Heikle Themen

Es gibt Themen, die sind furchtbar heikel und wenn man klug ist, lässt man es, darüber zu diskutieren oder gar zu sprechen, wenn ihr mich fragt.

Zu diesen Themen gehört zum Beispiel die Erziehung oder halt allgemein der Umgang, den man mit seinen Kindern pflegt bzw die Kritik daran. Jede Familie handhabt es ein bisschen anders. Manche bestrafen ihre Kinder, andere nicht. Manche setzen enge Grenzen, andere eher lockere. Manche verbieten sehr vieles, andere lassen die Kinder machen.
Ich glaube, es gibt kaum ein Thema, das uns so schnell zum Beurteilen verleitet, wie dieses. Aus einer Situation wird auf das Ganze geschlossen und man sieht gerne in Extremen. So scheint es als Eltern schwierig, überhaupt etwas richtig zu machen, denn entweder ist man eine Helikopter- oder eine Rabenmutter, wobei immer nur ein Bruchteil dieser sogenannten Erziehung für andere direkt sichtbar und dementsprechend sowieso nicht aussagekräftig ist.
Dazu kommt es ja noch, dass man diese Beurteilung mehrheitlich wohl auf Mütter bezieht, denn als Vater ist man da fein raus. Wenn man sich zweimal im Jahr mit den Kindern plus Hund beim Spazieren in der Öffentlichkeit zeigt, gewinnt man sozusagen bereits den goldenen Pokal beim Best Father Contest.
Bisschen überrissen vielleicht, gäll. Aber auch nicht ganz unwahr.

Also, diese verschiedenen Wege, ein Kind zu erziehen… Natürlich findet jede und jeder seinen Weg am Besten. Und das ist nichts weiter als total logisch, denn würde man es denn sonst so machen, wie man es macht? Eben. Ich gehe schwer davon aus, dass so ziemlich alle Eltern diese Aufgabe so gut wahrnehmen, wie es ihnen möglich ist. Natürlich gibt es Ausnahmen und wie immer und alles, gibt es auch dafür Gründe und ein Verurteilen und Ausgrenzen hat da selten zu einer Besserung der Situation beigetragen.
Ich denke, kluge Menschen wissen aber auch, dass es verschiedene Wege gibt und keiner der perfekte ist und auch, dass das so total in Ordnung ist.

Die Themen, die besonders heikel sind, um es mal so auszudrücken, sind ja die, die uns ans Lebendige gehen. Die, die uns ganz besonders betreffen oder ganz besonders betroffen machen.
Als ich Mutter wurde, wurde mir erst richtig bewusst, dass das mit den verschiedenen Erziehungsmethoden – obwohl wir ja schlussendlich alle in etwa nach der selben Methode gehen, aber es da viel Spielraum gibt – durchaus nicht immer ein einfaches Thema ist. Und ganz bestimmt gehört da auch das Impfen dazu.

Ich habe mich nun mal etwas näher damit beschäftigt.
Noch vor 150 Jahren ist in der Schweiz ein Fünftel aller Babies im ersten Lebensjahr verstorben, das war total normal. Das waren also 200 von 1000 Kindern. Heute sind es noch 3 von 1000 Kindern, die sterben, bevor sie ein Jahr alt werden. Dieser Fortschritt ist Impfungen, besserer Hygiene und Ernährung zu verdanken. Wenn sehr viele Menschen gegen eine ansteckende Krankheit geimpft sind, entsteht eine sogenannte Herdenimmunität. Von dieser profitieren dann auch (oder wohl vor allem) nicht geimpfte Personen, weil sich selbst bei einem Ausbruch die Krankheit nicht weiter verbreiten kann, weil ja die Mehrheit der andern Menschen dagegen geimpft und damit immun ist.

Am schlimmsten gewütet haben in der Schweiz im 19. Jahrhundert die Cholera oder auch die Tuberkulose und die Spanische Grippe von 1918, die 21000 Tote gefordert hat, die meisten von ihnen waren zwischen 20 und 49 Jahre alt.

