s y s t e m r e l e v a n t

 

Wahnsinn, wie wir in diesem Jahr Menschen in Schubladen schubsen, in Kategorien denken und werten. Und abwerten.

Risikopatient – Nicht-Risikopatient
Und dabei scheint es für einige auch total okay zu sein, wenn sogenannte Risikopatienten nun gefährdet sind oder gar sterben, denn sie waren ja vorerkrankt. Aha…. Aber an Asthma stirbt man zB im Normalfall eigentlich nicht. Und besonders nicht mit 40. Dasselbe gilt für ganz viele andere Risikopatienten. Sie würden an ihrer Vorerkrankung nicht sterben oder zumindest noch ganz, ganz viele Jahre nicht. Sie leben damit, nehmen unter Umständen jeden Tag Medikamente und sterben irgendwann ganz normal, wenn sie alt sind.
Ah jaaa…. und wie sieht es eigentlich mit den alten Menschen aus? Ab 65 ist es also total okay, wenn man am Corona stirbt, man ist ja sowieso alt und wäre bald gestorben. Vielleicht wären sie morgen so oder so gestorben, stimmt. Vielleicht aber auch erst in 20 Jahren. Und ein Menschenleben ist ein Menschenleben, egal ob man krank oder alt ist. Da ist man nicht weniger wert als Gesunde. So ein Menschenleben soll geschützt werden. Meine Meinung.

Infiziert – gesund

systemrelevant – und eben nicht

Ich finde es eigentlich ziemlich daneben, muss ich sagen…

Systemrelevant ist für mich auch definitiv das Unwort dieses Jahres. Berufsgruppen, die bisher ja kaum beachtet wurden, ermöglichen uns jetzt noch ein einigermassen normales Leben. Ermöglichen uns trotz Einschränkungen ein gewisses Mass an Freiheit und Luxus. Ermöglichen uns die Versorgung, falls wir krank werden. Vor allem die Angestellten von Lebensmittelläden geniessen momentan viel Lob und Dank. Und auch das Personal im Gesundheitswesen. Oder die Postboten.
Sehr zurecht, das ist klar. Aber die waren schon immer systemrelevant, nicht erst jetzt. Und viele von ihnen waren auch schon immer unterbezahlt und ihre Arbeit wurde nur wenig wertgeschätzt.

Ich finde es schön, wenn ihnen gedankt wird für ihren Einsatz und ihre momentan wirklich nicht angenehme Arbeit.
Ich fände es noch schöner, wenn dieser Dank auch anhält und Folgen hat z.B. finanzielle oder bei den Arbeitsbedingungen, wenn es uns wieder besser geht und wir nicht mehr so sehr auf diese Menschen angewiesen sind.

Es werden aber so viele vergessen. Es wird an die gedacht, die wir persönlich wichtig finden im Moment. Die, die uns helfen, unsere Bedürfnisse zu befriedigen. Was ist zum Beispiel mit den Polizisten? Die helfen mit, dass wir alle uns an die Massnahmen des Bundes halten. Eine bestimmt nicht nur angenehme Aufgabe, müssen sie doch Spielplätze und Parks absperren und Bussen verteilen. Und doch sehr nötig, weil sich scheinbar sehr viele schwer tun damit, sich ein wenig einzuschränken und dieses „Zusammen“ nicht verstanden haben.
Oder der Bundesrat. Ich muss ja zugeben, ich bin zu einem Fan von Bundesrat Berset mutiert. Und auch von Herrn Koch. Wahnsinn, diese Verantwortung. Und die machen das gut! Es ist einfach, zu kritisieren und zu sagen, was man alles anders machen würde, ja. Aber dann muss man halt auch sehen, dass sie meisten, die das momentan sagen, keine Ahnung von irgendwas haben, ne?

Oder die Angestellten der Müllabfuhr und der Entsorgungsstellen? Und die Bauern? Die Lastwagenfahrer? Die Bäckerinnen? Die Metzger? Die Müller? Reinigungspersonal? Die alle und noch viele mehr arbeiten, ohne dass es ihnen jemand verdanken würde.

Und dann sind da noch wir. Die Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Wir wurden durchs Band vergessen. Wie immer eigentlich.
Wir arbeiten vor allem mit Menschen, die ihr manchmal als randständig bezeichnet. Mit Menschen in schwierigeren Situationen oder mit Menschen mit Einschränkungen. Mit Kindern und Jugendlichen, Menschen mit Behinderungen, psychischen Erkrankungen oder Suchtproblematiken. Uns trifft man auch in Frauenhäusern, Gefängnissen oder Asylzentren an. Manche von uns arbeiten in der Betreuung, andere in der Beratung.
Wir arbeiten. Auch jetzt.
Wir arbeiten, weil wir unseren Betreuungsauftrag erfüllen müssen und auch wollen. Wir lassen die uns anvertrauten Menschen nicht im Stich, denn sie brauchen uns. Immer und ganz besonders jetzt.

Hast du gewusst, dass ich als Sozialpädagogin mindestens den Abschluss einer Höheren Fachschule oder sogar einer Fachhochschule habe und aber nur einen Bruchteil davon verdiene, was man in anderen Berufen mit dem selben Abschluss verdient?

 

Ich hoffe, dass wir aus dieser Krise lernen, dass alle systemrelevant sind. Dass es ohne den Bauern nicht genug Mehl im Regal im Supermarkt hat und dass es ohne den Maurer noch nicht mal einen Supermarkt gäbe. Dass die Wichtigkeit des einen, den andern nicht abwertet oder weniger wichtig macht. Sondern dass irgendwie jeder seinen Beitrag leistet und es ein Miteinander ist.