Es ist Pandemie. Immer noch. Die Hoffnung auf ein einigemassigen baldiges Ende ist da. Jedenfalls bei mir. Andere sehen es anders, sehen alles anders.
Es ist die Hoffnung. Nur die Hoffnung.
Wissen wäre etwas anderes, darüber bin ich mir bewusst. Geht ja nicht allen so, wie ich immer wieder merke.

Die Situation setzt sehr vielen Menschen sehr zu. Alle halten schon lange durch und alle befinden sich schon seit mehr als einem Jahr in einer ganz aussergewöhnlichen Situation. Viele Menschen haben begründete Existenzängste, verdienen kein oder weniger Geld zur Zeit. Viele haben Angst um ihre Firma, um ihren Job oder haben ihr Einkommen bereits verloren.

Viele verzichten fürs Gemeinwohl auf so einiges, was ihnen wichtig ist, was ihnen gut tut bzw. täte. Auf Aktivitäten verschiedener Art und vor allem auf persönliche Kontakte.
Es geht darum, einander nicht anzustecken. Zum einen darum, weil sich das Virus bei jedem anders auswirken kann. Der eine merkt nicht mal, dass er es hat, der andere wird ein paar Wochen krank und nochmal andere werden schwer krank oder sterben daran. Wenn ich das so beschreibe, klingt das in meinem Kopf wie Russisches Roulette. Es ist da und man weiss nicht, was es mit einem selbst machen würde. Oder mit den Menschen, die man gern hat.

Zum andern machen wir das alles nicht zuletzt auch, um das Gesundheitssystem nicht zum Erliegen zu bringen. Meiner Meinung nach sind das die Früchte der Politik, die wir in den letzten Jahrzehnten betrieben haben. Nun ernten wir.
Wir denken in dieser Situation vor allem an die Corona-Patienten und Patientinnen und viele finden es ja durchaus okay, dass man (lieber die andern) daran sterben kann, denn die Chance dass es einem selbst oder ein Familienmitglied trifft, ist relativ klein. Da lässt es sich leicht reden und alles runter spielen. Wären die über 10000 Verstorbenen (in der Schweiz) mehrheitlich Kinder oder Menschen zwischen 30 und 40, wäre das Echo ganz anders, da bin ich mir sicher. Aber darum geht es nun nicht. Das sind eher so ethisch-moralische Fragen, die meiner Meinung nach schlussendlich jeder für sich selbst klären muss.

Es geht im Gesundheitssystem, so wie ich es verstehe, vor allem um zwei Faktoren. Für den ersten interessiert sich auch keiner, denn auch das betrifft nur wenige von uns. Dabei geht es ums Personal in Krankenhäusern, um die Ärztinnen und Ärzte und um das Pflegepersonal, die Corona-Patientinnen und Patienten behandeln, über Wochen und Monate. Wie sie viele von ihnen in ganz schrecklichen gesundheitlichen Zuständen und einige davon sterben sehen. Die Kontakte mit den sorgenden, traurnden, wütenden, ohnmächtigen Angehörigen. Ganz bestimmt psychisch und körperlich ein sehr harter Job. Dazu kommen ja dann noch die Arbeitsbedingungen, wenig Personal, lange Dienste, viele Überstunden. Die Notwendigkeit von Erholung zwischen den Diensten und aber auch der Mangel von genau dieser. Und die Tatsache, dass im Pflegebereich nicht erst seit jetzt ein Engpass herrscht (denn auch bis anhin keinen interessiert hat), macht es nicht besser, obwohl damit gern argumentiert wird. Ein Argument, das keines ist.
Zum andern geht es darum, dass die Intensivstationen nicht gefüllt werden mit Corona-Erkrankten, denn sie werden auch von andern Menschen benötigt und das interessiert uns schon mehr, denn man weiss, dass es jederzeit jeden treffen könnte und kann. Ein Autounfall, ein Herzinfarkt, Hirnschlag, eine einfache Operation mit Komplikationen usw und man schon braucht man ein Bett auf der Intensivstation. Und was passiert, wenn keine frei sind? Plötzlich würden Menschen dann nicht mehr nur vermehrt an Corona sterben oder zumindest Folgen davontragen, sondern auch daran, dass sie nicht behandelt werden können.
Ich arbeite nicht im Krankenhaus, aber mir ist klar, dass ein normales Patientenzimmer nicht dieselbe Ausstattung hat wie ein Intensivzimmer. Und dass Intensivpflegepersonal anders ausgebildet ist als das Personal auf der medizinischen oder chirurgischen Abteilung. So können wohl normale Krankenzimmer nicht einfach so in Intensivzimmer verwandelt werden und Pflegepersonal auch nicht in Intensivpflegepersonal.

Wie dem auch sei, ich finde ja dass Prävention sowieso viel mehr Sinn macht, als bewusst auf ein Problem los zu rennen, um es dann mühevoll zu lösen, was übrigens auch teuer ist. Nicht nur betreffend Corona, sondern überhaupt. Aber wir als Gesellschaft mögen nicht gern vorausdenken und Geld in Eventualitäten investieren.



Ich bin aber ein bisschen ausgeschweift. Mein Thema ist ja das Allein-Sein, was eine sehr ansteckende und sich schnell verbreitende Krankheit leider mit sich zieht. Denn wenn etwas ansteckend ist und man möchte nicht, dass es sich verbreitet, dann hilft wohl nichts so sehr wie einander nicht zu nah zu kommen. Dass man das Virus oder den davon befallenen Menschen nicht sehen kann, macht es schwierig. Es wäre einfacher, wenn einem ein Horn wachsen würde auf der Stirn, wenn man angesteckt / ansteckend wäre. So könnte die Mehrheit der Menschen normal weiter leben, während die mit dem Horn in Isolation gehen und sich auskurieren. So wurde das früher auch gemacht, zB als die Pest wütete. Infizierte Menschen wurden strengstens gemieden, um nicht zu sagen ausgestossen und mit andern Infizierten weit weg verbannt, an den Stadtrand oder ausserhalb des Dorfes.

