
Es gibt Geschichten, die machen mich einfach sprachlos. Nicht nur wegen des Schicksals eines einzelnen Menschen, sondern weil sie zeigen, wozu eine Gesellschaft fähig sein kann, wenn sie aufhört, Mitgefühl zu haben oder sich über andere stellt. Ich habe euch schon viele solche Geschichen erzählt und es gibt noch unzählige mehr. Leider.
Heute erzähle ich euch die von Therese Schubert.
Therese Schubert wurde am 21. April 1887 im deutschen Lüneburg geboren. Sie wuchs in einer gutbürgerlichen Familie auf. Ihr Vater war Maurermeister, ihre Mutter führte eine Wäscherei. Später wurde Therese Erzieherin, heiratete und bekam zwei Söhne. Ihr Leben verlief zunächst ruhig und unspektakulär. Nichts deutete darauf hin, welches Schicksal sie einmal erwarten würde.
Doch dann änderte sich alles. Ihr Ehemann wurde tot aufgefunden. Bis heute ist nicht klar, was genau geschehen war. Für Therese war dieser Verlust ein schwerer Schock. Sie entwickelte psychische Probleme, litt unter Halluzinationen und hatte starke Zwangshandlungen. Sie wusch sich und ihre Wäsche stundenlang, hatte das Gefühl, alles sei schmutzig, hörte Stimmen und fühlte sich verfolgt. Heute würde man vermutlich nach den Ursachen suchen und versuchen, ihr mit einer Therapie und Medikamenten zu helfen. Damals wusste man über psychische Erkrankungen noch sehr wenig.
1932 wurde Therese in eine psychiatrische Klinik eingewiesen. Was für viele Menschen ein Ort der Hilfe sein sollte, wurde für sie zum Anfang eines langen Leidensweges. Die Ärzte diagnostizierten Schizophrenie. In den folgenden Jahren wurde sie zwischen verschiedenen psychiatrischen Einrichtungen verlegt und verschiedenen damals üblichen Behandlungen unterzogen, die aus heutiger Sicht belastend oder sogar gefährlich waren.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschlechterte sich ihre Situation dramatisch. Menschen mit psychischen Erkrankungen galten in der Ideologie des NS-Regimes als sogenanntes «lebensunwertes Leben». Sie wurden ausgegrenzt, zwangssterilisiert oder ermordet. Auch Therese wurde Opfer dieser menschenverachtenden Politik.
1941 wurde sie in die Tötungsanstalt Hadamar gebracht. Dort wurden Menschen mit Behinderungen und psychischen Erkrankungen systematisch mit Kohlenmonoxid ermordet. Therese war 54 Jahre alt, als sie in der Gaskammer getötet wurde. Ihren Angehörigen wurde – wie so oft – eine falsche Todesursache mitgeteilt, um das Verbrechen zu vertuschen.
Viele Jahrzehnte später begann ihr Sohn, die Wahrheit über das Schicksal seiner Mutter zu erforschen. Erst dadurch wurde offiziell anerkannt, dass Therese nicht an einer Krankheit gestorben war, sondern von den Nationalsozialisten ermordet wurde. Heute erinnert eine Gedenkstätte an ihr Leben und an das Schicksal vieler anderer Menschen, die denselben Weg gehen mussten.
Immer wieder finde ich die Erzählungen solcher Lebensgeschichten als sehr berührend, schockierend und unvorstellbar.
Wir sprechen oft über die Opfer des Nationalsozialismus und denken dabei an verfolgte Jüdinnen und Juden, an politische Gegner oder an Menschen im Widerstand. Viel seltener denken wir an die Tausenden Menschen mit psychischen Erkrankungen oder Behinderungen, die ebenfalls ermordet wurden, weil ihr Leben als nicht lebenswert galt. Und natürlich sind all diese Verfolgungen und Morde zu verurteilen. Es zeigt aber auch einmal mehr, dass kranke Menschen oder Menschen mit einer Behinderung nicht durch grosse Interessengemeinschaften vertreten und sichtbar gemacht wurden. Damals wohl gar nicht.
Therese Schubert war keine Verbrecherin. Sie war keine Gefahr für die Gesellschaft. Sie war eine Frau, die nach einem schweren Schicksalsschlag psychisch erkrankte und Hilfe gebraucht hätte. Statt Mitgefühl erhielt sie Ausgrenzung und schliesslich den Tod.
Ich finde, auch und vielleicht besonders an solche Menschen sollten wir uns erinnern. Denn jedes einzelne dieser Leben war wertvoll. Und jedes einzelne hätte weitergehen sollen.
Übrigens:
Die Tötungsanstalt Hadamar befand sich in der Kleinstadt Hadamar im heutigen Bundesland Hessen, etwa 10 Kilometer nordöstlich von Limburg an der Lahn und rund 70 Kilometer nordwestlich von Frankfurt am Main. Sie war in der damaligen Landesheilanstalt Hadamar untergebracht, einer psychiatrischen Klinik.
Heute befindet sich dort die Gedenkstätte Hadamar.
Die Gebäude existieren noch. Besucher können unter anderem besichtigen: die ehemalige Gaskammer, das Krematorium, die frühere Busgarage, mit der die Opfer transportiert wurden, die Dauerausstellung sowie den Friedhof mit den Gräbern der Opfer.
Zwischen Januar und August 1941 wurden dort im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“ über 10.000 Menschen ermordet. Nach einer kurzen Unterbrechung gingen die Morde ab 1942 mit Medikamenten und systematischer Unterernährung weiter. Insgesamt wurden in Hadamar bis 1945 fast 15.000 Menschen getötet.
Ich habe darüber schon mehrere Male geschrieben, zB:
Tiergartenstr. 4, Berlin
Kinderklinik Am Spiegelgrund, Wien
Ich möchte euch Dr. Erwin Jekelius vorstellen



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