Ganz sanft bohrt sich ein Finger in die wunde Stelle. Bis es blutet.

Es gibt vermutlich nichts, womit ich noch schlechter umgehen kann als mit Verlusten oder mit der Angst davor. Es kommt mir vor als hätte ich da eine Wunde, so eine wie man als Kind am Knie hat, nachdem man mit dem Fahrrad gestürzt ist. Sie ist gut verkrustet und am heilen, weh tut sie normalerweise kaum noch, so dass ich sie im Alltag so gut wie vergesse.

Und dann passiert etwas… jemand aus meinem engeren Umfeld wird krank, meldet sich nicht mehr, irgendwas… Ganz sanft drückt dann ein Finger auf diese wunde Stelle. Es tut weh, ich erinnere mich und Angst kommt hoch. Der Finger erhöht den Druck, bohrt sich langsam immer tiefer hinein. Bis es blutet und ich nicht mehr so richtig klar denken kann.
Das kann ganz schnell passieren und auch in ganz unbedeutenden Momenten, in denen kein anderer Angst hätte.

Ich hatte in meinem Leben eine Phase, da drehte mein Gehirn in solchen Momenten komplett durch. Lange her alles. Es war nachdem mein Bruder verunfallt und meine Mutter gestorben war. Damals war das alles zuviel für mich, zu nah aufeinander irgendwie. Ich glaube, sowas ist vielleicht ein Trauma. Richtig gestört.
Ich hatte sowas wie eine Sirenen-Phobie. Ich wohne auf dem Land, da hört man nicht jeden Tag ein Ambulanz-Fahrzeug durchfahren, es ist eher selten. Jedesmal, wenn dies der Fall war, musste ich zuhause anrufen, ob alles okay ist. Jedes verdammte Mal. Ich wollte nicht. Und ich wusste eigentlich, dass alles okay ist. Aber es war wie ein Zwang. Nein, es war nicht wie ein Zwang. Es war wohl wirklich ein Zwang. Ich musste anrufen, sonst fand ich keine Ruhe, die Gedanken begannen zu kreisen und ich steigerte mich total in etwas hinein. Erst, wenn ich meinen Vater am Telefon hatte und wusste, dass zuhause alles in Ordnung war, ging es wieder.
Ich erinnere mich nicht, wie lange das dauerte. Ich habe damals eine Therapie gemacht, um die Geschehnisse zu verarbeiten bzw. damit umgehen zu lernen und irgendwann hat das dann aufgehört.
Ich glaube, in dieser Phase drückte dieser Finger der Angst nicht nur sanft auf diese Wunde, sondern rammte die ganze Hand mit voller Wucht hinein.

Unterdessen ist das anders. Natürlich. Diese Wunde ist längst nicht mehr so empfindlich wie damals, viele Jahre sind vergangen. Zeit heilt vielleicht und vielleicht gewöhnen wir uns einfach an die neue Situation. Vermutlich ein wenig von beidem.
Aber ich merke schon, dass diese Wunde noch da ist, meistens nicht spürbar. Ich reagiere innerlich aber sehr stark, wenn es wie gesagt um Verluste geht. Oder eben um die Angst, es könnte zu einem Verlust kommen. Oder auch nur eine annähernd verwandte Situation. Damals waren die Situationen „Motorradunfall“ und „Krebs“. Ich kann zum Beispiel sehr schlecht aushalten, wenn es meinem Mann oder unserem Kind nicht gut geht, z.B. wegen Grippe. Ich mache mir schnell zu grosse Sorgen, es macht mich unruhig und ich möchte, dass die Beschwerden weggehen.
Ich nehme nur wenn unbedingt nötig an Beerdigungen teil, weil ich es nicht aushalten kann. Manchmal gehe ich auch nicht hin, wenn ich eigentlich hin müsste, um ehrlich zu sein. Dasselbe mit Besuchen im Krankenhaus…  Selbstschutz.
Wenn ich überreagiere, bin ich mir nun dessen bewusst und kann mich gut selbst beruhigen, um dann normal auf die gegebenen Umstände zu reagieren. Aber im ersten Moment bäumt sich die Angst in mir auf wie ein Monster.

In meinem näheren Umfeld sind in den letzten Monaten mehrere Personen an Krebs erkrankt (und unterdessen gesund). Auch bei solchen Nachrichten reagiere ich innerlich sehr heftig. Äusserlich zeigt sich das dann in Tränen, vermutlich ist das nicht ungewöhnlich, weil das eine schlimme Nachricht ist und Tränen sind ein Zeichen von Mitgefühl, Betroffenheit und auch Traurigkeit darüber, dass diese Person, die ich mag, so etwas erleben muss. Aber innerlich muss ich in diesem Moment dann gegen dieses aufbrodelnde Scheiss-Krebs-Monster ankämpfen, das mir so grosse Angst macht. Immer erfolgreich. Es ist gross und stark, aber ich bin stärker. So.

Geliebte Menschen zu verlieren ist bestimmt etwas vom Schlimmsten im Leben. Niemand will das und doch gehört es dazu und wir kommen nicht drum herum, damit umzugehen wenn es soweit ist.
Wir verlieren Menschen durch den Tod. Aber längstens nicht nur. Freundschaften und Beziehungen gehen auseinander, Menschen ziehen weg, wechseln den Job… Dinge geschehen. Manche sind schlimm, manche nicht.

Ich frage mich manchmal, ob ich das mit dem Abschiednehmen so schlecht kann, weil ich früh in meinem Leben diese für mich schwierigen Erfahrungen machen musste oder ob es auch ohne diese so wäre… Man weiss es nicht.