Nun ist es aber so, dass man das Virus niemandem ansieht und wir haben uns seit 1855 doch auch weiter entwickelt in vielen Bereichen, so gehen wir so etwas nun anders an, uns stehen andere Möglichkeiten zur Verfügung und nicht zuletzt auch ein viel grösseres wissenschaftliches Wissen.

Wenn ich richtig recherchiert habe, dauerte auch in der Vergangenheit eine Pandemie jedesmal ein paar Jahre, was ja auch irgendwie nachvollziehbar ist.

Es ist wie es ist, es ändert sich nichts an der Situation, auch wenn es uns nicht gefällt. Es kursieren allerhand Ideen und Theorien über alles mögliche. Es wird auch viel Wert gelegt auf Meinungsfreiheit, was ja auch richtig und wichtig ist. Nur bedeutet es leider nicht, dass jede Meinung auch der Tatsache entspricht. Ich finde, man muss sich in Diskussionen über Corona und den Massnahmen auch immer bewusst sein, dass wir über ein Thema diskutieren, über das wir nichts wissen als Laien. Keiner von uns ist eine Fachperson und vermutlich ist auch nicht jeder Arzt, jede Person ein Pandemie-Experte, auch wenn er ein Video mit seiner Meinung auf Youtube veröffentlicht.
Diskussionen basieren auf den Dingen, die wir lesen und es gibt da ja ganz verschiedene Informationsquellen, nicht alle davon seriös bzw wissenschaftlich unterlegt. Unsere Meinungsbildung basiert auf unserer Bedürfnisbefriedigung, das ist nichts anderes als nur menschlich.
Schon seit einer Weile empfinde ich vieles eher kontraproduktiv und nicht zielorientiert. Aber auch da gehen die Meinungen ja auseinander. Ich denke, die momentane Situation wird sehr stark von Akzelerationisten für ihre Zwecke benutzt, was ich sehr besorgniserregend finde.
*Akzelerationismus ist eine Strategie von politischen Extremisten, die durch gezielte Disinformationen, Lügen und manipulative Rhetoriken einen Kollaps der Gesellschaft herbei führen wollen, um ihre moralisch antiquierten Regeln wieder einführen zu können, um es nur kurz zu erklären.

Wie auch immer. Etwas was viele von uns stark betrifft, ist die Absenz von persönlichen Kontakten. Ich schreibe persönliche, weil Kontakte ja nicht verboten sind und wenn ein persönliches Treffen auch viel schöner ist, gibt es auch dennoch noch andere Möglichkeiten der Kontaktpflege.

Allein- Sein ist aber ein grosses Thema. Viele von uns machen Homeoffice und sehen die Kollegen:innen höchstens noch über Videochat. Freizeitaktivitäten in Gruppen fallen seit längerem weg und Besuche sind auch nur spärlich erlaubt. Wenn man keine Familie hat, mit der man zusammen wohnt, trifft man möglicherweise kaum noch andere Menschen.
In den letzten Tagen habe ich gelesen, dass die alten Menschen sich allein gelassen fühlen. In vielen Pflegeheimen gelten noch immer strenge Besuchsregeln.
Die Jungen fühlen sich ebenfalls allein gelassen. Sie vermissen das Zusammensein mit Gleichaltrigen. Zu Recht.
Und die Singles auch. Die gibts ja in jeder Altersklasse. Wer allein wohnt, ist momentan wohl wirklich sehr isoliert.
Es betrifft ganz viele Menschen.

Und doch ändert sich deswegen nichts an der Situation. Wenn jemand in einer Krise steckt, hat er selten Lust dazu und trotzdem ist es so. Eine Krise muss durchlebt werden, Probleme müssen gelöst werden. Sie verschwinden nicht, weil man sie verleugnet oder nicht hinschaut.
Es hat also nicht weniger Erkrankte, wenn man weniger testet oder mehr, wenn man mehr testet so wie es nicht weniger Schwangere gibt, wenn man weniger Schwangerschaftstests macht.

Ich glaube, man sieht sehr gut in dieser Zeit, wer krisenerprobt ist und wer weniger.

Wir sagen ja oft, der Mensch sei zum allein sein nicht gemacht. Aber vielleicht ist es sich auch einfach nicht gewohnt.

Ich persönlich halte mich seit Monaten gut an die verordneten Bestimmungen. Eigentlich weniger, weil ich mich um mich selbst sorge, sondern wirklich vor allem aus beruflichen Gründen, aber auch weil ich möchte, dass das alles endlich mal ein Ende findet.
Ich sehe manchmal wochenlang nur mein Kind und die Menschen, die ich betreue und ehrlich, mir fehlen Kontakte zu andern erwachsenen Menschen wahnsinnig. Und um ehrlich zu sein, ist es nicht nur in der Pandemie so, es ist auch ohne so. Die Zeit dafür fehlt einfach. Und dennoch macht die Pandemie die Kontaktpflege um so vieles schwieriger oder zum Teil gar unmöglich.

Alleinerziehend in der Pandemie, das bedeutet allein zu sein. Alleiner als normal.
In der Pandemie zu sein, bedeutet für viele, allein zu sein. Alleiner als normal.