
Zeichen setzen und für sich oder andere einstehen, ist nicht immer mit grossen Taten und Worten verbunden. Ich glaube, aber immer mit Mut und Rückgrat.
Mich hat die Geschichte von Melissa Blake beeindruckt, deswegen erzähle ich sie dir:
Ich glaube, wir kennen es alle. Unter vielen Facebook- oder Instagram- oder Wo-auch-immer-Posts sind sie massenweise zu finden, die dahingerotzten Kommentare, dieauf nichts anderes abzielen, als abzuwerten und zu verletzen. Und schlussendlich halt auch darauf, dass man sofort merkt, dass der / die Autor:in (ich kann es nicht anders sagen) ein Arschloch ist.
Melissa Blake wurde von einem Menschen im Internet gesagt, sie sei so hässlich, dass man ihr verbieten sollte, Fotos von sich zu veröffentlichen.
Sie veröffentlichte daraufhin nicht nur eines, sondern drei. Das war ihre Reaktion auf diesen Kommentar. Und damit begann eine Geschichte, die ich euch unbedingt erzählen möchte.
Melissa Blake wurde 1981 in den USA geboren. Sie ist Journalistin, Autorin, Bloggerin und Aktivistin für die Rechte von Menschen mit Behinderungen.
Melissa kam mit dem Freeman-Sheldon-Syndrom zur Welt, einer seltenen genetischen Erkrankung, die vor allem Knochen und Muskeln betrifft. Sie hat mehr als 26 Operationen hinter sich – unter anderem an den Knien, Händen, Hüften und an der Wirbelsäule. Ihre Behinderung ist sichtbar und genau das wurde immer wieder zum Anlass genommen, sie zu verletzen.
Melissa studierte Journalismus an der Northern Illinois University und machte 2005 ihren Abschluss. Später schrieb sie unter anderem für The New York Times, The Washington Post, CNN, Glamour, Cosmopolitan und Good Housekeeping. In ihren Texten beschäftigt sie sich mit ganz unterschiedlichen Themen – mit Beziehungen und Popkultur, vor allem aber auch mit Behinderung, Ableismus und der Frage, wie unsere Gesellschaft Menschen behandelt, die nicht in ihre Vorstellung von „normal“ passen.
2019 geschah es dann. Melissa hatte einen politischen Meinungsbeitrag für CNN geschrieben. Ein YouTuber griff ihren Beitrag auf und zeigte dabei auch ein Bild von ihr.
Was danach geschah, hatte mit ihrem Text kaum noch etwas zu tun. Unter dem Video erschienen Kommentare über ihr Aussehen. Menschen verspotteten ihr Gesicht, machten sich über ihre Behinderung lustig und beleidigten sie.
Einer dieser Kommentare blieb bei Melissa besonders hängen: Sie sollte keine Fotos von sich veröffentlichen dürfen, weil sie zu hässlich sei. Man muss sich diesen Satz eigentlich einmal bewusst vor Augen führen. Da sitzt irgendwo ein Mensch vor einem Bildschirm und entscheidet, dass ein anderer Mensch sein Gesicht nicht zeigen sollte und schreibt das da einfach hin.
Ich muss das ja nicht kommentieren. Dass das diskriminierend, verletzend und auch einfach mega mega unanständig ist, ist ganz bestimmt fast allen bewusst. Und dennoch passiert sowas sehr oft.
Melissa erzählte später, dass sie Beleidigungen im Internet eigentlich gewohnt gewesen sei. Aber dieser Satz traf sie trotzdem.
Sie reagierte darauf ganz anders als man es erwarten würde, was ich ziemlich toll finde. Sie versteckte sich nicht, sie entschuldigte sich nicht für ihr Aussehen und hörte ganz sicher nicht auf, Fotos von sich zu machen. Ganz im Gegenteil, sie veröffentlichte drei Selfies.
