Von unwichtig wichtigen Themen

Letztens habe ich unter einem Facebook-Bericht über Endometriose die vielen Kommentare gelesen. Unter anderem hat eine Frau geschrieben, dass sie es nicht versteht, dass man überall davon liest, obwohl es SIE gar nicht betrifft. Dass ihrer Meinung nach das Ganze total aufgebauscht wird und dass es Themen gäbe, bei denen es wichtiger wäre, darüber zu sprechen.
Welche Themen sind denn das, liebe Kommentatorin? Einfach ausschliesslich Themen, die SIE interessieren? Ach sooooo…..

Es muss nicht zwingend ein Bericht über Endometriose sein, das war nur ein Beispiel. Es kann irgendetwas sein und was einem dann entgegenkommt, ist wirklich viel Unverständnis, Missgunst und böse Worte. Natürlich auch anderes. Aber oft überwiegt da leider das Negative. Das fällt mir immer wieder sehr auf in der letzten Zeit bzw. schon eine Weile.

Das ist natürlich zum Teil der ganz normal gewordene Umgangston in den sozialen Medien und das wäre tatsächlich ein Thema für sich. Aber darum geht es nun nicht. Alle Medien sind voller solcher Themen. Einfach Themen und vielleicht zum Teil auch Missstände, auf die jemand aufmerksam machen möchte, sicher zum Teil auch aus einer eigenen Betroffenheit heraus. Und darunter Kommentare, die zu einem grossen Teil ganz viel Unverständnis ausdrücken. Diese Kommentare sind zwar in solchen Medien ganz bestimmt zu einem Teil auch Aggressionsabbau und wer weiss was noch alles. Im Schutz der angeblichen Anonymität ist es einfacher, sich negativ zu äussern, irgendwelchen Frust an Fremden raus zu lassen. Vielleicht jedenfalls einfacher als im sogenannten „richtigen Leben“, denn da müsste man ja hinter seiner Meinung stehen können und einer direkten Reaktion oder gar einer Diskussion stand halten können. Dafür braucht man Eier in der Hose.

Es geht in diesem Text hier null um mich oder persönliche Erfahrungen, es ist einfach nur eine Thematik, die mir sehr auffällt und deswegen greife ich sie auf. Persönlich habe ich es aber – wie ihr bestimmt auch – immer mal wieder erlebt, dass eigentlich recht gute Kontakte auseinander gehen, weil man gewisse Dinge im Leben oder das Leben selbst anders wahrnimmt als das Gegenüber. Natürlich ist das nicht die Regel und das ist auch gut so, es kommt aber dennoch vor. Das zeigt, dass gewisse Menschen doch eher eine kleine Spannweite an Vorstellungskraft und Einfühlungsvermögen haben.
Das klingt jetzt vielleicht sehr wertend und vermutlich ist es das auch, wenn ich auch niemanden angreifen möchte. Ich verstehe sowas einfach nicht so gut. Ich erlebe nämlich genau das Gegenteil auch. Ich bin sehr gut befreundet mit Menschen, die zum Teil in gewissen Themen total andere Meinungen haben als ich. Und doch geht das. Weil es andere gemeinsame Themen gibt und weil man einander kennt und weiss, dass es nicht nur Schwarz und Weiss gibt und dass verschiedene Meinungen Platz haben. Das ist doch super so!

Bevor ich hier aber nun in andere Themen abschweife, kommen wir zurück. Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der es endlich für viele Menschen möglich ist, sich selbst zu verwirklichen und vielleicht ganz einfach auch so zu leben, wie es sie glücklich macht. Lebensweisen, die vor Jahren versteckt gelebt werden mussten, die vielleicht tabu oder fast anrüchig waren.
Heute ist vieles möglich. Unsere moralischen Vorstellungen und Haltungen haben sich verändert und sind noch immer in Veränderung. Menschen probieren sich und ihr Leben aus, machen Erfahrungen und gehen neue Wege. Einiges ist für ganz viele neu und unbekannt und zum Teil ganz bestimmt auch befremdlich und komisch. Ich muss sagen, das verstehe ich schon auch. Ich bin total der Meinung, dass wir nicht alles wissen und kennen müssen. Ich finde es auch okay, dass es Dinge gibt, die bei uns komische Gefühle oder Fragen aufwerfen. Und Unverständnis. Umso wichtiger ist es also, dass Betroffene uns darüber erzählen.

