
Vor kurzem ist Gloria Steinem gestorben und ich finde, wir sollten über sie sprechen.
Gloria Steinem war nicht einfach irgendeine Feministin. Sie gehörte zu den bekanntesten und einflussreichsten Stimmen der amerikanischen Frauenbewegung.
Gloria Marie Steinem wurde am 25. März 1934 in Toledo im US-Bundesstaat Ohio geboren. Ihre Kindheit war alles andere als beständig. Ihr Vater war Antiquitätenhändler und die Familie reiste einen grossen Teil des Jahres durch die USA. Nach der Trennung ihrer Eltern lebte Gloria bei ihrer Mutter, die unter schweren psychischen Problemen litt.
Schon früh erlebte sie also, wie verletzlich ein Leben werden kann, wenn finanzielle Sicherheit und gesellschaftliche Unterstützung fehlen.
Nach der Schule studierte sie am Smith College und verbrachte anschliessend einige Zeit in Indien. Später ging sie nach New York und arbeitete als Journalistin.
Doch dort stiess sie ziemlich schnell auf eine Realität, die für Frauen damals selbstverständlich zu sein schien: Die interessanten und politischen Themen wurden meistens Männern gegeben. Frauen sollten über Mode, Haushalt, Beziehungen oder Prominente schreiben.
Gloria Steinem wollte mehr.
1963 machte sie etwas, das sie schlagartig bekannt machte. Für eine Reportage liess sie sich undercover als „Playboy Bunny“ im Playboy Club in New York anstellen. In knapper Uniform, hohen Schuhen und mit den berühmten Hasenohren arbeitete sie dort mehrere Wochen und dokumentierte heimlich die Arbeitsbedingungen der Frauen.
Was nach Glamour aussah, hatte mit Glamour nämlich nicht besonders viel zu tun.
Sie schrieb über schlechte Bezahlung, strenge Gewichtskontrollen, sexuelle Belästigung und darüber, wie stark die Frauen auf ihr Äusseres und ihre Wirkung auf männliche Gäste reduziert wurden.
Die Reportage sorgte für grosses Aufsehen. Ironischerweise schadete sie Steinem zunächst sogar beruflich. Weil sie als Bunny gearbeitet hatte, nahmen manche Redaktionen sie danach noch weniger ernst.
Heute gehört diese Undercover-Recherche zu ihren bekanntesten journalistischen Arbeiten.
Ende der 1960er-Jahre begann Gloria Steinem zunehmend über Frauenrechte zu schreiben und öffentlich darüber zu sprechen. Dabei ging es um Dinge, die heute zumindest in vielen Ländern selbstverständlich erscheinen: gleiche Chancen im Beruf, gleiche Bezahlung, Zugang zu Verhütung und Schwangerschaftsabbruch, politische Mitbestimmung und das Recht einer Frau, selbst über ihr Leben zu entscheiden.
1971 gehörte sie zu den Mitbegründerinnen des National Womens Political Caucus, der Frauen dabei unterstützen sollte, politisch aktiv zu werden und öffentliche Ämter zu übernehmen.
Ein Jahr später gründete sie gemeinsam mit anderen Frauen das Magazin Ms. Das war etwas Besonderes. Ein grosses Magazin von Frauen, über Frauen – aber eben nicht über Kochrezepte, Mode und die Frage, wie man seinem Ehemann gefällt.
Es schrieb über Politik, Gewalt gegen Frauen, Sexualität, Arbeit, Rassismus, Mutterschaft, Abtreibung und Gleichberechtigung.
Themen, über die Frauen selbstverständlich Meinungen hatten, die aber in vielen klassischen Medien kaum aus ihrer Perspektive vorkamen.
„Eine Frau braucht einen Mann
wie ein Fisch ein Fahrrad braucht“.
Dieser berühmte Satz wird sehr oft Gloria Steinem zugeschrieben. Und er passt natürlich wunderbar zu ihrem Image, aber wahrscheinlich stammt er gar nicht von ihr. Die australische Politikerin und Aktivistin Irina Dunn verwendete bereits Anfang der 1970er-Jahre eine sehr ähnliche Formulierung.
