Vor gut einem Jahr haben wir ja gemeint, es sei Nächstenliebe und für einander da sein, was der Mensch in der Pandemie lernen würde. Also die moralischen und sozialen Werte. Und für eine Weile sah es tatsächlich so aus. Besonders gefährdete oder anfällige Personen wurden geschützt und beschützt, das Personal in den Lebensmittelläden wurde ob ihrer Tapferkeit, jeden Tag arbeiten zu gehen, gefeiert und ebenso das Gesundheitspersonal. Es wurde sogar auf den Balkonen und aus den Fenstern applaudiert. Ganz wunderbar, sollte man meinen.
Bis das aufeinander Rücksicht nehmen dann zu doof wurde, es zieht sich ja schliesslich auch ziemlich in die Länge, und es den Menschen in seiner ganz persönlichen Freiheit dann doch zu sehr einschränkte. Es zieht uns raus, wir wollen wieder Dinge unternehmen, Ausflüge machen, aktiv sein und vor allen Dingen wollen wir endlich wieder uneingeschränkt Menschen treffen und halt einfach das machen, worauf wir grad Lust haben. Geht aber nicht oder leider nur sehr beschränkt. Das ist unschön und löst bei uns allen irgendetwas aus, je nach Person, je nach Dynamik des Umfeldes, in dem man sich bewegt. Bei mir ist es vor allem grosse Müdigkeit, um nicht sogar von Erschöpfung zu sprechen. Ich weiss, es geht vielen von euch ebenso. Oder Wut. Ohnmacht. Angst. Bei einigen wohl auch Aggressivität.
Es ist begreiflich. Es ist ja auch tatsächlich schwierig.

Nun, ein Jahr später würde ich sagen, das Bewusstsein, wie wichtig das Soziale, wie wichtig andere Menschen für uns sind, ist ganz sicher bei vielen gewachsen. Etwas, was vorher selbstverständlich(er) war, ist es jetzt nicht mehr und es fehlt. Ich meine damit engere Kontakte. Zusammensitzen und reden, Kaffee trinken, lachen, stundenlang. Ja, es fehlt. Was mir persönlich hingegen bei der ganzen Sache doch noch recht angenehm ist, ist die Distanz zu Menschen in den Läden. Dass der Mensch hinter mir in der Schlange an der Kasse mir nicht am Arsch klebt. Das soll bitte so bleiben. So hat Abstand irgendwie mehr denn je auch mit Anstand zu tun.

In der Schweiz dürfen Cafés und Restaurants seit gestern die Gartenterrassen wieder öffnen, also Gäste draussen bewirten. Gestern als ich durchs Dorf gefahren bin, habe ich gesehen, wie vor dem örtlichen Café, auf dem Gehsteig – und nicht wirklich beschaulich und ruhig – vier Frauen an einem Tischlein sassen, das der Bäcker ihnen wohl extra für diesen Zweck rausgestellt hat, und zusammen Kaffee getrunken und getratscht haben. Sie haben gelacht und sahen mega glücklich aus. Das war soooo ein schönes Bild. Ich hatte das Gefühl, ihnen auf die Schnelle beim Durchfahren in den Gesichtern die Freude darüber anzusehen.
Etwas so sehr geniessen, was vor noch nicht allzu langer Zeit total normal war und leider jetzt nicht mehr. Richtig schön.
So glaube ich, dass wir solche Momente mehr geniessen werden, weil sie nicht da oder einfach sehr rar waren. Mit Menschen zusammen zu sein, die man gern hat. Das finde ich sehr schön, ich bin mir aber auch bewusst, auch das wird wieder Normalität werden und wir werden vergessen, wie es war als wir es wieder durften. Aber das macht nichts. Diese Normalität wünsche ich uns allen von Herzen.

Etwas anderes, was ich glaube, das sehr an Qualität und Wertschätzung gewonnen hat, das ist unsere Natur. Das Privileg, nach draussen gehen zu können und zu dürfen, frische Luft einzuatmen und es einfach zu geniessen. Wer zB in Quarantäne sein musste oder sogar in Isolation, wird sich dessen noch viel mehr bewusst sein als alle andern. In der Natur sein zu können, war an Aktivität ausserhalb der eigenen vier Wände so ziemlich das einzige, das man immer uneingeschränkt tun konnte. Halt einfach nicht mit andern oder dann mit genügend Abstand, aber ich würde behaupten, das hat vielen von uns die letzten Monate oder das letzte Jahr um vieles angenehmer gestaltet, um nicht zu sagen aushaltbar.

Man soll ja aus jeder Situation auch immer das Gute nehmen. Oder es zumindest versuchen, denn obwohl ich eine überzeugte Verfechterin des positiven und des ressourcenorientierten Denkens bin, glaube ich, dass nicht in jeder Situation etwas Positives steckt. Aber dennoch haben wir immer die Wahl, was wir daraus machen und das kann dann durchaus wieder etwas Gutes sein oder eine Entwicklung in Gang setzen.

In diesem Sinne, wie mal vor einiger Zeit ein kluger Mann zu mir gesagt hat:
Es wird wieder besser….
… und im Anschluss wieder richtig gut.


Genau so ist es und genau so wird es sein.