Verwurzelt oder ent w u r z e l t

Wir Menschen sind fast wie Bäume. Um die Stürme des Lebens zu überstehen, sind starke, tief in den Boden ragende Wurzeln von Vorteil. Ja, von Vorteil. Zur Grundausstattung gehören sie aber leider nicht.
Ich glaube, wenn ein Kind geboren wird, hat es ganz zarte, feine Wurzeln, die sich in im Laufe der Zeit weiter entwickeln, vor allem in den ersten Jahren. Aber auch noch danach. Sie wachsen tiefer in den Boden hinein, werden grösser und stärker und halten sich mit vielen Verwurzelungen in der Erde fest. Geben dem kleinen Bäumchen das an der Oberfläche wächst, Halt und Stabilität, damit es gross und stark werden kann.

Wir Eltern sind dafür verantwortlich, dem Kind ein Umfeld und einen Umgang zu bieten, in dem es sich gut entwickeln kann. Wurzeln zum Beispiel. Aber nicht nur. Es ist weit mehr als nur das. Wir sind dafür verantwortlich, mit dem Kind zusammen den Boden auf dem es steht und wächst zu bepflanzen und gestalten. Ihm Liebe, Halt und Sicherheit zu geben. Wir machen immer wieder den Spagat zwischen Grenzen und Freiheiten. Zwischen beschützen und frei entwickeln und wachsen zu lassen.
Wir machen uns Sorgen, hinterfragen uns, regen uns auf, verzweifeln manchmal… denn dieser kleine Baum wächst in alle Richtungen, schlägt aus und will sich unserer Eingrenzung nicht entwachsen…. wächst schräg… wackelt… steht zu nah bei anderen Bäumen. Oder zu weit weg. Wird krank. Hört nicht. Und und und…. Wir tun unser bestes.
Und wir lieben. LIEBEN. So, wie wir noch nie jemanden geliebt haben und nie wieder jemanden lieben werden.

Irgendwie so sollte es wohl für jedes Kind, für jeden Menschen laufen im Leben… Und dennoch ist es für viele ganz anders. Schau einmal hin, es gibt so viele Menschen ohne feste Wurzeln. Menschen, die sich im Wind hin und her bewegen, schwanken. Die irgendwo herum flattern. Die drohen, im Sturm zu brechen. Und solche, die das tatsächlich tun.

Vor allem beruflich begegne ich immer wieder Menschen, denen diese Wurzeln nicht genügend gewachsen sind als Kind. Nicht wachsen konnten, aus welchen Gründen auch immer. Die es dann als Jugendliche und als Erwachsene im Leben sehr schwer haben. Oder Menschen, deren Wurzeln zerstört worden sind. Durch das Leben, das Schicksal, durch andere Menschen… was weiss ich. Es gibt so viele Gründe.

Wir  sehen ja immer die Menschen um uns herum im Jetzt. Eine Moment-Aufnahme. Was wissen wir schon, was sie schon alles erlebt haben? Was wissen wir davon, warum sie so sind wie sie sind? Also, immer schön vorsichtig sein beim Beurteilen und Verurteilen oder es lieber gleich lassen…

Irgendwie ist das wieder ein Thema, da könnte ich stundenlang schreiben. Ich finde es sehr interessant. Weil es mich betrifft vermutlich. Mit meinem Kind zum Beispiel. Ich mache mir da oft Gedanken. Ein schlechtes Gewissen, weil ich Teilzeit arbeite und keine Mama bin, die immer zuhause sein kann. Die Angst, nicht genügend für das Kind da zu sein. Oder wenn ich manchmal müde und genervt bin usw…
Aber ich weiss, dass das alles einigermassen normal ist. So ein Kind hält das aus. Es lernt, dass im Leben nicht nur alles harmonisch und gradlinig verläuft und es lernt, damit umzugehen. Die wichtigen Dinge im Leben, die bekommt es 100% von mir und ich weiss, dass es gut gedeiht. Sie soll ein starker Baum werden.

Das Thema betrifft mich als Sozialpädagogin auch beruflich. Immer wieder. Und es beschäftigt mich. Ich weiss, das viel passieren muss, damit alles dermassen schief läuft. Das sind nicht die alltäglichen Dinge. Sonder viele. Schlimme. Und ich frage mich, warum sie passieren. Manchmal frage ich mich, warum Menschen Kinder bekommen, wenn die Lebenssituation eigentlich dagegen spricht? Das sind aber andere Themen, andere Diskussionen.

In meiner Arbeit bin ich für Menschen, die manchmal den Halt selbst nicht so haben, eine Stütze. Ich muss dafür stark sein, fest verwurzelt. Wenn nicht, würde ich fallen. All diese Geschichten, all diese Schicksale würden mich im Lauf der Jahre erdrücken.

So ist es gut, dass es viele starke Bäume gibt. Denn es gibt auch viele, die irgendwo im Auge des Hurrikans stehen. Immer wieder. Und die sollen sich irgendwo festhalten können.

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