Whitby Abbey – die Ruine über dem Meer


Es gibt Orte, die wirken, als wären sie eigens als Kulisse für eine düstere Geschichte geschaffen worden. Whitby Abbey ist für mich zum Beispiel so ein Ort. Ich war vor vielen Jahren, auf der Heimfahrt von einer Hochzeit mal dort, kann mich aber nur noch knapp erinnern.

Hoch über der kleinen Küstenstadt Whitby in North Yorkshire stehen die gewaltigen Ruinen einer alten Abtei. Dahinter der Himmel, darunter die Nordsee und wenn Nebel vom Meer heraufzieht, kann ich mir kaum einen passenderen Ort für Geistergeschichten, Legenden und Vampire vorstellen. (Als ich im Internet auf der Suche nach Infos und Bildern war, war ich wirklich entzückt darüber, wie schön diese Abbey aussieht. Und jaaaa, entzückt ist glaubs schon das passende Wort, mir ist jedenfalls kein passenderes eingefallen.)

Und tatsächlich hat Whitby Abbey mit einem der berühmtesten Vampire der Literaturgeschichte zu tun. Aber dazu später.

Die Geschichte dieses Ortes beginnt lange vor den heutigen Ruinen. Bereits um 657 wurde hier ein Kloster gegründet. Eine der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner frühen Geschichte war Hilda von Whitby, die als Äbtissin eine aussergewöhnlich einflussreiche Frau ihrer Zeit war.
Das damalige Kloster war übrigens eine sogenannte Doppelabtei. Dort lebten sowohl Männer als auch Frauen in getrennten Gemeinschaften, standen aber gemeinsam unter der Leitung der Äbtissin.

Im Jahr 664 fand hier die berühmte Synode von Whitby statt. Da wurde unter anderem darüber gestritten, nach welcher Tradition das Datum des Osterfestes berechnet werden sollte. Am Ende entschied sich König Oswiu von Northumbria für die römische Tradition – eine Entscheidung mit grosser Bedeutung für die weitere Entwicklung der englischen Kirche.

Das erste Kloster bestand allerdings nicht für immer. Im 9. Jahrhundert wurde die Gegend von Wikingern heimgesucht, und das Kloster wurde aufgegeben.
Erst nach der normannischen Eroberung Englands entstand an diesem Ort wieder eine Klostergemeinschaft. Ab dem späten 11. Jahrhundert entwickelte sich hier eine Benediktinerabtei.

Die beeindruckenden Ruinen, die wir heute sehen, stammen hauptsächlich von der grossen gotischen Kirche, deren Bau im 13. Jahrhundert begann und sich über Generationen hinzog. Und sie muss einmal gewaltig gewesen sein.
Wenn man heute die hohen Fensterbögen und die riesigen steinernen Mauern sieht, braucht es gar nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie eindrucksvoll dieses Gebäude gewesen sein muss, als noch ein Dach darüber lag und Mönche durch die Kirche gingen.

Dann kam Heinrich VIII. Ihr erinnert euch vielleicht an, ihn, weil er natürlich recht bekannt war und ist und auch wegen seiner Ehefrauen… Divorced, beheaded, died. Divorced, beheaded, survived
Zwischen 1536 und 1540 liess der englische König die Klöster seines Landes auflösen und deren Besitz einziehen. Auch Whitby Abbey wurde 1539 geschlossen.
Gebäude wurden teilweise abgetragen, Steine anderweitig verwendet, und über die folgenden Jahrhunderte verfiel die ehemalige Abteikirche immer weiter. Was übrig blieb, ist genau jene eindrucksvolle Ruine, die heute über Whitby steht.

Doch die Geschichte war damit noch nicht zu Ende, denn Jahrhunderte später kam ein Mann nach Whitby, der diesen Ort auf eine ganz andere Art berühmt machen sollte: Bram Stoker.

Der irische Schriftsteller verbrachte 1890 einige Zeit in Whitby. Er spazierte durch die Stadt, sah die Abbey hoch oben auf der Klippe, besuchte die Bibliothek und stiess dort unter anderem auf den Namen Dracula.

Einige Jahre später, 1897, erschien dann sein Roman Dracula und Whitby bekam darin eine ganz besondere Rolle.

Im Roman erreicht Dracula England mit dem Schiff Demeter, das während eines gewaltigen Sturms vor Whitby strandet. Eine grosse schwarze hundeähnliche Gestalt springt vom Schiff und verschwindet die Klippen hinauf. Wer Dracula kennt, weiss natürlich, wer da gerade englischen Boden betreten hat.

Auch die Landschaft von Whitby floss in die Geschichte ein: der Hafen, die Klippen, der Friedhof bei St Mary’s Church und die düstere Abbey darüber. Und dann sind da noch die berühmten 199 Stufen. Sie führen von der Stadt hinauf zur St Mary’s Church auf dem East Cliff. Wer weitergeht, erreicht auch die Abbey.

Schon seit Jahrhunderten steigen Menschen diese Treppen hinauf. Früher führten sie unter anderem Kirchgänger und Trauerzüge nach oben. Heute steigen vor allem Besucherinnen und Besucher hinauf.
Viele hinterfragen wohl irgendwann unterwegs ihre Entscheidung, diese 199 Stufen hinaufzusteigen. Oben angekommen, muss die Aussicht unglaublich sein. Die Stadt unter einem. Die Nordsee vor einem. Und hinter einem die Ruinen einer Abtei, deren Geschichte fast 1400 Jahre zurückreicht.
Solche Orte faszinieren mich immer wieder aufs Neue und wenn ich dort bin, spüre ich ganz viel von all dem, was sie erlebt und gesehen haben. Oder ich bilde mir ein, es zu spüren. Wer weiss das schon so genau…

Was mich besonders interessiert und auch fasziniert, sind die vielen verschiedenen Leben und Geschichten, die dort irgendwie übereinanderliegen. Eine mächtige Äbtissin im 7. Jahrhundert. Mönche. Wikinger. Mittelalterliche Steinmetze, die an einer riesigen Kirche arbeiteten, deren Fertigstellung sie vielleicht selbst nie erlebten. Heinrich VIII. und die Auflösung der Klöster. Jahrhunderte des Verfalls. Und schliesslich ein irischer Schriftsteller, der Ende des 19. Jahrhunderts durch Whitby spazierte und sich von diesem Ort zu einer Geschichte inspirieren liess, die wir bis heute kennen.
Wie sie erbaut worden ist, kann man sich ja gar nicht vorstellen…

Whitby Abbey… Eine Ruine hoch über der Nordsee. Ein Ort voller Geschichte.

Und irgendwie finde ich es wunderschön, dass ausgerechnet ein Gebäude, das seit Jahrhunderten kein Dach mehr besitzt, noch immer so viel Fantasie und Faszination auslösen kann. Vielleicht sind Ruinen gerade deshalb so interessant und spanend. Sie erzählen uns nicht mehr die ganze Geschichte. Sie lassen genug fehlen, damit wir uns den Rest selbst vorstellen können… Ich liebe das!!!

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About Me

Mein Name ist Andrea und ich bin die Frau hinter den Worten und Gedanken in diesem Blog.
Alleinerziehende Mama eines Kindes im Autismus Spektrum, Sozialpädagogin und eine Frau, die sich Gedanken macht und beim Schreiben ihren Akku lädt.