Kunigunda, 1820

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Kunigunda war siebzehn Jahre alt, als ihr Vater ihr mitteilte, dass sie heiraten würde. Es war ein Sonntag im Frühjahr 1819. Die Familie sass nach dem Kirchgang am Küchentisch, als der Vater erklärte, dass Vinzenz, ein Bauer aus dem Nachbardorf, um ihre Hand angehalten hatte. Vinzenz war 29 Jahre alt, besass einen eigenen Hof, einige Kühe, Schweine und ein gutes Stück Land. Er galt als fleissig, zuverlässig und rechtschaffen. Eine bessere Partie, so meinte ihr Vater, würde Kunigunda kaum finden.

Kunigunda kannte Vinzenz vom Sehen. Sie hatte vielleicht dreimal mit ihm gesprochen. Einmal nach der Messe, einmal an einem Markt und einmal, als er mit ihrem Vater vor dem Haus gestanden hatte. Sie wusste, dass er wenig lachte, kräftige Hände hatte und beim Sprechen selten jemanden ansah. Ob sie ihn mochte, hätte sie nicht sagen können. Sie kannte ihn ja kaum.

Ihre Mutter meinte, sie könne froh sein. Auf einem eigenen Hof würde sie es einmal gut haben. Sie müsse nicht als Magd bei fremden Leuten dienen und ihre Kinder würden genug zu essen bekommen. Kunigunda nickte. Sie hatte gelernt, dass ein Mädchen nicht widersprach, wenn die Eltern über wichtige Dinge entschieden.

Manchmal hatte sie sich vorgestellt, wie es wäre, sich zu verlieben. So wie ihre Freundin Verena, die jedes Mal rot wurde, wenn der junge Wagner an ihrem Haus vorbeiging. Aber solche Gedanken behielt Kunigunda für sich. Ihre Mutter sagte immer, Liebe sei etwas, das mit den Jahren komme. Wichtiger seien ein anständiger Mann, ein Dach über dem Kopf und genügend Brot auf dem Tisch.

Im Herbst wurde geheiratet. Kunigunda trug ihr bestes Kleid, ein dunkelblaues aus festem Stoff, das ihre Mutter für diesen Anlass geändert hatte. Ihre jüngere Schwester Magdalena, gerade fünfzehn Jahre alt, hatte ihr am Morgen die Haare geflochten. Als sie damit fertig war, betrachteten sich die beiden Mädchen einen Moment lang im kleinen Spiegel.

«Jetzt bist du bald eine richtige Bäuerin», sagte Magdalena. Kunigunda versuchte zu lächeln.

Nach der Trauung zog sie auf Vinzenzs Hof. Von nun an stand sie vor Tagesanbruch auf, machte Feuer, kochte, wusch, putzte, versorgte die Hühner und half, wo immer eine Hand gebraucht wurde. Vinzenz war kein grausamer Mann. Er schlug sie nicht, er schimpfte selten und sorgte dafür, dass es im Haus an nichts Wesentlichem fehlte. Aber er erwartete, dass seine Frau ihre Aufgaben erfüllte. So war es schliesslich auch bei seiner Mutter gewesen. Abends war Kunigunda oft so müde, dass sie kaum noch die Augen offen halten konnte.

Manchmal vermisste sie Magdalena. Die beiden hatten früher zusammen in einem Bett geschlafen, sich Geschichten erzählt und unter der Decke gekichert, wenn die Eltern längst Ruhe verlangt hatten. Jetzt sahen sie sich nur noch gelegentlich nach der Messe.

Im Winter bemerkte Kunigunda, dass ihre Monatsblutung ausblieb. Ihre Schwiegermutter freute sich sehr über die Nachricht. Ein Kind, möglichst ein Sohn, gehörte zu einem richtigen Bauernhof. Vinzenz nickte zufrieden, als Kunigunda es ihm erzählte. Sie selbst wusste nicht recht, was sie fühlen sollte. Einerseits freute sie sich auf das Kind, andererseits hatte sie Angst vor der Geburt. Sie hatte schon von Frauen gehört, die tagelang in den Wehen gelegen hatten und von solchen, die danach nie mehr aufgestanden waren.

Ihre Mutter beruhigte sie. Frauen bekämen seit Anbeginn der Welt Kinder. Sie solle nicht so viel nachdenken.

Im Sommer 1820 war Kunigunda achtzehn Jahre alt und hochschwanger. Die letzten Wochen fielen ihr schwer. Ihre Füsse schwollen an, ihr Rücken schmerzte, und manchmal musste sie sich beim Arbeiten setzen, weil ihr schwindlig wurde. Dennoch versuchte sie, ihre Aufgaben weiterhin zu erledigen. Schliesslich war die Erntezeit angebrochen, und auf dem Hof gab es viel zu tun.

