Die Übersensibilität

Unsere Wahrnehmung ist ja nie objektiv. Sie ist immer beeinflusst… von unserer Situation. Unserer Gemütslage, unserer Beziehung zu jemandem oder etwas, von unserer Persönlichkeit und von vielen anderen, unbewussten Faktoren. Nun ist es so, dass ich viele Menschen so übersensibel wahrnehme im Moment. Bzw. irgendwie ganze Menschengruppen. Jedes Thema scheint heikel zu sein. Sagen Sie auf gar keinen Fall etwas übers Impfen! Das könnte lebensgefährlich werden. Oder das Thema Feminismus… omg!!! Homöopathie… ganz gefährlich. Oder das Thema Ausländer / Flüchtlinge (wobei das natürlich bei weitem nicht dasselbe ist)…
Aussagen müssen auf die Goldwaage gelegt werden und mir scheint, jeder besitzt heutzutage eine solche. Ich leider nicht… Wenn es um Goldwaagen geht ist es ja besonders interessant, dass darauf selten die eigenen, sondern nur die Worte anderer gewägt werden.

Irgendwie scheinen die Emotionen momentan besonders hohe Wellen zu schlagen. Oder es kommt mir so vor.
Wellen der Empörung. Sind es vielleicht auch Wellen der Angst? Oder einfach negativsichtige, dunkle Wellen? Ich weiss es nicht genau. Und ich weiss auch nicht genau, warum das so ist. Woher kommen die denn nun plötzlich? Was ist passiert, was hat sich verändert? Oder ist es am Ende einfach nur MEINE Wahrnehmung?
Mir fällt auf, dass jeder sich sehr schnell betroffen fühlt und aufgebracht reagiert. Dabei fällt mir aber auch auf, dass diese Empörung nur für die eigenen Interessen reicht.

Ich finde das grundsätzlich auch okay, dass man sich aufregt oder sogar aufregen will über irgendetwas, was einen betrifft. Ein Thema, wo unser Herzblut drin steckt oder ein Thema in dem WIR drin stecken, mit Haut und Haar. Da regt man sich auf, keine Frage. Da steht man auch nicht immer über der Sache, man ist zu nah dran und zu verletzlich oder was auch immer.

Aber sich aufregen über irgendwen oder irgendwas ist ja das eine. Mir fällt das bei Facebook ja oft auf und das ist genau das, warum ich meinen Account vor ein paar Jahren gelöscht hatte. Diese Facebook-Gruppen, in denen sich allerlei Leute tummeln und dann wirft eine einen Kieselstein. Nicht mal immer böse gemeint, sondern oft zum foppen, so kommt es mir jedenfalls vor. Ich kenne diese Menschen ja auch nicht bzw. die wenigsten davon. Aus diesem Grund kann ich nur interpretieren. Also… die eine wirft einen Kieselstein einem andern vor die Füsse. Vor die Füsse. Es wurde keiner verletzt und es war nur ein winziger Stein. Der andere könnte darüber hinweg sehen. Er könnte sagen „was soll das?“. Und viele tun das auch tatsächlich. Aber es gibt dann solche, die holen dann aus… gaaaaaanz tief in der Frustrationskiste wird gegraben. Dort, wo kein Niveau mehr existiert und, so kommt es mir vor, auch kein gesunder Menschenverstand mehr. Und dann wird geschossen auf die Person mit dem Kieselstein. Scharf. Und unter die Gürtellinie. Es geht nicht mehr um diesen Stein, sondern um irgendwas ganz anderes und diese arme kleine Person bekommt das alles ab.
Das mit dem Kieselstein war vielleicht nicht ganz korrekt, das muss man ja auch sagen. Aber diese Sache wird aufgebauscht, als hätte sie die halbe Bevölkerung unter einer Felswand begraben. Aufgebrachte Menschen mischen sich ein, es zieht Kreise, die irgendwie plötzlich grösser sind als die Sache selbst.

