Unsere liebsten Märchen in den Zeiten von Covid-19

Wie ist es eigentlich in den Zeiten von Corona mit den bekannstesten Märchen? Rapunzel ist ja auch 2020 noch total korrekt. Eine junge Frau in Quarantäne. Wenn nur die ältere Frau, die sie regelmässig besucht, nicht der Risikogruppe angehören würde…

Auch der Froschkönig ist nach wie vor okay, alle halten die vorgeschriebene Distanz. Wie praktisch, dass die Tische in Märchenschlössern immer so wahnsinnig lang sind. Und Frösche sind ja nicht von Covid-19 betroffen, soviel wir wissen.

Hänsel und Gretel ist total Corona-tauglich. Kinder dürfen schliesslich miteinander spielen und im Wald spazieren sowieso. Damit Hänsel der Hexe nicht zu nah kommt, streckt er ihr zum Gruss statt seine Hand einen Hähnchenknochen hin. Vorbildlich! Bravo!

1000 Jahre schlafen wie Dornröschen, so wäre die Isolation bestimmt auch gut auszuhalten. Viele, viele Prinzen haben versucht, sich anzunähern und das war wirklich nicht klug. Alle gestorben. Erst als die gefühlt tausend Jahre um waren, war die junge Prinzessin nicht mehr ansteckend und der doch recht distanzlose fremde Prinz, der sie küssend aufweckte, wurde vom Fleck weg geheiratet. Vermutlich hatte sie noch Fieber.

Und dann haben wir das arme Aschenputtel, dessen Mutter gestorben ist. Vermutlich an Corona, sie wurde aber nicht getestet. Der grosse Ball des hübschen Prinzen musste leider verschoben werden, das neue Datum ist noch unbekannt.

Die herzensgute Frau Holle wohnt allein in ihrem Häuschen. Hin und wieder nimmt sie ein Mädchen bei sich auf, das ihr helfen soll, die Decken kräftig auszuschütteln. Es ist eine Saison-Stelle. Im vergangenen Winter hatte sie diesen Job mehrfach ausgeschrieben, aber keine passende junge Frau gefunden. Momentan beschäftigt sie ein Mädchen, dass für sie einkaufen geht, die Brote aus dem Ofen nimmt, wenn sie rufen und die Äpfelchen pflückt. Ausserdem hat sie ein Backbuch „Backen ohne Trockenhefe“ geschrieben.

Also die sieben Zwerge sind wirklich ein Problem. Solch grosse Wohngemeinschaften sind momentan too much Risiko. Sie wohnen nun in einer kleinen Siedlung, jeder in einem kleinen Häuschen für sich allein. Sneezy (Hatschi) ist seit Mitte März in Isolation, man muss nicht fragen, warum. Im Schloss ist die Stimmung angespannt. Niemand darf das Haus verlassen. Der Jäger darf auch nicht arbeiten. Die Königin sieht momentan keine Möglichkeit, das verhasste Schneewittchen loszuwerden.

Ganz, ganz schwierig ist die Situation bei den Sieben Geisslein. Die alleinerziehende Mama Geiss macht jeden Morgen homeschooling mit ihren sage und schreibe sieben Kindern. Zum Einkaufen kommt sie nicht, der Wolf lauert seit Wochen vergebens hinter dem Baum neben dem kleinen Haus.

Die Bremer Stadtmusikanten müssen Kurzarbeit anmelden, da ihre Konzerte von niemandem besucht werden. Nachdem die Räuberbande im Waldhaus sooo laut Party gemacht hat (16 Personen!!! Doof???), bis die Polizei auf sie aufmerksam wurde und sie alle inhaftiert hat, wohnen die vier Tiere ungestört im Räuberhaus. Immer abends um 19 Uhr musizieren sie auf ihrer Terrasse für das Gesundheits- und Pflegepersonal.

Das Rotkäppchen darf die Grossmutter nicht besuchen. Sie telefonieren täglich. Facetime. Der Wolf hat versucht, mit dem Enkeltrick bei der Grossmutter rein zu kommen, sie hat die Tür aber nicht geöffnet.

Leider kann zur Zeit das Märchen Tischlein deck dich nicht statt finden, da es nicht klug ist, in der Welt herum zu reisen. Ausserdem sind alle Gasthäuser geschlossen. Die zwei jüngeren Söhne des Schneiders bleiben zuhause. Der älteste steckt noch in Südamerika fest und wartet darauf, einen Flug nach Hause zu bekommen.

Weil es zu trocken ist und deswegen das Feuer machen im Wald verboten ist, kann das Rumpelstilzchen nicht drum herum tanzen und singen „ach wie schön, dass niemand weiss, dass ich Rumpelstilzchen heiss“ und so fand die Königin seinen Namen nicht heraus und musste ihm ihr Kindchen geben.

Gullivers Reisen finden nicht statt.

Im Märchen Die zertanzten Schuhe schleichen sich zwölf Prinzessinnen jede Nacht aus dem Schloss, um tanzen zu gehen. Ein Nachbar hat sie beobachtet und die Polizei informiert. Jede einzelne musste 100 Franken Busse zahlen und der betreffende Clubbetreiber bekam zwei Jahre Gefängnis dafür. Das mit den zertanzen Schuhen wäre sowieso zum Problem geworden, da alle Schuhgeschäfte geschlossen sind.

Der König Drosselbart hat sein schiefes Kinn hinter seinem selbstgenähten Mundschutz versteckt, die Prinzessin hat ihn nicht ausgelacht und auch nicht geheiratet. Sie lebt unterdessen mit der Prinzessin eines benachbarten Königreiches zusammen. Die Heirat ist auf die Zeit nach Corona geplant. Es soll ein schillerndes Fest werden.

Die Bilder habe ich aus diesem wunderschön illustrierten Märchenbuch: