
Es gibt Begriffe, von denen denke ich, dass sie mega wichtig sind und dass dennoch ganz viele sie glaubs nicht kennen. So geht es mir auch zB mit der Ambiguitätstoleranz.
Zugegeben, besonders hübsch klingt das Wort zunächst nicht. Es ist lang, etwas sperrig und man muss beim ersten Mal vielleicht sogar zweimal hinschauen.
Aber seine Bedeutung gefällt mir sehr.
Das Wort Ambiguität bedeutet Mehrdeutigkeit oder Doppeldeutigkeit. Es geht zurück auf das lateinische ambiguitas. Das dazugehörige lateinische ambigere bedeutet unter anderem zweifeln oder unschlüssig sein.
Toleranz wiederum kommt vom lateinischen tolerare – etwas ertragen oder aushalten.
Zusammengesetzt bedeutet Ambiguitätstoleranz also ungefähr: Die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit, Unsicherheit und Widersprüche auszuhalten.
In der Psychologie und Soziologie bezeichnet der Begriff die Fähigkeit eines Menschen, widersprüchliche oder ungewisse Situationen zu akzeptieren, ohne sie sofort als Bedrohung zu empfinden.
Und ich finde, damit wird das Wort plötzlich ziemlich spannend.
Wir Menschen mögen Eindeutigkeit. Wir möchten gerne wissen, was richtig und was falsch ist. Wer recht hat und wer nicht. Ob etwas gut oder schlecht ist. Ob jemand für oder gegen etwas ist.
Nur funktioniert das Leben leider selten so. Man kann einen Menschen lieben und trotzdem unglaublich wütend auf ihn sein. Man kann eine Entscheidung treffen und trotzdem daran zweifeln. Man kann verstehen, warum jemand etwas getan hat, und sein Verhalten trotzdem falsch finden.
Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und hinterher vollkommen unterschiedlich davon erzählen, ohne dass einer von beiden lügt.
Und manchmal gibt es auf eine Frage schlicht keine eindeutige Antwort.
Ambiguitätstoleranz bedeutet, dieses „Dazwischen“ aushalten zu können.
In der Psychologie ist der Begriff besonders mit der österreichisch-amerikanischen Psychologin Else Frenkel-Brunswik verbunden. Sie beschäftigte sich Mitte des 20. Jahrhunderts intensiv damit, wie Menschen auf Mehrdeutigkeit und Unsicherheit reagieren. Ihre Forschungen standen auch im Zusammenhang mit den Untersuchungen zur sogenannten autoritären Persönlichkeit.
Dabei zeigte sich ein spannender Gedanke: Manche Menschen können Unsicherheit und Widersprüche besser stehen lassen als andere.
Wer Mehrdeutigkeit schlecht aushält, neigt eher dazu, Dinge möglichst schnell einzuordnen: richtig oder falsch, gut oder böse, Freund oder Feind.
Ambiguitätstoleranz dagegen lässt Raum für ein Vielleicht, ein Ich weiss es nicht oder sogar für ein Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Ich glaube, genau deshalb ist dieses sperrige Wort heute so aktuell.
Gerade wenn ich Diskussionen im Internet oder in den sozialen Medien beobachte, habe ich manchmal das Gefühl, dass wir immer weniger bereit sind, Widersprüche auszuhalten.
Eine andere Meinung wird schnell als Angriff auf die eigene verstanden. Menschen werden aufgrund eines einzigen Satzes in eine Schublade gesteckt. Und manchmal scheint es fast unmöglich geworden zu sein zu sagen: „Ich sehe das anders als du, aber ich kann trotzdem verstehen, warum du so denkst.“
(Wobei ich sagen muss, dass „Meinung“ oftmals mit „Wissen“ verwechselt wird, aber anderes Thema…)
Dabei bedeutet Ambiguitätstoleranz nicht, dass man alles gutheissen muss. Das finde ich einen wichtigen Unterschied.
Toleranz gegenüber Mehrdeutigkeit bedeutet nicht, keine Haltung mehr zu haben. Es bedeutet auch nicht, Unrecht, Menschenfeindlichkeit oder Grenzüberschreitungen einfach hinzunehmen.
Ich kann eine klare Meinung haben und trotzdem anerkennen, dass die Welt komplizierter ist als meine eigene Sicht darauf.
Ich finde, Ambiguitätstoleranz ist eigentlich sogar eine Form von innerer Freiheit. Nicht auf alles sofort eine Antwort haben zu müssen und nicht jeden Menschen endgültig beurteilen zu müssen. Die eigene Meinung ändern zu dürfen, wenn man etwas Neues lernt. Auch mal zuzugeben, dass man sich geirrt hat und manchmal einfach sagen zu können, dass man es nicht weiss oder dass man dazu keine feste Meinung hat.
Ich glaube, dafür braucht es tatsächlich erstaunlich viel Stärke, denn einfache Antworten geben Sicherheit. Schwarz und Weiss sind übersichtlicher. Das Dazwischen dagegen kann unbequem sein, ungewiss.
Aber wenn wir ehrlich sind, genau dort findet ja der grösste Teil unseres Lebens statt. Irgendwo zwischen richtig und falsch, zwischen Wissen und Zweitel, zwischen Nähe und Distanz. Zwischen meiner Wahrheit und deiner.
Ambiguitätstoleranz bedeutet nicht nur, Widersprüche auszuhalten. Sie bedeutet auch, anzuerkennen, dass die Welt gross genug ist für mehr als eine Perspektive und dass nicht alles, was sich widerspricht, zwangsläufig aufgelöst werden muss…


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