Auf der ganzen Welt…

Wir stecken alle in dieser Situation. Jeder wieder anders, aber alle betrifft es. Das ist irgendwie mal etwas Neues, oder? Es gibt im Leben immer mal Krisen. Persönliche zum Beispiel. Die betreffen dann einen einzelnen Menschen oder eine kleine Menschengruppe, z.B. eine Familie. Oder andere Krisen betreffen ganze Bevölkerungsgruppen, z.B. die Hungersnot in Afrika oder die Situation in Syrien, ein heftiges Erdbeben in Kroatien, wahnsinnige Waldbrände in Australien, um nur einige zu nennen. Oft geschehen diese grossen Katastrophen irgendwo ziemlich weit weg von hier. Wir lesen davon oder sehen es im Fernsehen, wir sind betroffen und fühlen mit.

Natürlich geschehen auch hier Katastrophen, aber doch in einem andern Ausmass, oder? Wir haben zunehmend zerstörerische Stürme in der Schweiz. Auch Hochwasser oder Lawinen kennen wir. Auch schlimme Dinge, zweifellos, für die die es dann trifft.

Und jetzt trifft es uns alle.
Auf der ganzen Welt verbreitet sich diese Krankheit.
Auf der ganzen Welt sind viele, viele Menschen erkrankt und auch viele gestorben. Und es werden noch mehr.
Auf der ganzen Welt müssen Menschen mehr oder weniger zuhause bleiben, sind in ihrer Freiheit eingeschränkt und versuchen zusammen, die Verbreitung dieser Krankheit zu verhindern.
Fast auf der ganzen Welt dürfen oder müssen die Kinder nicht in die Schule.
Auf der ganzen Welt haben Menschen Angst um ihre Existenz.
Die halbe Weltbevölkerung ist zu Tode gelangweilt, die andere Hälfte der Weltbevölkerung arbeitet wahnsinnig viel im Moment.
Auf der ganzen Welt sind Menschen besorgt.
Auf der ganzen Welt gibt es Menschen, die alles für einen grossen Spuk halten und nicht so recht glauben mögen, was der Bund und Virologen uns erzählen.

Und auf der ganzen Welt weiss niemand, wie das alles noch heraus kommen wird. Und auch nicht, wie lange das alles noch dauern wird.

Vielen Menschen auf dieser Erde wird nun auch bewusst, was Berufsgruppen, die in der Vergangenheit wenig beachtet wurden und wohl allesamt unterbezahlt sind, eigentlich leisten und wie wichtig sie sind… Personal in den Läden… Reinigungsfachkräfte… die MitarbeiterInnen der Post… Menschen, die im Gesundheitswesen, in der Pflege und Betreuung tätig sind… Ich weiss nicht, ob ich alle aufgezählt habe. Für sie wird applaudiert, ihnen wird gedankt und sie werden vielleicht sogar mit Geschenken überrascht.
Durchaus schön.
Aber eigentlich finde ich es auch schäbig, um ehrlich zu sein. Jetzt, wo wir auf diese Menschen angewiesen sind, realisieren wir ihre Wichtigkeit erst? Wie schlimm ist denn das, bitte sehr? Ich finde es nicht besonders fortschrittlich. Aber besser jetzt als nie. Und es ist schwer zu hoffen, dass diese Hochachtung anhält, wenn die Corona-Krise vorbei ist und die Normalität wieder Einzug gehalten hat.

Richtig fortschrittlich finde ich unsere Gesellschaft erst dann, wenn sie realisiert, dass ALLE Berufe ihre Berechtigung und auch ihre Wichtigkeit haben. Dass es ein Miteinander ist und dass ein Beruf den andern ergänzt. Dass alle in einer Kette miteinander verbunden sind und wenn die Kette irgendwo reisst, hat das Folgen.
Und das betrifft nicht nur alle Berufe, sondern auch alle Tätigkeiten, die ja nicht als Beruf gelten und also auch nicht bezahlt werden, z.B. die der Person, die den Haushalt führt zuhause und die Kinder erzieht. Viele von denen sind zusätzlich berufstätig und leisten sehr viel und z.B. momentan das Doppelte als normal, denn sie unterrichten zuhause noch zusätzlich ihre Kinder, die nicht in die Schule können. Oder Menschen, die jemanden zuhause pflegen und betreuen. Bestimmt gibt es noch andere Beispiele und dass ich sie jetzt nicht erwähne soll nicht bedeuten, dass sie nicht auch mitgemeint sind.

Egal, wie lang das alles jetzt noch andauert, ich wünsche mir, dass unsere Hilfsbereitschaft und Rücksicht aufeinander auch danach anhält. Und dass die Berufsgruppen, die jetzt so viel leisten, danach nicht nur weiterhin grosse Anerkennung, sondern auch eine angemessene Entlöhnung erhalten werden.