Herzen bauen keine Mauern

Ich möchte behaupten, es lebt sich entspannter und viel glücklicher, wenn man sich vom Negativen so gut es geht fern hält und das Leben mit Blick auf das Positive geht. Einfacher scheint es im ersten Moment nicht immer, aber ich glaube, das ist zum Teil auch Übungssache, wie so manches andere auch.

Wir Menschen machen unsere Erfahrungen, positive wie negative oder um es weniger wertend zu sagen, solche und solche. Die positiven nehmen wir so gern als gegeben und selbstverständlich an, wir vergessen schnell und gehen weiter im Glauben, dass das normal ist so. Die Erfahrungen, die uns jedoch traurig machen, erschüttern, die Angst machen oder enttäuschen, die bleiben in unseren Köpfen für eine sehr lang Zeit stecken, versinken in unser Gedankengut und verfestigen sich. Als Folge davon werden wir im Umgang mit andern vielleicht vorsichtiger, wir vertrauen weniger schnell, wir sind voreingenommen und dadurch schränken wir uns und auch andere ein. Das ist ja auch ganz normal, denn man lernt ja aus seinen Erfahrungen. Gut so, denn das ist schlussendlich nichts anderes als Selbstschutz.

Schlussendlich ist es aber tatsächlich so, dass eine oder zwei oder vielleicht auch fünf oder sechs schlechte Erfahrungen zB mit Männern zwar sehr verletzend sind und einem in seinen Grundsätzen und -mauern bis ins Tiefste erschüttern können, aber trotzdem nicht auf alle bezogen werden können.
Kennt man einen, kennt man alle. So ist das nämlich nicht. Kennt man einen, kennt man eben halt nur den einen. Dasselbe ist auf sämtliche andere Erfahrungen, die man macht, übertragbar.
Ich habe mit diesem Text schon vor ein paar Tagen begonnen und lustigerweise hat mich gestern Morgen jemand im Gespräch gefragt, was meine Trennungs-Erfahrung mit mir gemacht habe betr. Männerbild. Ob ich zur Männerhasserin geworden bin, wie man es manchmal von Frauen hört (und umgekehrt von Männern vielleicht genauso). Und nein, das bin ich tatsächlich nicht. Aber schon zurückhaltend(er), kritischer und nicht mehr so begeisterungsfähig wie vielleicht vor 20 Jahren. Das muss aber nicht unbedingt die Erfahrung sein, vielleicht liegt es auch an meinem Alter. Und wenn ich komische Erfahrungen mit komischen Männern mache, ist es mir auch immer bewusst, dass das nur dieser eine Mann ist und dass andere nicht in diese Schublade passen. Ich tendiere in keinem meiner Denk- und Meinungsbereiche zur Verallgemeinerung oder Radikalisierung.

Und trotzdem prägen uns Erfahrungen natürlich. Schlussendlich alle. Ich wäre eigentlich dafür, wenn es um Erfahrungen geht, die Wertung „positiv“ oder „negativ“ wegzulassen, denn es sind ja einfach nur Erfahrungen, aus denen unser ganzes Leben besteht. Da gibt es sooo vieles, was zwischen gut und schlecht liegt.
Erfahrungen können noch so schlecht und niederschmetternd sein, am Ende kommts drauf an, was man daraus macht. So eine Erfahrung ist ja meist auch nur eine Momentaufnahme, den weiteren Verlauf bestimmen sehr oft wir selbst. Eine äusserst positive Erfahrung, ein grosses Glück kann sich unter Umständen ganz schnell in Luft auflösen und eine sehr schlechte Erfahrung kann uns eventuell auf einen Weg führen, auf dem wir schöne Erfahrungen machen, die wir ohne diese nicht gemacht hätten.
Ich würde behaupten, meine Erfahrungen waren wirklich nicht alle willkommen und auch nicht alle notwendig. Schlussendlich haben sie mich reich (an Erfahrung) und irgendwie reifer gemacht. Und halt zu dem, was oder wer ich bin. Das kann man gut oder schlecht finden, aber für mich ist das ganz okay so. Dass nicht alle Erfahrungen so wunderbar waren wie man es sich wünschen würde, hat mich mental stärken lassen.
Ich glaube, das geht nicht allen so, ich weiss nicht woran es liegt. Es gibt Menschen, die zerbrechen an Erfahrungen, werden mürbe oder verbittert, verschliessen sich oder werden krank. Ich weiss nicht, ob man diesen Vorgang selbst steuern kann oder ob die Fähigkeit des „Vorwärts schauens und das Beste draus machens“ einem im die Wiege gelegt wird oder geübt werden kann. Fakt ist, dass nicht alle dieselben Voraussetzungen mitbekommen und zwar auf verschiedenen Ebenen, zB kognitiv, psychisch, physisch, familiär. Das ist nicht zu werten. Das was man mitbekommt ist sozusagen die Starthilfe und dann kommt man selbst zum Zug, auch wieder jeder mit unterschiedlichen Möglichkeiten und auch unterschiedlichen Auslegungen von Eigenverantwortung.

Egal für welchen Weg man sich entscheidet – und das ist schlussendlich jedem selbst überlassen – ich finde es schade, wenn sich jemand für den lebenslangen Tunnel entscheidet. (Und ich bin mir durchaus bewusst, dass diese Entscheidung nicht jedem zur freien Verfügung steht.) Es ist viel schöner, wenn auch anstrengend, sich immer wieder einen Ausgang zu suchen, sich aus Krisen zu erheben und dran zu wachsen. Ich glaube, das ist eine Art von Freiheit.
Es ist viel schöner, die Mauern, die das Gehirn baut, gleich selbst wieder abzureissen, bevor sie zu hoch und zu dick werden und offen zu bleiben. Denn nur so ermöglicht man sich ganz viele weitere Erfahrungen – wiederum jeglicher Art, aber auch ganz bestimmt mit dieser Grundeinstellung auch viele, viele schöne.

Man sagt so oft, dass man sich eine Mauer ums Herz herum aufbaut, um sich zu schützen.
Aber ich glaube, Mauern baut man sich im Kopf, aber nie im Herzen.