
Es gibt Gefühle, die sind nicht wirklich Traurigkeit. Sie tun nicht richtig weh und trotzdem liegt etwas Schweres in ihnen. Vielleicht sitzt man an einem Abend am Fenster, hört ein bestimmtes Lied oder denkt plötzlich an einen Menschen, einen Ort oder eine Zeit, die längst vorbei ist.
In Japan gibt es dafür ein wunderschönes Wort: Aishū – 哀愁.
Oft wird es mit Melancholie, Wehmut oder auch stiller Traurigkeit übersetzt. Im Englischen findet man dafür häufig die wunderschöne Umschreibung „quiet melancholy“ – stille Melancholie.
Das japanische Wort setzt sich aus zwei Schriftzeichen zusammen. 哀 (ai) steht für Trauer, Kummer oder Mitgefühl, 愁 (shū) für Sorge, Schwermut oder trauriges Nachsinnen.
Aishū beschreibt nicht unbedingt eine grosse, überwältigende Trauer. Es ist dieses bittersüsse Gefühl, wenn wir an etwas Schönes zurückdenken und gleichzeitig wissen, dass es vorbei ist. Wenn wir einen alten Geruch wahrnehmen und plötzlich wieder zehn Jahre alt sind. Wenn wir ein Lied hören, das uns in eine andere Zeit zurückversetzt. Wenn wir an jemanden denken, den wir einmal sehr geliebt haben.
Es kann auch diese eigentümliche Stimmung eines Herbstabends sein. Eine einsame Strassenlaterne im Nebel. Ein fast leerer Bahnhof am Abend. Das letzte Licht eines Sommertages.
Nichts davon muss eigentlich traurig sein und trotzdem ist da etwas, was uns sehr melancholisch stimmt.
Ich mag solche Wörter sehr, weil sie etwas benennen, für das wir sonst mehrere Sätze brauchen. Im Deutschen kommt Wehmut Aishū wahrscheinlich ziemlich nahe. Aber auch Wehmut trifft es nicht vollständig. Aishū trägt zusätzlich diese ruhige, fast ästhetische Melancholie in sich, das Gefühl, dass etwas gleichzeitig schön und traurig sein kann.
Ich glaube, wir alle kennen Aishū. Diese Momente, in denen wir gar nicht möchten, dass die Melancholie verschwindet, weil sie zu einer Erinnerung gehört, die uns wichtig ist. Und auch, weil nicht jedes traurige Gefühl etwas ist, das wir sofort loswerden müssen.
Manche dürfen einfach eine Weile neben uns sitzen.
Aishū…. Ein kleines japanisches Wort für diese stille Wehmut, die manchmal plötzlich auftaucht – und uns daran erinnert, dass etwas einmal schön war.


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