An einem warmen Augustmorgen setzten die Wehen ein. Vinzenz schickte einen Knecht los, um die Hebamme zu holen. Die Schwiegermutter brachte frisches Wasser, legte saubere Leinentücher bereit und schickte die Männer aus der Stube. Kunigunda hatte grosse Schmerzen. Sie schwitzte, weinte und klammerte sich an die Bettkante. Die Hebamme sprach ihr gut zu und versicherte ihr, dass alles seinen Gang nehme.

Die Stunden vergingen. Am späten Nachmittag brachte Kunigunda ein kleines Mädchen zur Welt. Es schrie sofort, als die Hebamme es hochnahm. Ein kräftiges, gesundes Kind mit dunklen Haaren und winzigen, fest geschlossenen Fäusten.

«Ein Mädchen» sagte die Hebamme. Kunigunda lächelte erschöpft. Sie streckte die Arme aus, und für einen kurzen Augenblick legte man ihr das Kind auf die Brust. «Anna Maria» flüsterte sie. So hatten Vinzenz und sie es vereinbart, falls es ein Mädchen würde.

Doch kurz darauf bemerkte die Hebamme, dass Kunigunda ungewöhnlich stark blutete. Zuerst versuchte sie, die Blutung mit den ihr bekannten Mitteln zu stillen. Sie drückte auf Kunigundas Bauch, gab Anweisungen und liess weitere Tücher bringen. Aber das Blut floss weiter. Kunigunda wurde blass. Ihre Lippen verloren ihre Farbe und ihre Hände wurden kalt.

Man schickte nach einem Arzt. Doch bis dieser eintraf, verging wertvolle Zeit. Kunigunda fragte mehrmals nach ihrem Kind. Die Hebamme versicherte ihr, dass es dem Mädchen gut gehe. Gegen Abend wurde Kunigunda immer schwächer.

Sie war achtzehn Jahre alt, seit nicht einmal einem Jahr verheiratet und seit wenigen Stunden Mutter. Noch bevor die Nacht hereinbrach, starb sie. Anna Maria lag währenddessen in einer kleinen Wiege neben dem Ofen und schlief.

Vinzenz stand lange neben dem Bett seiner Frau. Er wusste nicht, was er sagen oder tun sollte. Am Morgen hatte er noch eine lebende Ehefrau gehabt. Nun hatte er eine tote Frau und ein neugeborenes Kind, das bald hungrig aufwachen würde.

Seine Schwägerin Elisabeth, die Frau seines Bruders, wurde geholt. Sie lebte auf einem Hof ganz in der Nähe und hatte vor sechs Wochen selbst einen Sohn geboren. Als sie ankam, nahm sie Anna Maria auf den Arm. Das Mädchen begann zu suchen, öffnete den kleinen Mund und drehte den Kopf hin und her. Elisabeth setzte sich auf die Bank beim Ofen, öffnete ihr Mieder und legte das Kind an ihre Brust. Anna Maria begann zu trinken.

In den folgenden Wochen stillte Elisabeth neben ihrem eigenen Sohn auch das kleine Mädchen. Mehrmals täglich wurde Anna Maria zu ihr gebracht, manchmal kam Elisabeth selbst auf den Hof. Es war mühsam, denn sie hatte ihren eigenen Haushalt und ihr eigenes Kind zu versorgen. Aber niemand wusste eine bessere Lösung.

Kunigunda wurde wenige Tage nach ihrem Tod auf dem Friedhof begraben. Die Kirchenglocken läuteten, der Pfarrer sprach die Gebete, und die Familie stand schweigend am Grab. Magdalena weinte so sehr, dass ihre Mutter sie am Arm festhalten musste. Sie konnte nicht begreifen, dass ihre grosse Schwester nicht mehr da war. Noch vor wenigen Wochen hatten sie miteinander gesprochen. Kunigunda hatte ihr erzählt, dass sie sich auf das Kind freue, aber auch Angst habe. Magdalena hatte versprochen, nach der Geburt zu Besuch zu kommen und ihr beim Wickeln zu helfen. Nun war sie gekommen, aber Kunigunda war nicht mehr da.

Nach der Beerdigung blieb Magdalena auf dem Hof. Zuerst sollte es nur für einige Wochen sein. Jemand musste sich um das Kind kümmern, die Wäsche waschen, kochen und den Haushalt führen. Vinzenzs Mutter war nicht mehr jung und Elisabeth hatte mit ihren beiden Stillkindern bereits genug zu tun.

Magdalena war inzwischen sechzehn Jahre alt. Sie schlief in der kleinen Kammer, in der früher eine Magd gewohnt hatte. Nachts stand sie auf, wenn Anna Maria weinte, wickelte sie und trug sie herum, bis sie sich beruhigte. Tagsüber half sie im Haus und auf dem Hof.

Manchmal hielt sie das Mädchen ganz fest an sich gedrückt und betrachtete sein Gesicht. Anna Maria hatte Kunigundas dunkle Augen.

«Du siehst aus wie deine Mutter» flüsterte Magdalena dann.

