1939 — Gertrud


Gertrud wurde im Herbst 1939 in Zürich geboren. Nur wenige Wochen zuvor hatte der Krieg begonnen. Während in vielen Teilen Europas Unsicherheit und Angst herrschten, war ihre Geburt von gedämpfter Freude begleitet worden. Dankbar sein, vorsichtig bleiben, weitermachen.

Ihre Eltern gehörten zur wohlhabenden Zürcher Gesellschaft. Ihr Vater führte eines der grossen, vornehmen Hotels nahe der Innenstadt. Ein Haus mit schweren Teppichen, Messinglampen, dunkel glänzendem Holz und Portiers in Uniform. Geschäftsleute, Diplomaten, Künstler und wohlhabende Reisende gingen dort ein und aus. Ihre Mutter stammte aus einer Familie, die seit Generationen mit Banken und Handel verbunden war.

Gertrud wuchs in einer grossen Wohnung mit hohen Decken auf, später in einer Villa oberhalb des Zürichsees. Sie hatten Hausangestellte. Eine Köchin, eine Frau, die sich um die Wäsche kümmerte und zeitweise sogar ein Kindermädchen, das darauf achtete, dass Gertrud beim Essen gerade sass und ihre Schuhe ordentlich geputzt waren.

Ihre Kindheit war geschützt, fast abgeschirmt. Während andere Kinder lernten, mit wenig auszukommen, fehlte es ihr an nichts. Sie hatte wunderschöne Wintermäntel aus Wolle, feine Lederschuhe und Puppenhäuser aus echtem Holz. Doch Reichtum bedeutete damals nicht Freiheit. Gerade in wohlhabenden Familien herrschten oft strenge Regeln.
Man sprach leise am Tisch.
Man unterbrach Erwachsene nicht.
Man zeigte keine „unnötigen“ Gefühle.

Gertrud lernte früh, höflich zu lächeln.
Schon als kleines Mädchen durfte sie manchmal durch die Eingangshalle des Hotels laufen. Sie liebte den Geruch dort: Bohnerwachs, Zigarrenrauch, Parfüm und frischer Kaffee. Für sie war das Hotel fast eine eigene Welt. Sie beobachtete die elegant gekleideten Frauen mit ihren Hüten und Handschuhen, lauschte fremden Sprachen und stellte sich Geschichten über die Gäste vor.

In die Schule ging sie zunächst in eine private Mädchenschule in Zürich. Dort lernte sie Französisch, Klavierspielen und Handarbeit. Bildung war wichtig, allerdings vor allem, damit aus ihr eine „gebildete Dame“ wurde. Niemand fragte ernsthaft, ob sie später einmal ein eigenes Unternehmen führen oder studieren wollte.

Trotzdem war Gertrud klug. Sehr klug sogar. Sie las heimlich Bücher, die „für junge Damen ungeeignet“ galten. Romane über ferne Länder, unabhängige Frauen und Künstlerinnen. Besonders liebte sie Geschichten über Paris.

In ihrer Freizeit ging sie im Winter Schlittschuhlaufen, lernte Tennis spielen und verbrachte die Sommer manchmal in St. Moritz oder am Comer See. Oft sass sie aber auch einfach allein am Fenster ihres Zimmers und beobachtete die Menschen unten auf der Strasse. Schon früh spürte sie eine seltsame Sehnsucht nach einem Leben ausserhalb der Erwartungen ihrer Familie.

Als junge Frau besuchte sie ein renommiertes Internat in der Westschweiz. Dort wurde ihr Französisch beinahe perfekt. Sie lernte tanzen, Konversation führen und wie man Gäste empfängt. Fähigkeiten, die man damals als wichtig für Frauen ihrer Gesellschaftsschicht ansah.

Eigentlich hätte sie gern Geschichte studiert. Vielleicht sogar Literatur. Doch ihr Vater meinte nur: „Eine Frau braucht keine Universität. Sie braucht Haltung.“
Also absolvierte sie schliesslich eine Ausbildung im Hotelfach — elegant formuliert als „Vorbereitung auf die spätere Mitarbeit im Familienbetrieb“. In Wahrheit sollte sie lernen, repräsentativ zu sein.

In den 1960er Jahren heiratete Gertrud einen deutlich älteren Mann aus einer angesehenen Zürcher Familie. Die vornehme Hochzeit, von der die halbe Stadt redete, fand in einer grossen Kirche statt, mit weissen Rosen, langen Handschuhen und Fotografen vor dem Hotel ihrer Eltern.

Von aussen wirkte ihr Leben perfekt. Doch manchmal stand Gertrud spätabends allein auf dem Balkon ihrer Wohnung über dem Zürichsee und fragte sich, wie ihr Leben geworden wäre, wenn sie als Mann geboren worden wäre. Vielleicht hätte sie studiert, vielleicht wäre sie Schriftstellerin geworden. Vielleicht hätte sie die Welt bereist, ohne jemanden um Erlaubnis fragen zu müssen.

Und trotzdem fand sie später auf ihre eigene Weise Freiheit, indem sie im Rahmen des möglichen ihr Leben so gestaltete, dass es ihr gefiel. Sie begann zu schreiben. Erst nur kleine Gedanken in Lederbücher, dann Geschichten. Erinnerungen. Beobachtungen aus dem Hotel. Fragmente von Gesprächen. Das Leben der Frauen, die immer lächelten und doch oft unsichtbar blieben.

Niemand wusste damals, dass genau diese Texte Jahrzehnte später von ihrer Enkelin entdeckt werden würden… vergilbte Seiten voller Sehnsucht, Klugheit und eines Lebens zwischen goldenen Kronleuchtern und unsichtbaren Grenzen.

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.