Schwach sein ist stark

Ich störe mich immer wieder an irgendwelchen Begriffen. Die haben aber relativ wenig zu tun mit dem seit einiger Zeit heftig brodelnden Sexismus-Thema. Es gibt da ja viele Ausdrucksweisen, die irgendwie Scheisse sind. Das ist aber ein anderes Thema, nicht so ganz ein einfaches, wie ich finde. Momentan wird alles in diesem Bereich auf die Goldwaage gelegt, alles wird so Extremisiert und leider damit ins Lächerliche gezogen, was es aber ja überhaupt nicht ist. Ich werde wohl nächstes auch darüber irgendwas schreiben. Nun aber zu etwas anderem:

Mir geht es ums Werten von menschlichen Eigenschaften. Eigenschaften, die wir alle in uns tragen und je nach Befindlichkeit oder Situation mehr oder weniger stark ausleben. Aber es gibt Eigenschaften, die in unserer Gesellschaft als „gut“ und andere, die als „schlecht“ gelten. Es sind oft Gegensätze.

Ich möchte als Beispiel STARK und SCHWACH nehmen.

Stärke ist ein sehr positiv besetzter Begriff, im Leben und z.B. auch im Sport. Es geht um Kraft und darum, allem gewachsen zu sein, alles schaffen zu können. Jemand der stark ist, wirkt überlegen, ist ein Kämpfer und lässt sich nicht unterkriegen. Ich würde es irgendwie so erklären.
Schwäche hingegen bedeutet das Gegenteil, ein Verlierer, einer der nichts schafft, der nicht mehr kann. Unterlegen, krank, am Strampeln, am Ende.

Und für mich stimmt das so nicht. Erstens finde ich, dass kein Mensch nur stark oder schwach ist. Jeder von uns ist beides, jedes zu seiner Zeit. Jeder hat seine guten Zeiten, in denen wir uns unschlagbar fühlen, in denen wir auf einer Welle des Erfolgs reiten, glücklich und im Aufschwung sind. Zeiten, in denen wir einfach alles schaffen und alles gut läuft. Dann fühlen wir uns stark, gut und unschlagbar.
Und jeder von uns hat auch immer wieder mal im Leben diese anderen Zeiten, in denen Schicksalsschläge uns in die Knie zwingen, Krisen uns schütteln und es uns mies geht. Zeiten, in denen wir Hilfe von anderen benötigen, um weiter zu kommen. In denen wir Zeit brauchen, heil werden müssen. In solchen Zeiten fühlen wir uns schwach, verletzlich und unsicher.

Aber es ist einfach, in guten Zeiten stark zu sein.

Ist es wirklich schwach, wenn jemand in einer Krise jeden Tag aufs neue überlebt?
Ist es wirklich schwach, wenn eine depressive Person jeden Tag irgendwie über die Runden bringt und dabei alles ein riesiger Kampf ist?
Ist es wirklich schwach, wenn Tränen geweint werden, wenn man allein ist, damit man für seine Familie da sein oder den Job machen kann?
Ist es wirklich schwach, wenn sich jemand Hilfe holt?
Ist es wirklich schwach, wenn man den Boden unter den Füssen für den Moment verloren hat?
Ist es wirklich schwach, wenn eine Familie um ein verstorbenes Kind trauert?
Ist es wirklich schwach, wenn man todkrank im Krankenhaus liegt, z.B. mit Krebs?
Ist es wirklich schwach, wenn man um eine geliebte Person weint, die krank oder tot ist?
Ist es wirklich schwach, wenn man jeden Tag grosse Hürden überwinden muss?
Ist es wirklich schwach, wenn man sich mal schwach fühlt? Oder traurig?
Ist es wirklich schwach, wenn man sich verletzt fühlt?

Nein.

Es ist so unglaublich stark, wenn es uns gut geht und wir jemand anderem unsere Hand hinstrecken, um zu helfen.
Es ist stark, wenn wir füreinander ein paar aufmunternde, freundliche Worte haben.
Es ist stark, wenn wir uns zu jemandem auf den Boden setzen, damit er nicht alleine ist.
Es ist stark, wenn wir uns an unsere eigenen Krisen erinnern und andere deswegen verstehen.
Es ist stark, wenn wir schwierige Zeiten überstehen.
Manchmal ist es stark, einen Tag nach dem anderen zu (über)leben.
Es ist stark, sich immer wieder aufzufangen, obwohl man am Fallen ist.
Es ist stark, wenn wir uns mal schwach fühlen können.
Es ist stark, wenn wir Gefühle haben und sie zulassen können. Egal welche.

Ich finde übrigens, dass wir nie stärker sind als dann, wenn wir denken, schwach zu sein.

3 Gedanken zu “Schwach sein ist stark

  1. togetherbodenseeblog schreibt:

    Ein wunderbarer und sehr wertvoller Beitrag , wie ich finde. Die Welt wäre um so vieles menschlicher , wenn wir damit aufhören würden unsere Gefühle zu bewerten und sie einfach als einen wichtigen und uns zugehörigen Teil akzeptieren würden.

    Gefällt 1 Person

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