Schöne Worte – Akai Ito 

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Es gibt Menschen, denen begegnen wir und haben sofort das Gefühl, sie schon ewig zu kennen. Menschen, die plötzlich in unser Leben treten, manchmal völlig unerwartet, und die etwas in uns berühren. Vielleicht bleiben sie für länger, vielleicht begleiten sie uns nur ein Stück unseres Weges. Aber irgendetwas an dieser Begegnung fühlt sich besonders an. Vertraut.

In Japan gibt es dafür eine wunderschöne Vorstellung: Akai Ito, der rote Faden des Schicksals.
Einer alten Legende zufolge sind zwei Menschen, die füreinander bestimmt sind, durch einen unsichtbaren roten Faden miteinander verbunden. Ganz gleich, wie weit sie voneinander entfernt leben, welche Wege sie einschlagen oder wie viele Jahre vergehen: Irgendwann werden sich ihre Wege kreuzen.

Der Faden kann sich dehnen. Er kann sich verheddern, verknoten und manchmal so gespannt sein, dass man meinen könnte, er müsse jeden Augenblick zerreissen. Doch der Legende nach reisst er niemals.

Die Vorstellung stammt ursprünglich aus China und wurde später auch in Japan bekannt. In der chinesischen Überlieferung verbindet ein roter Faden die Menschen, deren Schicksale miteinander verknüpft sind. Eine wichtige Figur dieser Erzählungen ist Yue Lao, ein alter Mann, der unter dem Mond die Fäden zukünftiger Ehepaare miteinander verbindet.

In Japan wird dieser unsichtbare Faden häufig am kleinen Finger dargestellt. Dort ist er mit dem kleinen Finger eines anderen Menschen verbunden, irgendwo auf dieser Welt.

Wie schön ist das denn?
Die Vorstellung, dass irgendwo ein Mensch lebt bzw. das sind ja dann viele Menschen, mit denen wir verbunden sind, ohne dass wir davon wissen. Vielleicht sind wir einigen oder einem von ihnen schon einmal begegnet, sassen vielleicht im selben Zug, sind aneinander vorbeigelaufen oder haben zur gleichen Zeit denselben Sonnenuntergang betrachtet.
Es kann sein, dass es noch Jahre dauert, bis sich unsere Wege wirklich kreuzen.

Natürlich ist Akai Ito eine Legende. Es gibt keinen wissenschaftlichen Hinweis darauf, dass unsichtbare Fäden Menschen miteinander verbinden oder dass bestimmte Begegnungen vorherbestimmt sind. Aber vielleicht muss man auch nicht alles wörtlich nehmen, um darin etwas Schönes zu entdecken.
Es gibt Menschen, die glauben an solche Verbindungen, geführt vom Schicksal. Andere tun es nicht.

Wenn wir auf unser Leben zurückblicken, gibt es tatsächlich Begegnungen, die beinahe unwahrscheinlich erscheinen. Eine winzige Entscheidung, ein verpasster Zug, eine zufällige Einladung, ein Gespräch, das eigentlich gar nicht hätte stattfinden sollen. Und plötzlich ist da ein Mensch, ohne den wir uns unser Leben irgendwann nicht mehr vorstellen können.

Es sind interessante Gedanken… Wären wir fünf Minuten früher gegangen, hätten wir ihn vielleicht niemals oder noch nicht kennengelernt. Hätten wir den früheren Zug erwischt, wären wir uns schon heute begegnet… Wäre ich nicht ins Kino gegangen, wären wir uns nicht begegnet…

Manchmal frage ich mich, wie viele solcher Begegnungen wir wohl verpassen. Wie viele Menschen uns etwas hätten bedeuten können, wenn wir nur an einem anderen Tag an einem anderen Ort gewesen wären. Oder zwei Minuten früher oder später…
Und dann frage ich mich, ob nicht gerade darin die eigentliche Schönheit dieser Legende liegt.
Es geht ja gar nicht darum, dass irgendwo ein Mensch auf uns wartet, der von Anfang an für uns bestimmt war. Vielleicht geht es vielmehr um die unsichtbaren Verbindungen, die zwischen Menschen entstehen. Um Nähe, Vertrauen, Freundschaft, Verbundenheit, Liebe und all die kleinen Zufälle, aus denen irgendwann eine gemeinsame Geschichte wird.

Ich mag auch den Gedanken, dass ein Faden sich verknoten darf. Dass nicht jede Verbindung einfach ist. Dass Menschen sich manchmal verlieren, sich voneinander entfernen oder jahrelang nichts voneinander hören. Sich immer wieder fast kreuzen, sich immer wieder fast begegnen und dann aus irgendwelchen Gründen oder einfach, weil die Zeit noch nicht reif ist, aneinander vorbei laufen. Und eigentlich schon auch, was für ein Glück es eigentlich doch ist, Menschen zu begegnen, mit denen man sich schwupps mega verbunden fühlt.

Allerdings hat diese Vorstellung vom schicksalshaften Verbunden-Sein auch ihre Grenzen. Nicht jede Beziehung, die schwierig ist, muss deshalb aufrecht erhalten werden. Nicht jeder Mensch, den wir lieben, ist gut für uns. Und manchmal besteht das Glück gerade darin, einen Menschen loszulassen, statt auf eine schicksalhafte Verbindung zu vertrauen. Ich glaube, nichts ist für immer…

Vielleicht sind es also nicht die Fäden des Schicksals, die niemals reissen, sondern die Spuren, die manche Menschen in unserem Leben hinterlassen.

Ich finde, Akai Ito ist ein wunderschönes Bild für etwas, das wir alle kennen und doch kaum erklären können. Dieses Gefühl, dass manche Begegnungen mehr sind als ein gewöhnlicher Zufall. Vielleicht ist irgendwo da draussen tatsächlich ein unsichtbarer roter Faden, der uns immer wieder zur richtigen Zeit zu den richten Menschen führt.

Akai Ito. Zwei kleine Worte für die grosse Hoffnung, dass manche Menschen einander finden.

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● About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.