Natürlich ist es immer ein Balance-Akt, wenn bei einem ernsten Thema Humor oder Ironie / Sarkasmus / Satire dazu kommt. Nicht alle verstehen es, dann erscheint es einem taktlos und unangebracht. Ist es vielleicht auch, ne? Und doch soll unterschieden werden, wo etwas humorvoll aufs Korn genommen wird und wo Grenzen überschritten werden. Ich denke, normaldenkende intelligente Menschen sind dazu fähig, dies zu unterscheiden und das ist dann auch genau der Grund, warum ich auf solche Kommentare dann nicht reagiere. Weil man mit Idioten (tschuldigung…) nicht diskutieren kann. Weil man dann auf die Ebene des andern wechseln muss und in manchen Fällen ist mir das dann zu tief.

Und es ist ja nicht nur das. Ich frage mich ja dann, warum Leute so viel Zeit und Lust haben, sich aufzuregen über fremde Menschen? Zugegeben, ich tapse da auch manchmal rein, in die Aufregensfalle. Aber ich bin dann auch schnell wieder draussen. Ich habe einfach keine Zeit dafür. Und keine Nerven. Und ich habe meine eigenen Themen, in die ich die Energie stecken will und muss.

Und dann schaue ich auf meinen Facebook-Account, meinen neuen, den ich seit fast einem Jahr wieder habe und bin eigentlich wieder fast soweit wie vor ein paar Jahren, als ich den anderen löschte.

Ich bin in Gruppen, die mich interessieren. Es geht vor allem um Meerschweinchen und um alleinerziehende Eltern. Und ich merke, dass auch ich nicht übersensibel reagieren muss. Dass auch ich über Dinge hinwegsehen muss und auch kann, denn es sind ja nur einzelne Dinge. Wenn jemand ein Bildchen postet von seinem Meerschweinchen, wo man vom Gehege so gut wie gar nichts sieht und eine andere kommentiert, dass das aber nicht artgerecht sei… Mein erster Gedanke ist, darunter zu schreiben, wie sie das denn sehe in diesem kleinen Bildausschnitt. Weil ich mich aufrege. Und zwar über die Ungerechtigkeit. Über ein Urteil, das mir nicht nachvollziehbar erscheint.
Und in einer anderen Gruppe schreibt eine Frau, dass Männer nicht multitaskingfähig sind, mit Smileys am Schluss. Ich lache, weil ich das als Scherz verstanden habe. Ah. Ich lache nicht nur. Ich setze ein lachendes Smiley darunter. Schwupps, in der Schusslinie… Und bin total überrascht, dass die halbe Welt sich über diesen Beitrag in Kommentaren dann sehr aufregt. Ich verstehe die Dimensionen gar nicht mehr, die das annimmt. Scherze über sowas zu machen, scheint also sehr heikel zu sein. Ich sehe mich plötzlich in der Rolle wieder, die Autorin schützen zu wollen, ihr beizustehen. Keine Ahnung, ob sie das überhaupt wollte oder brauchte. Und damit war ich dann irgendwie noch mehr in der Schusslinie.
Einer der Kommentatoren artet total aus, meiner Meinung nach. Er beschimpft sie und erwähnt dabei auch alle andern Frauen, die er „Weiber“ und „Feministinnen“ nennt, wie sie nur an Kohle denken und die Männer ausnehmen wollen. Wie sie gleichberechtigt sein, aber nicht ins Militär wollen usw. Er schreibt, sie sollen doch alle lesbisch werden und die Männer in Ruhe lassen, bla bla bla usw…
Für mich ist das wirklich unterste Schublade.
Niemand reagiert.
Auch ich nicht, weil ich mich nicht mehr traue, etwas zu sagen. Eigentlich rege ich mich nur DARÜBER auf jetzt. Weil das so ist.

