Was bedeutet Corona für (alleinerziehende) Eltern?

Die Corona-Situation betrifft uns alle. Jeden unterschiedlich. Es liegt mir fern, zu werten. Ich sehe das alles aus meiner Perspektive und darüber möchte ich berichten. Aus der Sicht der Eltern, in meinem Fall aus der Sicht einer alleinerziehenden Mutter. Das bedeutet nicht, dass ich andere Situationen nicht sehe oder weniger wichtig fände. Es bedeutet einfach, dass ich aus meiner Sicht und von meinen Erfahrungen schreibe.

Zwischendurch möchte ich euch heute statt meinen üblichen Fotos Aussagen von Eltern, die ich unter dem Hashtag coronaeltern (#coronaeltern) gefunden habe, zeigen.

Unter dem Hashtag findet man viele Stimmen betroffener Eltern oder Elternteile. Aber auch Stimmen, die das alles verständnislos als Gejammer abtun:

Ich will dazu jetzt nichts sagen…

Ich erzähle mal, wie es mir dabei geht und was ich wie erlebe.
Ich bin die Mutter eines 9jährigen Mädchens, bin seit fast zwei Jahren getrennt lebend und arbeite 60% als Sozialpädagogin in der Betreuung.
Ich fand es schon manchmal eine Herausforderung, alles unter einen Hut zu bringen, als ich noch verheiratet war.
Ich denke, alleinerziehend zu werden, bedeutet für die betreffende Person sehr oft einen persönlichen Notstand. Es ist wohl in den meisten Fällen etwas passiert, das einem in diesem Moment den Boden unter den Füssen wegzieht. Eine Trennung (mit all den Ereignissen, die da oftmals schon vorhergegangen sind und viel Kraft kosteten) oder in einigen Fällen ein Todesfall oder eine Erkrankung. Schlimme Dinge also.

Plötzlich alleinerziehend
Und genau ab diesem Zeitpunkt ist man alleinerziehend und trägt bis zu 200% Verantwortung, obwohl man im Notstand ist und keinen Boden unter den Füssen hat. Ich zum Beispiel habe in der Zeit der Trennung nur 40% gearbeitet, weil ich plötzlich ohne Mann da stand und organisieren musste, wie es weiter gehen soll. Wo werden wir wohnen? Wieviel Unterhalt wird der Ex-Mann mir bezahlen bzw. wieviel Geld werde ich ausgeben dürften für die Wohnungsmiete usw.
Mir ging es nicht gut. Dazu hatte ich ein Kind mit grossen Verlust- und Trennungsängsten, das verweigerte, in die Schule zu gehen. Weil sie dachte, ihr Vater hätte sich von uns beiden statt nur von mir getrennt und weil sie Angst hatte, auch mich noch zu verlieren. Mit all dem musste ich also in dieser allergrössten Krise umgehen und das tat ich auch. Weinend, gestresst, verzweifelt und doch irgendwie überlegt und stark.
Ich habe verschiedene Texte darüber geschrieben, lest doch dort nach, wenn es euch interessiert.
Das war eine wahnsinnig stressige Zeit. Trennung, das Kind täglich in die Schule begleiten unter Tränen, mit Widerstand, mit grossem Widerstand, mit schreien und treten, gleichzeitig Zukunftsperspektiven schaffen, irgendwie einfach so ins Leere hinaus. Gleichzeitig war ich so dumm zu denken, die Schule des Kindes würde mich dabei unterstützen, das Kind zu stützen und ihr diese Ängste wieder zu nehmen. Mit dem Ziel, dass sie wieder unbelasteter zur Schule gehen kann. Dieser Schuss ging total nach hinten los und ich verstehe es auch zwei Jahre danach immer noch nicht.
Ich habe in dieser Zeit zusammen mit meinem Noch-Mann eine Beratungsstelle aufgesucht und auch dort wurden wir sehr unprofessionell behandelt.
Ich war und bin schockiert, wie Menschen in Not behandelt werden und das jetzt nur am Rande, aber es ist mir ein Anliegen, mich dafür einzusetzen, dass andere dies nicht so erleben müssen und das werde ich auch tun. Zukunftsvision.

Was ich mit all dem sagen will ist, dass man während und nach einer Trennung sehr viel zu leisten hat. Neben den alltäglichen Dingen, die man ja auch immer tut. Arbeiten, Haushalt, die Familie managen, erziehen usw.
Als das Kind und ich dann nach einem halben Jahr endlich ausziehen konnten – und dieser Umzug hat mir die allerletzte Kraft genommen, emotional und körperlich. Ich hätte ihn ohne meine Freunde, die an diesem Tag einfach übernommen haben, gar nicht mehr geschafft. Als sie alle am Umzugstag am Morgen kamen um zu helfen, bin ich innerlich weinend zusammen gebrochen und sie haben das alles für mich gemacht. Ich bin all meinen Helfern so unendlich dankbar dafür.