Epidemien gab es in der Geschichte der Menschheit immer wieder. In Europa war neben Typhus, Cholera und Pocken die schwarze Pest wohl die bedeutendste Epidemie, an der von 1347 bis 1352 25 bis 50% der Bevölkerung gestorben sind, begleitet von Hungersnöten, Kriegen und extremen Kälteperioden.

Nach diesem Epidemien waren die Überlebenden immunisiert, nur Kleinkinder konnten noch von ihnen befallen werden. Das ist der Grund, dass zB Masern als Kinderkrankheit bezeichnet wird, obwohl es gar keine ist.
Durch weit verbreitete Impfungen konnten einige Krankheiten an ihrer Verbreitung gehindert und damit ausgerotttet werden, zB Kinderlähmung oder Diphterie, Krankheiten, die vor allem Kinder unter 5 Jahren betreffen. Dazu gehören auch die sehr ansteckenden Masern. Diese Krankheiten sind nur noch in bestimmten Regionen der Welt zu finden, in denen die Impfrate nicht ausreichend ist.

Wir sprechen momentan ja von einer Pandemie, wenn es um das Thema Covid19 geht. Aber was ist eigentlich eine Pandemie?
Der Ausdruck Pandemie beschreibt das Ausmass einer Ansteckung. Man spricht von „Ausbruch“, um das plötzliche Auftreten einiger Fälle zu beschreiben. Um eine „Epidemie“ handelt es sich, wenn eine Region oder einige Länder von einer Ansteckung stark betroffen sind und von einer „Pandemie“, wenn sich diese über mehrere Kontinente erstreckt.
Beim aktuellen Fall, dem Covid19 Virus, handelt es sich also um eine Pandemie, da mehrere Kontinente betroffen sind.
Eine Epidemie oder eine Pandemie kann durch ein bereits bekanntes Bakterium oder Virus verursacht werden, wenn der Anteil der geimpften Personen nicht mehr gross genug ist, um eine Herdenimmunität zu gewährleisten. Sie kann aber auch durch ein neu auftretendes Bakterium oder Virus zustande kommen, wie zB wie AIDS 1983 oder das Coronavirus SARS 2002 bis 2004. Und natürlich jetzt durch das neue Coronavirus Covid19.

Man unterscheidet zwischen vier Familien von Epidemien.
1. Krankheiten des Verdauungssystems: Durchfälle, Cholera, Salmonellen usw. Sie werden vor allem durch Wasser übertragen, das mit Fäkalienkeimen kontaminiert ist.
2. Krankheiten, bei denen die Erreger sich durch Tröpfchen, die beim Husten oder Niesen entstehen, übertragen: Diphterie, Grippe, Masern, Tuberkulose usw. Die Ansteckung erfolgt durch das Einatmen der infizierten Tröpfchen, die in der Luft schweben oder sich auf Lebensmitteln oder Gegenständen niedergeschlagen haben.
3. Sexuell übertragbare Krankheiten: AIDS, Syphillis, Hepatitis B, humane Papillomaviren usw.
4. Durch Stiche oder Bisse von Tieren (Flöhe, Mücken, Zecken, Moskitos) übertragbare Krankheiten: Malaria, Gelbfieber, Denguefieber, Zika.

Das Impfen ist ja in Zusammenhang mit der neusten Situation in aller Munde und ich möchte hier keineswegs als Befürworterin für die Impfung gegen Covid19 auftreten. Aber auch nicht als Gegnerin. Ich bin da eigentlich ziemlich neutral. Aber aufgrund der oben beschriebenen Gründe verstehe ich die Sinnhaftigkeit von Impfungen durchaus.
Ich finde auch, dass man – und vielleicht besonders Menschen, die sich nicht impfen lassen, gegen was auch immer – sich bewusst ist, dass man sich das eigentlich nur leisten kann, weil nämlich die meisten andern es tun. Würden sie es nicht tun, wären verschiedene tödliche Krankheiten nach wie vor stark verbreitet. Auch hier bei uns. Diese sind nämlich nicht „ausgestorben“, weil wir so zivilisiert sind, sondern wie am Anfang beschrieben, unter anderem auch weil wir uns dagegen impfen lassen.