Ich habe seit einer Weile den Eindruck, dass Schwarz-Weiss-Denken selten so sehr verbreitet und verankert war wie heute. Oder vielleicht sind nun unsere Meinungen einfach einsehbarer, transparenter und offener als zu anderen Zeiten? Man ist dafür oder dagegen, Ja oder Nein, Schwarz oder Weiss. Irgendwie ist alles möglich und dennoch leben wir in einer Welt, in der recht klar definiert ist, wie man zu sein hat. Unendliche Freiheit, Selbstverwirklichung und eine Gesellschafts-Norm, die einander beissen.
Wo bleiben denn da die Mittelwege, die Graustufen und das Wenn und Aber? Wo bleibt Verständnis, Toleranz und vielleicht zum Teil einfach auch Gleichgültigkeit zu Themen, die uns nicht betreffen? Leben und Leben lassen? Individualität?
Offensichtlich haben wir darin ein grosses Manko oder kommt es mir nur so vor?

Mir kommen einige Themen in den Sinn, die oft in den Medien sind. Betroffene, die über ihre Situation sprechen und informieren, wo erklärt und auch aufgeklärt wird. Wo alte Verhaltensweisen in Frage gestellt und neue Grenzen gesetzt werden. Haltungen und das eigene Menschenbild werden zum Thema, längst nicht alles was wir einst okay fanden bzw nie hinterfragten, ist es eigentlich nicht. Betroffene bitten um ein offenes Ohr und nicht nur das! Sie bitten um – nein, sie fordern Verständnis, Empathie, Toleranz und nicht zuletzt auch ein Umdenken und Veränderung. Auch sie möchten wahr- und ernstgenommen und in ihren Anliegen unterstützt werden. Es geht nicht zuletzt auch hier um Gleichstellung. Mit Recht.

Aktuelle Themen sind zB
Feminismus
Sexismus
Rassismus
Gewalt (an Kindern, Männern, Frauen, Tieren)
Sexualität und Beziehungen, die unterschiedliche gelebt werden
Betroffene von Krankheiten wie zB all die psychischen Erkrankungen (Depressionen, Psychosen, Schizophrenie…) oder wie erwähnt Endometriose, Krebs usw
Betroffene von körperlichen oder geistigen Einschränkungen
Gender-Themen
Todesfall eines Kindes in der Schwangerschaft, während der Geburt oder einfach irgendwann später
Alleinerziehende
Armutsbetroffene
usw., um nur einige zu erwähnen.

Ich glaube, zur Zeit ist jede*r ganz besonders mit sich und seinen bzw ihren Themen beschäftigt, bestimmt hat das auch einen Zusammenhang mit der ganzen Pandemie-Situation. Ich finde das nicht unnormal, denn was sonst wäre uns näher als unsere eigenen Themen, Sorgen und Nöte? Schlussendlich sieht jede und jeder sein bzw ihr Umfeld und die Welt durch die eigene Brille, gestaltet durch die eigenen, ganz persönlichen Themen, Gedanken und Gefühle. Wir Menschen sind ja nicht objektiv in unserem Denken. Nie.

Ich muss ehrlich sagen, ich habe nicht zu jedem Thema auf dieser Welt eine feste eigene Meinung und zwar ganz einfach aus dem Grund, weil ich mich nicht mit jedem Thema dieser Welt gut auskenne. Ehrlich gesagt, interessiert mich noch nicht mal jedes Thema. Nicht aus Ignoranz oder was auch immer, sondern einfach weil ich nicht für alles Zeit habe und mich nicht alles immer betrifft. Wenn Themen meinen Weg kreuzen, setze ich mich damit auseinander und wenn nicht, dann nehme ich mir auch mal die Freiheit, keine Meinung dazu zu haben.

