Der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch


Ich möchte dir heute eines der rätselhaftesten Gemälde der Welt vorstellen. Es trägt den Namen „Der Garten der Lüste“ und wurde vermutlich zwischen 1490 und 1500 vom niederländischen Maler Hieronymus Bosch geschaffen.
Das Werk ist ein sogenanntes Triptychon, also ein dreiteiliges Gemälde mit zwei aufklappbaren Seitenflügeln. Geöffnet ist es rund 2,20 Meter hoch und fast 3,90 Meter öbreit – also fast so breit wie ein kleines Zimmer. Heute befindet es sich im Museo del Prado in Madrid. (Museo Nacional del Prado)

Hieronymus Bosch lebte ungefähr von 1450 bis 1516 im heutigen Holland. Über sein Leben weiss man erstaunlich wenig. Umso berühmter wurden seine Gemälde. Während andere Künstler seiner Zeit vor allem Heilige, Könige oder alltägliche Szenen malten, erschuf Bosch eine Welt voller rätselhafter Wesen, riesiger Früchte, seltsamer Tiere und Bilder, die selbst heute noch surreal wirken.
Bis heute rätseln Kunsthistoriker darüber, was viele seiner Figuren und Symbole bedeuten. Genau das macht Bosch so faszinierend. Seine Bilder geben keine einfachen Antworten, sonder fordern uns auf, genauer hinzuschauen.

Und genau das machen wir jetzt:

Von aussen, also mit geschlossenen Flügeln sah das Triptychon so aus:

Bevor wir das berühmte Innere des Gemäldes betrachten, lohnt sich ein Blick auf die Aussenseite. Denn auch sie erzählt bereits eine Geschichte.

Im geschlossenen Zustand wirkt das Triptychon überraschend schlicht. Statt der leuchtenden Farben im Inneren sieht man eine fast graue Welt, eingefasst in eine durchsichtige Kugel.

Die meisten Kunsthistoriker gehen davon aus, dass Hieronymus Bosch hier den dritten Tag der Schöpfung dargestellt hat. Nach der biblischen Erzählung trennte Gott an diesem Tag das Wasser vom Land und liess die ersten Pflanzen wachsen. Ganz oben ist in lateinischer Sprache ein Bibelvers zu lesen, der sinngemäss sagt: «Er sprach – und es geschah. Er befahl – und es stand da.» Das spricht deutlich für die Darstellung der Schöpfung.

Es gibt allerdings auch andere Deutungen. Einige Forschende vermuten, dass die fast vollständig von Wasser bedeckte Welt an die Sintflut erinnern könnte. Würde man das geschlossene Bild nämlich als Abschluss des gesamten Triptychons betrachten, könnte es den Gedanken eines Neuanfangs nach der Zerstörung der Welt symbolisieren.

Wenn man genau hinschaut, entdeckt man links oben sogar eine kleine Darstellung Gottes. Er steht ausserhalb der Weltkugel und blickt auf seine Schöpfung. Zusammen mit der lateinischen Inschrift spricht vieles dafür, dass Bosch hier den Moment der Erschaffung der Welt zeigen wollte.

Ganz sicher weiss man es bis heute nicht. Die meisten Fachleute halten jedoch die Darstellung der Schöpfung für die wahrscheinlichste Erklärung.

Die linke Bildtafel zeigt den Garten Eden

Im Mittelpunkt steht eine ruhige Szene. Gott stellt Eva gerade Adam vor. Adam sitzt auf dem Boden und blickt sie aufmerksam an, fast so, als könne er den Blick nicht von ihr abwenden. Gott hebt dabei seine rechte Hand zum Segen. Spannend ist, dass diese Geste oft mit Jesus Christus verbunden wird. Deshalb vermuten einige Kunsthistoriker, dass Bosch hier bewusst Christus als Schöpfer dargestellt haben könnte. Sicher weiss man das allerdings nicht.

Doch je länger man das Bild betrachtet, desto seltsamer wird das Paradies. Überall entdeckt man Tiere und Wesen, die es in der Natur oder zumindest in der Natur, so wie wir sie kennen, gar nicht gibt. Manche erinnern an Fische mit Flügeln, andere an Mischwesen aus verschiedenen Tieren. Dazwischen stehen Elefanten, eine Giraffe, ein Einhorn und viele weitere Tiere. Einige wirken friedlich, andere tragen bereits ihre Beute im Maul.

Mitten im Bild erhebt sich ein rosafarbenes, fast märchenhaftes Bauwerk, das häufig als Lebensbrunnen gedeutet wird. Dahinter ragen geheimnisvolle Felsen und bizarre Formen in den Himmel. Je länger man hinsieht, desto mehr ungewöhnliche Details entdeckt man.

Trotz all dieser Rätsel wirkt die erste Bildtafel ruhig. Noch gibt es keinen Sündenfall und keine Vertreibung aus dem Paradies. Und doch scheinen einige kleine Details bereits anzudeuten, dass diese heile Welt nicht für immer bestehen wird.

