Unsere liebsten Märchen in den Zeiten von Corona, Teil 2

Es war einmal ein armer Schneider, der sass in seinem Atelier auf dem Tisch und tat, was er halt immer tut. Er nähte. Es war Samstag und immer an diesem Tag zog eine Verkäuferin von Haus zu Haus, um ihre frischen, wohl duftenden Backwaren an den Mann und die Frau zu bringen. Leider kam sie schon seit einer Weile nicht mehr, denn das Husieren war wegen Corona nicht erlaubt. So war er frühmorgens beim Bäcker und holte sich frische Berliner. Die rochen so gut und waren süss und klebrig, so dass sich sechs, sieben, acht Fliegen darauf versammelten. Als der Schneider mit der Fliegenklatsche ausholte, riefen die Fliegen: „Stop! Nur fünf auf einen Streich, wegen Corona!!“ und so war dieses Märchen hier schon zu Ende. Es wurde niemals erzählt. Warum auch, es ist ja nichts passiert.

Der Hase und der Igel wollten ein Rennen machen, denn jeder von ihnen wollte schneller als der andere sein. Da aber sportliche Wettkämpfe nicht erlaubt waren und die lange Schnauze des Igels in keine gescheite Maske passte, fand das alles gar nicht statt.

Das arme Waisenmädchen Sterntaler ging in die Welt hinaus… bzw. reiste in der Schweiz herum, denn ins Ausland wollte sie nicht wegen Quarantäne und so… Es hatte vor, all seine Kleidungsstücke armen Menschen zu verschenken, aber die Strassen waren wie leer gefegt und so wurde aus diesem Unterfangen nichts und es ging wieder zurück ins Waisenhaus.

Gulliver reiste in der ganzen Welt herum, erlebte dabei aber herzlich wenig, weil er jedesmal, wenn er über eine Landesgrenze ging, 10 Tage in Quarantäne musste.

Bei Schneewittchen im Schloss hing ein grosser, antiker Spiegel. Wenn sie sich vor ihn stellte und fragte „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ antwortete er
„Mein liebes Kind, mein liebes Kind,
die Maske verdeckt dein halbes Gesicht,
ich seh dich nicht“.

Der grosse böse Wolf lag seit Wochen in Grossmutters Bett. Sie war längst verdaut und er verspürte langsam wieder Hunger. Aber das Rotkäppchen kam nicht, denn die Grosseltern soll man ja nicht besuchen.

Rapunzel wartete in ihrem hohen Turm auf den Prinzen, doch als er dann endlich kam, verstand sie wegen seiner Hygienemaske nicht, was er sagte.
Mmmpunzel, mmpunzel,, mmass mpfein MMhr mmrunter.
MMMMPUNZEL, MMPUNZEL, MMASS, MPFEIN MMHR MMRUNTER!!!!
MMMMMPUNZEEEELLLLL!!!!!
Und so wunderte sie sich über den eigenartigen Kerl dort unten auf dem Boden, der irgendetwas nuschelte und sobald die Friseure ihre Salons wieder öffneten, machte sie einen Termin und liess sich eine pfiffige Kurzhaar-Frisur schneiden.
Als Corona vorbei war und damit auch die Maskenpflicht, kam der junge Schönling zum hundertsten Mal wieder und rief: Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter!
Aber das hatte sich ja leider erledigt…

Leider ist der wunderschöne junge Prinz im Märchenschloss im Alter von 86 Jahren und nicht mehr so wunderschön und knackig, als Junggeselle gestorben, denn der grosse Ball, an dem er das bezaubernde Aschenputtel hätte kennen lernen sollen, ist leider den Corona-Massnahmen zum Opfer gefallen.

Im tiefen, dunklen Wald steckte der kleine Hänsel seit Monaten im Käfig der Hexe. Alle paar Tage verlangte sie von ihm, seine Hand aus dem Käfig zu strecken, damit sie sehen konnte ob schon genügend Fleisch am Knochen war, um ihn zu grillen. Und jedesmal musste er natürlich vorher die Hände desinfizieren, es war schliesslich Vorschrift. Wenn die Alte dann gierig und hungrig über seine Finger leckte, verging ihr immer der Appetit, es war zum Verzweifeln.

Aladdin graute es davor, über seine Wunderlampe zu streicheln, denn seine Hände waren so wund und offen vom ewigen Hände waschen und desinfizieren, so dass das mit dem Flaschengeist nichts wurde.

Es war einmal ein Müller, der hatte drei Söhne. Nach seinem Tod erbte der älteste die Mühle, der Zweite einen Esel und der Dritte den Kater. Und von diesem Tag an lag dieser Kater schnurrend dem dritten Sohn auf der Computer-Tastatur herum, während dieser versuchte, im Homeoffice vorwärts zu kommen und träumte von kniehohen Stiefelchen und Abenteuern rund um die Welt.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Ende.
Aber nur für heute.