Ab diesem Zeitpunkt habe ich dann wieder mein normales Pensum gearbeitet, wieder funktioniert. Von aussen gesehen, war ja alles überstanden und es ging mir wieder gut. Und zum Teil stimmte das auch. Ich war wahnsinnig erleichtert, mit dem Kind nun in dieser wunderbaren Wohnung zu sein. Ich war extrem dankbar und sehr, sehr froh, das letzte halbe Jahr überstanden zu haben. Es war das schlimmste meines Lebens und ich habe doch auch vorher schon schwierige Dinge erlebt. Auch das Kind hat sich ein wenig erholt und ging wieder ohne Begleitung in die Schule. Das war eigentlich fast meine grösste Erleichterung.
Aber ich war alles andere als okay. Ich war mir bewusst, dass ich funktionieren musste. Innerlich war ich total verwundet, total kaputt vor Erschöpfung und einfach fix und fertig. Ich wollte und konnte mich dem nicht hingeben. Ich wusste, dass alles Zeit braucht und dass ich mich erholen werde, irgendwann.

Am Limit
Wie ich schon oft geschrieben habe, hat sich bei uns alles gut eingependelt. Es läuft gut. Ich muss aber ehrlich sagen, viel Energie habe ich nicht übrig und Zeit auch nicht. Es reicht in etwa genau aus. Für soziale Kontakte habe ich wenig Zeit. Ich glaube, das ist relativ normal. Eng wirds dann, wenn sich etwas recht spontan verändert. Wenn das Kind z.B. krank wird oder aus irgendwelchen Gründen andere Schulzeiten hat. Wenn ihr Vater sie an einem vereinbarten Tag nicht nehmen kann usw. Dann komme ich ins Schleudern. Dann wirds eng unter diesem Hut, unter den ich alles packe. Denn dann müsste ich an zwei Orten zur gleichen Zeit sein. Bei der Arbeit und hier beim Kind. Ich habe kein familiäres Umfeld, das entlasten könnte. Wenn schulische Termine, z.B. Elternabende während meiner Arbeitszeiten stattfinde, kann ich ohne Probleme frei nehmen. Ich erlebe meinen Arbeitgeber verständnisvoll. Wenn ich Termine bei der Arbeit habe während meiner Freizeit, dann frage ich eine Freundin, ob das Kind währenddessen zu ihr kann. Das klappt gut. Ich will aber nicht, dass das zuviel wird. Deswegen frage ich sowas nie, um mal wegzugehen oder etwas zu unternehmen. Das hat zur Folge, dass ich sozusagen nie weggehe. Mir fehlt es noch nicht mal, ich bin sowieso zu müde.
Wie die Frau es oben im Bild treffend beschreibt, so geht es mir auch. Ich bin eigentlich immer ganz gut ausgelastet, auch ohne Corona. Und das ist keinesfalls, weil ich schwach bin oder unfähig, sondern es ist einfach viel. Es ist halt all das, was in unserer Gesellschaft immer noch als normal angesehen wird, wenn es zwei Menschen tragen. Vater und Mutter. Wenn dies nicht der Fall ist, muss man weiterhin so funktionieren, als wäre man zwei Personen.

