Man kann halt nicht alles haben…

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„Man kann halt nicht alles haben.“

Wurde dieser Satz schon einmal zu dir gesagt?
Ich meine nicht in einer Situation, in der du dir gleichzeitig ein grosses Haus, ein neues Auto, dreimal Ferien im Jahr und trotzdem möglichst viel Geld auf dem Konto oder sonst irgendwas Aussergewöhnliches gewünscht hast. Nein, bei etwas ganz Alltäglichem.
Vielleicht wolltest du in ein Restaurant gehen.
Vielleicht wolltest du eine öffentliche Toilette benutzen.
Vielleicht wolltest du eine Veranstaltung besuchen.
Vielleicht wolltest du eine Information verstehen.
Vielleicht wolltest du irgendwo mitmachen.
Oder vielleicht wolltest du einfach dazugehören.

Und jemand hat mit den Schultern gezuckt und gesagt: „Nein. Man kann halt nicht alles haben.“

Wie hätte oder hat sich das für dich angefühlt?
Ich glaube, viele von uns werden diesen Satz in solchen Situationen niemals hören. Wir gehen davon aus, dass wir ein öffentliches Gebäude betreten können. Dass wir auf eine Toilette gehen können. Dass wir Informationen bekommen, die wir verstehen können. Dass wir bei Dingen, zu denen wir gehören, auch mitgemeint sind.

Wir denken darüber eigentlich gar nicht nach, weil wir es nicht müssen.

Für Menschen mit Beeinträchtigungen sieht das anders aus.

Ein Satz wie „Man kann halt nicht alles haben“ ist für diese Menschen alles andere als fremd, denn oftmals ist er da. Ausgesprochen oder noch viel häufiger unausgesprochen.

Du brauchst einen ruhigeren Raum? Dann kannst du eben nicht überall dabei sein.
Du kannst nicht so lange durchhalten wie die anderen? Dann fragen wir dich gar nicht mehr, ob, wann und wie du teilnehmen möchtest, sondern entscheiden für dich, nicht teilzunehmen.
Du kannst etwas nicht auf dieselbe Weise machen wie wir? Dann gehörst du vielleicht auch nicht ganz so selbstverständlich dazu.
Du brauchst Unterstützung? Das ist anstrengend für uns. Ein Mehraufwand. Wir machen das, wozu wir bereit sind und was wir leisten können, auf den Rest musst du verzichten.
Du bist in einem separaten Raum und kannst nicht überall mitmachen? Ja, dann musst du dich nicht wundern, wenn wir dich vergesen…
Denn man kann halt nicht alles haben.

Doch worüber reden wir hier eigentlich? Ist es Luxus? Sonderwünsche? Oder über etwas, das für andere Menschen so selbstverständlich ist, dass sie noch nie darum bitten mussten? Normale Teilhabe, Mitbestimmung, Selbstbestimmung?
Und genau an diesem Punkt kommen wir zu einem Wort, das mir in letzter Zeit immer häufiger begegnet:

Ableismus.

Der Begriff kommt aus dem Englischen. Er leitet sich von able ab, also „fähig“ oder „imstande“. Ableism (auf Deutsch „Ableismus) bezeichnet die Benachteiligung oder Abwertung von Menschen aufgrund einer Behinderung oder Beeinträchtigung.

Ganz vereinfacht gesagt, steckt dahinter eine bestimmte Vorstellung davon, wie ein Mensch sein und funktionieren sollte. Wie er sich bewegen sollte, wie er lernen sollte, wie er kommunizieren sollte. Wie belastbar er sein sollte, wie selbständig er sein sollte oder wie er sich in einer Gruppe verhalten sollte. Diese Vorstellung erklären wir zur Normalität bzw hat irgendwann mal irgendwer zur Normalität erklärt.
Wer davon abweicht, bekommt sehr schnell das Gefühl, er müsse sich dieser Normalität möglichst gut anpassen.

Manchmal ist Ableismus offensichtlich.
Ein Gebäude hat nur Treppen und niemand hat daran gedacht, dass vielleicht auch jemand im Rollstuhl hineinmöchte.
Ein Mensch mit einer Lernbehinderung wird bei einer Entscheidung gar nicht erst nach seiner Meinung gefragt, weil andere davon ausgehen, dass er es sowieso nicht versteht.
Ein Mensch mit einer unsichtbaren Behinderung benutzt einen Behindertenparkplatz und wird misstrauisch angeschaut oder angeschnauzt, weil er doch „ganz normal“ aussieht.
Die Betreuungsperson kippt der Bewohnerin mit einer kognitiven Beeinträchtigung jeden Morgen schon Milch in den Kaffee, ohne zu fragen, ob und wieviel sie möchte oder ob sie es selber machen will.
Der Mann im Rollstuhl wird nicht angesprochen oder gefragt, weil man denkt, er verstehe ja sowieso nicht, was man sagt. So wird seine Begleitperson zB gefragt, was er wohl trinke wolle oder so.