Ich finde ja auch sehr stark, dass andere ja sowieso nicht auf meine Meinung oder Zustimmung angewiesen sind. (Wobei ich mir natürlich bewusst bin, dass es nicht nur um mich geht, sondern um eine ganze Gesellschaft und deren Umgang mit diesen Menschen.)
Wie soll ich zB als weisse Person darüber diskutieren können, ob eine dunkelhäutige Person sich bei diesem oder jenem Verhalten diskriminiert fühlen darf oder nicht? Ich kann das doch gar nicht beurteilen.
Oder warum bestimme ich als heterosexuelle Person, ob homosexuelle Liebespaare heiraten dürfen? Was geht mich das denn überhaupt an?
Oder warum findet eine nicht von Endometriose betroffene Frau, dass das kein wichtiges Thema ist? Wohl aus dem selben Grund, warum Männer und Frauen, die es nicht betrifft finden, dass man auf öffentlichen Toiletten keine Hygieneartikel kostenlos zur Verfügung stellen sollte.

Egal. Ich persönlich finde, wir alle sollten immer wieder mal die eigene Brille ablegen und regelmässig die Welt aus einer andern betrachten, um zu verstehen. Oder es zumindest zu versuchen. Ich finde es auch ganz okay, Dinge nicht zu verstehen, sie dann aber auch dementsprechend nicht zu werten, denn so eine Wertung fällt meist automatisch negativ aus. Ein bisschen wegkommen von diesem Gut-und-Schlecht-Denken, denn dazwischen gibt es noch allerlei anderes. Und vielleicht sich auch bewusster werden, dass es Themen gibt, die für andere sehr wichtig sind, obwohl ich persönlich sie unwichtig finde.

Es gibt so vieles ausser mir auf der Welt, obwohl wir ja gern meinen, sie drehe sich nur um uns selbst.

3 Gedanken zu „Von unwichtig wichtigen Themen“

  1. Es ist leider unglaublich schwer, die gewohnte Brille abzunehmen. Gerade jemand, der ziemlich kurzsichtig ist, wie ich, weiß tatsächlich, von was man da redet… Trotzdem ist es gut, es mal zu versuchen. Und die Brille des anderen aufzusetzen. Manchmal ergeben sich ganz lustige Effekte, manchmal, und dann sollte man sie schnell wieder abnehmen, wird einem schier schlecht (das geht vielen so mit meiner!). Wir können durch die Brille der anderen sehen, vielleicht nicht eben gut.
    Aber nicht mit ihren Augen. Das gilt einmal natürlich wirklich und auch in diesem übertragenen Sinne. Ich kann versuchen, die Welt als Mann oder als Frau zu sehen, als Mensch mit bestimmter Hautfarbe und Herkunft, als Kind oder als Greis – aber ich kann nicht, niemals, wirklich aus meiner Haut. Das muß einem auch bei der Brillentauschgeschichte bewußt bleiben – es ist die Brille, nciht die Augen des anderen.

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  2. Du hast das wunderbar geschrieben. Stimmt.
    Ich finde jeden Bericht der in irgendeiner Weise etwas dazu beitragen kann dass Betroffene etwas erfahren was weiterhilft ganz hervorragend und wunderbar. Außerdem kann Mann/Frau auch etwas lesen, das das eigene Wissen erweitert, auch wenn man selbst nicht betroffen ist. Oder ignorieren! Zur E. erlaube ich mir anzumerken, dass ich eine Freundin habe, die darunter sehr, sehr leidet. Unwahrscheinlich welche schmerzen die oftmals plagen. SIe wurde daran auch schon operiert. Alles Liebe und Gute. Segen!
    M.M.

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