Nun ist dieser Corona aber hier und wirft so manches über den Haufen. Zum einen ist das Kind immer zuhause, zum andern muss es auch noch „unterrichtet“ werden, wenn man es so nennen kann. Wahrscheinlich ist es nicht korrekt. Jedenfalls muss ich es wirklich bei ihren Aufgaben für die Schule begleiten, unterstützen, erklären, motivieren, Launen aushalten usw. Ich nehme jetzt mal an, es ist für einen 3.-Klässler normal, dass er bzw. sie noch nicht mehr oder weniger selbständig zwei bis drei Stunden pro Tag für die Schule arbeiten können. Ich mache das gerne mit ihr, so ist das nicht.
Das ist dann also der Morgen. Jeden Morgen, Montag bis Freitag. Nachmittags bringe ich sie 3x pro Woche zu ihrem Vater, damit ich arbeiten gehen kann.
Die Arbeit… Ich bin dort angestellt, beziehe Lohn und den muss ich mir natürlich verdienen. Ich hatte schon als noch-nicht-Alleinerziehende immer mal wieder Angst, nicht flexibel genug zu sein. Ich bin auch tatsächlich viel weniger flexibel als ein z.B. lediger Kollege oder eine Kollegin mit bereits erwachsenen oder keinen Kindern.
Ich bin gezwungen, momentan andere Tage und andere Zeiten als gewohnt zu arbeiten, was bei mir einen Rattenschwanz an Organisation hervor ruft. Und ganz viel Stress. Ich will zu allem JA sagen, aber ich kann nicht, weil ich das Kind zu 100% zuhause habe. Änderungen betr. Abmachungen mit ihrem Papa muss ich jedesmal mit ihm absprechen und auf Goodwill hoffen. Das hat gut geklappt, zum Glück. Ich sage euch aber, das ist nicht selbstverständlich. Da kann man so unter Druck kommen! Und das kann grosse Existenzängste auslösen. Ich musste drei- oder viermal alles umplanen, weil es immer wieder Veränderungen im Arbeitsplan gab. Jedesmal Stress. Jedesmal Angst, es könnte ihm nicht gehen. Jedes verdammte Mal. Habt ihr eine Ahnung, wieviel Energie sowas verbraucht?
Bei der Arbeit wars soweit ruhig bis jetzt. Angenehm. Schöne Dienste.
Abends komme ich dann so um 21 Uhr nach Hause, das Kind ist meistens noch wach und braucht noch Zuwendung. Dann noch aufräumen, manchmal Wäsche aufhängen, manchmal die Abwaschmaschine noch fertig einräumen, bei den Meerschweinchen nach dem rechten schauen. An den meisten Abenden habe ich nicht mehr die Energie zum baden oder duschen, obwohl ich es nötig hätte. Ich plumpse ins Bett, um nach ein paar Stunden mitten in der Nacht wieder aufzuwachen und schon wieder gestresst zu sein für den nächsten Tag. Für den Haushalt habe ich jetzt in den Frühlingsferien mehr Zeit. Wieder mal richtig aufräumen und putzen. In den Wochen mit Arbeit und homeschooling kann man das vergessen, was mich zusätzlich stresst.

Ich hatte seit Wochen keine sozialen Kontakte mehr. Bzw. keine direkten. Ich telefoniere zwischendurch mit Freundinnen und bei der Arbeit bin ich telefonisch in Kontakt mit dem Team und persönlich natürlich mit den zu betreuenden Personen. Zuhause mit dem Kind. Ich beneide momentan Frauen ein wenig, die zuhause einen Mann haben, der zuhause ist oder abends nach Hause kommt und mit dem man reden kann. Irgendetwas erzählen, Ängste teilen, zuhören. Einfach so etwas. Ich habe das ja nie. Im Normalfall wird das kompensiert von meinen Kontakten, meinen Freunden und Freundinnen, die sich mit mir austauschen. Jetzt nicht. Mir fehlt das sehr.

Das Kind hatte auch seit Wochen keinen persönlichen Kontakte zu andern Kindern. Wir sind seit Wochen zuhause, oft auf der Terrasse oder mit den Fahrrad oder zu Fuss ein wenig unterwegs.
Sie macht es richtig gut, muss ich sagen. Aber ich merke in den letzten Tagen auch, wie es anfängt an ihr auch ein bisschen zu nagen. Sie ist empfindlich, braucht extrem meine Nähe und ist zum Teil echt übel gelaunt. Eine schwierige Zeit, auch für Kinder, das darf man nicht vergessen.

Corona ist ja nicht nur eine soziale Situation, sondern vor allem auch eine gesundheitliche und ist durchaus eine meiner grossen Sorgen. Ich habe tatsächlich Angst, was passieren würde, wenn ich krank würde, ins Krankenhaus müsste oder eventuell sogar sterben würde. Was wird dann aus meinem Kind? Es muss ja nicht gleich der Todesfall sein, der Krankheitsfall würde reichen. Das darf nicht passieren, auf gar keinen Fall. Aber ich habe nicht die Möglichkeit mich so zu schützen, wie ich es gerne tun würde.

Finanziell sieht es bei mir normal aus. Andere alleinerziehende Elternteile sind auch finanziell in grosser Not, was sehr, sehr belastend ist.

Das ist ein langer Text geworden und ich hoffe, er langweilt euch nicht. Ich weiss, es geht ganz vielen da draussen genau so wie mir. Es ist für alle schwierig und wir müssen das jetzt einfach durchhalten. Ich denke aber schon, dass gerade ein reiches Land wie die Schweiz auch Familien, egal ob alleinerziehend oder nicht, mehr unterstützen dürfte. Mich enttäuscht es schon recht, was da alles als ganz selbstverständlich verlangt wird, währenddem Milliarden ausgegeben wird, um die Wirtschaft zu unterstützen (was auch notwendig ist). Familien sind für die Wirtschaft auch wichtig. Und vielleicht geht es ausnahmsweise mal nicht nur ums Geld, sondern um den Menschen…. Schön wäre das.