
Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um sexualisierte Gewalt, heimliche Betäubung und organisierte Täternetzwerke. Wenn dich solche Themen sehr belasten, überlege bitte, ob du den Text im Moment lesen möchtest.
Ich habe von der Operation Medusa gelesen und möchte darüber schreiben, einfach. weil ich diese Themen sehr wichtig finde. Genau so wichtig wie sie auch schrecklich sind. Unvorstellbar und doch wahr…
Ist es dir auch schon passiert, dass du von einem Fall gelesen hast und dir wünschtest, du hättest das nie erfahren und wüsstest all dies gar nicht? So geht es mir mit diesem Thema eigentlich….
Weil es schwer zu begreifen ist, wozu Menschen fähig sein können. Nahestehende Menschen. Und dass Dinge passieren können, die man als Opfer nicht mitkriegt, weil man bewusstlos ist bzw bewusstlos gemacht wird. Das ist schon eine sehr schlimme Vorstellung.
Wie gesagt, vor kurzem bin ich auf die Operation Medusa gestossen. Dahinter verbirgt sich keine militärische Operation, sondern eine internationale Ermittlung von Europol und Strafverfolgungsbehörden aus mehreren Ländern.
Ermittelt wurde gegen Netzwerke von Männern, die Frauen heimlich betäuben, sexuell missbrauchen und die Taten teilweise gefilmt oder fotografiert haben sollen. Das Erschütternde daran war für mich aber noch etwas anderes.
Sie handelten nicht allein.
Sie tauschten sich in geschlossenen Gruppen darüber aus. Sie gaben sich Tipps, bestärkten sich gegenseitig und erklärten einander, wie sie ihre Taten verheimlichen konnten.
Was für jede:n mit einem gesunden Menschenverstand und Mitgefühl unvorstellbar erscheint, wurde innerhalb dieser Gruppen offenbar zu etwas, das sich gegenseitig normalisierte.
DAS. IST. BEÄNGSTIGEND.
Denn wir sprechen oft von “dem Täter”, als wäre er eine einzelne Person. Doch manchmal entstehen Gemeinschaften, in denen jede moralische Grenze Stück für Stück verschwindet. Wenn niemand widerspricht, wenn sich alle gegenseitig bestätigen, wenn Mitgefühl durch gegenseitige Anerkennung ersetzt wird.
Das zeigt, wie gefährlich solche Räume sein können.
Ich glaube, die meisten Menschen können sich kaum vorstellen, dass es Gruppen gibt, in denen nicht Mitgefühl, Respekt oder Verantwortung geteilt werden. Oder irgendein Hobby oder ein gemeinsames Interesse. Naja, eigentlich ja. schon… Das gemeinsame Interesse ist die Gewalt.
Unvorstellbar, dass Menschen einander nicht davon abhalten, sondern sich gegenseitig ermutigen, anderen Leid zuzufügen. Und diese „anderen“ sind ja in den meisten Fällen Frauen aus dem engsten Familienumfeld der Täter. Es sind die Freundinnen und Ehefrauen, Ex-Partnerinnen, Familienmitglieder, Frauen aus dem näheren Freundeskreis oder eine andere Vertrauensperson.
Ich finde, das ist einer der erschreckendsten Aspekte solcher Fälle.
Das Internet verbindet nicht nur Menschen mit denselben Hobbys oder Interessen. Es kann leider auch diejenigen zusammenbringen, die anderen schaden wollen. Und wenn solche Menschen aufeinandertreffen, entsteht manchmal eine Dynamik, in der sich Hemmschwellen abbauen und Straftaten gegenseitig legitimiert werden.
Umso wichtiger ist die internationale Zusammenarbeit der Ermittlungsbehörden. Solche Netzwerke machen nicht an Landesgrenzen halt. Deshalb dürfen Ermittlungen es ebenfalls nicht tun.
Die Ermittlungen laufen noch, dennoch haben sie bereits Erschreckendes ans Licht gebracht.
Nach Angaben von Europol konnten bislang 156 Opfer und Tatverdächtige identifiziert werden. Zudem ergaben sich 274 neue Ermittlungsansätze, die nun von den beteiligten Ländern weiterverfolgt werden.
Besonders alarmierend ist, dass die Ermittler:innen vier bislang unbekannte frauenfeindliche Online-Gemeinschaften entdeckten. Über verschlüsselte Messenger, Foren und geschlossene Chatgruppen tauschten die Mitglieder Fotos und Videos ihrer Opfer aus, diskutierten Methoden, gaben sich Tipps zur Verwendung von Betäubungsmitteln und dazu, wie sie ihre Taten geheim halten können. Gleichzeitig bestärkten sie sich gegenseitig in ihrem Verhalten und trugen dazu bei, Gewalt gegen Frauen zu normalisieren und zu praktizieren.
Wie gross solche Netzwerke tatsächlich sind, weiss heute niemand. Doch zB der Fall von Gisèle Pelicot zeigt auf erschütternde Weise, wohin solche Dynamiken führen können. Über Jahre hinweg betäubte ihr damaliger Ehemann sie und lud über das Internet immer wieder fremde Männer ein, sie in bewusstlosem Zustand zu vergewaltigen. Im Gerichtsverfahren wurden 51 Männer, darunter ihr Ehemann, schuldig gesprochen. Die Ermittler:innen gehen sogar davon aus, dass insgesamt 72 Männer an den Übergriffen beteiligt gewesen sein könnten – einige konnten bis heute nicht identifiziert werden.
Mich lässt aber noch ein anderer Gedanke nicht los.
Wie viele Opfer leben noch heute mit der Überzeugung, sie hätten sich manches eingebildet oder wissen gar nicht, was ihnen angetan wird? Wie viele erinnern sich an Filmrisse, an ein seltsames Gefühl oder an Situationen, die sie nie richtig einordnen konnten?
Das alles sind Frauen, die diesen Tätern wohl vertrauen, sich vermutlich geborgen fühlen mit ihnen, denn es sind enge Vertraute. Wem vertrauen, wenn nicht ihnen?
Allein diese Gedanken machen sehr, sehr betroffen…
Es ist leicht, bei solchen Nachrichten fassungslos den Kopf zu schütteln. Schwieriger ist es, die Konsequenz daraus zu ziehen: aufmerksam zu bleiben, Betroffenen zuzuhören und sexualisierte Gewalt ernst zu nehmen – auch dann, wenn sie zunächst unglaublich erscheint.
Operation Medusa zeigt nicht nur, wie grausam Menschen sein können. Sie zeigt auch, wie wichtig es ist, dass Polizei und Justiz über Ländergrenzen hinweg zusammenarbeiten. Dass solche Netzwerke aufgedeckt werden. Und dass die Opfer endlich die Chance bekommen, dass ihnen geglaubt wird und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
Ein anderer wichtiger Zweck solcher Ermittlungen ist es natürlich aber auch, zukünftige Taten möglichst verhindern zu können…


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