man manchmal irgendwo wo man denkt, es gehe nicht weiter. Vor einem Abgrund, einem hohen Berg oder einem tiefen Sumpf. Was dahinter liegt, bleibt uns in diesem Moment verborgen, nicht zuletzt weil unsere Augen mit Tränen gefüllt sind.
Ich finde, dass es schwer ist, dies auszuhalten und doch ist es notwendig. Einfach mal still zu stehen, bis der erste Schock der unerfreulichen Wende des Lebens ein wenig abklingt und man klarer sieht. Einfach mal still stehen, bis sich die erste Panik legt, bis man wieder tiefer durchatmen kann, bis man wieder einigermassen fest auf den Füssen steht.

Und irgendwann, nach einer gefühlt unendlich langen Zeit, tun sich erste Türchen auf und der Nebel gibt uns die Sicht auf neue Wege auf. Ungewisse Wege auf den ersten Blick, so wie ich finde. Jeder scheint steil, steinig oder überwuchert zu sein. Und bei jedem liegt der Horizont hinter irgendwelchen Hürden verborgen. Von hier aus ist es nicht ersichtlich, welcher der richtige, welches der beste Weg ist.

Da hängt man also irgendwie in der quälenden Ungewissheit, hält sich noch am Gewohnten fest, das uns jedoch keinen Halt mehr gibt. Und doch braucht es soooo viel Mut, loszulassen und weiter zu gehen, in eben diese unbekannte neue Richtung. Was passiert, wenn ich loslasse? Werde ich fallen? Wie tief? Wohin?
Dieses Festhalten an etwas, was uns längst losgelassen hat… an etwas, was uns längst nicht mehr gut tut, das verbraucht so viel Energie. Energie, die man vermutlich in dieser Situation längst nicht mehr hat. Aus diesem Grund ist es nun notwendig, eine Entscheidung zu treffen.

Diese Entscheidung ist irgendwie der Schritt vor dem ersten. Den, den ich als schwersten Schritt bezeichnen würde, weil er voller Angst, Zweifel und Schmerz ist.
Und wenn dieser gemacht ist, wird es ein wenig einfacher. Dann hat man sich für einen Weg entschieden, man befindet sich auf ihm und geht ihn nun Schritt für Schritt. Einfach ist er meistens nicht, der erste Abschnitt eines neu eingeschlagenen Weges. Man nimmt aber irgendwie Hürde für Hürde und begegnet Menschen, die einem helfend zur Seite stehen. Plötzlich wird es heller, man sieht Türen und Chancen die sich öffnen und es wird leichter. Irgendwann.

Irgendwann wird es leichter.
Der schwerste Schritt ist gemacht.