
Stellt euch vor, ihr schaut aus dem Fenster und es regnet. Am nächsten Morgen regnet es immer noch. Eine Woche später auch. Ein Jahr später. Hundert Jahre später. Eine Million Jahre später. Und noch immer befindet sich die Erde in einer aussergewöhnlich feuchten Phase.
Natürlich hat es nicht tatsächlich zwei Millionen Jahre lang ununterbrochen geregnet. Aber hinter dieser unglaublichen Vorstellung steckt ein reales Ereignis der Erdgeschichte.
Wenn man sich das vorstellt (obwohl diese Zeitdimension ja für uns unvorstellbar ist), dann haben unzählige Generationen nie etwas anderes als vor allem Regen erlebt in ihrem Leben.
Wir müssen dafür ungefähr 234 Millionen Jahre zurückreisen, in die späte Trias. In eine Welt, die mit unserer kaum etwas gemeinsam hatte und doch war es genau dieser Planet. Unsere Erde.
Wie sah die Erde damals aus?
Die heutigen Kontinente gab es in ihrer vertrauten Form noch nicht. Fast alle grossen Landmassen waren zum gewaltigen Superkontinent Pangäa verbunden, auch wenn sich dieser bereits langsam zu verändern begann.
Grosse Teile des Landesinneren waren heiss und trocken. Es gab ausgedehnte wüstenartige Gebiete, und die Niederschläge konnten regional stark schwanken.
Blühende Pflanzen und Gräser, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht. Die Vegetation bestand unter anderem aus Nadelbäumen, Farnen, Schachtelhalmen, Palmfarnen und anderen urtümlichen Pflanzengruppen.
Zwischen ihnen lebten Tiere, die uns heute teilweise ziemlich fremdartig vorkommen würden.

Welche Tiere lebten vor 234 Millionen Jahren?
Dinosaurier gab es tatsächlich schon, allerdings standen sie noch am Anfang ihrer langen Entwicklungsgeschichte. Die frühesten bekannten Dinosaurier waren einige Millionen Jahre zuvor entstanden, und viele der damals bekannten Formen waren vermutlich noch relativ klein. Wie häufig und vielfältig Dinosaurier zu dieser Zeit bereits waren, lässt sich wegen der lückenhaften Fossil-Überlieferung nicht vollständig rekonstruieren.
Neben ihnen lebten zahlreiche andere Reptilien. Zum Beispiel grosse, oft mehrere Meter lange Raubtiere aus der Krokodillinie names Rauisuchier. Manche liefen mit relativ aufrecht unter dem Körper stehenden Beinen und waren die Spitzenräuber ihrer Ökosysteme. Ein bekanntes späteres Beispiel ist Postosuchus.
Oder Aetosaurier – ebenfalls Verwandte aus der Krokodillinie, aber überwiegend Pflanzen- bzw. Allesfresser. Sie waren kräftig gepanzert und erinnern äusserlich ein bisschen an eine Mischung aus Krokodil und Gürteltier.
Phytosaurier – langgestreckte, krokodilähnliche Tiere mit langen Schnauzen, die meist an und im Wasser lebten. Das Kuriose: Ihre Nasenöffnungen lagen weit hinten auf dem Schädel, nahe bei den Augen. Trotz ihres Aussehens waren sie keine Krokodile.
Rhynchosaurier – gedrungene Pflanzenfresser mit kräftigen Hinterbeinen und auffälligen schnabelartigen Kiefern. Sie waren zeitweise unglaublich häufig und gehörten in manchen Regionen zu den dominierenden Pflanzenfressern.
Daneben gab es Cynodonten. Die waren allerdings keine Reptilien im üblichen Sinn, sondern gehörten zur Entwicklungslinie, aus der später die Säugetiere hervorgingen. Einige waren ungefähr ratten- oder hundegross und wirkten bereits deutlich „säugetierartiger“.
In den Meeren schwammen unter anderem Ichthyosaurier und andere Meeresreptilien, ausserdem Ammoniten und zahlreiche Fische.

