Wir neigen dazu…

Wir neigen dazu, statt uns vom Positiven stärken, uns vom Negativen schwächen zu lassen.
Es ist sooo viel einfacher zu sehen, was man nicht hat. Zu sehen, was einem fehlt, was man vermisst. Statt zu sehen, was man hat und sich zu überlegen, wie man das Restliche noch bekommen oder erreichen könnte. Und dann daran zu arbeiten, es zu bekommen.

Wir neigen dazu, in eine Schonhaltung zu verfallen. Nicht nur, um es UNS gemütlich zu machen, sondern auch denen, mit denen es sonst ungemütlich werden könnte.
Die Komfortzone ist ein wunderbarer Platz, den wir uns unter Umständen hart erkämpft und erarbeitet haben. Es gibt verschiedene Meinungen zu diesem Thema. Die einen denken, dass uns Grenzen einengen und Erlebnisse oder Erfahrungen vor allem verhindern. Dass es wichtig ist, zwischendurch diesen Grenzen zu trotzen und darüber hinaus zu gehen, um zu sehen was passiert. Das mag stimmen. Für gewisse Grenzen, aber bestimmt nicht für alle und für jeden Menschen. Ohne jetzt moralapostelisch (das Wort habe ich erfunden) rüber kommen zu wollen finde ich, dass Grenzen für uns etwas vom wichtigsten ist. Sie schützen uns und andere vor uns. Ich beobachte oft Menschen, die diese Grenzen nicht haben und dadurch andern viel zu nah kommen, sogar übergriffig nah. Oder von sich viel zu viel zeigen, ohne ein Gefühl von Intimität oder Scham. Und dasselbe auch mit sich selbst machen lassen. Dabei schreibe ich jetzt nicht nur von Sexualität, sondern von Privatsphäre in jeglicher Hinsicht. Es ist nicht altmodisch oder prüde, wenn gewisse Dinge nur mit gewissen Menschen geteilt werden und eine Gesellschaft, die uns vermittelt, in jeglicher Hinsicht offen sein zu „müssen“, halte ich für gefährlich, denn grenzenloses Verhalten hat seine Folgen.
Aber ich bin irgendwie vom Thema ein bisschen abgekommen. Wie oft verhalten wir uns auf eine gewisse Weise, um keinen Aufruhr oder Streit herbei zu führen, obwohl wir uns eigentlich wehren sollten (wollten, müssten)? Wie oft passen wir uns an? Schweigen? Tragen Konflikte nicht aus? Weil wir die Konsequenz davon nicht aushalten oder ertragen könnten oder warum auch immer? Es ist nichts schlechtes, wenn vielleicht auch nicht so optimal. Es ist ein Schutzmechanismus.

Wir neigen dazu, wenn uns jemand blöd behandelt, an uns zu zweifeln statt am Gegenüber.
Das ist so typisch für mich. Kennt ihr das auch? Ich informiere z.B. jemanden über irgendetwas und erwarte eine Antwort, die jedoch ausbleibt. Das ist doch total unfreundlich und auch unangebracht. Oder jemand teilt mir mit, sie möchte keinen Kontakt mehr mit mir haben, was mich im Moment überrascht oder auch enttäuscht.
Oder ich sitze im Restaurant und werde ewig lang nicht bedient.
Oder ich stehe in einer Schlange und jemand drängelt vor und motzt mich ungehobelt an.
Oder ich schicke jemandem ein kleines Geschenkt und bekomme nie eine Reaktion, z.B. ein Danke.
Und wer fragt sich dann in solchen Situationen, ob sie etwas falsch ausgedrückt oder gemacht hat und ist unsicher? Ja wer wohl? Bestimmt nicht die andern. Total bescheuert.

Wir neigen dazu, wenn uns jemand nicht liebt oder nicht mehr, unseren Selbstwert stark anzuzweifeln, wenn nicht gar zu verlieren.
Oft wegen nur einer einzigen Person.
Zum Beispiel, wenn eine Beziehung auseinander geht. Wenn man verlassen wird. Oder wenn man betrogen wird. Wenn man ersetzt wird durch jemanden Neues. Wenn man verliebt ist und der andere aber nicht usw.
Da wir man von einer einzigen Person nicht (mehr) zurück geliebt, blöd behandelt oder belogen usw. und unser Selbstwertgefühl fällt tiefer als in den Keller. Die ganze Welt könnte einen wahnsinnig toll finden und lieben wie verrückt und doch würden wir das nicht sehen in diesem Moment. Weil man so verletzt und traurig ist.
Meistens ist dieser Zustand temporär und man erholt sich wieder. Im besten Fall. Es geht aber leider auch anders.

Wir neigen dazu, viel zu viel zu erklären, obwohl unsere Gründe niemanden etwas angehen.
*Ach, dazu muss ich gar nichts schreiben, bestimmt habt ihr selbst Beispiele aus dem eigenen Leben.

