
Manchmal kann ein ungutes Gefühl ein Leben retten…
Eltern kennen ihr Kind besser als jeder Arzt, jede Ärztin und jedes medizinische Gerät. Sie merken oft als Erste, wenn etwas nicht stimmt. Vielleicht können sie gar nicht genau erklären, warum. Sie sehen nur, dass ihr Kind anders wirkt. Ruhiger, blasser, irgendwie nicht mehr so wie sonst.
Genau aus diesem Gedanken entstand Martha’s Rule.
Martha’s Rule ist eine Initiative zur Verbesserung der Patientensicherheit. Sie gibt Patientinnen, Patienten und ihren Angehörigen das Recht, eine unabhängige medizinische Überprüfung zu verlangen, wenn sie ernsthaft befürchten, dass sich der Gesundheitszustand verschlechtert und sie das Gefühl haben, mit ihren Sorgen nicht genügend gehört zu werden. Es geht also nicht darum, Ärztinnen oder Ärzte infrage zu stellen, sondern darum, dass niemand übersehen wird.
Der Name geht auf die britische Jugendliche Martha Mills zurück.
Martha war 13 Jahre alt, als sie nach einem Fahrradunfall mit einer Verletzung der Bauchspeicheldrüse ins Spital eingeliefert wurde. Während ihres Aufenthalts entwickelte sie eine Blutvergiftung (Sepsis). Ihre Eltern bemerkten, dass es ihrer Tochter zunehmend schlechter ging. Sie äusserten ihre Sorgen mehrfach. Trotzdem wurde Martha nicht rechtzeitig von einem spezialisierten Team beurteilt. Im Jahr 2021 starb sie an den Folgen der Sepsis.
Später kam ein Gerichtsmediziner zu dem Schluss, dass Martha mit hoher Wahrscheinlichkeit überlebt hätte, wenn ihre Verschlechterung früher erkannt und sie rechtzeitig auf die Intensivstation verlegt und dort behandelt worden wäre.
Aus dieser tragischen Geschichte entstand Martha’s Rule.
Die Botschaft dahinter ist eigentlich ganz einfach: Hört den Menschen zu, die den Patienten oder die Patientin am besten kennen, denn manchmal zeigen Messwerte noch keine Auffälligkeiten, obwohl Angehörige bereits spüren, dass etwas nicht stimmt. Medizinisches Wissen und die Beobachtungen von Eltern schliessen sich nicht aus, sie ergänzen sich.
Martha’s Rule sieht deshalb einen klaren Ablauf vor. Zuerst sprechen Eltern ihre Sorgen beim behandelnden Team an. Bleiben diese Sorgen bestehen, können sie verlangen, dass eine leitende Ärztin oder ein leitender Arzt hinzugezogen wird. Und wenn weiterhin grosse Zweifel bestehen, kann ein unabhängiges Behandlungsteam den Gesundheitszustand nochmals beurteilen. So soll verhindert werden, dass Warnzeichen übersehen werden.
Besonders freut es mich, dass das Kinderspital Zentralschweiz in Luzern Martha’s Rule als erstes Kinderspital der Schweiz dauerhaft eingeführt hat. Damit setzt es ein wichtiges Zeichen: Eltern sind nicht einfach Besucher:innen, sondern ein wichtiger Teil des Behandlungsteams. Ihre Beobachtungen sind wertvoll und können entscheidend dazu beitragen, dass eine Verschlechterung früh erkannt wird.
Ich wünsche mir, dass dieser Gedanke selbstverständlich wird – nicht nur in Spitälern.



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