Für unsere Generation ist das wohl eher abstrakt, denn wir haben all diese Krankheiten fast gar nicht mehr erlebt. Bei uns im Ort wohnte ein Mann, der als Kind Poliomyelitis – Kinderlähmung – hatte und sein Leben lang dann diese einseitige „Verformung“ des Körpers oder wie man es nennen mag, und eine Gehbehinderung, die wohl durch die damalige Lähmung entstanden ist. Das war es, was sichtbar war. Ob er noch andere Beschwerden hatte, das weiss ich nicht. Und jetzt gerade beim Schreiben erinnere ich mich an eine Frau, mit der ich mal zusammen gearbeitet hatte, die ebenfalls aufgrund von Kinderlähmung eine Körperbehinderung hatte. Ich denke nicht, dass noch viele Menschen leben, die eine Kinderlähmung hatten, da ab 1955 geimpft wurde. Und damit ist. das eine Krankheit, die für die heutigen Eltern von Kindern eigentlich gar nicht existiert, was einem vielleicht schon dazu verleiten kann, eine Impfung in Frage zu stellen.

Aber eine lustige Krankheit ist das nicht. Kinderlähmung wird durch ein Virus übertragen, das eigentlich eine Magen-Darm-Infektion auslöst. Wie auch andere Durchfall-Viren (Noro zB) ist es höchst ansteckend. Dieses Virus kann auch Nervenzellen befallen und führt dann zu Lähmungen in verschiedenen Körperregionen. Manchmal gehen diese mit der Zeit wieder zurück, meistens bleiben aber Lähmungen. bestehen. Auch die Atemmuskulatur kann gelähmt werden. In diesem Fall muss man langfristig oder sogar sein Leben lang künstlich beatmet werden.
Kinderlähmung befällt nicht nur Kinder. Sie heisst einfach so, weil früher viele Menschen schon als Kind Kontakt mit dem Virus hatten. Je älter die infizierte Person ist, desto schwerer ist der Krankheitsverlauf (man kennt das zB auch von Masern).
1955 wurde die Impfung eingeführt, worauf die Kinderlähmung innert kürzester Zeit verschwand. Es gibt diese Krankheit heute nur noch in einigen asiatischen und afrikanischen Ländern, da dort eine Impfung aus religiösen oder politischen Gründen nicht alle Kinder erreicht. In Europa gab es in den letzten Jahren auch immer mal wieder Ausbrüche bei nicht geimpften Personen.
Wenn die Herdenimmunität nicht mehr gewährleistet wäre, also wenn sich immer weniger gegen Polio impfen lassen würden, dann wäre auch eine starke Verbreitung nicht auszuschliessen.

Oder Pneumokokken. Sie verursachen verschiedene Krankheiten, wovon die bakterielle Hirnhautentzündung wohl die schlimmste ist, aber auch Blutvergiftung und Lungenentzündung. Jährlich erkranken in der Schweiz etwa 70 Kleinkinder an einer schweren Pneumokokken-Infektion, zwei davon sterben im Durchschnitt. Natürlich ist das eine kleine Anzahl, aber für die Betroffenen ist das natürlich sehr schlimm.
Eine Erkrankung kann einen sehr schweren Verlauf nehmen und unter Umständen zum Tod oder zu einer bleibenden Behinderung führen. Tatsächlich gibt es viele Menschen mit geistigen Einschränkungen, die diese aufgrund einer Hirnhautentzündung haben.

So. Eigentlich hatte ich nicht vor, so tief ins Thema Viren und Impfungen hinein zu tauchen, aber ich fand das gerade sehr interessant.

Aber wir waren ja bei den heiklen Themen. Erziehung und Impfen habe ich bereits genannt und ausführlich darüber geschrieben. Ich erlebe momentan aber auch, dass die Corona-Situation auch ein heikles Thema ist bzw. der Umgang damit (oder mit den schützenden Massnahmen).
Ich persönlich finde, dass es durchaus einen vernünftigen Umgang mit all dem gibt. Ohne Angst oder Panik, aber dennoch mit Rücksicht.

Da, wo Meinungen auseinander gehen, ist unsere Toleranz und unser Verständnis gefragt und dabei darf man nicht vergessen, dass Verständnis nicht EINverständnis bedeutet, sondern einfach nur, dass auch eine andere Meinung okay ist.