Schöne Worte — Kalopsia


Ein Wort aus dem Griechischen.

Kalopsia beschreibt den Zustand, Dinge schöner zu sehen, als sie vielleicht wirklich sind. Eine Art schöner Irrtum. Eine Verklärung. Der Blick durch ein inneres Licht, das Kanten weicher macht und Risse mit Gold überzieht.

Es ist dieses Gefühl, wenn Erinnerungen plötzlich wärmer wirken als der Moment selbst jemals war. Wenn man an einen Menschen denkt und nur noch das Leuchten sieht, nicht mehr die dunklen Stellen dazwischen. Wenn eine vergangene Zeit in unserem Kopf zu etwas fast Magischem wird, obwohl sie damals vielleicht kompliziert, traurig oder unvollkommen war.

Und trotzdem empfinde ich das Wort nicht als negativ, denn vielleicht ist Kalopsia auch etwas zutiefst Menschliches.

Wir sehen die Welt nie vollkommen objektiv. Wir betrachten sie durch unsere Sehnsüchte, unsere Hoffnungen, unsere Verletzlichkeit. Und genau so erinnern wir uns auch. Manchmal verschönern wir Dinge, weil wir sie lieben. Manchmal, weil wir etwas festhalten möchten, das längst dabei ist zu verschwinden. Und manchmal einfach, weil unser Herz sanfter schaut als unser Verstand.

Vielleicht ist das der Grund, warum Sonnenuntergänge uns jedes Mal aufs Neue berühren, obwohl wir wissen, dass die Welt gleichzeitig voller Chaos ist. Oder warum alte Häuser, vergilbte Fotos oder verblasste Stimmen uns schöner erscheinen, gerade weil sie nicht mehr ganz greifbar sind.

Kalopsia — Schönheit liegt oft nicht nur in den Dingen selbst, sondern in der Art, wie wir sie ansehen. Und es ist gar kein Irrtum, etwas schöner zu sehen, als es ist, sondern eine Fähigkeit.

Vielleicht ist es manchmal auch eine Form von Hoffnung…

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.