Ich finde das erwähnenswert, weil gerade bei berühmten Menschen irgendwann so viele Zitate herumgereicht werden, dass man kaum noch weiss, was sie tatsächlich gesagt haben.
Steinem selbst hatte allerdings durchaus genügend eigene Sätze, die hängen geblieben sind. Einer davon lautet sinngemäss:
„Die Wahrheit wird dich befreien.
Aber zuerst wird sie dich wütend machen.“
Und irgendwie gefällt mir dieser Satz fast besser.
Gloria Steinem wurde zu einer Ikone. Aber natürlich war auch sie nicht unumstritten. Konservative Kreise bekämpften sie teilweise heftig. Gleichzeitig wurde die feministische Bewegung ihrer Generation später auch aus den eigenen Reihen kritisiert – unter anderem dafür, die Erfahrungen weisser, gut ausgebildeter Frauen zu stark ins Zentrum gestellt zu haben.
Steinem setzte sich allerdings über Jahrzehnte auch gegen Rassismus und für die Rechte von Minderheiten ein und arbeitete mit sehr unterschiedlichen Aktivistinnen zusammen.
Vielleicht gehört auch das zu einer ehrlichen Betrachtung historischer Persönlichkeiten: Man muss Menschen nicht zu Heiligen machen, um anzuerkennen, was sie verändert haben.
Gloria Steinem entschied sich lange ganz bewusst gegen das traditionelle Lebensmodell, das Frauen ihrer Generation praktisch automatisch zugedacht wurde. Erst im Jahr 2000, mit 66 Jahren, heiratete sie den Unternehmer und Aktivisten David Bale, den Vater des Schauspielers Christian Bale.
Die Ehe dauerte nur wenige Jahre. David Bale starb 2003 an einem Hirntumor.
Kinder hatte Gloria Steinem keine. Gerade das ist ein kleines Detail, das zeigt, wie sehr sich die Welt während ihres Lebens verändert hat. Als sie jung war, war die Vorstellung, dass eine Frau selbst entscheiden könnte, ob sie heiraten, Kinder bekommen, Karriere machen oder ganz anders leben wollte, keineswegs so selbstverständlich wie heute.
Wenn wir heute als Frauen arbeiten, wählen, studieren, alleine leben, ein eigenes Konto besitzen, uns scheiden lassen oder entscheiden können, ob und wann wir Kinder bekommen möchten, fühlt sich vieles davon selbstverständlich an. Aber selbstverständlich war es nie und es ist auch nicht einfach irgendwann von alleine passiert.
Es gab Frauen, die laut waren, als Frauen besser leise sein sollten. Frauen, die Fragen stellten, die unbequem waren. Frauen, die Dinge forderten, über die man damals lieber nicht sprach. Ja, Gloria Steinem war eine davon.
Ich kannte sie bis jetzt kaum und das ist genau einer der Gründe, weshalb ich solche Menschen hier so gerne vorstelle. Hinter einem Namen taucht so plötzlich ein ganzes Leben auf.
Und weil wir manchmal erst beim Tod eines Menschen erfahren, wie viel von unserer heutigen Welt auch von Menschen geprägt wurde, deren Namen wir vorher kaum kannten. Ich finde es nicht nur interessant, über sie zu sprechen, sondern auch wichtig.
Gloria Steinem hat einmal gesagt:
„Wir beginnen, unsere Töchter
mehr wie unsere Söhne zu erziehen.
Aber nur wenige haben den Mut,
unsere Söhne mehr
wie unsere Töchter zu erziehen.“
Sie hat fast ihr gesamtes Erwachsenenleben dafür gekämpft, dass das Geschlecht eines Menschen nicht darüber entscheidet, welches Leben ihm offensteht. Wenn man bedenkt, in welcher Welt sie 1934 geboren wurde und wie sehr sich diese Welt während ihres Lebens verändert hat, dann ist das vielleicht ihr eigentliches Vermächtnis:
Sie hat diese Veränderung nicht nur miterlebt, sie hat mitgeholfen, sie möglich zu machen.
Danke, Gloria Steinem.


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