Valerie

Heute erzähle ich euch eine Geschichte. Es ist die Geschichte von mir und Valerie. Und es ist eine traurige Geschichte. Eine, die zu Ende ist ohne zu Ende zu sein.

Valerie ist meine Schwägerin, verheiratet mit dem Halbbruder meines Mannes. Ich habe sie und ihren Mann etwa vor 12 Jahren kennen gelernt, in Morges (Schweiz). Sie sind mit ihrer Harley von England in die Schweiz gefahren und wir haben sie dort getroffen. Es war Liebe auf den ersten Blick! Wir waren wie Seelenverwandte, sie war für mich irgendwie die Schwester, die ich nie hatte. Wir verstanden uns vom ersten Augenblick an. Die Verwandten in England sehen wir nur so ein- bis zweimal im Jahr und auf sie habe ich mich immer ganz besonders gefreut. Jedesmal war das einfach nur toll.

Vor ein paar Jahren hat Valerie sich verändert. Sie wurde vergesslich und verwirrter. Es kam vor, dass sie ihren Weg nach Hause nicht mehr fand oder Leute verwechselte. Es wurden nach einer Weile Abklärungen gemacht und die Diagnose lautete Lewy-Body-Demenz.

Alles ging viel zu schnell. Valerie ist unterdessen pflegebedürftig, eigentlich wie ein Kleinkind. Kontakte per whatsapp oder Telefon sind schon seit einer Weile nicht mehr möglich. Sie hat immer wieder kleinere Schlaganfälle, immer wieder Krankenhausaufenthalte. Es wird nicht mehr lange dauern. Sie wird vergessen wie atmen geht, so wie sie auch alles andere vergisst oder vergessen hat. Oder sie wird einen stärkeren Schlaganfall haben. Und sterben.

2017 haben wir uns nicht getroffen. Dieses Jahr werden wir im Sommer nach England fahren. Wenn sie bis dahin noch lebt, werden wir Valerie sehen. Ich hoffe von Herzen, dass es so ist. Dass ich sie noch einmal sehen kann. Aber ich weiss auch, dass es mir das Herz brechen wird, sie so zu sehen. Weil sie mich nicht mehr erkennen wird. Weil sie nicht erinnert. An mich. An unsere Gespräche. Nicht mal an sich selbst. Weil ich ihr noch so viel sagen möchte, aber sie würde es nicht mehr verstehen. Es würde sie nur verwirren. Und weil ich weiss, dass es unser letztes Treffen sein wird.

Ein Treffen, vor dem ich wirklich viel Angst habe. Und doch ist es so wichtig. Ich bin niemand, die schwierigen Situationen ausweicht. Ich möchte. Aber ich tu es nicht. Ich muss dort hin. Für mich. Und auch für ihre Familie. Ich glaube, als Familie tut man das. Da sein. Und umarmen. Ganz viel. Ich werde weinen, viel. Schon jetzt, wenn ich davon schreibe.

Aber Abschied nehmen ist wichtig.