Die Monate vergingen. Aus dem winzigen Säugling wurde ein aufgewecktes kleines Mädchen. Anna Maria lachte, wenn Magdalena mit ihr sprach, griff nach ihren Haaren und schlief am liebsten auf ihrem Arm ein.

Vinzenz gewöhnte sich daran, dass Magdalena im Haus war. Sie arbeitete fleissig, konnte gut kochen und ging liebevoll mit seiner Tochter um. Die Nachbarn lobten sie. Seine Mutter meinte, das Mädchen sei eine tüchtige Hilfe und beinahe schon eine richtige Bäuerin.

Eines Abends, als Anna Maria längst schlief, sprach Vinzenz mit Magdalenas Vater. Es wäre doch vernünftig, meinte er, wenn Magdalena ganz auf dem Hof bliebe. Das Kind kenne sie, der Haushalt sei versorgt, und sie wisse inzwischen, wie alles funktioniere. Magdalenas Vater fand den Gedanken gut.

Natürlich gab es ein Hindernis. Vinzenz war mit Kunigunda verheiratet gewesen und die katholische Kirche erlaubte eine Ehe mit der Schwester der verstorbenen Frau nicht ohne besondere Bewilligung. Man würde beim Pfarrer vorsprechen und versuchen müssen, eine Dispens zu erhalten. Aber grundsätzlich, so waren sich die beiden Männer einig, wäre es eine gute Lösung.

Magdalena erfuhr erst später davon.

Ihre Mutter erklärte ihr, dass Vinzenz sie heiraten wolle. Sie könne froh sein. Ein eigener Hof, ein rechtschaffener Mann und ein Kind, das sie bereits liebe. Was wolle sie mehr?

Magdalena schwieg. Sie dachte an Kunigunda. An den Herbstmorgen, als sie ihrer Schwester die Haare geflochten hatte. An das dunkelblaue Kleid. An den Versuch zu lächeln, obwohl Kunigunda so traurig ausgesehen hatte.

Sie dachte daran, dass sie selbst noch nie verliebt gewesen war. Dass sie gerne noch ein wenig zu Hause geblieben wäre. Dass sie manchmal davon träumte, einmal etwas anderes zu sehen als die Felder, die Kirche und die wenigen Häuser ihres Dorfes. Aber sie dachte auch an Anna Maria. Wer würde sich um das Mädchen kümmern, wenn sie fortging? Und so nickte Magdalena schliesslich.

Als die kirchliche Bewilligung nach einiger Zeit erteilt wurde, bereitete man die Hochzeit vor.

Magdalena war siebzehn Jahre alt.

Am Morgen der Trauung sass sie in derselben Stube, in der Kunigunda einst gesessen hatte. Ihre Mutter half ihr beim Anziehen. Das Hochzeitskleid war schlicht, denn für grosse Ausgaben gab es keinen Grund. Schliesslich war Vinzenz Witwer, und niemand erwartete ein rauschendes Fest.

Anna Maria, inzwischen etwas mehr als ein Jahr alt, sass auf dem Boden und spielte mit einem Holzlöffel. Magdalena hob sie hoch und küsste sie auf die Stirn.

Dann betrachtete sie sich im kleinen Spiegel. Sie erinnerte sich daran, wie sie vor zwei Jahren hinter Kunigunda gestanden und ihr die Haare geflochten hatte. Damals hatte sie gesagt: «Jetzt bist du bald eine richtige Bäuerin.»

Heute sagte niemand etwas.

Wenig später ging Magdalena mit Vinzenz zur Kirche. Sie heiratete den Mann ihrer verstorbenen Schwester, zog in das Haus, in dem Kunigunda gelebt hatte, schlief in ihrem Bett und wurde die neue Mutter ihrer Tochter.

Vielleicht war sie eines Tages glücklich. Vielleicht lernte sie Vinzenz lieben. Vielleicht bekam sie selbst Kinder und führte noch viele Jahre ein gutes Leben. Wir wissen es nicht.

Aber eines wissen wir: Für junge Frauen wie Kunigunda und Magdalena war eine Heirat damals häufig weniger eine Frage der Liebe als der wirtschaftlichen Sicherheit, der familiären Erwartungen und der Pflichten, die ihnen zugedacht waren.

Kunigunda wurde achtzehn Jahre alt. Sie war kaum ein Jahr verheiratet gewesen und hatte ihr Kind nur wenige Augenblicke im Arm halten dürfen. Als sie starb, blieb ihr Platz nicht lange leer.

Es gab einen Hof, der bewirtschaftet werden musste. Ein Kind, das eine Mutter brauchte. Einen Mann, der eine Frau benötigte. Und eine jüngere Schwester, die all das übernehmen konnte.

Vielleicht hätte Kunigunda ihrer Schwester ein anderes Leben gewünscht, aber niemand fragte sie mehr. Und Magdalena fragte man ja sicher auch nicht…

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● About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.