Auch die Vorfahren unserer eigenen Entwicklungslinie waren bereits vorhanden: sogenannte Cynodonten, eine Gruppe innerhalb der Synapsiden. Aus dieser Entwicklungslinie gingen später die Säugetiere hervor. Die frühesten bekannten säugetierähnlichen Formen lebten bereits, und die ersten eindeutig als Säugetiere erkennbaren Tiere erschienen ungefähr in dieser Zeit oder wenig später.
Aber eines hätte man auf dieser Erde garantiert nicht getroffen: Menschen. Nicht einen einzigen. Unsere eigene Art, Homo sapiens, existiert erst seit ungefähr 300’000 Jahren. Zwischen der Carnian Pluvial Episode und den ersten Menschen liegen also mehr als 230 Millionen Jahre.
Nicht einmal Primaten gab es damals. Und die Dinosaurier sollten noch über 160 Millionen Jahre lang existieren, bevor der Asteroideneinschlag vor 66 Millionen Jahren zum Aussterben der Nicht-Vogel-Dinosaurier beitrug.
Wenn wir also mit einer Zeitmaschine in diese Regenzeit reisen könnten, wären wir in einer Welt gelandet, in der noch kein menschliches Auge jemals einen Sonnenuntergang oder irgendetwas anderes betrachtet hatte.
Dann veränderte sich das Klima. Vor ungefähr 234 Millionen Jahren begann die sogenannte Carnian Pluvial Episode, kurz CPE. Sie erstreckte sich wahrscheinlich über etwa ein bis zwei Millionen Jahre, wobei Beginn, Ende und genaue Dauer je nach untersuchter Region und verwendeter Datierung etwas unterschiedlich angegeben werden.
Dabei regnete es selbstverständlich nicht zwei Millionen Jahre lang pausenlos, stattdessen veränderte sich das Klima über einen enorm langen Zeitraum. In vielen Regionen nahmen die Niederschläge zu, wahrscheinlich in mehreren besonders feuchten Phasen. Wie stark diese Veränderung weltweit ausfiel, war vermutlich regional sehr unterschiedlich.
Als eine wichtige mögliche Ursache gelten gewaltige vulkanische Aktivitäten in der sogenannten Wrangellia Large Igneous Province, deren Gesteine heute vor allem im westlichen Nordamerika und in Teilen der Arktis zu finden sind. Über längere Zeit gelangten dabei grosse Mengen vulkanischer Gase, darunter Kohlendioxid, in die Atmosphäre.
Das Klima erwärmte sich wahrscheinlich.
Dadurch konnte sich der Wasserkreislauf intensivieren: Mehr Wasser verdunstete, Niederschlagsmuster verschoben sich und manche zuvor trockene Regionen wurden deutlich feuchter. Der genaue Zusammenhang zwischen Vulkanismus, Erwärmung und regionalen Niederschlägen ist jedoch komplex und wird weiterhin erforscht.
All das blieb für das Leben auf der Erde nicht ohne Folgen. Stellt euch eine Landschaft vor, die über sehr lange Zeit an Trockenheit angepasst war und dann verändert sich das Klima grundlegend.
In manchen Regionen fällt plötzlich für eine sehr lange Zeit wesentlich mehr Regen. Flüsse verändern ihre Läufe, Seen können entstehen oder wachsen. Böden werden feuchter, Pflanzen breiten sich in Gebiete aus, in denen sie vorher kaum wachsen konnten.
Aber solche Veränderungen bedeuten nicht automatisch, dass plötzlich alles besser wird. Für viele Lebewesen war die Carnian Pluvial Episode wahrscheinlich eine ökologische Krise.
Lebensräume veränderten sich, Nahrungsketten gerieten unter Druck und sowohl im Meer als auch an Land verschwanden verschiedene Arten. Wie stark diese Verluste waren und ob sie überall gleichzeitig auftraten, ist allerdings nicht vollständig geklärt.
Gleichzeitig entstanden neue Lebensräume. Die Vegetation wandelte sich. In manchen Regionen breiteten sich feuchtere Pflanzengemeinschaften und möglicherweise auch Wälder aus. Auch in den Meeren kam es zu Veränderungen bei Lebensräumen und Artenzusammensetzungen.
Die Natur sortierte sich gewissermassen neu.
Die Dinosaurier waren bereits da, aber sie waren noch längst nicht die eindeutig dominierende Tiergruppe an Land. Während und besonders nach der Carnian Pluvial Episode veränderte sich ihre Bedeutung wahrscheinlich. Fossilien deuten darauf hin, dass Dinosaurier in der späten Trias vielfältiger wurden und sich in weitere Lebensräume ausbreiteten. Neue ökologische Nischen könnten entstanden sein, während einige ältere Tiergruppen an Bedeutung verloren oder verschwanden.
Die grosse Regenzeit hat die Dinosaurier also nicht erschaffen. Aber die damit verbundenen Klima- und Umweltveränderungen könnten dazu beigetragen haben, ihnen neue Möglichkeiten zu eröffnen. Ob die CPE tatsächlich der entscheidende Auslöser für ihren späteren Aufstieg war, lässt sich jedoch nicht mit Sicherheit sagen.
In den folgenden Millionen Jahren entwickelten sich aus den frühen Dinosauriern immer unterschiedlichere Formen und irgendwann entstanden jene gigantischen Tiere, an die wir heute denken, wenn wir das Wort Dinosaurier hören.
Die Carnian Pluvial Episode war nicht einfach eine sehr lange Regenzeit, sie war Teil eines gewaltigen Umbaus der Ökosysteme unseres Planeten.
Vulkanismus veränderte wahrscheinlich die Atmosphäre.
Das Klima veränderte den Wasserkreislauf.
Der Wasserkreislauf veränderte Landschaften und Pflanzengemeinschaften.
Die Pflanzen veränderten Lebensräume.
Und veränderte Lebensräume entschieden mit darüber, welche Tiere verschwanden und welche sich ausbreiten konnten.
Alles hing miteinander zusammen.
Und während all das geschah, gab es keinen Menschen, der es beobachten konnte. Nicht einmal einen Affen, der in einem Baum sass. Nur eine vollkommen fremde Erde voller Reptilien, früher Dinosaurier und urtümlicher Pflanzen. Und Regen. Sehr, sehr viel Regen über einen Zeitraum von wahrscheinlich ein bis zwei Millionen Jahren, allerdings nicht überall gleich stark und nicht ununterbrochen.
Heute ist diese feuchte Phase natürlich längst vorbei, doch ihre Spuren sind geblieben. Sie liegen in Gesteinsschichten, Fossilien und chemischen Signaturen, aus denen Forschende mehr als 230 Millionen Jahre später rekonstruieren können, was damals möglicherweise geschah.
Ich finde das schon recht interessant. Eine feuchte Klimaphase, die niemals ein Mensch gesehen hat, hat die Geschichte des Lebens auf unserer Erde mitverändert und unendlich viel später entstand auf genau diesem Planeten eine Spezies, die alte Steine untersuchen kann und dadurch herausfindet, dass es sie überhaupt gegeben hat und wie dieser Planet wohl damals ausgesehen haben könnte.
Krass.

Fotos aus dem Internet.


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