Schöne Worte – Noctivagant


Es gibt Menschen, die werden müde, wenn es dunkel wird. Und dann gibt es jene, die nachts plötzlich wach werden. Nicht unbedingt im wörtlichen Sinn, sondern irgendwie innerlich.
Noctivagant… Ein englisches, heute eher selten verwendetes Wort für jemanden oder etwas, das in der Nacht umherwandert.

Das Wort stammt aus dem Lateinischen. Nox beziehungsweise noctis bedeutet „Nacht“, vagari bedeutet „umherwandern“ oder „umherschweifen“.
Ein Nachtwanderer also.

Aber ich finde, das Wort klingt nach viel mehr. Nach menschenleeren Strassen, wenn in den Häusern nur noch einzelne Fenster leuchten. Nach einer Stadt um zwei Uhr morgens. Nach einem nächtlichen Spaziergang, bei dem man niemandem begegnet. Nach diesem eigenartigen Gefühl, dass die Welt nachts für ein paar Stunden eine andere geworden ist, leiser, langsamer und vielleicht sogar ein bisschen geheimnisvoller.

Tagsüber gehört die Welt allen. Es gibt Termine, Autos, Stimmen, Menschen, Erwartungen und Dinge, die erledigt werden müssen. Fast alle sind wach und viele davon sind aktiv.
Nachts fällt vieles davon weg.

Vielleicht liegt genau darin der Reiz des nächtlichen Umherwanderns. Man muss nirgendwohin, man ist einfach unterwegs.

Ich glaube, manchmal wandern wir auch im übertragenen Sinn durch die Nacht. Wenn alle anderen schlafen und wir noch wach liegen. Wenn Gedanken auftauchen, für die tagsüber kein Platz war. Wenn Erinnerungen vorbeikommen oder wir plötzlich über Dinge nachdenken, die um drei Uhr morgens sehr viel grösser erscheinen als am nächsten Nachmittag.
Auch das ist vielleicht eine Art von noctivagant.

Nicht unbedingt auf den Füssen und Beinen durch dunkle Strassen gehen, sondern mit den Gedanken durch die Nacht wandern

Ich mag dieses Wort, weil es etwas beschreibt, das gleichzeitig ein bisschen einsam und wunderschön sein kann.

Noctivagant… in der Nacht umherwandernd. Manchmal sind es eben gerade die Stunden, in denen die Welt schläft, in denen man sich selbst besonders deutlich begegnet.

Es gibt so viele schöne Worte und es braucht oftmals nur eines davon, um ein ganz bestimmtes Gefühl einzufangen.

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.