Metamorphose

Schmetterlinge waren ja nicht immer Schmetterlinge. Sie schlüpfen aus winzig kleinen Eiern als winzig kleine Räupchen und ihre einzige – jedoch nicht nur einfache – Aufgabe scheint es zu sein, zu überleben und zu wachsen. Ich weiss nicht, wieviele davon tatsächlich überleben, aber ich denke auf so eine Raupe lauern unzählige Gefahren, deren sie schutzlos ausgeliefert ist. Vom hungrigen Vogel bis zu schweren Menschenschuhen… Scheinbar legen Schmetterlinge hunderte, wenn nicht sogar tausende von Eiern, am Schluss gibt es daraus aber nur ein paar wenige Schmetterlinge.
Raupen wachsen in einem wirklich  rasanten Tempo. Wer schon mal eine Raupe nach Hause genommen, sie in einem Glas gefüttert und beobachtet hat, weiss wovon ich spreche. So eine Raupe frisst und frisst und tut den ganzen Tag nichts anderes. Denn sie hat ein grosses Ziel. Wenn sie gross genug ist, wird sie sich einen geeigneten Platz suchen, um sich zu verpuppen. Und sie sucht wirklich lange danach, bis sie sich sicher fühlt. Nervös wandert sie herum, um sich schlussendlich dann an einen Ast zu hängen. (Ich glaube, es gibt auch Raupenarten, die andere Plätzchen bevorzugen, einige vergraben sich sogar in der Erde). Unsere Schwalbenschwanz-Raupen haben sich an einen Ast gehängt, gut befestigt an zwei Fäden. So hing sie dann ein, zwei Tage da und war irgendwann dann plötzlich verpuppt. Im Normalfall schlüpft dann nach zwei bis vier Wochen ein wunderschöner Schwalbenschwanz-Schmetterling aus diesem Kokon… Die Verwandlung ist vollbracht.

Ich glaube, dass auch Menschen solche Metamorphosen durchmachen. Mehrmals im Leben. Und jedesmal unter grossen Schmerzen.
Statt einer Raupe ist es die Seele, die sich verpuppt. Ihr Kokon ist der Mensch, der Ast an dem er hängt das Leben. Und der Feind ist die Krise, in der er steckt.
In diesem Kokon geht’s um nichts anderes als ums Überleben. Der Kokon hilft, sich abzugrenzen, zu fokussieren und Kräfte einzuteilen. Er ist hart und fest und ein Schutz gegen schädliche Einflüsse von aussen. Er ist eng und sicher, warm und dunkel.
Still hängt er da, als würde in ihm jemand friedlich schlafen. Von aussen sieht man nicht, welch bedrohlicher Überlebenskampf im Innern wütet. Trauer, Wut, Existenzängste, Verzweiflung, Unsicherheit, Verletzlichkeit und Schmerz, Leiden und Angst ohne Ende. Innen schüttelt es diese kleine Seele so richtig durch. Doch der Kokon hält alles zusammen, diesen Menschen und womöglich noch seine Liebsten dazu. Enge Freunde wissen um den Kampf und bleiben schützend und stützend in der Nähe.

Wir hatten im letzten Spätsommer drei Raupen. Sie haben sich relativ spät verpuppt, es wurde kälter und regnerisch und bald war es zu spät zum Schlüpfen. Wir haben sie überwintert und im Frühling gewartet, bis Schmetterlinge schlüpfen. Die ersten zwei sind zusammen geschlüpft, beide mit zerrissenen Flügeln und leider nicht überlebensfähig. Den dritten habe ich danach aus dem Insektenbehälter genommen und in den Passionsblumenstrauch auf unserem Balkon gelegt, in der Hoffnung dass er schlüpfen und davonfliegen wird, ohne sich zu verletzen. Er liess sich viel Zeit, so viel dass wir nicht mehr damit rechneten, dass in diesem Kokon noch etwas lebt. Bis mir dann eines Morgens aufgefallen ist, dass der Kokon plötzlich eine andere Farbe hat. Am Mittag, als ich wieder nachschaute, war er vorne offen und leer. Es war weit und breit kein Schmetterling zu sehen, was bedeutet, dass er lebte und weggeflogen ist. Darüber haben wir uns sooooo gefreut, auch wenn wir ihn nie gesehen haben.

Ich habe keine Ahnung, was im Innern dieses Raupen-Kokons passiert ist zwischen Herbst 2017 und Sommer 2018…

Und genauso habe ich keine Ahnung, wie die Metamorphose eines Menschen vor sich geht. Was genau in diesem Kokon passiert. Aber ich weiss, dass er – wenn er es schafft – sich aus dem Kokon befreien wird, wenn er dazu bereit ist.
Er wird irgendwie noch derselbe Mensch wie vorher sein. Und irgendwie doch anders. Im besten Fall stärker und um eine Erfahrung reicher. Einmal mehr überlebt und mit dem Wissen, dass er auch das nächste Mal überleben wird. Ich glaube, das ist eine der wichtigsten Erkenntnisse im Leben. Jedenfalls für mich. Schlussendlich macht dies die Zeit im Kokon nicht erträglicher oder einfacher. Aber es gibt doch ein wenig Hoffnung und Kraft zwischendurch.