Die mittlere Bildtafel zeigt den Garten der irdischen Freuden

Auf den ersten Blick wirkt alles fröhlich und unbeschwert. Hunderte nackte Menschen tummeln sich in einer märchenhaften Landschaft. Sie essen riesige Erdbeeren und Kirschen, reiten auf Pferden, Einhörnern und anderen Tieren, baden in Seen oder scheinen miteinander zu spielen. Manche füttern sich gegenseitig, andere umarmen oder küssen sich. Überall herrscht Bewegung.

Doch je länger man das Bild betrachtet, desto rätselhafter wird es.

Zwischen den Menschen entdeckt man riesige Vögel, seltsame Mischwesen, durchsichtige Kugeln mit Menschen darin und geheimnisvolle rosafarbene Bauwerke, die wie aus einer anderen Welt wirken. Immer wieder tauchen Symbole auf, deren Bedeutung bis heute nicht eindeutig geklärt ist.

Viele Kunsthistoriker glauben, dass sich hier alles um Lust, Fruchtbarkeit und die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens dreht. Die übergrossen Früchte könnten für die Verlockungen des Lebens stehen – schön, süss und verführerisch, aber nur von kurzer Dauer. Auch die zerbrechlichen Glaskugeln werden oft als Symbol dafür gedeutet, wie vergänglich Glück sein kann.

Auffällig ist auch der kreisförmige Teich in der Bildmitte. Darin baden Frauen, während Männer auf den unterschiedlichsten Tieren um sie herumreiten. Ob Bosch damit etwas Bestimmtes ausdrücken wollte oder ob auch diese Szene bewusst rätselhaft bleiben soll, weiss bis heute niemand.

Diese Bildtafel wirkt zunächst wie ein Paradies voller Freude und Freiheit. Doch viele Fachleute sehen darin ein falsches Paradies. Eine Welt, in der die Menschen ganz ihren Begierden folgen und Gott keine Rolle mehr spielt. Vielleicht wollte Bosch damit zeigen, wie schnell Genuss und Masslosigkeit den Menschen auf einen gefährlichen Weg führen können.

Und genau dieser Weg führt uns auf die rechte Bildtafel.

Die rechte Bildtafel zeigt die Hölle

Was auf der mittleren Tafel noch wie ein ausgelassenes Fest wirkte, hat sich nun vollkommen verändert. Die Farben sind dunkel, Feuer erhellt den Himmel und überall scheinen Chaos, Angst und Schmerz zu herrschen.

Die Menschen, die zuvor ihren Vergnügungen nachgingen, sind nun selbst Teil ihrer Strafe geworden.

Je länger man das Bild betrachtet, desto verstörender wird es. Überall entdeckt man bizarre Mischwesen aus Menschen, Tieren und Fantasiegestalten. Musikinstrumente, die eigentlich Freude bereiten sollten, werden zu Folterwerkzeugen. Riesige Vögel verschlingen Menschen, andere werden gejagt, gefesselt oder gequält.

Zu den bekanntesten Figuren gehört der sogenannte Baummensch. Viele vermuten, dass Bosch sich darin selbst dargestellt haben könnte. Ganz sicher weiss man das allerdings nicht. Bis heute gibt diese geheimnisvolle Gestalt Kunsthistorikern Rätsel auf.

Auch ein Schwein mit einer Nonnenhaube, ein vogelähnliches Monster auf einem goldenen Thron und unzählige weitere groteske Szenen ziehen den Blick immer wieder an. Man entdeckt ständig neue Details – und viele davon sind ebenso verstörend wie rätselhaft.

Viele Fachleute sehen in dieser Bildtafel Hinweise auf die sieben Todsünden. Völlerei, Habgier, Eitelkeit und andere menschliche Schwächen scheinen hier ihre Konsequenzen zu haben. Ob Bosch tatsächlich jede einzelne Szene genau so gemeint hat, lässt sich heute jedoch nicht sagen.

Gerade das macht dieses Gemälde bis heute so faszinierend. Es erzählt keine einfache Geschichte. Jede:r entdeckt andere Details und findet seine eigene Interpretation.
Ich finde es wirklich aussergewöhnlich. Es kommt mir fast wie ein uraltes, sehr verstörendes Wimmelbild vor.

Ein geheimnisvolles Bild. Obwohl das Gemälde vor über 500 Jahren entstand, beschäftigt es die Menschen bis heute und wirft noch immer Fragen auf, auf die niemand eine endgültige Antwort kennt.

Genialität und totale Irre sind oft nahe beieinander…

2 Antworten zu „Der Garten der Lüste von Hieronymus Bosch“

  1. Ja, das wäre interessant zu wissen. Da staunt man wirklich manchmal sehr.

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  2. Das wirft bei mir oft unweigerlich die Frage auf, wie weitsichtig viele Künstler der damaligen Zeit schon waren. Sowohl Maler, als auch Schriftsteller hatten ein Gespür für das Leben und die Welt, das von großem Tiefsinn geprägt war.

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Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.