Die Person mit einer Krankheit oder einer Beeinträchtigung wird nicht gefragt, ob sie am Teamausflug oder an der Weihnachtsfeier teilnehmen möchte, weil sie vermutlich sowieso nicht will.

Sehr oft ist Ableismus aber viel unscheinbarer und natürlich begegnet er uns auch beim Thema Autismus:
Ein autistisches Kind schaut sein Gegenüber zB beim Reden nicht an und hört immer wieder: „Schau mich an, wenn ich mit dir rede.“
Aber warum eigentlich? Vielleicht hört dieses Kind genauso gut oder besser zu, während es auf den Boden schaut. Vielleicht ist Blickkontakt für dieses Kind so anstrengend, dass es gleichzeitig viel weniger von dem aufnehmen kann, was gerade gesagt wird.
Dann wäre die interessante Frage doch eigentlich nicht: Wie bringen wir diesem Kind bei, uns anzuschauen? Sondern: Warum ist es uns so wichtig, dass es das tut? Und warum stört es mich so sehr, wenn es dies nicht tut?

Oder ein autistischer Jugendlicher trägt in der Schule oder bei einer Veranstaltung Kopfhörer, weil Stimmen, Musik, Gelächter und all die anderen Geräusche irgendwann zu viel werden.
Von aussen sieht das vielleicht unhöflich oder desinteressiert aus. Dabei ermöglichen ihm genau diese Kopfhörer vermutlich, überhaupt dabei sein zu können.

Ein autistisches Mädchen wird gar nicht mehr gefragt, ob es dabei sein möchte und wenn ja, wie. Sondern man geht automatisch davon aus, dass es sowieso nicht will und man entscheidet einfach.

Ein anderes Kind zieht sich während einer Schulveranstaltung für eine Weile zurück. „Die anderen schaffen es doch auch.“
Auch so ein Satz… Denn die anderen sind nicht der Massstab für diesen einen Menschen.

Und wenn die betroffene oder eine nahestehende Peson versucht, das Bewusstsein darüber zu stärken, indem sie eine Rückmeldung macht und indem sie darüber aufmerksam macht oder nachfragt und dann hört: „Man kann halt nicht alles haben.“

So wie viele andere Menschen weiss auch ich, wie sich das anfühlt und glaube mir, es bricht einem das Herz, wenn es um das eigene Kind oder um jemanden geht, den / die man gern hat. Aber auch, wenn es um eine andere Person geht.
Ich bin mir auch ganz sicher, dass solche Ausgrenzungs-Erfahrungen ein Leben lang bleiben.

Ableismus ist dabei nicht immer böse gemeint. Ich glaube sogar, sehr häufig ist er überhaupt nicht böse gemeint. Manchmal klingt er ausgesprochen freundlich. „Wow, toll, was du trotz deiner Behinderung alles schaffst.“ Das soll wahrscheinlich ein Kompliment sein.
Aber warum erstaunt es uns eigentlich, dass ein Mensch (mit Beeinträchtigung oder ohne) arbeitet, reist, eine Beziehung führt, Kinder hat, alleine wohnt, dabei sein möchte oder ein selbstbestimmtes Leben führt?
Vielleicht steckt in diesem Erstaunen bereits eine Erwartung: Eigentlich hätte ich dir das nicht zugetraut.
Also SELBSTVERSTÄNDLCH ist DAS nicht!!

Oder wir sagen zu einem autistischen Menschen oder jemandem mit einer psychischen Erkrankung: „Das sieht man dir aber gar nicht an.“
Auch das ist meistens nett gemeint. Aber was sagen wir damit eigentlich? Dass Autismus oder eine Depression auf eine bestimmte Weise aussehen müsste? Dass es etwas Positives ist, wenn ein Mensch seine Behinderung so gut verstecken oder kompensieren kann, dass wir sie möglichst nicht bemerken?
Und warum? Weil wir werten? ABwerten?

Ich glaube, es ist wichtig, über Ableismus zu sprechen. MIR ist das wichtig. Es geht dabei nicht darum, ständig mit dem Finger auf andere Menschen zu zeigen oder darum, bei jedem ungeschickten Satz sofort „Ableismus!“ zu rufen. Nicht darum, jemanden anzuprangern.
Damit kann ich persönlich wenig anfangen.

Viel interessanter finde ich eine andere Frage:
Welche Vorstellungen tragen wir selbst in uns, ohne dass wir sie jemals bewusst gewählt haben?

Gerade beim Autismus beschäftigt mich das sehr. Unsere Welt ist darauf ausgerichtet, dass Menschen auf eine bestimmte Weise funktionieren. Man schaut sich beim Reden an. Man sitzt still.

