Gleichberechtigung der Gefühle

Gefühle gehören zu uns Menschen…
So wie die Wolken zur Sonne
Die Sterne zum Mond
Die Wellen zum Meer
Wie Rotkäppchen zum Wolf
Wie rosa zu rot
Und das Schreiben zu mir.

Und dennoch möchten wir nicht alle Gefühle als einen Teil von uns, von unserem Leben akzeptieren. Sie sind nicht alle angenehm und einfach auszuhalten, weder unsere eigenen Gefühle, noch diejenigen anderer Menschen.

Die Gefühle…
Liebe
Freude
Traurigkeit
Scham
Ärger und Wut
Ekel
Angst
Hass
Eifersucht
Leidenschaft
Sympathie
Genervt
Glücklich
Euphorisch
Einsam
Antipathie
Reue
Stolz
Unbekümmert
Deprimiert
Entmutigt

… um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Wir unterscheiden sie in positive und negative Gefühle. Über die einen freuen wir uns und leben sie aus. Gern auch mit anderen Menschen zusammen. Wenn wir uns freuen, wenn wir glücklich sind, dann teilen wir das gerne mit andern. Irgendwie macht Mitfreude unsere eigene noch viel grösser, noch viel schöner. Lachen und feiern ist so viel schöner, wenn man es mit jemandem zusammen tun kann. Glück teilen wir gerne (mit). Und wir nehmen ebenso gerne Teil am Glück anderer, denn es erfüllt auch uns mit Glück.

Andere  Gefühle wiederum, versuchen wir zu verdrängen und wenn wir sie ausleben, dann lieber unauffällig und von keinem gesehen. Und oft dann auch nicht ganz freiwillig, sondern weil sie uns einfach übermannen. Denn das tun sie! Gefühle sind alles andere als rational oder planbar. Sie überfallen uns manchmal und wir können dann schauen, wie wir damit umgehen. So ist das mit der Liebe und der Freude, so ist das aber auch manchmal mit der Traurigkeit oder der Wut, mit der Einsamkeit, mit der Euphorie und mit der Verzweiflung.
Wir versuchen, in der Öffentlichkeit unsere Tränen zu verdrücken, zurückzuhalten. Wir weinen zuhause im stillen Kämmerlein, ganz allein für uns und überpudern das tränengezeichnete, rote Gesicht danach, damit es niemand merkt. Vor anderen Menschen zu weinen ist uns unangenehm, gar peinlich.
(Ich kenne genau eine Situation, in der wir begleitet werden in unserer Traurigkeit und das ist eine Beerdigung. Ein offizielles Ritual, wo die Trauernden begleitet werden, um einen verstorbenen Angehörigen zu verabschieden. Es wird zusammen geweint und getrauert. Ein schmerzhaftes, wunderbares und sehr wirksames Ritual in meinen Augen.)
Es wird auch ganz gern gesehen, wenn man zB seine Wut und seinen Ärger, seine Ohnmacht und seine Aggressionen in Zaum halten kann bzw. lieber gleich gar nicht zeigt.

Wir schämen uns, vor anderen zu weinen.
Niemand schämt sich, vor andern zu lachen.

Es wird als unangenehm oder jammern empfunden, wenn jemand über seine schwierige Situation berichtet und sauer darüber ist.
Es ist okay, wenn wir von schönen Erlebnissen erzählen und zeigen, dass wir uns gut fühlen.