Sinngemäss lautete ihre Botschaft: Wenn ihr meine Fotos nicht sehen wollt, dann bekommt ihr eben noch mehr davon. Der Beitrag ging viral und Melissa hörte danach nicht einfach wieder auf.
Aus ihrer spontanen Reaktion wurde etwas viel Grösseres. Melissa begann, jeden Tag ein Foto von sich zu veröffentlichen und weil 2020 ein Schaltjahr war, wurden daraus schliesslich 366 Selfies an 366 Tagen unter dem Hashtag #MyBestSelfie.
Manche Bilder waren lustig, andere ernst. Manchmal schrieb sie über ihre Behinderung, manchmal über einen schlechten Tag und manchmal einfach über Dinge, die sie mochte. Irgendwann merkte sie, dass sich etwas veränderte. Nicht bei den Menschen, die sie beleidigten, aber bei ihr selbst.
Melissa schrieb später, dass sie sich durch diese täglichen Fotos immer wohler in ihrem eigenen Körper fühlte. Als junge Frau hatte sie sich oft mit nichtbehinderten Menschen verglichen und darunter gelitten, anders auszusehen. Nun begann sie, sich selbst mit anderen Augen zu betrachten.
Die Selfies waren damit irgendwann keine Antwort an die Trolle mehr. Sie waren eine Antwort an Melissa selbst.
Ich bin hier.
Das ist mein Gesicht.
Das ist mein Körper.
Das bin ich.
Und ich darf sichtbar sein.
Bei solchen Beurteilungen, die man ja im Netz und nicht nur dort dauernd hört und liest (und wenn wir ehrlich sind, sind sie meistens ja nicht positiv), geht es ja eigentlich darum, dass es Menschen gibt, die denken, sie hätten das Recht, darüber zu entscheiden, was schön ist. Oder halt ebendarüber, was nicht schön ist.
Wir reden unglaublich viel über Schönheit. Zu dick. Zu dünn. Zu alt. Zu faltig. Zu grosse Nase. Zu kleine Augen. Zu wenig Haare. Zu viele Haare. Und gleichzeitig wird uns ständig gezeigt, wie ein Mensch angeblich auszusehen hat, um als schön zu gelten.
Bei Menschen mit sichtbaren Behinderungen kommt noch etwas anderes dazu. Sie kommen in unserer Vorstellung von Schönheit oft überhaupt nicht vor.
Melissa Blake spricht deshalb sehr offen über Ableismus. Ich habe gerade erst auch darüber geschrieben, ihr erinnert euch bestimmt — also über die Benachteiligung und Abwertung von Menschen aufgrund einer Behinderung. Sie beschreibt auch, wie wenig Menschen mit Behinderungen in Medien, Filmen, Politik oder anderen öffentlichen Bereichen sichtbar sind.
Man kann halt nicht alles haben…
Dabei, so glaube ich, ist gerade Sichtbarkeit ein Teil der Lösung. Nicht nur perfekt ausgeleuchtete, gefilterte und gebotoxte Gesichter. Nicht nur junge Körper. Nicht nur Menschen, die einem bestimmten Ideal entsprechen.
Sondern Menschen in all ihrer Unterschiedlichkeit.
2024 veröffentlichte Melissa ihr Buch „Beautiful People: My Thirteen Truths About Disability“. Darin schreibt sie über ihr Leben mit einer Beeinträchtigung, über Schönheitsideale, Selbstakzeptanz, Ableismus und darüber, wie es ist, sich seinen Platz in einer Gesellschaft zu nehmen, die einem immer wieder vermittelt, dass man dort eigentlich nicht vorgesehen ist.
Diesen Titel mag. ich sehr.
Beautiful People.
Da liegt ja genau der Denkfehler, den ganz viele machen. Schönheit wird immer noch viel zu oft mit einem bestimmten Aussehen verbunden. Und ausschliesslich mit Aussehen. Ich finde das eigentlich tatsächlich recht dumm…
https://www.instagram.com/melissablake81?stkn=MTg3NzU2emRpeGFzdg==


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