Wir neigen dazu, zu sehr darauf zu achten, was andere denken können, statt uns zu fragen, was wir selbst darüber denken und es damit gut sein zu lassen.
siehe*

Wir neigen dazu uns von andern beurteilen und dadurch stressen zu lassen, um dann mit andern genau dasselbe zu tun.
siehe*

Wir neigen dazu, uns über Dinge aufzuregen, auf die wir keinen Einfluss nehmen können.
Zum Beispiel das Wetter. Sich darüber zu ärgern, finde ich in etwas das Sinnloseste ever.
Ich finde sowieso, es gibt leider so viele Leute, deren Hauptbeschäftigung es ist, sich über irgendwas oder irgendwen aufzuregen. Das scheint so ein neuer Trend zu sein. Man springt auf jeden vorbeifahrenden Zug auf, fühlt sich mit den andern sich aufregenden Personen gruppendynamisch verbunden, bis dann der nächste Zug kommt, auf den man aufspringen kann… In den letzten Monaten sind ein paar Züge durch gefahren. Corona hatte gleich mehrere und wird wohl noch viele haben. Dann haben sich alle wahnsinnig darüber geärgert, dass Mohrenkopf als Wort nicht mehr zeitgemäss ist. Und sowieso darüber, wer sich aufgrund welcher Handlungen diskriminiert fühlen darf und wer nicht. In den letzten Tagen ist gerade ein Zug durchgefahren, auf dem man neustens eine Schutzmaske tragen muss.
Manches kann ich besser verstehen, manches weniger und manches gar nicht. Was ich aber ganz genau weiss ist, ist dass man seine Energie und Zeit ganz bestimmt für wichtigeres aufwenden kann, als dafür, sich über alles beschweren zu müssen. Vermutlich habe ich als Alleinerziehende dafür auch ganz einfach gar keine Zeit und blende sowas aus.

Wir neigen dazu, gewissen Dingen gegenüber blind zu werden oder zu sein.
Wir sehen Dinge nicht oder anders, um uns zu schützen, um uns etwas vorzumachen. Ich glaube, das ist oft der Fall. Das ist ein Schutzmechanismus.
Wir gewöhnen uns an gewisse Dinge und hören dann irgendwann auf, sie wahrzunehmen und auch, sie zu schätzen. Wie oft ist dies wohl der Anfang vom Ende? Und wie oft sieht man all das erst wieder, wenn sie weg ist? Die Gesundheit… die Ehefrau…. oder -mann…

Wir neigen dazu, die Welt als wahr zu nehmen, so wir wir sie sehen und vergessen, dass es ganz viele verschiedene Sichtweisen und Blickwinkel gibt.
siehe oben und:
Wir sehen viele Dinge so, wie wir sie sehen wollen. Oder halt können. So wie unsere Wahrnehmung es zulässt. Und wir nehmen dies als Wahrheit, denn etwas anderes sehen wir nicht.
Ich glaube, dass reflektierte Menschen sich darüber mehr oder weniger bewusst sind, dass diese Wahrheit nur die eigene ist und dass es aber auch noch andere gibt. Andere Sichtweisen, andere Blickwinkel, vermutlich so viele wie es Menschen auf der Welt gibt. Vielleicht gibt es da auch nicht immer ein Richtig oder Falsch oder es ist zumindest nicht so einfach, dies zu beurteilen, weil das was wir sehen, nur die Spitze des Eisberges ist. Manchmal reicht das, mehr muss man nicht sehen. Es reicht, wenn man den eigenen Eisberg kennt.
Es gibt dafür so viele Beispiele, finde ich… Die Mutter, die denkt, ihr Kind in- und auswendig zu kennen, obwohl sie es ausserhalb des Zuhauses z.B. im Kindergarten, in der Schule oder im Freundeskreis nicht „kennt“.
Oder wie wissen wir, ob andere Menschen z.B. Farben genau so wahrnehmen wie wir selbst? Sieht das Blau des Himmels für dich genau so blau aus wir für mich? Wie sieht dein Pink aus? Oder dein Grün? Wir können das nicht beschreiben oder vergleichen und wir wissen nicht, wie es andere sehen, obwohl wir annehmen, dass alle es gleich tun. Aber stimmt es?
Oder  die Schönheit. Sie ist so viel mehr als nur Äusserlichkeit. Zum einen ist das Schönheitsempfinden jedes Menschen verschieden und findet ihre Begründung bei weitem nicht nur im Auge. Wir finden Menschen und Dinge schöner, wenn sie uns mit Liebe erfüllen. Also etwas oder jemanden, den ich wunderschön finde, kann ein anderer durchschnittlich oder gar unschön finden, weil er keine oder negative Gefühle für ihn hat.

Schlussendlich ist alles nicht objektiv; und ganz besonders unsere Wahrnehmung, würde ich behaupten. Und es wäre ganz gut, sich und wozu man so neigt, zwischendurch zu hinterfragen und sich auch mal ein paar Gedanken über sich selbst zu machen, statt über andere.