Man versteht unausgesprochene soziale Regeln. Man erträgt Lärm. Man nimmt an Gruppenaktivitäten teil. Man begrüsst Menschen auf eine bestimmte Art. Man reagiert möglichst so, wie andere es erwarten.
Und wenn ein Mensch das aus Gründen anders macht, lautet die Frage erstaunlich oft: Wie bringen wir ihm bei, es so zu machen wie die anderen?

Ich finde, wir sollten viel öfter fragen: Muss er das überhaupt? Und was braucht er, um zurechtzukommen?

Natürlich müssen auch Menschen Regeln lernen. Auch Menschen mit Beeiträchtigungen. Rücksichtnahme, Grenzen und ein respektvoller Umgang miteinander gelten für alle. Eine Beeinträchtigung bedeutet nicht, dass ein Mensch niemals etwas lernen, üben oder auch einmal aushalten muss oder kann. Behinderung bedeutet auch nicht, dass es keine tatsächlichen Einschränkungen gibt. Das finde ich wichtig.
Aber jede:r im Bereich seiner Möglichkeiten.
Jeder Mensch hat ein Grenzen und auch Möglichkeiten und bei jedem sind diese woanders.

Nicht jede Feststellung einer Einschränkung ist Ableismus.
Manche Menschen brauchen wenig Unterstützung, andere sehr viel. Manche können völlig selbständig leben, andere werden ihr ganzes Leben auf Hilfe angewiesen sein. Diese Realität müssen wir nicht schönreden.
Inklusion bedeutet für mich nicht, so zu tun, als wären alle Menschen gleich und könnten alles. Das können wir nämlich alle nicht. Aber nicht alles, was anders ist, muss therapiert, trainiert oder weggebracht werden. Und vor allem darf aus dem, was ein Mensch nicht kann, nicht automatisch abgeleitet werden, was ihm zusteht oder eben nicht zusteht. Oder wo er dazugehören darf.

Wenn ein Mensch keinen Blickkontakt braucht, um zuzuhören, muss man ihm nicht jahrelang Blickkontakt antrainieren.

Wenn jemand zur Regulation mit den Händen flattert oder wippt und damit niemandem schadet – warum sollte er damit aufhören?

Wenn Kopfhörer einen Schulalltag überhaupt erst möglich machen, könnten wir sie vielleicht einfach als Hilfsmittel betrachten und nicht als Sonderbehandlung.

Und wenn ein Kind nach einem langen Schultag zu Hause Ruhe braucht, während andere Kinder noch zum Sport, in die Musikschule und danach zu Freunden gehen, bedeutet das nicht automatisch, dass dieses Kind lernen muss, belastbarer zu werden.

Für mich bedeutet Inklusion noch etwas anderes. Es bedeutet nicht nur, dass jemand theoretisch irgendwo dabei sein darf bzw dürfte, sondern es bedeutet, mitgedacht zu werden. Gefragt zu werden. Nicht vergessen zu werden. Eine Wahl zu haben. Auf die eigene Art teilnehmen zu dürfen. Dazuzugehören. Und zwar so, wie man ist.
Willkommen zu sein, wie alle anderen auch.

Denn genau dort wird es problematisch: Wenn aus „Du kannst das nicht“ irgendwann „Dann brauchst du das auch nicht“ wird.
Wenn über einen Menschen gesprochen wird, statt mit ihm.
Wenn andere automatisch entscheiden, was gut für ihn ist.
Wenn seine Bedürfnisse als anstrengend gelten.
Wenn Unterstützung plötzlich als Privileg betrachtet wird.
Oder wenn jemand erst möglichst gut funktionieren muss, bevor er selbstverständlich dazugehören darf.

Deshalb sollten wir gelegentlich unsere Gedanken umdrehen.

Nicht: Wie schaffen wir es, dass dieser Mensch besser in unsere Welt hineinpasst?

Sondern:
Was können wir an unserer Welt verändern, damit dieser Mensch darin genauso selbstverständlich Platz hat?
Wenn wir ehrlich sind, muss sich ja ganz oft gar nicht die Welt verändern, sondern nur unser Denken, gäll.

Und wenn wir das nächste Mal denken oder vielleicht sogar sagen: „Man kann halt nicht alles haben“, dann könnten wir für einen Moment innehalten und uns fragen: Was verlangt dieser Mensch eigentlich gerade?

Will er wirklich alles oder möchte er vielleicht einfach nur hineinkommen, mitmachen und dazugehören, verstanden, gesehen und gefragt werden? Fragt er eigentlich nicht nach etwas, was für UNS total normal ist?
Musste er vielleicht um etwas bitten, um das wir selbst noch nie bitten mussten.

Das ist genau der Unterschied, um den ich euch bitte, nachzudenken und euch im Alltag bewusster darüber zu werden.

Ich wollte noch DANKE schreiben am Schluss. Aber ich finde, nicht, dass man sich dafür bedanken muss, denn es sollte einfach normal sein.

MAN KANN HALT NICHT ALLES HABEN?
Doch. Und zwar genau so viel, wie alle andern auch, wenn man das möchte.

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● About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.