Ich hatte vor einiger Zeit eine Situation mit einer Frau mit einer geistigen Behinderung, die wütend war und Mühe hatte mit diesem Gefühl. Ich habe ihr erklärt, dass auch die sogenannt negativen Gefühle zu uns Menschen gehören, so wie die positiven. Natürlich ist es viel schöner, wenn wir uns freuen können und glücklich sind. Aber leider ist das Leben nicht so. Nicht so einseitig. Es geschehen Dinge, die uns nicht passen, Dinge die uns erschüttern, wütend oder traurig machen. Das ist normal. Und jedes Gefühl gibt es von „ein bisschen“ bis „extrem stark“. Auch das ist normal. Und es gibt Situationen, die fordern uns besonders. Ich würde für mich sagen, das sind Situationen, die mit Verlust- oder mit Existenzängsten zu tun haben. Aber auch das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Der eine hat eine grosse Frustrationstoleranz, der andere eine kleine. Der eine bekommt in Situationen Gefühle, die der andere in ganz anderen Situationen bekommt. Und vergleichen kann man Gefühle sowieso nicht, denn die Intensität und das genaue Fühlen lassen sich schwer in präzise Worte fassen. Dort setzt unsere Empathie, unser Mitgefühl ein, welches es uns ermöglich, in etwa nachzuvollziehen, was in einem anderen Menschen vor sich geht. Ob es tatsächlich genau so ist wissen wir aber nicht. Das Empfinden ist von Mensch zu Mensch verschieden. Es ist wie wenn ich eine Farbe anschaue und sie hellblau nenne, während jemand anderer mir sagt, die sei doch grün. Und dann ist sie halt für mich hellblau und für die andere grün. Na und? Wo liegt das Problem?

Ich finde, dass ein Leben jedes dieser Gefühle beinhaltet. Es ist zu hoffen, dass jedes Leben mehrheitlich Glück, Zufriedenheit und Liebe erleben und fühlen darf. Aber jedes Leben darf auch seine Abgründe haben. Jeder Mensch darf sich auch mal schlecht fühlen und er darf das auch mitteilen, finde ich. Es gibt Lebensabschnitte, die sind einfach Scheisse, ich kann es nicht anders sagen. Dazu darf man auch stehen.
Ich wäre dafür, dass mehr Menschen sich trauen, dann halt zu weinen oder verheult rumzulaufen. Und dass mehr Menschen damit nicht überfordert sind, sondern einfach natürlich darauf reagieren. Man muss nicht immer reagieren, nicht immer etwas sagen. Oder halt einfach „mir geht’s auch manchmal so“, denn genau so ist es doch, oder? Mir geht’s auch manchmal so. Jedem geht’s manchmal so.
Könnte es nicht einfach normal werden, dass wir weinen sowie wir lachen dürfen und uns nicht dafür zu schämen brauchen?

Ich bin also sozusagen für die Gleichberechtigung der Gefühle!

Mir ist dabei aber schon auch noch wichtig zu sagen, dass ich zwar dafür bin, Trauer, Wut und Aggression oder welches Gefühl auch immer, zu fühlen und auszuleben. Aber jeder Mensch muss dann doch auch einen Weg für sich finden, damit umzugehen. Es ist nicht gesund und nicht förderlich, zu lange in diesen schwer auszuhaltenden Gefühlen stecken zu bleiben. Sie sollen ihren Platz erhalten, auf jeden Fall. Es ist aber auch gut, wieder einen Weg hinaus zu finden und das funktioniert wohl meistens durch eine positive Einstellung und dem Willen, dass man wieder glücklich sein will.
Sich im Elend suhlen, darin versinken, das bringt niemandem etwas. Es gibt Wege, wie man da wieder raus kommt. Meistens passiert das von selbst, jedenfalls bei den meisten gesunden Menschen. Und wenn nicht, gibt es viele verschiedene Hilfsangebote, da ist für jeden etwas passendes dabei.

Ich glaube, wir brauchen keine Angst vor den negativen Gefühlen zu haben. Wir lernen damit umzugehen, wenn wir sie zulassen. Ich glaube, es ist wichtig. Und ich glaube, es würde unsere Welt zu einer besseren machen, wenn solche Dinge mehr Platz einnehmen dürften. Jedenfalls würde es Menschen, denen es im Moment nicht gut geht, viel Druck wegnehmen, die nicht vorhandene Energie aufzubringen um dies alles zu überspielen und zu vertuschen.

Eine Antwort auf „Gleichberechtigung der Gefühle

  1. Dazu möchte ich nur sagen: JEDER kann ein Beispiel sein, es besser zu machen! 🙂 Man muaa ja nicht gleich losheulen, weil jemand einen schlecht redet, aber es reicht oft auch, seine Gefühle in Worte zu fassen: „Das macht mich jetzt wütend/traurig“ Dabei immer schön in der ICH-FORM bleiben „ich bin…./ ich fühle mich…“ um ja niemanden anzugreifen 😉 selbst das kann schon sehr viel mehr zu deiner geforderten Gleichberechtigung beitragen! ~lg Ceyes.

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