Ist das so? Ist es okay, auf diese Art über Frauen zu schreiben? Und niemand reagiert? Warum?
Es ist ja auch nicht okay, sowas über Männer zu schreiben. Aber DANN wird ja fleissig reagiert und zwar nicht nur von Männern. Das ist okay. Aber warum ist es umgekehrt ganz anders?

Es ist ja zum Glück einfach bei Facebook. Einfach ignorieren oder blockieren oder die Gruppe verlassen, wenn die positiven Aspekte nicht mehr überwiegen. Das tun sie aber momentan noch. Einfach nicht zu übersensibel sein, einfach den gesunden Menschenverstand walten lassen. Ich bin immer wieder so dankbar, dass ich so einen besitze und mich auf ihn verlassen kann. Können offensichtlich nicht alle…

 

 

 

 

 

6 Antworten auf „Die Übersensibilität

  1. Ich habe einmal ganz vorsichtig auf einem Frauengeburtstag geäußert, dass ich denke, dass Masern vielleicht doch für einige Betroffene gefährlich sein könnten, auch wenn wir alle diese Krankheit durchgestanden haben. Ui ui ui……alle waren so aufgeregt, als hätte ich etwas ganz, ganz Schlimmes gesagt.

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  2. Die Antwort ganz am Schluß – warum es andersrum nicht so ist – könnte lauten, dass wir tatsächlich in eine Gesellschaft gerutscht sind, in der die Wiederwärtigkeiten und Gewalttätigkeiten endlich wieder gesagt werden dürfen, ihnen endlich wieder die Straße gehört und nicht zuletzt die Terrassen mißliebiger Politiker. Und die auch nur ein wenig sensibleren Gemüter erschrocken vor dem ganzen Lärmen und dem ganzen Dreck verstummen. Das wäre der einfache Teil, und leider scheint es wirklich so zu sein. Der Teil mit dem kleine Kiesel werfen ist schwieriger, denn was ist ein kleiner, niedlicher, was vielleicht nur eine Pusteblume, und ab wann tut’s weh? Schriebe ich zum Beispiel, dass die Haustierwerdung dieses Nagers in Peru ganz bestimmte Gründe hatte, womöglich mit indigenen Rezepten garniert, würde ich mir hier sicher keine Freunde sammeln, also laß ich’s auch… Oder noch leichter die Anmerkung, dass Männer tatsächlich kein Multitasking können (egal bei welcher Tätigkeit), recht betrachtet und ehrlich Frauen aber auch nicht. Aber es bleibt halt bei dem Anfang: wir sind wirklich nie objektiv, müssen uns also immer bewußt werden, dass wir subjektiv werten, betrachten, ja, schlicht sehen. Denn es fängt ja eine ganze Ebene vorher an: schon unsere Sinne wiedergeben alles nur gefiltert, ausschnittsweise, ja, verkehrt! Wenn man sich die Einschränkungen unserer Sinnesorgane, ganz zu Schweigen von der mangelhaften Verarbeitung, anschaut wundert man sich, dass wir überhaupt noch halbwegs vernünftig miteinander reden können! Und darüber hinaus, dass wir nicht alle komplett durchdrehen. Es gibt da sehr schöne, recht einfache Versuche, die verdeutlichen, was unsere Augen eigentlich tatsächlich abbilden. Dass sie alles umdrehen, auf den Kopf stellen. Dass sie nur einen winzigen Bereich scharf wiedergeben, dass sowieso eine recht große Lücke bleibt, und das alles nur durch das beständige hin- und her des Sehorgans, aber vor allem durch die irreführende Bastelei unseres Gehirns ausgeglichen wird. Und mit dieser Weltwahrnehmung meinen wir Menschen immer wieder, wir seien die Größten und wüßten doch eigentlich alles… kompletter Größenwahn, wir wissen Nichts aber dafür alles Besser.
    Somit bleibt nur das gemachte Fazit: wir sollten uns ein wenig in Bescheidenheit üben und die Anderen auch lassen – natürlich mit der Ausnahme, dass sie berserkerhaft und böse Dreinschlagen, gleich echt oder verbal.

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