Aufgeben ist durchaus eine Option!

Ich finde ja fast immer, dass alles zwei Seiten hat. Fast gar nichts ist nur positiv, fast gar nichts ist nicht nur negativ. Natürlich gibt es Ausnahmen, die gibt es immer.

Es gibt so viele Begriffe, die irgendwie einfach negativ gewertet werden. Ich habe schon öfter mal über solche geschrieben bzw darüber nachgedacht und beschrieben, warum ich anderer Meinung bin. So geht es mir auch mit dem Begriff „Aufgeben“. Wie oft liest oder hört man, dass Aufgeben keine Option ist? Alles, nur nicht aufgeben. Aufgeben wird oftmals mit versagen, verlieren verbunden und das zu Unrecht, wie ich finde.

Ich bin immer dafür, nicht so schnell aufzugeben. Wenn ich mich für etwas entschieden habe, wird durchgebissen, gekämpft, Probleme gelöst und alles versucht. Und manchmal bringt das aber nichts, dann ist einfach der eingeschlagene Weg nicht der richtige. Dann bedeutet aufgeben für mich, eine andere Richtung einzuschlagen, etwas anderes zu versuchen. Auch ein wenig, sich von etwas zu befreien.
Aufgeben bezieht sich nicht auf das ganze Leben, so wie es oft interpretiert wird. Aufgeben bedeutet keine Katastrophe. Aufgeben ist nicht gleich gesetzt mit Suizid oder in eine totale Lebenskrise fallen. Es bedeutet einfach, dass man diese eine Situation aufgibt. Und damit vielleicht sogar wieder aus einer Lebenskrise raus kraxeln kann.

Meistens ist aufgeben ja nicht einfach.
Meistens geht viel Schmerz voraus, der Leidensdruck muss gross genug sein, sonst gebe ich nicht auf, so ist das. Auch während des Aufgebens, während der Entscheidung plagen einem Was-Wäre-Wenn-Gedanken, Gedanken ob der Richtigkeit dieser Entscheidung. Sie machen es einem nicht einfach. Und doch wird es einfacher, wenn dann die Entscheidung gefallen ist, etwas hinter sich gelassen wurde und man sich auf dem neuen Wegstück befindet.

Deswegen bin ich für mehr Mut zum Aufgeben, wenn es notwendig ist.
Für mehr Mut für Veränderungen.
Für mehr Mut, zu sich selbst zu stehen.
Und ich bin dafür, dass Aufgeben nicht mehr mit Versagen in Verbindung gebracht wird.

Gedanken wie Schmetterlinge. Oder sind es Felsbrocken?

Nachdenklich sein wird manchmal mit niedergeschlagen, traurig sein gleich gesetzt und ich finde, das ist es nicht. Jedenfalls nicht nur. Natürlich neigt man vielleicht weniger zum Nachdenken, wenn man gerade glücklich ist und alles toll läuft. Aber trotzdem ist es Nachdenken doch wirklich etwas Gutes, oder?
Denn was wäre die Welt, wenn jeder tun und lassen würde, worauf er gerade Lust hat, ohne nachzudenken? Ohne sich zu überlegen, was die Konsequenzen dieses Handelns wären? Ohne zu überlegen, ob es noch andere Möglichkeiten gäbe?

Natürlich gibt es wie immer zwei Extreme. Nicht nachdenken und zuviel nachdenken, Dinge dadurch kaputt machen, sich zuviele Sorgen machen. Zerdenken. Wenn, dann neige ich eher zum zweiten als zum ersten, lern(te) aber ziemlich gut damit umzugehen. Ich befinde mich nun meistens auf dem Mittelweg.

Gedanken müssen nicht zermürbend und belastend sein, sie sind es aber oft. Weil sie dazu neigen, ungewollt aufzutauchen, genau dann wenn wir sie nicht wollen. Wenn wir uns nachts zum Schlafen ins Bett legen, die Augen schliessen und das Gehirn statt runter zu fahren zu denken beginnt. Alle möglichen Situationen, Konsequenzen und Ideen hoch bringt, meist in dunkeln Farben gemalt. Und uns damit den Schlaf raubt.

Seitdem ich hier hin und wieder etwas schreibe, denke ich bestimmt nicht mehr oder öfter nach als zuvor. Vielleicht manchmal ein wenig bewusster, weil ich mir überlege, ob oder dass ich darüber schreiben könnte.

Dass Gedanken mich nachts plagen, mich nicht schlafen lassen, kommt zum Glück nicht oft vor. Und wenn, dann schreibe ich nicht hier darüber oder erst irgendwann später, denn ich finde es wohl im Moment zu persönlich.
Ich mache mir aber Gedanken. Über dies und das. Ihr tut das ja auch. Wir hören, lesen oder sehen etwas, wir erleben oder tun etwas und wir überlegen uns etwas dabei, bilden uns eine Meinung, ohne es überhaupt zu bemerken. Nicht jeder Gedanke oder jedes Erlebnis ist gleich wichtig. Einige sind leicht und luftig wie Schmetterlinge und fliegen ein paar Gedanken später wieder davon. Andere bekommen wir fast nicht mehr aus unserem Kopf. Schwer wie grosse Steine liegen sie da, drücken überall, beunruhigen und beängstigen uns, nehmen ganz schön viel Platz ein und verdrängen die positiven Gedanken.

Ich wünsche mir und auch euch mehr unbeschwerte Gedanken und mehr Menschen, die nachdenken (zum Beispiel auch Präsidenten…), bevor sie etwas tun. Muss ja nicht immer sein, aber wenn es um etwas wichtiges geht.